Interview mit Mo Asumang, Februar 2026
Ich habe die Straßenseite gewechselt, wenn ich Menschen mit dunkler Hautfarbe gesehen habe.
Im Interview erklärt Mo Asumang, warum sie sich im Kuratorium von Jugend debattiert engagiert: Sie will Jugendliche zu offenem Dialog befähigen, weil sie eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung wahrnimmt. Ausgehend von ihren eigenen Rassismus-Erfahrungen und Begegnungen mit Extremisten setzt sie mit ihrem Verein MOLAB e.V. auf empathische Gesprächsstrategien statt Konfrontation, um demokratische Streitkultur zu stärken.
Mit der Sendung „Liebe Sünde“ schrieb Mo Asumang 1996 TV-Geschichte – als erste afrodeutsche Moderatorin Deutschlands begeisterte sie ein Millionenpublikum. Gleichzeitig erfuhr die gebürtige Hessin ihr Leben lang Rassismus und Diskriminierung hautnah. Doch anstatt darüber zu resignieren, suchte sie das Gespräch mit ihren Hatern. Sie gründete mit dem MOLAB e.V. einen Verein für „dialogbasierte Demokratie- und Antirassismus-Arbeit“ und wurde für ihren Mut und ihren Einsatz 2019 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit November 2024 bringt Mo Asumang ihre Erfahrung nun auch ins Kuratorium von Jugend debattiert ein. Warum ihr das wichtig ist, und wie es ihr gelingt, Extremisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, erzählt die mehrfach ausgezeichnete Autorin und Regisseurin in diesem Interview.
Foto: Walter Siemens
Warum engagieren Sie sich im Kuratorium von Jugend debattiert?
Mir ist wichtig, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Und wer könnte damit besser anfangen als Jugendliche. Wenn junge Menschen früh lernen zu diskutieren und zuzuhören, wirkt das weit über sie hinaus. Es stärkt unsere Gesellschaft und letztlich auch die Demokratie. Jugendliche sind ein großer, wichtiger Pool, man muss sie nur rechtzeitig abholen und gut begleiten. Genau das leistet Jugend debattiert, und das begeistert mich. Was ich außerdem großartig finde: Jugend debattiert ist ein internationales Programm, das in vielen Ländern stattfindet. Dass dabei auf Deutsch debattiert wird, verleiht auch der Sprache einen besonderen Wert. Sie wird gepflegt, ernst genommen und lebendig gehalten. Das ist mir persönlich sehr wichtig.
Wie erleben Sie aktuell die Debattenkultur unter Jugendlichen?
Ich nehme sie als sehr gespalten wahr. Ich bin viel an Schulen unterwegs, um meine Antirassismus-Filme wie die Dokumentation „Die Arier“ vorzustellen, und mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie stark die Klassen auseinanderdriften. Es wirkt fast so, als würde ein Dolch durch die Mitte gehen, als gäbe es nur noch Extreme, rechts oder links. Die Jugendlichen sprechen heute nicht mehr so offen miteinander wie früher. Damals hat man dem Gegenüber eher eine zweite Chance gegeben, heute ist der Umgang deutlich härter. Wenn jemand ein Wort benutzt, das anderen nicht gefällt, wird er oder sie schnell abgestempelt. Die Bereitschaft, wirklich in den Dialog zu gehen, hat nachgelassen. Ich erzähle in den Schulen auch von meinen persönlichen Rassismus-Erfahrungen, etwa wie mir der Kopf auf ein Taxidach geschlagen wurde oder ich in der Straßenbahn gewürgt wurde. Aber ich rede auch darüber, wie ich aus dieser angstvollen Situation heraus den Weg in den Dialog gefunden habe. In „Die Arier“ sieht man, dass ich mit Rassisten spreche. Das finden die Jugendlichen unglaublich spannend und es berührt sie sehr.
Foto: Mo Asumang
Mo ist die Abkürzung von Monika, Sie sind in Kassel geboren und haben als erste afrodeutsche Frau in Deutschland eine eigene TV-Sendung moderiert. Wie war Ihr Weg dorthin, was hat Sie geprägt?
Ich war vorher eine lange Zeit Taxifahrerin. In dieser Zeit habe ich sehr harte Erfahrungen gemacht. Ein Gast hat mich zum Beispiel mit einer Neunmillimeter-Pistole bedroht, das waren wirklich krasse Erlebnisse. Als ich dann die Sendung „Liebe Sünde“ bekam, hörte das nicht einfach auf. Es kamen rassistische Zuschriften an die Redaktion. Der Höhepunkt war eine Morddrohung durch eine Neonazi-Band. In einem Lied hieß es: „Die Kugel ist für dich, Mo Asumang.“ Genannt wurden auch andere, etwa Michel Friedman oder Rita Süssmuth. Gott hab’ sie selig, sie ist ja gerade verstorben. Ich bin für meine Hautfarbe in dem Lied gelandet, und Rita Süssmuth dafür, dass sie sich für Integration und Frauenrechte eingesetzt hat. Seitdem hatten wir eine Verbindung, die Rita und ich. Jede von uns ist anders mit diesen Angriffen umgegangen. Rita mit ihrer Arbeit in der Politik, ich habe angefangen, Dokumentarfilme zu machen.
Erleben Sie solche Bedrohungen heute noch – und wie gehen Sie damit um?
Ich glaube, die Nazis wissen inzwischen, dass sie bei mir keine Chance haben. Ich gehe nicht in den Kampf. Ich höre zu und versuche zu verstehen, warum ein Mensch so geworden ist. Das ist das Gegenteil ihrer Strategie. Sie hoffen, im Gespräch etwas an mir zu finden, das sie hassen können. Aber das funktioniert nicht. Dafür bin ich einfach viel zu nett.
Wie haben Sie den Weg in den Dialog mit Rassisten und Extremisten geschafft?
Das ist wirklich ein sehr anstrengender Weg gewesen und der fing nicht damit an, dass ich bei einem Nazi angeklopft und gesagt habe: „Hey, lass mal sprechen“, sondern ich habe mich erst mal zurückgezogen und bin ganz klein geworden. Rassismus oder Diskriminierung zielen ja genau darauf ab, das Gegenüber klein zu machen. Das ist bei mir natürlich auch passiert. Nur wenn man sich zurückzieht, ist das nicht schön, und ich habe mich innerlich ziemlich verloren. Als ich das bemerkte, habe ich mir gesagt: „So kann es nicht weitergehen. Ich will mich wiederfinden.“ Dann habe ich mich gefragt: „Wie kann ich es denn schaffen, mit den Rassisten oder mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die eine ganz andere Meinung haben als ich, womöglich eine antidemokratische, rassistische Meinung?“ Und so habe ich mich langsam auf den Weg gemacht und mich ganz konkret mit Andersdenkenden in den Dialog begeben. Da war ich aber auch schon über 40, als junge Frau oder Jugendliche hätte ich mich das nicht getraut. Da habe ich sogar die Straßenseite gewechselt, wenn ich Menschen mit dunkler Hautfarbe gesehen habe.
“Wenn junge Menschen früh lernen zu diskutieren und zuzuhören, wirkt das weit über sie hinaus.”
Warum?
Weil mich das einfach immer daran erinnert hat, dass es Probleme aufgrund der Hautfarbe gibt. Das wollte ich nicht, ich wollte dazugehören. Dieses Sich-zurückziehen kennen sicherlich sehr viele Kids in den Schulen, wenn sie dort entweder rassistisch, antisemitisch, homophobisch ob eben klassisch gemobbt werden. Da müssen wir wirklich lernen, auch entgegenzuwirken. Rückzug macht das alles nur noch schlimmer.
Für Jugend debattiert schulen Sie Alumni, mit Andersdenkenden in den Dialog zu gehen. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich habe das Format der „Dialog-Botschafter:innen“ entwickelt, das ist sozusagen ein Pendant zur klassischen Jugend debattiert-Debatte, die ja eher kontextbezogen ist und viel mit Fakten, Wissen und Schlagfertigkeit zu tun hat. Weshalb sie sich auch wunderbar eignet für die Auseinandersetzung mit Politiker:innen oder für Jurist:innen. Nur lässt sich mit dem Format nicht so gut mit einem Extremisten auf der Straße batteln. Mein Ansatz ist genau dafür gemacht, die Debattenkultur direkt auf die Straße zu bringen. Als eher empathische Dialog-Strategie, die mit Antidemokraten funktioniert, aber eben auch, wenn dich dein Gegenüber irgendwie fertig macht, einschüchtert oder triggert.
Was wäre denn ein erster Satz, um Extremisten den Wind aus den Segeln zu nehmen?
Es geht erst mal nicht darum, rhetorisch besser zu sein, im Gegenteil. Es geht darum, sich als erstes selbst zu fragen: „Warum weiche ich jetzt eigentlich aus?“. „Warum gehe ich nicht in das Gespräch mit demjenigen, der jetzt gerade vor versammelter Mannschaft das N-Wort gesagt hat?“. „Wo sind meine Ängste oder meine Bedenken?“. Wir orientieren uns dabei quasi entlang meiner persönlichen Heldinnenreise, weil ich ja selbst durch diese ganzen Fettnäpfchen und Einschüchterungs-Geschichten getappt bin. Da fangen wir an, bevor wir irgendwann im Laufe des eintägigen Dialogbotschafter:innen-Workshops tatsächlich zum Fragen kommen. Das ist ganz wichtig. Und wir lernen, einfach nur hinzuschauen, ohne etwas zu erwidern. Das ist wahnsinnig schwer.
Das dann auszuhalten…
Darum geht es eben nicht. Es geht nicht um Aushalten. Wir lernen nicht auszuhalten, sondern wir lernen, eine andere innere Haltung anzunehmen. Und mit dieser anderen inneren Haltung ist auch das Gespräch mit dem Rassisten oder Antisemiten kein Aushalten. Das Wort hat hier keinen Platz.
Foto: Gisela Schmalz
Sie haben den Verein MOLAB e.V. gegründet. Was genau machen Sie dort?
MOLAB e.V. ist ein Verein für dialogbasierte Anti-Rassismus- und Anti-Diskriminierungsarbeit. Unser zentrales Format sind die Dialog-Botschafter: innen. Damit gehen wir in Schulen, Kommunen oder zu Initiativen und Vereinen, die sich seit Jahren gegen rechts engagieren und oft an einem Punkt sind, an dem sie sagen: „Wir haben so viel getan, aber es werden trotzdem mehr Hater“. Unser Ansatz ist, Menschen, die Lust haben, Demokratie aktiv zu verteidigen, ganz konkretes Handwerkszeug mitzugeben. Das beginnt bei einem selbst. Wie reagiere ich auf Provokationen oder verletzende Worte? Was macht das mit mir? Wie bleibe ich innerlich stabil, komme in eine versöhnliche Haltung und kann dem anderen trotzdem eine zweite Chance geben? Gleichzeitig lernen wir sehr bewusst, die eigenen Grenzen zu erkennen und bei Bedarf ein Stoppschild zu setzen, wenn diese überschritten werden.
Es gibt auch eine „Motzbude“…
Ja, denn im nächsten Schritt geht es darum, wie man ein Gespräch mit jemandem führt, der eine völlig andere Meinung hat oder sogar ein Hater (Antidemokrat:in) ist. Dafür haben wir ein sehr sichtbares Praxisformat: die Motzbude. Nach dem Workshop bauen wir in der jeweiligen Stadt ein Zelt auf, mit der großen Aufschrift „Motzbude“. Menschen können dort einchecken, zum Beispiel für einen Mini-Motz, einen Maximal-Motz oder einfach, wenn sie nur ein Ohr brauchen. Das sind normale Passantinnen und Passanten, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zum Sport, Rentner oder auch Personen, die wir gezielt einladen. In der Motzbude sitzen die Dialogbotschafter*innen auf Stühlen gegenüber einem leeren Stuhl, auf den sich die Motzenden setzen. Das Motto lautet: Wer nicht motzt, fliegt raus. Bei uns muss man motzen. Das Ziel ist, dass die Dialogbotschafter*innen diese Gespräche üben, ruhig bleiben, ohne aus der inneren Balance zu geraten oder den anderen fertigzumachen. Es geht um den versöhnlichen Dialog.
Streitcafé mit Mo Asumang
In der Streitcafé-Folge “Wut + Debatte” mit Gastgeber Dr. Jan Jonathan Bock, Leiter des Programms Jugend debattiert, erwarten euch ehrliche Insights, bewegende Momente und eine beeindruckende Persönlichkeit, die mit Offenheit und Mut auch im schwierigen Umfeld konstruktiven Dialog voranbringt.
Warum braucht es Programme wie Jugend debattiert und das Engagement von Stiftungen wie der Hertie-Stiftung?
Jugendliche brauchen heute konkretes Handwerkszeug. In einer so polarisierten Welt müssen sie lernen, sich zu orientieren, sich zu behaupten und die Demokratie zu verteidigen. Und zwar auf eine Weise, die ihnen Spaß macht und sie herausfordert. Das könnte man natürlich allein politisch finanzieren, aber das reicht bei Weitem nicht. Deshalb braucht es Stiftungen und Initiativen, die sich gezielt den jungen Menschen zuwenden. Was die Hertie-Stiftung leistet, finde ich großartig. Wirklich. Ich liebe das und ich bin sehr stolz, Teil davon zu sein. Es geht bei Jugend debattiert um echte Augenhöhe. Das sind nicht Erwachsene, die Kindern etwas beibringen, es ist ein gegenseitiges Lernen. Die Jugendlichen bringen mir genauso viel bei. Zum Beispiel ihre Euphorie, ihre Begeisterung für Debatten und ihren Einsatz für die Demokratie. Das ist unglaublich inspirierend.
Was hat Sie in der Zusammenarbeit mit Jugend debattiert besonders überrascht?
Mich hat überrascht, wie eloquent die Jugendlichen sind, und wie sehr sie das Debattieren lieben. Wie detailverliebt sie arbeiten und wie viele Informationen sie sich merken können, das ist wirklich beeindruckend. Und was mir besonders gefällt: ihre Kollegialität. Auf der Bühne versuchen sie nicht, die anderen fertigzumachen. Oft beginnt ein Beitrag mit einem anerkennenden Satz wie: „Das war ein gutes Statement“, und dann kommt ein kluges „Aber“ oder eine weiterführende Frage. Ich finde auch toll, wie flexibel die Kids sind. Sie lernen sowohl Pro als auch Kontra und erfahren ja erst kurz vor der Debatte, welche Position sie vertreten. Dadurch lernen sie beide Seiten kennen und wertschätzen. Und genau das ist ein starkes Handwerkszeug.
25 Jahre Jugend debattiert: Was wünschen Sie dem Programm für die nächsten 25 Jahre?
Ich wünsche mir, dass noch mehr Schülerinnen und Schüler aus allen Schulformen mitmachen, auch aus Hauptschulen. Und dass noch mehr junge Menschen mit Migrationsgeschichte gezielt gefördert werden. Außerdem wünsche ich mir, dass Jugend debattiert noch mehr gefeiert wird. In den Schulen, unter den Jugendlichen selbst, aber auch in den sozialen Medien. Da passiert schon einiges, aber es dürfte noch sichtbarer sein. Ich fände es großartig, wenn diese Jugendlichen in den Tagesthemen auftauchen oder in Talkshows. Vielleicht einfach mal einen Politiker weniger einladen und dafür jemanden von Jugend debattiert. Das würde uns allen eine ganz neue Perspektive eröffnen, nämlich die der jungen Menschen. Und diese Perspektive ist enorm wertvoll und wichtig. Da müssen wir hin.
Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung
www.mo-asumang.com Instagram: @mo.asumang