Interview mit Prof. Dr. Holger Lerche, Januar 2026
Die Möglichkeit, jeden Tag aktiv etwas voranzubringen, bereitet mir am meisten Freude
Im Interview gibt Prof. Dr. Holger Lerche, neuer Vorstandsvorsitzender des Hertie‑Zentrums für Neurologie (HZN), Einblicke in die zentralen Themen, die den Tübinger Standort in den kommenden Jahren prägen sollen: von Grundlagenforschung und Prävention über KI‑basierte Forschung bis hin zum Ausbau internationaler Kooperationen und einer strukturierten Nachwuchsförderung. Er beschreibt, wie Forschung und klinische Praxis am HZN ineinandergreifen und welche Schwerpunkte im Rahmen der Agenda Hertie 2030 gesetzt wurden.
Das Hertie-Zentrum für Neurologie (HZN) in Tübingen hat einen neuen Vorstandsvorsitzenden: Prof. Dr. Holger Lerche hat im November 2025 die Leitung übernommen und folgt damit auf Prof. Dr. Thomas Gasser, der das Amt viele Jahre mit großem Engagement geprägt hat. Prof. Lerche ist ein international renommierter Neurologe und Epilepsieforscher und leitet die Abteilung „Neurologie mit Schwerpunkt Epileptologie“ am HZN. Welche Pläne hat Prof. Lerche für den Tübinger Neuro-Standort? Wo sieht er Herausforderungen und Chancen? Und wie blickt er persönlich auf seinen neuen Posten? Einblicke gibt der Vorstands-Chef in unserem Interview.
“Diese Tiefe – von der Grundlagenforschung bis hin zur möglichst schnellen Übertragung in die Klinik – und die Fähigkeit, all das unter einem Dach abzubilden, sehe ich als eine der zentralen Stärken des Hertie-Zentrums für Neurologie."
Was reizt Sie an der Arbeit am HZN?
Schon seit meiner Assistenzarzt-Zeit war mir klar, dass ich sehr viel lieber in einem Department-System arbeiten möchte, als eine gesamte Neurologie zu leiten. Mein Ziel war immer ein klar fokussierter Bereich, in dem ich mich inhaltlich vertiefen und auch weiterhin intensiv forschen kann. Gleichzeitig ist es hier so, dass wir in einem Zentrum arbeiten, in dem die gesamte Neurologie abgebildet ist – und das ist ein großer Vorteil. Für Bereiche, die nicht meine eigenen Schwerpunkte sind, muss ich mich nicht auf wechselnde Zuständigkeiten verlassen, sondern weiß, dass ausgewiesene Kolleginnen und Kollegen diese Felder verantworten. Das gilt etwa für den Aufbau klarer Strukturen eines leistungsfähigen Schlaganfall- und Intensivbereichs und eines versierten Programms zu den neurodegenerativen Erkrankungen sowie für die Neuroonkologie, um mal die Schwerpunkte in Tübingen zu nennen. Diese Kombination aus inhaltlicher Breite und hoher Spezialisierung macht aus meiner Sicht das Besondere des Zentrums aus.
Welche Rolle spielen dabei die Forschung und die langfristigen Strukturen des Zentrums?
Eine tragende Rolle. Die Tiefe in der Forschung, die wir in sehr vielen Bereichen anbieten können, ist etwas, was andere Unikliniken so entweder gar nicht oder oft nur vorübergehend leisten können. Dort hängt vieles stark von einzelnen Personen ab, die kommen und gehen, sodass Schwerpunkte immer wieder neu aufgebaut werden müssen. Bei uns ist das anders. Wir sind in der Lage, über Jahrzehnte hinweg bestimmte Themen systematisch zu entwickeln und zu stabilisieren. Die vier klinischen Professuren sind dabei längst nicht die einzigen tragenden Säulen. Wir haben etwa den Alzheimer-Bereich, der hier seit vielen Jahren durch Herrn Prof. Jucker hervorragend vertreten ist. Mit Herrn Prof. Siegel konnten wir jemanden gewinnen, der den MEG-Bereich aufgebaut hat. Und mit Frau Prof. Kühn haben wir eine weitere Professur besetzt, mit der klaren Perspektive, den Bildgebungsbereich langfristig weiter zu stärken. Das sind Strukturen, die wir bewusst geschaffen haben und die dann auch bleiben. Diese Tiefe – von der Grundlagenforschung bis hin zur möglichst schnellen Übertragung in die Klinik – und die Fähigkeit, all das unter einem Dach abzubilden, sehe ich als eine der zentralen Stärken des Hertie-Instituts beziehungsweise des Hertie-Zentrums für Neurologie.
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) bildet mit der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen das Hertie-Zentrum für Neurologie, eine der größten und modernsten Einrichtungen für klinische Hirnforschung bundesweit. Um die Einheit von Forschung und Patientenversorgung zu betonen, wurde das Zentrum für Neurologie 2023 in „Hertie-Zentrum für Neurologie“ umbenannt.
Gibt es konkrete Pläne, die Sie für die Zukunft des HZN haben?
Das ist natürlich kein Vorhaben, das ich allein verfolge. Wir hatten kürzlich eine größere Begutachtung und haben uns im Rahmen der Agenda Hertie 2030 intensiv darauf vorbereitet. Dabei wurden bereits wesentliche Weichen gestellt. Wir haben sehr klar herausgearbeitet, wo unsere besonderen Stärken liegen: in den molekular-zellulären Wissenschaften, insbesondere in der Neurodegeneration, der Epileptologie und der Neuroonkologie, mit einem zunehmenden Fokus auf der Therapieentwicklung. Daneben gibt es den Bereich der Systemneurowissenschaften, die Grundlagenforschung aus den Bereichen der kognitiven und computationalen Neurowissenschaften mit der klinischen Forschung verbindet. Hier wurde mit dem Zentrum für Integrative Neurowissenschaften über zwei Exzellenzperioden hinweg eine starke Basis geschaffen, die inzwischen verstetigt ist. Es ist ein wichtiges Ziel des Zentrums, diese beiden Bereiche noch enger zusammenzuführen, um künftig molekulare und systemische Aspekte einzelner Erkrankungen synergetisch auch therapeutisch zu nutzen. Ein weiteres Ziel ist, diese Bereiche inhaltlich noch weiter auszubauen und stärker mit dem KI-Schwerpunkt zu verzahnen, den wir in Zusammenarbeit mit dem neu geschaffenen Hertie Institute for AI in Brain Health vorantreiben.
Sie wollen mit dem HZN auch künftig stärker auf Prävention setzen, warum?
Prävention ist ein sehr wichtiger Bereich für uns, vor allem bei neurodegenerativen Erkrankungen wie zum Beispiel Alzheimer oder Parkinson. Hier ist die Herausforderung, dass Nervenzellen über Jahrzehnte langsam abgebaut werden. Ziel ist es, diesen Prozess möglichst frühzeitig zu bremsen oder direkt anzugehen. Bei Alzheimer und Parkinson geht es etwa darum, Ablagerungen frühzeitig zu entfernen. Einen Schwerpunkt am HZN bilden genetische Erkrankungen, bei denen man bereits vor Erkrankungsausbruch durch die Kenntnis des Gendefektes behandeln kann, in dem Wissen, dass sich die Erkrankungen zu nahezu 100 Prozent später entwickeln wird. Dabei basieren die Therapieansätze auf den Krankheitsmechanismen und Methoden zur Früherkennung, die wir am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte entwickelt haben. Aber auch in anderen Bereichen der Neurologie kommt der Prävention eine enorm wichtige Rolle zu, denen wir uns intensiver widmen wollen.
Wie sieht es mit der Ausbildung und Nachwuchsförderung am HZN aus?
Ein wichtiger Punkt. Wir planen die Gründung einer HZN-Akademie, die sämtliche Ausbildungsprogramme auf den unterschiedlichen Entwicklungsstufen unter einem Dach zusammenführt. Wir haben bereits Master- und PhD-Programme, die von unserem Graduate Training Center for Neuroscience und der International Max-Planck Research School getragen werden, die hervorragende Master- und PhD-Studierende ausbildet. Dazu kommen interne und extern eingeworbene Clincian Scientist-Programme. Ein eigenständiges Post-Doc-Programm fehlt bisher, und auch eine strukturierte Förderung weiter fortgeschrittener Wissenschaftler. Die Idee der Akademie ist, all diese Programme zu bündeln, füreinander durchlässig zu gestalten und durch neue, spezifische Angebote weiterzuentwickeln. So können wir die Ausbildung gezielter steuern und gleichzeitig die wissenschaftliche Entwicklung am Zentrum insgesamt stärken. Das ist ein zentraler Punkt, den wir aktuell vorantreiben.
Worauf kommt es heutzutage an, um das HZN erfolgreich in die Zukunft zu führen?
Entscheidend ist, dass wir die Fortschritte in der molekularen Medizin nutzen und in konkrete Therapien und Medikamente für unsere Patienten übersetzen. Heute können wir einzelne krankheitsrelevante Proteine gezielt therapeutisch modulieren, wodurch die Dosis und damit die Wirkung der Medikamente auf eine Erkrankung deutlich erhöht werden können, ohne dass die Nebenwirkungen steigen – weil andere Proteine nicht mit beeinflusst werden. Diese Präzision gilt sowohl für kleine therapeutische Moleküle als auch für Immun- und Gentherapien. Die Herausforderung liegt darin, dieses Wissen aus Jahrzehnten der Krankheitsforschung in die Klinik zu bringen. Viele der Erkrankungen sind selten, die Patientenzahlen begrenzt, während die Entwicklung der Medikamente sehr teuer ist. Deshalb braucht es Systeme, die die Zulassung und Anwendung neuer Therapien effizient gestalten, etwa durch angepasste Studien oder innovative Regulierungswege. Kurz gesagt: Der Erfolg hängt davon ab, Forschungserkenntnisse schnell und präzise in wirksame Medikamente und Therapien zu überführen – mit höheren therapeutischen Effekten bei verträglicheren Nebenwirkungen. Dafür müssen Strukturen und Prozesse geschaffen werden, die es ermöglichen, zum Beispiel für vergleichbare Therapieansätze die Zulassungsverfahren flexibel anzupassen.
Hört sich nach Herausforderung, aber auch nach Chance an….
Wir befinden uns auf jeden Fall in einer sehr spannenden Zeit. Die Therapien werden immer präziser und wir sehen enorme Entwicklungsmöglichkeiten. Immer wieder kommen Firmen – kleine wie große – auf das HZN zu, um mit uns zu kooperieren, weil wir entsprechende Krankheitsmodelle entwickelt haben. Natürlich können wir Medikamente nur sehr begrenzt selbst auf den Markt bringen, dafür sind Industriepartnerschaften wichtig. Diese Zusammenarbeit eröffnet uns die Chance, Forschungsergebnisse direkt in klinisch nutzbare Therapien zu überführen – und genau das macht die aktuelle Situation so interessant.
“Die Zukunftsthemen in der Neurologie liegen für mich klar bei der Entwicklung neuer Medikamente und der personalisierten Medizin.”
Welche Themen sehen Sie als die größten Zukunftschancen in der Neurologie – sowohl in der klinischen Praxis als auch in der Forschung?
Wie bereits ausgeführt, liegen für mich die stärksten Zukunftsthemen in der Neurologie klar bei der Entwicklung neuer Medikamente und der personalisierten Medizin, also von gezielten Therapieansätzen, die auf dem Verständnis individueller Krankheitsmechanismen eines Patienten beruhen. Ein weiterer zentraler Bereich ist das Verständnis neuronaler Netzwerke und die gezielte Beeinflussung dieser Netzwerke. Das betrifft nicht nur klassische Therapieansätze, sondern auch moderne Neurotechnologien, wie zum Beispiel steuerbare Nanomoleküle oder Assistenzsysteme, die man systematisch am Menschen einsetzen kann. Man spricht hier auch von „bionischer Intelligenz“ – intelligente Technologien, die direkt am Menschen therapeutisch angewendet werden können. Ein konkretes Beispiel für die Umsetzung solcher systemneurowissenschaftlichen Ansätze war unsere Beteiligung an der Exzellenzinitiative unter der Leitung von Prof. Martin Giese. Obwohl eine Förderung letztendlich nicht erreicht wurde, verfolgen wir diese Entwicklungen gemeinsam mit Partnern in Stuttgart und anderen Institutionen konsequent weiter.
Wie sehen Sie das HZN im internationalen Vergleich?
Wir kooperieren selbstverständlich in unseren Fachgebieten auf internationaler Ebene. Wir haben zwar nicht die Bekanntheit oder Größe von Instituten wie dem Institute of Neurology am Queen Square der UCL in London oder dem Institut du Cerveau (ICM) in Paris. Ein Ziel ist jedoch, in unseren Schwerpunktbereichen wichtige internationale Partnerschaften aus- und aufzubauen. Eine neue Kooperation, die gerade entsteht, ist mit dem Weizmann-Institut in Israel. Das ist eine spannende Perspektive, die unsere internationale Vernetzung weiter stärkt. Ein weiteres Beispiel ist das King's College in London, dort arbeiten wir aktuell daran, eine Zusammenarbeit in den Bereichen Hirnstimulation und Organoide zu etablieren. Unser Ziel ist es, internationale Forschungskonsortien zu bilden, zum Beispiel für gemeinsame Graduiertenprogramme.
Bleibt Ihnen persönlich noch genug Zeit für Ihre Forschung oder sind Sie jetzt völlig im Management untergegangen?
Nein, bisher läuft alles sehr gut und macht auch Freude. Ich war ja schon zuvor geschäftsführender Ärztlicher Direktor, und auch wenn die Aufgaben jetzt als Vorstandsvorsitzender des gesamten Zentrums umfangreicher sind, bleibt genug Zeit für die eigene Abteilung und die Forschung. Natürlich gibt es wichtige Managementaufgaben, aber ich muss zum Beispiel keine gesamte Klinik organisieren und nach außen vertreten. Vielmehr vertritt Frau Prof. Tabatabai die klinischen Belange unseres Zentrums nach außen und gegenüber unseren Partnern, sodass die Aufgaben klar und sinnvoll verteilt sind, wie auch die Verantwortlichkeiten für unsere eigenen Abteilungen. Management und Forschung schließen sich also nicht aus, sondern ergänzen sich.
Mussten Sie für den Chefsessel Ihr Büro wechseln?
(lacht) Nein, nein, nein. Das habe ich behalten.
Sie haben neben Forschung und Management auch noch täglich mit Ihren Patientinnen und Patienten zu tun. Sehen Sie diese Zeit eher als Ausgleich oder als Ergänzung?
Ich glaube, es ist weder das eine noch das andere. Für mich persönlich – und das gilt wohl für die meisten, die im translationalen Bereich arbeiten – war und ist die Klinik integraler Bestandteil meiner Tätigkeit. Ziel ist immer, die klinische Sicht und die Forschungsperspektive bestmöglich zusammenzubringen. Natürlich gibt es exzellente Forscher, die sich intensiv eingearbeitet haben und hervorragende Verbindungen zu Klinikern pflegen, sodass sie die Arbeit genauso leisten können. Oder umgekehrt gibt es Kliniker, die sich auf den klinischen Teil konzentrieren und dafür immer Wissenschaftler an ihrer Seite haben. Für mich persönlich gilt aber: ich schätze es sehr, beide Blickwinkel zu haben; ich kann andere Fragen stellen und aus meiner Perspektive translationale Forschung besser und effektiver betreiben. Man kann Patientinnen und Patienten beraten und gleichzeitig Forschungsergebnisse direkt anwenden. Wir bekommen mittlerweile Anfragen aus aller Welt, zum Beispiel zu sehr spezifischen genetischen Veränderungen in Ionenkanälen. Das sind hochspezifische Erkenntnisse, die für einzelne Patientinnen und Patienten therapeutisch entscheidend sein können und die wir direkt in der Klinik umsetzen können. Aber auch bei allgemeineren neurologischen Fällen denkt man oft an mögliche Forschungskooperationen oder neue wissenschaftliche Ansätze und Fragen wie: „Können wir diesen Fall mit Kolleginnen und Kollegen anderswo verbinden, um etwas Neues zu lernen?“ Diese direkte Verbindung von Klinik und Forschung, also die Möglichkeit, jeden Tag aktiv etwas voranzubringen, ist der Teil, der mir am meisten Freude bereitet und mich motiviert.
Dafür brennen Sie richtig, oder?
Es ist schon eine sehr große Motivation zu sehen, dass unsere Arbeit und Forschung den Menschen bestenfalls direkt zugutekommen.
Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung