Interview mit Raymond Höptner, August 2026
Kommunalpolitik ist die Wurzel der Demokratie
Mit 26 Jahren sorgte Hertie School-Alumnus Raymond Höptner für eine echte Überraschung: Als erster Christdemokrat überhaupt hat er bei der Landtagswahl im März dieses Jahres den Wahlkreis Ludwigshafen I gewonnen, der immer in SPD-Hand war und zuletzt sogar als AfD-Hochburg galt. Nun sitzt „Ray“, wie er genannt wird, als Abgeordneter im rheinland-pfälzischen Landtag und will etwas bewegen. Wie es der gebürtige Pfälzer geschafft hat, Menschen über Parteigrenzen hinweg zu erreichen, welche Begegnungen ihm nach „mehr als 1.000 Haustürgesprächen“ besonders in Erinnerung geblieben sind und warum er bei der Graduation Ceremony der Hertie School einen Schal in den Farben Ghanas trug, erzählt er in diesem Interview.
Foto: Paul Schneider
Wenn Menschen „Ludwigshafen“ hören, denken viele vermutlich zunächst an BASF oder den Tatort mit Lena Odenthal. Was sollte man über Ihre Heimatstadt noch wissen?
Spontan würde ich sagen: Ludwigshafen ist natürlich eine industriegeprägte Stadt mit Ecken und Kanten. Aber vor allem ist es eine Stadt mit Menschen, die stark im Ehrenamt verwurzelt sind, sich in Vereinen engagieren und stolz darauf sind, mit den Mitteln, die wir haben, viel zu erreichen. Wir sind eine Stadt, in der die Menschen gemeinsam durch Dick und Dünn gehen.
Sie haben mit Ihrem Wahlsieg für eine echte Überraschung gesorgt. Wann hatten Sie im Wahlkampf erstmals das Gefühl: Es könnte tatsächlich klappen?
Es ist ja so, dass ich vor zwei Jahren in Ludwigshafen bereits zum Ortsvorsteher von Mundenheim gewählt wurde. Das ist auf kommunaler Ebene eine Art Stadtteilbürgermeister. Bis dahin hatte dort zwei Jahrzehnte lang die SPD regiert. Ich konnte damals selbst kaum glauben, dass ich mich in der Stichwahl durchsetzen würde. Das fühlte sich total surreal an. Als ich dann in den Landtags-Wahlkampf gegangen bin, war völlig offen, ob ich gewinnen würde. Die Aussichten waren nicht gerade gut: In den Umfragen lag die AfD immer vorn, und meinen Wahlkreis hatte die CDU noch nie gewonnen. Davon habe ich mich aber nicht entmutigen lassen. Ich wusste, wo meine Stärken liegen. Die Leute kennen mich in Ludwigshafen. Seit meiner Wahl zum Ortsvorsteher setze ich mich mit vollem Herzen für meine Stadt ein und möchte dieses Engagement nun auch auf Landesebene weiterführen. Ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, ist Bildung. Dafür habe ich mich im Wahlkampf starkgemacht und kann mich jetzt als jugend- und kinderpolitischer Sprecher weiter einsetzen.
“In dem Moment im Wahlkampf hatte ich das Gefühl, dass ich für ihn eben nicht „einer von denen da oben“ war, sondern jemand aus der Stadt, den er kennt und dem er vertraut.”
Sie sind in Mannheim geboren und in Ludwigshafen aufgewachsen. Ihre Eltern kommen aus Ghana. Sie waren Messdiener, über zehn Jahre Fußballschiedsrichter und haben freiwilligen Wehrdienst geleistet. Welche Erfahrungen haben Ihnen geholfen, die Menschen zu erreichen?
Am Ende war es vermutlich eine Mischung aus vielen Dingen. Die Menschen kannten mich eben nicht nur als Politiker, sondern auch als „Ray“, den Fußballschiedsrichter, als jemand, der in der Kirche aktiv ist, und sich schon lange vor dem Wahlkampf hier engagiert hat. Mit Mannheim ist es übrigens schnell erzählt: Geboren wurde ich dort, aber eigentlich nur, weil meine Eltern für die Geburt einmal über den Rhein gefahren sind. Meine Wurzeln liegen in Ludwigshafen. Schon während meines Ehrenamtes als Ortsvorsteher habe ich an mehr als 1.000 Haustüren geklingelt und bin mit den Leuten ins Gespräch gekommen. Mir war wichtig zu zeigen, dass ich nicht nur auftauche, wenn Wahlkampf ist. Ich glaube, genau das hat den Unterschied gemacht. Die Menschen haben gemerkt, dass ich es ernst meine. Dass sie mir dann ihr Vertrauen geschenkt haben, ehrt mich sehr.
Gibt es Begegnungen mit Bürgerinnen oder Bürgern, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ja, sogar zwei. An einem Wahlkampfstand kam ein Mann auf mich zu, bei dem ich sofort dachte: Das ist wahrscheinlich kein klassischer CDU-Wähler. Er schaute mich an und sagte: „Ach, du bist doch der Raymond. Von dir habe ich schon viel Gutes gehört. Dich wähle ich.“ Das hat mich wirklich überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass ich jemanden erreiche, der politisch vermutlich ganz woanders steht. Aber in dem Moment hatte ich das Gefühl, dass ich für ihn eben nicht „einer von denen da oben“ war, sondern jemand aus der Stadt, den er kennt und dem er vertraut. Was er mit seiner Zweitstimme gemacht hat, weiß ich natürlich nicht. Aber das Wahlergebnis hat gezeigt, dass ich bei den Erststimmen über Parteigrenzen hinweg viele Menschen überzeugen konnte. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz. Ich hoffe, das zeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger mir eine pragmatische Politik der Mitte zutrauen. Die zweite Begegnung war viel persönlicher. Ich klingelte bei einem älteren Herrn, der im Gespräch plötzlich meine frühere Deutschlehrerin erwähnte. Er kannte sie gut, und sie hatte ihm wohl schon vor vielen Jahren von einem Schüler erzählt, der immer gesagt habe, er wolle einmal Bundeskanzler werden. Dieser Schüler war ich. Dass mich jemand über diese Geschichte wiedererkannte, hat mich völlig überrascht und ehrlich gesagt auch sehr gefreut.
Foto: Arif Abdullah Haidary
Jetzt stehen die Wahlen im Osten an. Viele Kommunen suchen nach Antworten auf schwindendes Vertrauen in Politik und Demokratie. Was können Kommunalpolitiker aus Ihrer Erfahrung in Ludwigshafen mitnehmen?
Ich wäre vorsichtig damit, den Kolleginnen und Kollegen im Osten Ratschläge zu geben. Die Ausgangslage dort ist historisch und gesellschaftlich noch einmal eine andere. Ich wünsche ihnen jedenfalls viel Erfolg und hoffe, dass wir sie dabei bestmöglich unterstützen können. Wenn ich trotzdem eine Erfahrung weitergeben dürfte, dann diese: Das Gespräch mit den Menschen vor Ort ist entscheidend. Es hilft, sich auch ein Stück weit von der Bundespolitik zu emanzipieren und eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Die Menschen wollen sehen, dass man sich um die Probleme vor Ort kümmert und nicht nur über das spricht, was in Berlin passiert. Am Ende geht es vielen gar nicht um die große Politik. Sie wollen, dass der Staat funktioniert: dass die Schule saniert ist, der Bus pünktlich kommt und ihre Anliegen ernst genommen werden. Genau das zählt vor Ort.
Was wollen Sie in Ludwigshafen konkret bewegen und woran möchten Sie sich am Ende dieser Legislaturperiode messen lassen?
Als jugend- und kinderpolitischer Sprecher möchte ich vor allem die Interessen junger Menschen vertreten, insbesondere derjenigen, die im politischen Alltag oft durchs Raster fallen. Ihre Anliegen stärker in die parlamentarische Arbeit einzubringen, ist mir wichtig. Ein Schwerpunkt ist für mich die Bildung. Wenn ich in fünf Jahren sagen kann, dass ich hier etwas bewegt habe, wäre das ein großer Erfolg. Als Sprecher für den öffentlichen Nahverkehr setze ich mich außerdem für sichere Wege und einen attraktiveren ÖPNV ein.
“Ich habe den Eindruck, dass wir inzwischen oft zu sehr darauf fokussiert sind, bloß keine Fehler zu machen. Dadurch ist vieles träge geworden. Wir brauchen wieder mehr Mut zum Machen – und weniger zum Verwalten.”
An der Hertie School in Berlin haben Sie 2025 einen Master of Public Policy gemacht. Wie hilft Ihnen dieses Wissen heute in Ihrer politischen Arbeit?
An der Hertie School habe ich vor allem gelernt, wissenschaftliches Arbeiten mit der politischen Praxis zu verbinden. Das hilft mir heute dabei, politische Entscheidungen fundiert zu treffen und gleichzeitig den Blick für die praktische Umsetzung zu behalten. Prägend war für mich auch das internationale Umfeld. Mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus mehr als 30 Ländern über Politik zu diskutieren, erweitert den eigenen Horizont enorm. Man merkt schnell, dass viele Themen auch ganz anders gedacht werden können. Diese Perspektiven helfen mir bis heute.
Und wann haben Sie zuletzt gedacht: Das hätte man mir im Studium auch mal sagen können? Gibt es solche Momente?
Ja, die gibt es. Zum Beispiel, wenn man erlebt, wie lang manche Abstimmungsprozesse in der Verwaltung dauern. Im Studium war mir nicht bewusst, wie viele Ebenen und Absprachen es manchmal braucht, bis etwas entschieden wird. Natürlich haben diese Abläufe auch ihre Berechtigung. Die Checks and Balances in der Verwaltung sind wichtig, um Fehler zu vermeiden. Ich habe aber den Eindruck, dass wir inzwischen oft zu sehr darauf fokussiert sind, bloß keine Fehler zu machen. Dadurch ist vieles träge geworden. Wir brauchen wieder mehr Mut zum Machen – und weniger zum Verwalten.
Foto: Sebastian Pfütze
Sie haben am Hertie-Projekt Beruf:Politik, heute doing.politics, teilgenommen, unter anderem den Workshop „Migrationshintergrund und Politik“ besucht. Was hat Sie daran interessiert?
In erster Linie wollte ich meinen Wissenshorizont erweitern, von den anderen Teilnehmenden lernen und neue Netzwerke knüpfen. Ich habe an dem Workshop rund um meine Wahl zum Ortsvorsteher teilgenommen, ich glaube, während des Wahlkampfs oder kurz danach. Ich fand ihn sehr interessant und hatte mich deshalb dafür beworben. Dass ich selbst Migrationshintergrund habe, war dabei gar nicht der ausschlaggebende Grund. Es ging mir vor allem darum, neue Perspektiven für meine praktische politische Arbeit zu gewinnen.
Bei Ihrer Graduation Ceremony - der Abschlussveranstaltung der Hertie School - trugen Sie einen Schal in den Farben Ghanas, der Heimat Ihrer Eltern. Warum war Ihnen dieses Zeichen wichtig?
Der Schal hat in Ghana eine gewisse Tradition. Bei Schulabschlüssen trägt man solche Schals. Ich habe ihn kurz vor der Graduation Ceremony selbst in Ghana anfertigen lassen. Das Symbol, das darauf zu sehen ist, nennt sich Gye Nyame. Es ist ein wichtiges Adinkra-Symbol aus der Akan-Kultur und steht für die Allmacht und die unerschöpfliche Kraft Gottes. Es wird auf Kleidung, Keramik und anderen kulturellen Gegenständen verwendet und repräsentiert den Glauben an Gott in allen Lebensbereichen. Genau das war mir wichtig. Als gläubiger Mensch wollte ich damit auch zeigen, dass ich mich in guten wie in schlechten Zeiten auf den lieben Hergott verlassen konnte.
Kommunalpolitiker stehen heute zunehmend unter Druck. Es gibt viele Berichte über Anfeindungen, Hass in sozialen Medien oder sogar Bedrohungen. Haben Sie das selbst schon erlebt?
Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich solche Erfahrungen bisher nicht in dem Ausmaß gemacht habe wie manch andere, die deshalb sogar aus der Politik zurücktreten. Zwei persönliche unschöne Begegnungen hatte ich allerdings schon, das kann ich nicht verleugnen. Sie halten sich aber sehr in Grenzen. Was häufiger vorkommt, sind unschöne Kommentare in den sozialen Netzwerken. Die moderiere ich gemeinsam mit meinem Team und lösche sie gegebenenfalls. Insgesamt ist der Ton, seit ich in der Politik bin, aus meiner Sicht aber rauer geworden. Wir müssen schauen, dass wir wieder zu einem sachlichen Miteinander zurückfinden.
doing.politics
Nur wer mitmacht, kann verändern
Wahlen, Parlament, Regierung – Politikerinnen und Politiker sind für die repräsentative Demokratie unabdingbar. Zugleich können sich nur wenige Menschen vorstellen, selbst in die Politik zu gehen. Dies hat tiefgreifende Folgen für die Demokratie: Wo Politiker fehlen, wird die Entfremdung zwischen Volk und Repräsentanten begünstigt und das Vertrauen untergraben. Mit dem Projekt doing.politics setzt die Gemeinnützige Hertie-Stiftung dieser Entwicklung etwas entgegen. Das Projekt zeigt Wege in die Politik auf und motiviert junge Menschen, sich um politische Ämter und Mandate zu bewerben.
Sie haben erzählt, dass Sie als Kind vom Bundeskanzleramt geträumt haben. Ist die Kommunalpolitik für Sie das Ziel oder doch eher das Sprungbrett für die große politische Bühne?
Als Kind ist man natürlich ein bisschen naiv. Einen festen Karriereplan habe ich heute jedenfalls nicht. Ich bin überzeugt, dass man das politische Handwerk vor Ort lernen muss. Politik beginnt vor der eigenen Haustür. Wer dort kein Fundament hat, wird es später auch auf anderen Ebenen schwer haben. Deshalb war für mich klar, dass ich mich weiter in Ludwigshafen engagiere. Ich halte mich an das Motto: Think global, act local. Kommunalpolitik ist für mich die Wurzel der Demokratie. Wenn wir die Menschen vor Ort nicht erreichen und ihre Probleme ernst nehmen, nützen auch die besten Entscheidungen aus Berlin wenig. Politik muss dort sichtbar und erlebbar sein, wo die Menschen ihren Alltag verbringen.
Sie trinken sehr gern Kaffee, haben Sie mal erzählt. Wenn Sie die Wahl aus Raum und Zeit hätten: Mit wem würden Sie gern einen Kaffee trinken?
Das sind aber tricky Fragen. Es gibt mehrere, mit denen ich gern einen Kaffee trinken würde, weil ich es spannend finde, mit unterschiedlichen Persönlichkeiten ins Gespräch zu kommen. Aber wenn Sie mich jetzt so fragen: Boah, vielleicht mit Konrad Adenauer.
Warum?
Er hat als erster Bundeskanzler die Bundesrepublik in einer Zeit übernommen, in der das Land ihn wirklich gebraucht hat. Ich achte ihn sehr dafür, was er nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet und wie er das Land wieder vorangebracht hat. Mit ihm als erstem Bundeskanzler der Bundesrepublik würde man natürlich schon gern mal einen Kaffee trinken.
Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung