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Foto: Universitätsklinikum Tübingen
Interview mit Prof. Dr. Birgit Derntl, März 2026

Die Durchschnittsfrau gibt es nicht

Prof. Dr. Birgit Derntl (Universität Tübingen) über geschlechtersensible Hirnforschung und die Zusammenarbeit mit dem Hertie-Zentrum für Neurologie
Gehirn erforschen

Quick Read: Worum es geht

Im Interview gibt Prof. Dr. Birgit Derntl, Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“ an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Tübingen, Einblicke ins weibliche Gehirn. Sie spricht über die Wichtigkeit einer geschlechtersensiblen Hirnforschung und geht auf die Herausforderungen solcher Forschung ein. Ferner spricht sie über ihre Zusammenarbeit mit dem Hertie-Zentrum für Neurologie und erklärt die aktuellen Projekte, die sie gemeinsam angehen.

Am 8. März ist Weltfrauentag 

Dass Frauen und Männer in vielen Bereichen anders ticken, ist hinlänglich bekannt. Doch was passiert genau im weiblichen Gehirn zum Beispiel unter Stress? Welche Auswirkungen haben Hormone, eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre – möglicherweise sogar auf die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen? Prof. Dr. Birgit Derntl ist Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“ an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Tübingen, und forscht zum „Fe|male Brain“. Was das weibliche Hirn ausmacht und woran die Neurowissenschaftlerin gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Hertie-Zentrum für Neurologie arbeitet, erzählt sie in diesem Interview.  

 

“Frauengesundheit wird häufig stark mit Reproduktion verknüpft, also mit Schwangerschaft oder Wechseljahren. Das greift aber viel zu kurz.”

Von den rund 50.000 wissenschaftlichen Arbeiten zur Hirnforschung, die seit 1995 erschienen sind, beschäftigen sich lediglich 0,5 Prozent mit der psychischen Gesundheit von Frauen. Woran liegt das? 

Das hat mehrere, historisch gewachsene Gründe. In Medizin und Neurowissenschaft galt der männliche Körper lange als Standardmodell. Frauen wurden oft ausgeschlossen, unter anderem wegen hormoneller Schwankungen, die als Störfaktor galten. Heute wissen wir, dass genau diese Dynamik wichtige Erkenntnisse liefert. Geschlechtersensible Forschung ist zudem noch ein junges Feld. Viele Studienstrukturen und Forschungsfragen entstanden ohne gezielten Blick auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Entsprechend fehlen bis heute belastbare Daten. Hinzu kommt die Komplexität, denn Geschlecht ist mehr als die Binarität Frau/Mann. Wer weibliche Biologie ernsthaft erforscht, muss Lebensphasen wie Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause berücksichtigen. Das macht Forschung nicht einfacher, aber deutlich aussagekräftiger.

 

Sie leiten die Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“. Womit beschäftigt sich Ihre Forschung? 

Uns interessiert vor allem die psychische Gesundheit von Frauen in der reproduktiven Lebensphase. Wir schauen uns an, wie sich der Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft aber auch die Wechseljahre auf die psychische Gesundheit und auf das Gehirn auswirken. Denn Geschlecht und Geschlechtshormone beeinflussen nicht nur unsere Gesundheit und unser Verhalten, sondern auch unser Gehirn. Deshalb betrachten wir mehrere Ebenen: Verhalten, Gehirnstruktur, Gehirnaktivität, neuronale Vernetzung, Psychophysiologie und Hormonspiegel. Unser Fokus reicht von emotionalen Fähigkeiten und Empathie über Stressreaktionen bis hin zu Motivation. Gerade bei psychischen Erkrankungen zeigen sich oft Veränderungen, und wir möchten verstehen, wie Geschlecht, Hormone und Gehirnfunktion diesbezüglich zusammenwirken.  

Wie gehen Sie methodisch vor? 

Viele unserer Studien verwenden Magnetresonanztomografie. Damit können wir uns sowohl die Struktur als auch die Funktion des Gehirns anschauen. Bei der Funktion betrachten wir zum einen den Ruhezustand, also wie Gehirnnetzwerke arbeiten, wenn keine konkrete Aufgabe gelöst werden muss. Zusätzlich arbeiten wir sehr häufig mit funktionellem MRT unter Aufgabenbedingungen. Dabei untersuchen wir zum Beispiel Stress, Empathie, sexuelle Motivation oder Emotionserkennung. So können wir gleichzeitig sehen, was im Gehirn passiert und wie sich die Person in der Aufgabe verhält.  

Haben Sie ein praktisches Beispiel, wie Sie Probanden im MRT unter Stress setzen?  

Der Scanner selbst ist für viele schon ein Stressor. Zusätzlich nutzen wir klassische Stressverfahren. Ein Beispiel sind Rechenaufgaben unter Zeitdruck. Je besser jemand ist, desto weniger Zeit bekommt die Person für die nächste Aufgabe. Und wir geben zusätzlich Rückmeldung, dass die Leistung nicht gut war.  

Sie setzen also noch einen drauf?  

Natürlich. 

“Die Insula zeigt auch geschlechtsspezifische Ausprägungen. Die zentrale Frage ist: Greifen Frauen und Männer auf dieses Körpergedächtnis gleich zu?”

Reagiert das weibliche Gehirn anders als das männliche? 

Wenn wir von weiblich und männlich sprechen, reden wir immer über Durchschnittswerte über viele Personen hinweg. Aber ja, im Durchschnitt sehen wir Unterschiede in der Stressreaktion auf mehreren Ebenen. Frauen geben im Durchschnitt häufiger an, sich subjektiv stärker gestresst zu fühlen. Auf hormoneller Ebene sehen wir zum Beispiel Unterschiede beim Stresshormon Kortisol im Speichel. Männer zeigen im Durchschnitt oft stärkere Kortisolreaktionen. Innerhalb der Gruppe der Frauen gibt es zusätzlich große Unterschiede. Hormonelle Verhütung, Zyklusphase und Wechseljahre beeinflussen die Stressreaktion ebenfalls. Das heißt: Frau ist nicht gleich Frau, selbst wenn wir mit Durchschnittswerten arbeiten. 

Sehen Sie diese Unterschiede direkt im Gehirn?  

Ja, bestimmte Regionen werden je nach Geschlecht unterschiedlich stark aktiviert. Ein Beispiel ist der Hippocampus, der für Gedächtnis und Stressverarbeitung wichtig ist. In unseren Daten zeigen Frauen in bestimmten Situationen geringere Aktivierung, während Männer dort stärkere Aktivierungen zeigen. Teilweise sehen wir bei Männern auch stärkere Aktivität in präfrontalen Arealen. Vergleichbare Daten sind allerdings noch selten. Es gibt nur wenige MRT-Studien mit identischen Stressparadigmen. Deshalb können wir noch nicht sicher sagen, welche Muster sich stabil zeigen. Zudem lösen unterschiedliche Stressverfahren auch unterschiedliche Reaktionen aus. In der geschlechtsspezifischen Stressforschung stehen wir daher noch am Anfang. Für uns zeigt sich vor allem: Stress ist nicht gleich Stress und muss auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Nur nach dem subjektiven Erleben zu fragen, würde vermutlich zeigen, dass Frauen im Schnitt mehr Stress angeben. Betrachtet man nur Hormone, zeigt sich zum Beispiel oft eine stärkere Kortisolreaktion bei Männern. Und wenn man nur das Gehirn untersucht, entstehen wieder eigene Muster, die nicht immer zu subjektiven oder hormonellen Befunden passen. Deshalb ist es bei Stress und vielen psychischen Prozessen entscheidend, immer mehrere Ebenen zusammen zu betrachten.  

Was haben Sie bisher über Besonderheiten des weiblichen Gehirns herausgefunden?  

Ein zentrales Merkmal ist die hohe Plastizität. Hormonelle Übergänge beeinflussen den Aufbau des Gehirns, also bereits die Struktur. Wir sehen zum Beispiel, dass sich die Gehirnstruktur über den Menstruationszyklus hinweg verändert. Das ist nichts Krankhaftes, sondern Ausdruck normaler Anpassungsprozesse. Diese Dynamik könnte bei manchen Frauen mit einer erhöhten Vulnerabilität also Verwundbarkeit für psychische Erkrankungen zusammenhängen. Das verstehen wir aber noch nicht ausreichend. Dafür brauchen wir mehr Daten. Ein großes Problem ist außerdem, dass wir oft sehr pauschal von „den Frauen“ sprechen. Eine Durchschnittsfrau gibt es nicht. Wenn ich sage, der Zyklus hat Einfluss, dann muss ich eigentlich fragen: An welchem Zyklustag befinden Sie sich? Nutzen Sie hormonelle Verhütung? Wenn ja, welche? All diese Faktoren beeinflussen Gehirn und Hormonsystem. Da wir im Gehirn an vielen Stellen Hormonrezeptoren haben, auch in Regionen, die für psychische Gesundheit zentral sind, gehen wir davon aus, dass hormonelle Prozesse auch zur Plastizität beitragen. Daraus können sowohl Vulnerabilitäten als auch Schutzmechanismen entstehen. 

Was ist aktuell die größte Herausforderung in Ihrer Forschung?  

Das Thema wird oft noch als Nische gesehen. Frauengesundheit wird häufig stark mit Reproduktion verknüpft, also mit Schwangerschaft oder Wechseljahren. Das greift aber viel zu kurz. Auch Frauen ohne Kinderwunsch und Frauen nach den Wechseljahren haben spezifische gesundheitliche und psychische Bedürfnisse. Und das Gehirn entwickelt sich ja weiter. Gerade im höheren Lebensalter spielen neurodegenerative Erkrankungen eine große Rolle. Die reproduktiven Lebensjahre könnten dabei ein sensibles Zeitfenster sein, möglicherweise eine Phase erhöhter Vulnerabilität, vielleicht aber auch ein Schutzfenster. Besonders in den Wechseljahren könnte präventiv viel getan werden, zum Beispiel im Hinblick auf demenzielle Erkrankungen. Genau das versuchen wir besser zu verstehen. Deshalb planen wir eine Zusammenarbeit mit der Abteilung „Zellbiologie Neurologischer Erkrankungen“ von Prof. Mathias Jucker am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH). Wir wollen verstehen, ob die Wechseljahre ein mögliches Schutzfenster für die Entstehung oder auch den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung darstellen.   

 

In welchen Bereichen arbeiten Sie bereits mit dem Hertie-Zentrum für Neurologie zusammen?  

Ein aktueller Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit im Bereich Gedächtnisforschung mit Prof. Esther Kühn, Leiterin der Forschungsgruppe „Translationale Bildgebung kortikaler Mikrostruktur“ am HIH. Gemeinsam schauen wir uns zum Beispiel das sogenannte autobiografische Körpergedächtnis an. Körperliche Erfahrungen beeinflussen unser Wohlbefinden oft auf viele Jahre. Einschränkungen in diesem Bereich sehen wir häufig bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, somatischen Erkrankungen oder Angststörungen, aber auch bei Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen. Uns interessiert dabei besonders, ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, und ob unser soziales Geschlecht Einfluss darauf hat, woran und wie wir uns erinnern. Wir planen, Männer und Frauen zu vergleichen. Basierend auf Vorarbeiten von Frau Kühn glauben wir, dass die Insula, eine Gehirnregion, besonders relevant ist, wenn es darum geht, das Körpergedächtnis abzubilden. Die Insula zeigt auch geschlechtsspezifische Ausprägungen. Die zentrale Frage ist: Greifen Frauen und Männer auf dieses Körpergedächtnis gleich zu? Können sie sich zum Beispiel gleich gut an körperliche Schmerzen oder angenehme Körpererlebnisse wie eine Umarmung erinnern oder gibt es hier Geschlechtsunterschiede, die zu unterschiedlichem Verhalten führen und damit zum unterschiedlichen Risiko für psychische Erkrankungen beitragen? Diese Mechanismen zu verstehen, wird helfen, Interventionen für diese Erkrankungen besser auf die jeweilige Person zuzuschneiden und Geschlechterunterschiede dabei systematisch mit in die Therapieplanung aufzunehmen.  

Hertie-Institut für klinische Hirnforschung

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) bildet mit der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen das Hertie-Zentrum für Neurologie, eine der größten und modernsten Einrichtungen für klinische Hirnforschung bundesweit. Um die Einheit von Forschung und Patientenversorgung zu betonen, wurde das Zentrum für Neurologie 2023 in „Hertie-Zentrum für Neurologie“ umbenannt.

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Gibt es eine Lebensphase, in der Frauen am wenigsten gestresst oder sogar am glücklichsten sind? 

Das ist sehr individuell. Glück ist ja unterschiedlich definiert, und je nach Lebensphase wirken andere Reize oder Aspekte auf uns. Unsere Lebenswelten verändern sich kontinuierlich. Pubertät, Schwangerschaft, hormonelle Verhütung oder Wechseljahre, für manche Frauen sind sie befreiend, für andere belastend. Jede Phase hat ihre Chancen, aber auch ihre Herausforderungen. 

Männer haben diese unterschiedlichen Phasen nicht, oder?  

Doch, auch sie durchlaufen hormonelle Veränderungen. Auch beim Mann nimmt das Testosteron irgendwann ab. Körper und Psyche können sich dadurch verändern, möglicherweise wie während der Wechseljahre der Frauen. Inwiefern das vergleichbar ist, wissen wir bisher allerdings nicht. Dazu würde es noch mehr Forschung benötigen.

Was fasziniert Sie persönlich am weiblichen Gehirn?  

Es ist aus mehreren Gründen ein Herzensprojekt. Zum einen habe ich selbst hormonelle Übergangsphasen durchlebt – oder stecke gerade mittendrin – und möchte verstehen, was dann mit unserem Gehirn passiert. Zum anderen möchte ich, dass meine Tochter irgendwann informierte Entscheidungen treffen kann, das war zu meiner Zeit noch nicht möglich. Heute sammeln wir Daten, die der nächsten Generation helfen sollen. Und dann ist da noch das Feedback aus der Community: Alle Geschlechter zeigen großes Interesse, Unterstützung und Dankbarkeit für diese Forschung. Das motiviert enorm. Besonders schön ist auch das internationale Netzwerk. Das Feld ist sehr inklusiv, überwiegend von Frauen geprägt, und der Austausch ist wirklich inspirierend, einfach nett.  

 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung  

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