Dilar Kisikyol
Boxweltmeisterin und Sozialpädagogin Dilar Kisikyol sagt Parkinson und MS den Kampf an – und erzählt, wie Boxtraining Menschen stärkt.
Für die Boxgruppe „KO-Parkinson“ mit an Parkinson erkrankten Frauen brennt mein Herz.
Dilar Kisikyol, Boxweltmeisterin (WIBF)
Dilar Kisikyol: Boxen, um Menschen zu stärken
Ihr Vorname Dilar ist kurdisch und bedeutet „Feuerherz“, und wenn Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol (34), die im Februar 1992 als Drillings-Frühchen in Leverkusen zur Welt kam, ihre Geschichte erzählt, ist lebhaft zu spüren, dass man es mit einer geborenen Kämpferin zu tun hat – im Ring und für die gute Sache.
Mit 16 Jahren entdeckt Dilar den Boxsport. Anfangs noch schüchtern und unsicher, wächst sie mit dem Training über sich hinaus. Der Sport stärkt ihr Selbstvertrauen und zeigt ihr, was Disziplin, Ausdauer und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten bewirken können. Diese Erfahrung prägt nicht nur ihre sportliche Karriere.
Dilar studiert Soziale Arbeit und sucht schon während des Studiums nach einer Möglichkeit, ihre Leidenschaft für den Sport mit ihrem Beruf zu verbinden. 2019 gibt sie in Hamburg ihr Profidebüt, 2022 gewinnt sie den Weltmeistertitel im Leichtgewicht der Women's International Boxing Federation (WIBF). Sie verteidigt ihn zweimal und bleibt als Profi ungeschlagen. Im September 2024 beendet Dilar Kysikiol ihre Karriere mit einem letzten Kampf.
Ihr Abschied wird zum Neubeginn: Nicht mehr allein sportliche Leistung soll im Fokus stehen, sondern das, was Boxen anderen Menschen ermöglichen kann. Mit „Du kämpfst!“ entwickelt Dilar Angebote für Frauen, Kinder und Menschen, die sonst kaum Zugang zum Boxsport haben. Als Schulsozialarbeiterin setzt sie sich für Resilienzförderung und Gewaltprävention ein. Auch mit Führungskräften arbeitet sie und überträgt Erfahrungen aus dem Boxen auf pädagogische, therapeutische und berufliche Kontexte. Es geht um Selbstvertrauen, den Umgang mit Rückschlägen, Verantwortung und darum, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Zugleich möchte Dilar Vorurteile gegenüber dem Boxsport abbauen.
Lerne Dilar im Interview kennen:
Wie bist du zum Boxen gekommen?
Ich bin als Drillings-Frühchen mit nur 1500 Gramm zur Welt gekommen. Vielleicht war das schon der erste Kampf. Geboren und aufgewachsen bin ich in Leverkusen. Mit 16 Jahren wollte ich dann unbedingt boxen, aber meine Mutter sagte: „Nein, das ist nichts für Mädels.“ Stattdessen sollte ich in die Musikschule gehen und Klavier lernen. Das hatte zwar auch etwas mit den Händen zu tun, aber eben nicht mit den Fäusten.
Dann habe ich den Film „Million Dollar Baby“ gesehen und fand ihn sehr cool. Durch einen Nachbarn konnte ich meine Mutter schließlich überreden. In die erste Boxhalle habe ich mich noch nicht hineingetraut, weil dort so viele Jungs und Männer waren. Beim nächsten Mal habe ich eine Freundin mitgenommen – und meine Leidenschaft für den Boxsport entdeckt.
Was hat dich im Boxsport bestärkt? Hattest du Vorbilder?
Mein Trainer war auf jeden Fall ein Vorbild. Aber auch unabhängig davon hat mir die Faszination für den Boxsport sehr viel gegeben. Ich war damals unsicher und schüchtern. Das hat sich durch den Sport verändert, auch meine Schulnoten wurden besser. Ich sage immer, dass mich der Boxsport menschlich und sportlich zur besten Version meiner selbst gemacht hat.
Vorbilder waren Regina Halmich, weil sie das Frauenboxen in Deutschland populär gemacht hat, und Muhammad Ali. Ich fand besonders, dass er im Ring gekämpft und darüber hinaus viele Menschen unterstützt hat.
Wann begann deine Profikarriere?
2019, also vor sieben Jahren, habe ich in Hamburg mein Profidebüt gegeben, seitdem lebe ich auch in Hamburg. Vor dort ging es immer weiter. 2022 habe ich schließlich meinen ersten Weltmeistertitel im Leichtgewicht der Women's International Boxing Federation gewonnen. Ich konnte den Titel verteidigen, bis ich 2024 meine aktive Karriere beendete.
Ich sage immer, dass mich der Boxsport menschlich und sportlich zur besten Version meiner selbst gemacht hat.
Was machst du heute beruflich?
Ich habe Soziale Arbeit studiert und bin Sozialpädagogin. Schon während des Studiums habe ich überlegt, wie ich mir nach meiner aktiven Box-Karriere ein Standbein aufbauen kann. Daraus sind verschiedene Projekte für Frauen, Kinder und Menschen im Bereich Inklusion entstanden. Unter anderem habe ich „KO-Parkinson“ entwickelt, ein Boxtraining für Frauen, die an Parkinson erkrankt sind. Seit Kurzem gibt es „Move Strong – Boxen mit MS“, ein Trainingsangebot für Menschen mit Multipler Sklerose. Ich habe sozusagen Parkinson und MS den Kampf angesagt.
Was kann man vom Boxen fürs eigene Leben lernen?
Nicht aufzugeben, diszipliniert zu sein und sich durchzuboxen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich glaube auch, dass harte Arbeit sich auszahlt. Der Sport hat mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung gestärkt. Ich habe mir mehr zugetraut und gelernt: Wenn ich ein Ziel habe, dranbleibe, durchhalte und hart dafür arbeite, kann es in Erfüllung gehen.
Drei Werte, die ich im Boxsport gelernt habe, sind mir wichtig: Respekt, Fairness und Durchhaltevermögen. Meine Trainer haben immer zu mir gesagt: „Du warst nicht das größte Talent, aber du hast immer durchgehalten.“ Es war ein harter Weg.
Gleichzeitig ist Boxen ein harter Sport: Jemand steht einem gegenüber, und ruhig zu bleiben und bei sich zu bleiben, ist die größte Kunst. Aber wenn man für sein Ziel durch eine harte Zeit geht und es am Ende erreicht, ist das eigentlich das schönste Gefühl. Der Boxsport hat immer dazu geführt, dass ich mich extrem lebendig fühle.
Was bedeutet es dir, anderen Menschen den Boxsport näherzubringen?
Das bedeutet mir sehr viel, weil der Sport mir selbst sehr viel gegeben hat. Ich empfinde es sogar als Pflicht, etwas zurückzugeben. Im Boxen ist man meist auf sich selbst gestellt. Natürlich ist ein Team dabei – der Trainer und der Cutman –, aber man muss an die eigenen Fähigkeiten glauben und trägt Verantwortung für die eigene Leistung. Anders als im Fußball kann man den Ball nicht einfach abgeben
Das lässt sich auf viele Bereiche übertragen: auf meine Arbeit in der Pädagogik und Therapie, aber auch im Coaching mit Führungskräften. Ich freue mich, mit meiner Arbeit viele Menschen zu erreichen und Vorurteilen gegenüber dem Boxsport entgegenzuwirken.
Wie bist du dazu gekommen, Boxen mit pädagogischen, therapeutischen und inklusiven Projekten zu verbinden?
Ich wollte den Boxsport unbedingt mit meiner Arbeit verbinden, also meine Leidenschaft zum Beruf machen. So sind viele spannende Projekte entstanden. Ich habe mich bewusst der Pädagogik und Therapie gewidmet und arbeite auch mit Führungskräften. So kann ich Vorurteilen gegenüber dem Sport entgegenwirken und Menschen erreichen, die sonst keinen Zugang zum Boxen hätten.
Mir geht es nicht um den Wettkampf, sondern um Boxelemente und die sozialen und therapeutischen Aspekte des Sports. Bei uns wird nicht gegeneinander gekämpft.
Was macht dein Box-Angebot für Menschen mit Parkinson oder Multipler Sklerose aus?
Das Besondere ist, dass man etwas anderes macht als bei der Krankengymnastik. Viele finden Boxen cool und wollten es schon immer einmal ausprobieren. In der Gruppe verbindet die Teilnehmenden ihre Erkrankung, und sie können sich im wahrsten Sinne des Wortes gemeinsam durchboxen. Mir geht es nicht um den Wettkampf, sondern um Boxelemente und die sozialen und therapeutischen Aspekte des Sports. Bei uns wird nicht gegeneinander gekämpft. Die Teilnehmenden können etwas Neues ausprobieren und vielleicht Kraft daraus schöpfen – für sich selbst und für den Umgang mit ihrer Erkrankung. Ich erlebe es immer wieder, wie die Menschen in diesen Gruppen Fortschritte machen, selbstbewusster werden und Halt finden. Dafür brennt mein Herz.
Was lernst du selbst von den Teilnehmenden?
Geduld und Achtsamkeit, aber auch Dankbarkeit – dafür, dass ich gemeinsam mit ihnen arbeiten darf und erlebe, wie dankbar das Angebot angenommen wird.
Welche Rolle spielte die Hertie-Stiftung für deinen Weg und deine Projekte?
Die Hertie-Stiftung hat meine Parkinson- und MS-Projekte unterstützt, finanziell und auf andere Weise. Nach meinem Abschiedskampf 2024 in Hamburg wurde ich noch im Boxring für „KO-Parkinson“ mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe ausgezeichnet. Das war ein toller, runder Abschluss. Denn damit wurde nicht nur meine sportliche Leistung gewürdigt, sondern auch mein Engagement abseits des Boxrings und das, was ich neben dem Boxsport aufgebaut habe. Mir ist wichtig, nicht nur auf meinen WM-Titel reduziert zu werden. Ich möchte die Werte des Boxsports weitergeben.
Was möchtest du anderen Menschen gern mitgeben?
Suche dir etwas, was dir Spaß macht, und deine Leidenschaft ist – und setzte Projekte oder Ideen um, um damit noch mehr Menschen zu erreichen! Am Anfang ist es oft noch schwierig und man braucht viel Geduld. Aber ich denke, der Glaube an sich selbst und Durchhaltevermögen führen zum Sieg.