Max Kaufmann

Prof. Dr. Dr. Max Kaufmann erforscht mit Datenwissenschaft und KI, wie Immunzellen Multiple Sklerose prägen – ein Interview mit dem Hertie-Fellow.

Video abspielen Was du bewirkst: Prof. Dr. Dr. Max Kaufmann in blauer Klinikkleidung steht lachend in einem Untersuchungsraum und hält ein durchsichtiges Untersuchungsinstrument hoch, im Hintergrund hängt eine Sehtafel.

Dass jemand meinen Ideen vertraute, gab mir Motivation und Selbstvertrauen.

Max Kaufmann, Wissenschaftler für Neuroimmunologie

Prof. Dr. Dr. Max Kaufmann: Mit Daten der Multiplen Sklerose auf der Spur

Warum erkranken manche Menschen an Multipler Sklerose (MS), und weshalb bleibt die Krankheit bei einigen lange stabil, während sich der Zustand anderer trotz Medikamenten verschlechtert? Diese Fragen beschäftigen Prof. Dr. med. Dr. rer. biol. hum. Max Kaufmann (39). Als Neurologe, Neuroimmunologe und Data Scientist sucht er nach Immunzellen, die den Krankheitsprozess prägen und neue Ansätze für Diagnostik und Therapie eröffnen könnten.

Seit Februar 2026 ist Max W2-Professor für Systemische Neuroimmunologie am Institut für Klinische Neuroimmunologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und dort als Oberarzt und Wissenschaftler tätig. In seinem Labor verbindet er moderne Messverfahren mit Datenwissenschaft und künstlicher Intelligenz. Max und sein Team untersuchen Immunzellen aus menschlichen Proben bis auf die Ebene einzelner Zellen: Welche Gene sind aktiv? Was unterscheidet eine entzündete Zelle von einer gesunden? Und lassen sich im Blut seltene Zelltypen aufspüren, die den Krankheitsverlauf beeinflussen? Insbesondere interessiert sich Max für „digitale Experimente“, bei denen große Datenmengen helfen, biologische Prozesse am Computer zu entschlüsseln.

Geboren 1986 in Aachen, studierte er Medizin an der RWTH Aachen und schloss alle drei Staatsexamen mit der Note 1,0 ab, seine medizinische Dissertation in Biochemie an der RWTH mit magna cum laude. 2016 wechselte Max ans Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo er seine neurologische Weiterbildung absolvierte und am Institut für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose eine zweite, neuroimmunologische Dissertation mit summa cum laude abschloss. 

Der direkte Blick auf die sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufe seiner MS-Patientinnen und -Patienten prägt seine Forschungsvision: Max Kaufmann will klinische Fragen ins Labor tragen und Erkenntnisse gewinnen, die den Menschen tatsächlich helfen können. Mit neuen Methoden der Einzelzellsequenzierung arbeitete er zunächst in Hamburg, später am Oxford Centre for Neuroinflammation. An der University of California, Berkeley vertiefte Max seine Kenntnisse in Datenwissenschaft und KI. 2022 erhielt er den Dr.-Martini-Preis, 2023 den Sobek-Nachwuchspreis. 

Lerne Max im Interview kennen:

Woran forschst du, und was macht ihr in deinem Labor?

Ich bin Professor für systemische Neuroimmunologie. Wir forschen an Erkrankungen, bei denen das eigene Immunsystem das Nervensystem angreift. In meinem Labor versuchen wir, moderne Messverfahren, Data Science und KI zu kombinieren, um besser zu verstehen, wie bestimmte Immunzellen die Krankheitsaktivität bei Autoimmunerkrankungen antreiben.

Unser Forschungsansatz soll dort weiterhelfen, wo bisherige Methoden nicht weitergekommen sind. Dafür verbinden wir Experimente direkt mit computer- und datengetriebenen Methoden. Wir vermessen Immunzellen von Patientinnen und Patienten in vielen Dimensionen: Tausende Gene in Hunderttausenden Zellen. Aus diesen großen Datenmengen versuchen wir, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Was haben die neuen Messmethoden in den vergangenen Jahren möglich gemacht?

Wir sind heute endlich an einem Punkt, an dem Labormethoden zur Verfügung stehen, mit denen man einzelne Zellen sequenzieren und ihre RNA messen kann. Mich hat es sehr fasziniert, als das möglich wurde: einzelne Zellen zu nehmen und zu messen, welche Gene darin abgelesen werden. Die DNA ist ja der Bauplan der Zelle und in jeder Zelle gleich. Was sich unterscheidet, ist, welche Teile dieses Bauplans abgelesen werden – eben die sogenannten RNA-Moleküle. Sie unterscheiden Zelltypen, aber auch Zellzustände: Eine entzündete Zelle sieht anders aus als eine gesunde, eine sterbende Zelle anders als eine, die gerade erst entstanden ist. Wir messen nun die Gene, die in einer Zelle abgelesen werden, und versuchen so, den Unterschieden auf die Spur zu kommen, die Erkrankungen antreiben. 

Als diese Methode aufkam, dachte ich gleich: Das ist es. Ich ging nach Hamburg in ein Labor, in dem es die Chance gab, diese Methode einzusetzen, als sie gerade erst verfügbar wurde und man noch vieles selbst zusammenbaute und optimierte. Dort habe ich mehrere Jahre mitgearbeitet. Meine heutige Arbeit baut darauf auf, und ich hoffe, mit den neuesten datengetriebenen Methoden einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, Patientinnen und Patienten in Zukunft besser helfen zu können.

Schwerpunkt deiner Forschung ist die Multiple Sklerose (MS). Wie kam es dazu? 

In Hamburg habe ich am Institut für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose angefangen und früh Kontakt zu Patientinnen und Patienten bekommen. Dort habe ich meine Weiterbildung zum Facharzt für Neurologie gemacht.

An der Multiplen Sklerose hat mich fasziniert, wie schlecht sie noch verstanden ist. Bei einem Schlaganfall kann man grundsätzlich beschreiben, was passiert: Ein Blutgefäß wird verstopft, das Hirngewebe bekommt keinen Sauerstoff. Bei MS weiß man nicht genau, warum junge Patientinnen und Patienten plötzlich eine Autoimmunreaktion gegen Gehirn oder Rückenmark entwickeln. Man weiß auch nicht, warum manche über viele Jahre stabil bleiben und andere trotz Medikamenten schwer krank werden und sich ihr Zustand verschlechtert.

In Hamburg gab es eine Tagesklinik und ein direkt angeschlossenes Labor, das zum Teil Blutproben der Tagesklinik-Patientinnen und -Patienten untersuchte. Mir gefiel dieser Wechsel, das Problem in der Klinik klar vor Augen zu haben und dann mit neuen Methoden auf Zellebene zu erforschen, was passiert. Es gibt noch viele offene Fragen, aber schon kleine Fortschritte könnten Patientinnen und Patienten helfen, besser zu leben.

Weil ich selbst erlebt habe, wie wichtig Ermutigung und Rat erfahrener Forschender sind, möchte ich jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Zeit geben, sie bestärken und ihnen helfen, Rückschläge einzuordnen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Ich teile es mir auf: Ich bin vier Tage die Woche im Labor und einen Tag der Woche in der Klinik. Momentan bin ich mehr in der Forschung unterwegs, aber auch jede Woche in der Klinik. Wenn große Experimente anliegen, bin ich oft mit im Labor und unterstütze mein Team, wenn viele Hände gebraucht werden oder einzelne Schritte gemeinsam durchdacht werden müssen.

Als Professor schaffe ich es nicht mehr so viel, mit den eigenen Händen zu arbeiten, wie ich es eigentlich mag. Datenanalysen mache ich aber noch selbst, die Liebe zum Programmieren habe ich nicht verloren. Dazu kommen Meetings, Drittmittelanträge und Publikationen, Vorträge, der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und die Lehre. Das verteilt sich je nach Tag unterschiedlich.

Du bist Fellow im Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience. Was hat dir die Förderung konkret ermöglicht – wissenschaftlich und persönlich?

Meine Zeit im Hertie-Netzwerk, in das ich 2023 aufgenommen wurde, hatte von Beginn an großen Einfluss. Die finanzielle Förderung war für mich ein Sprungbrett und gab mir zum ersten Mal die Freiheit, meine Ideen vollständig selbstständig umzusetzen und mir ein eigenes wissenschaftliches Profil zu erarbeiten. Das gab mir Motivation und Selbstvertrauen: Da interessiert sich jemand für meine Ideen und gibt mir Geld, damit ich sie umsetzen kann. 

Ebenso wichtig war und ist der Kontakt zu den anderen Fellows und das Netzwerk, das über die Jahre gewachsen ist. Ich habe jetzt das Gefühl, an jeder großen Universität in Deutschland Kolleginnen und Kollegen zu kennen, die ich um Rat fragen und mit denen ich wissenschaftlich zusammenarbeiten kann.

In den Netzwerk-Workshops haben wir Fähigkeiten mitbekommen, um klarer zu sehen, wohin wir mit unserer Wissenschaft wollen: die eigenen Stärken und Schwächen erkennen, eine Philosophie für die eigene Forschung entwickeln und die eigenen Ziele deutlicher sehen. Die Diskussionen mit den anderen Fellows waren sehr bereichernd und haben viel dazu beigetragen, dass ich bei dem gelandet bin, was ich heute tue. Der Kontakt besteht weiter und ein erstes Alumni-Symposium ist geplant.

In der Wissenschaft läuft selten etwas geradlinig, meistens geht es in Kurven.

Was möchtest du jüngeren Forschenden gern weitergeben?

Während meiner Fellow-Zeit gab es immer Menschen, die schon ein Stück weiter waren als ich und mir gute Ratschläge und Mut für die nächsten Schritte gegeben haben. Eine akademische Laufbahn bringt Herausforderungen und Momente, in denen man nicht weiß, ob alles funktionieren wird. heute möchte ich mir Zeit nehmen, jüngeren Forschenden zur Seite zu stehen und sie darin zu bestärken, dranzubleiben und kleinere Rückschläge nicht zu ernst zu nehmen.

Ich würde jungen Forschenden raten, sich auf ihre Stärken zu besinnen und sich von kleineren Rückschlägen nicht verunsichern zu lassen. In der Wissenschaft läuft selten etwas geradlinig, meistens geht es in Kurven. Manchmal passieren Dinge, von denen man denkt, dass sie unmöglich sind. Und dann ist man doch überrascht, wohin einen der Weg führt.

Was wäre in fünf bis zehn Jahren ein Ergebnis, über das du sagen würdest: „Dafür hat sich meine Arbeit gelohnt!“?

Mich fasziniert, seltene Immunzelltypen im Blut zu identifizieren, die möglicherweise die Krankheitsaktivität der Multiplen Sklerose antreiben. Das ist selbst mit den heutigen Verfahren schwierig. Wenn man nicht weiß, wonach man sucht, ist es eben schwer, diese Zellen anzureichern.  Wir nutzen KI, Algorithmen und Zellsortierer, um uns diesen seltenen Zellen anzunähern und sie aus dem Blut herauszusortieren.

Die Hoffnung ist, etwas Greifbares zu finden, das wir im Labor untersuchen und bei Patientinnen und Patienten messen können. Vielleicht ließe sich dann vorhersagen, wer einen dramatischen und wer einen stabilen Krankheitsverlauf haben wird – und ob die Betroffenen unterschiedlich behandelt werden sollten oder neue Therapieansätze möglich sind. Bis eine neue Therapie in der Klinik ankommt, können dann noch viele Jahre vergehen. Aber wenigstens einen guten neuen Ansatzpunkt zu finden, wäre toll.

Dann kann man von oben auf den Weg zurückschauen und winken, bevor man am Seil wieder auf den Boden der Tatsachen kommt.“

Was meinst du: Lässt sich Multiple Sklerose eines Tages heilen?

Bei der Frage zögere ich. Es hängt davon ab, ob man die Erkrankung auf einen molekularen Mechanismus zurückführen kann. Lange gab es die Idee, man müsse nur die eine Zelle, den einen Antikörper oder den einen Signalweg finden und ausschalten, und dann sei die Erkrankung geheilt. Mit solchen reduktionistischen Strategien hat man einiges erreicht, aber die MS damit nicht erklärt bekommen.

Wenn viele einzelne Faktoren in einem komplexen Zusammenspiel zusammenwirken, wird es schwierig, die Krankheit einfach zu heilen. Wo setzt man dann an? Vielleicht braucht man Therapien, die genauso komplex sind wie der Prozess, der darunterliegt. Ob sich das in den nächsten Jahren klärt, finde ich spannend.

In deiner Freizeit kletterst du gern. Was reizt dich daran?

Klettern ist eine eigentümliche Mischung aus Sport, Auspowern, Problemlösen und dem Gefühl, ein Ziel durch harte Arbeit zu erreichen. Man sucht sich eine Route, die ein bisschen über dem liegt, was man locker klettern kann, und kämpft sich die ersten Male mit vielen Pausen, Abstürzen und Fluchen bis zum obersten Anker.

Eine Woche später kommt man wieder und hat etwas gelernt: wie man greift, die Füße setzt und sich eindreht. Nach und nach versteht man die Muster, und die Route wird machbar. Irgendwann klettert man sie durch, ist oben ausgepumpt und glücklich, weil man denkt: Jetzt habe ich es verstanden. Dann kann man von oben auf den Weg zurückschauen und winken, bevor man am Seil wieder auf den Boden der Tatsachen kommt. Dieser Perspektivwechsel gefällt mir.

Und: Meistens klettert man mit einem Partner, sichert sich ab und braucht viel Vertrauen. In den Pausen kann man reden und den anderen gut kennenlernen. Mit vielen meiner Kletterpartner bin ich nach einer Weile bereits sehr gut befreundet gewesen.

Max am Institut.