Interview mit Dr. Nicole Horn, April 2026
Wir brauchen neue Formen des Erinnerns an den Holocaust
Im Interview mit Dr. Nicole Horn wird das Digital Holocaust Memorial (DHM) als digitale Plattform für eine aktive und zeitgemäße Holocaust-Erinnerung in Bildungseinrichtungen vorgestellt. Angesichts des Verschwindens der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und zunehmendem Antisemitismus betont sie die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur. Das DHM versteht sich dabei als offenes, dynamisches Memorial, das durch Beteiligung entsteht und zur kritischen Auseinandersetzung anregt. Ziel ist es, Antisemitismus vorzubeugen und demokratische Werte nachhaltig zu stärken.
Die Stimmen der letzten Zeitzeugen des Holocaust verstummen und mit ihnen eine direkte, unmittelbare Form der Erinnerung. Umso wichtiger sind neue, zukunftsfähige Formen des Gedenkens, die junge Menschen aktiv einbeziehen. Genau dort setzt das Digital Holocaust Memorial (DHM) an, ein interaktives, digitales Shoah-Erinnerungstool für Schulen und Hochschulen, das von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung über den Fonds für Antisemitismus-Bekämpfung und Aufklärung gefördert wird. Initiiert und umgesetzt wird das DHM unter der Leitung von Dr. Nicole Horn und Dr. Peter Daniel vom Institut für ErinnerungsKultur der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Wie das Projekt funktioniert, warum wir neue Formen des Erinnerns brauchen, und wie die Resonanz auf das digitale Tool ist, berichtet Dr. Nicole Horn in unserem Interview.
“Nicht jedes Memorial muss steinern sein. Es kann auch lebendig, fluide, offen sein.”
Warum ist es gerade heute wichtig, die Erinnerungskultur lebendig zu halten?
Wir stehen aktuell vor der Situation, dass die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sterben. Zudem sind wir wieder mit stetig steigendem Antisemitismus konfrontiert, die Demokratie wird mehr und mehr ausgehöhlt und demokratische Partizipation in Frage gestellt. Auch das gewaltsame Potential der Sprache verstärkt sich wieder massiv. Die Linguistin und Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel hat zur „Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ jüngst treffend festgestellt: „Sprachgebrauchsmuster, die seit Jahrhunderten kollektiv verankert sind und zum rhetorischen Standardrepertoire von Antisemiten gehören, werden weitgehend unverändert reaktiviert und benutzt“. Es gilt also ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Holocaust-Erinnerung zu schaffen, weg von all den ritualisierten Erinnerungsveranstaltungen und oftmals leeren Slogans – hin zu einer aktiven Erinnerungsarbeit. Betroffenheit allein ist nämlich zu wenig. Nur Wissen, Kenntnis, gepaart mit Empathie und aktivem, lebendigem Auseinandersetzen mit unserer europäischen Historie und mit dem Zivilisationsbruch Holocaust können Antisemitismusprävention bewirken und damit zu einer Stärkung unserer liberalen Demokratien beitragen.
Dr. Orna Freifrau von Fürstenberg hat das DHM in ihrer Lehrveranstaltung an der Frankfurt University of Applied Sciences eingesetzt: „Das Digital Holocaust Memorial (DHM) ermöglicht es, Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen. Erlerntes kann mit alltäglichen Erfahrungen verglichen und verknüpft werden. Auf diese Weise werden wiederkehrende Muster erkannt und vorhandenes Wissen kritisch hinterfragt. Das DHM unterstützt den Prozess, den Zivilisationsbruch des Holocaust in seiner Gesamtheit zu begreifen. Die Teilnehmer werden in die Lage versetzt, Handlungsoptionen, die dem Einzelnen in unserer Gesellschaft zur Verfügung stehen, besser zu erkennen. Sie werden darin bestärkt, das Zusammenleben in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft positiv zu gestalten.“
Ihr Ansatz für eine zeitgemäße Erinnerungskultur ist das Digital Holocaust Memorial. Was ist das genau und wie wird es umgesetzt?
Das Digital Holocaust Memorial (DHM) ist eine digitale Plattform zur partizipativen Holocaust-Erinnerung und Holocaust-Vermittlung. Sie bietet Jugendlichen eine zeitgemäße Form der Auseinandersetzung mit der Shoah. Über diese digitale Plattform können sowohl Studierende als auch Schülerinnen und Schüler multimediale Beiträge wie zum Beispiel Texte, Bilder, Videos und Audios zum Thema Holocaust erstellen, kommentieren und teilen. Der „digitale Erinnerungsraum“ wird dabei von Lehrkräften begleitet, moderiert und im Unterricht eingesetzt. Ziel ist es, Erinnerungskultur lebendig zu gestalten, Empathie und kritisches Denken zu fördern sowie Antisemitismus präventiv zu begegnen. Neben der Wissensvermittlung steht das dialogische Erinnern im Fokus: vielfältig, niederschwellig und offen für persönliche Zugänge. Jede Bildungseinrichtung, die sich für ein Digital Holocaust Memorial entscheidet, ist dabei absolut autonom, jede hat ihr eigenes DHM, das gleichwertig und gleich wichtig ist. Es geht uns also nicht um den einen „großen Wurf“, sondern um die vielen „kleinen Würfe“.
Haben Sie ein Beispiel für die multimedialen Beiträge?
Ein Beitrag erinnert zum Beispiel an die 2025 verstorbene Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, die sich bis zu ihrem Tod im Alter von 103 Jahren als Zeitzeugin engagierte und stets mahnte: „Seid Menschen“. Aber es gibt auch Beiträge über KZ-Kunst, über die „Psychologie der Massen“ oder dazu, wie Sprache und Medien im NS-Regime wirkten. Eine Studierende verfasste ihre Gedanken zu der TV-Serie „Holocaust“, eine andere zu der Frage: „Was hat die Shoah mit mir zu tun?“ Jeder der Beiträge kann weiter kommentiert und diskutiert werden.
Welche Wirkung soll das Digital Holocaust Memorial entfalten?
Die Beschäftigung mit dem Holocaust geht uns alle an. Der Holocaust ist ein Menschheitsproblem. Gemeinsam tragen wir als Gesellschaft Verantwortung für eine zukunftsfähige Holocaust-Erinnerung. Daher gilt es, neue Formen des Erinnerns zu denken, kreative Zugänge zu suchen, um einer „Historisierung“ des Holocaust vorzubeugen. Heute – in der 4. und 5. Generation nach der Shoah – gibt es erstmals die Chance, dass Holocaust-Erinnerung auch zu etwas Zusammenführendem werden kann. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann spricht in diesem Zusammenhang vom „dialogischen Erinnern“ als der großen Chance für unser gemeinsames Projekt Europa. Dialogisches Erinnern bedeutet aktives, diskursives Auseinandersetzen mit dem Zivilisationsbruch Holocaust. Nur aktives Auseinandersetzen bewirkt auch Antisemitismus-Prävention und führt somit zu einer Stärkung unserer Demokratie. Und wo, wenn nicht in unseren Bildungseinrichtungen, kann es gelingen, Antisemitismus sowie Rassismus entgegenzuwirken, zentral auch Prävention zu betreiben, eine kritische Denkweise zu schärfen, um eine Gefährdung unserer Demokratie früh- und rechtzeitig zu erkennen und dieser entgegenzuwirken? Beim Digital Holocaust Memorial geht es nicht um aufgesetzte, ritualisierte Erinnerung, sondern um selbst erlebtes Erinnern in einem offenen Lehr- und Lernsystem, das der Lebenswirklichkeit junger Menschen entspricht. Besonders effektiv ist ein fächerübergreifender Einsatz des DHM im Schulunterricht. Ein wesentlicher Vorteil ist auch seine leichte Skalierbarkeit: Es lässt sich auf flexible Art und Weise „ausrollen“.
Warum braucht es diese neue Form eines Mahnmals?
Bereits Friedrich Nietzsche und Robert Musil haben das „Monumentalische“ in Frage gestellt. Musil sagte in seinem Essay „Denkmale“, dass es – wegen ihrer wesenhaften Starre, ihrer Abgeschlossenheit und ihrer Unverrückbarkeit – letztlich nichts Unsichtbareres als Denkmäler gäbe. Nicht jedes Memorial muss aber steinern sein. Es kann auch lebendig, fluide, offen sein. Auch muss es nicht unbedingt von einer bedeutenden Künstlerin oder von einem international renommierten Architekten entworfen sein. Vielmehr kann ein Memorial aus sich selbst heraus entstehen, durch aktives Zutun von vielen unterschiedlichen Menschen geschaffen werden. Es kann also ein Prozess sein.
Wie weit ist das Digital Holocaust Memorial bisher verbreitet?
2023 haben Peter Daniel und ich gemeinsam mit der Leitung der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien/Fakultät für Psychologie das Institut für ErinnerungsKultur gegründet, das sich mit zeitgemäßen Formen des Erinnerns an den Holocaust beschäftigt. Dort haben wir beide das Tool DHM entwickelt, erprobt und setzen es auch in unserer eigenen Lehrveranstaltung „Medientheorie und Design“ ein. Parallel dazu haben wir das DHM in Österreich an mehrere Schulen – und zwar in der Stadt wie auf dem Land – und in unterschiedliche Schultypen wie Gymnasien, Mittelschulen und Berufsschulen gebracht.
Das Digital Holocaust Memorial (DHM)
Das Digital Holocaust Memorial (DHM) ist ein interaktives, digitales Bildungsangebot partizipativer Erinnerungskultur, das von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung über den Fonds zur Antisemitismus-Bekämpfung und Aufklärung gefördert wird. Initiiert und umgesetzt wird das DHM unter der Leitung von Dr. Peter Daniel und Dr. Nicole Horn. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem Institut für ErinnerungsKultur der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, Fakultät für Psychologie. Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, empfiehlt das DHM als wichtigen und zukunftsweisenden Beitrag zur Erinnerungskultur.
Wie sind Ihre Erfahrungen bisher? Wie ist die Resonanz der Studierenden?
Die Resonanz ist bis dato durchwegs positiv. Das DHM bewirkt bei unseren Studierenden eine aktive Auseinandersetzung und neue Herangehensweisen an die Thematik. Wir motivieren die jungen Menschen auch, sich mit ihrem eigenen Umfeld, ihrer räumlichen Umgebung näher zu befassen, kritische Fragen zu stellen. Das DHM bietet ihnen die Möglichkeit, sich aktiv in den Shoah-Erinnerungsdiskurs einzubringen, Hemmschwellen hinsichtlich der Thematik wie „etwas Falsches zu sagen“ abzubauen und auch ihre eigenen Familiengeschichten zu hinterfragen und neu zu beleuchten.
Welche Pläne gibt es für das Digital Holocaust Memorial?
Geplant ist – in Kooperation mit der Hertie-Stiftung – ein stufenweises Ausrollen des DHM in deutschen Bildungseinrichtungen, insbesondere in deutschen Schulen, Hochschulen und Universitäten. Denn Lehrkräfte können heutzutage bei Schülerinnen und Schülern, aber auch bei Studierenden das Interesse und die Anteilnahme an der Thematik Shoah nicht als selbstverständlich voraussetzen. Sie müssen Anknüpfungspunkte für das Narrativ finden, dass die Einzigartigkeit der Naziverbrechen die ganze Gesellschaft immer noch betrifft – unabhängig von ihrem spezifischen familiären Hintergrund. Was einmal gewesen ist, kann wieder sein. Es ist Aufgabe derer, die in der Gegenwart leben, die Realisierung dieser Möglichkeit zu verhindern. Daran arbeiten wir.
Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung