Mahdi Srour
Forscher und Gründer Mahdi Srour erzählt, was Menschen verbindet, wie er mit Zeitgeist Labs ungehörte Stimmen hörbar macht und was ihn geprägt hat.
Du kannst deine eigenen Farben in die Welt bringen. Es gibt Menschen, die genau diese Farben sehen wollen!
Mahdi Srour, Forscher und Gründer von Zeitgeist Labs
Mahdi Srour: Verstehen, was Menschen und Gesellschaften bewegt
Wie entsteht zwischen Menschen die Energie, mit der sie gemeinsam etwas in der Welt bewegen können? Und warum können manche daran teilhaben, während andere ausgeschlossen bleiben?
Fragen wie diese beschäftigen Mahdi Srour. Er geht ihnen als Wissenschaftler und als Gründer nach. Ihn fasziniert, wie unser soziales Zusammenleben funktioniert, was Wandel ermöglicht oder verhindert und wie Wissenschaft, Technologie und Kunst helfen können, unsere komplexe Welt besser zu verstehen.
Als Computational Social Scientist forscht Mahdi am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In der Forschungsgruppe „Jena Social Energy Group“ um den Soziologen Hartmut Rosa beschäftigt er sich mit einer grundlegenden Frage: Woher kommt die Energie, die unser soziales Leben in Bewegung setzt? Die Gruppe untersucht das Konzept der „sozialen Energie“ – unter welchen Umständen sie im Miteinander entsteht und wie unterschiedliche Zugänge zu ihr gemeinsames Handeln und damit gesellschaftliche Veränderungen ermöglichen oder erschweren können.
In seiner Promotion untersucht Mahdi diese Dynamiken in unterschiedlichen Bildungskontexten. Ihn interessiert, wann junge Menschen sich getragen und gesehen fühlen – und wann sie sich ausgeschlossen und teilnahmslos fühlen. Dabei untersucht er, welche Rolle der Zugang zu sozialer Energie spielt, welche Beziehungen und Bedingungen Zugehörigkeit, Vertrauen und Handlungsfähigkeit ermöglichen und welche Hürden ihnen im Weg stehen. Damit möchte er einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten.
Sein Interesse am gesellschaftlichen Zusammenleben prägt auch seine Arbeit als Gründer. Mit Zeitgeist Labs baut er in Berlin ein Institut für angewandte Sozial- und Gesundheitsforschung auf. Sein Team entwickelt neue wissenschaftliche Methoden und Technologien, um Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften in bisher kaum erreichter Breite und Tiefe zu verstehen. Dafür verbinden sie künstliche Intelligenz mit qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden, erheben und analysieren unterschiedliche Daten und machen so Erfahrungen, Bedürfnisse und soziale Zusammenhänge sichtbar, die sonst leicht übersehen werden. Die Mission des Instituts ist es, mehr Menschen Gehör zu verschaffen, ihre Perspektiven in wichtige Entscheidungen einzubeziehen und damit gesellschaftliche Teilhabe zu stärken.
Sein Weg dorthin führte durch verschiedene Disziplinen. Mahdi studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der RWTH Aachen, interessierte sich aber schon früh ebenso für Philosophie, Soziologie und Literatur. Sein Vater ist Schriftsteller, und auch Mahdi schreibt selbst. Die Freude an den großen Fragen des Lebens begleitet ihn seit seiner Kindheit.
Später forschte er interdisziplinär in Schweden und den USA. In Boston forschte er an der Northeastern University an der Modellierung kreativer Denkprozesse und untersuchte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Flow-Zustände beim gemeinsamen Musizieren. Ihn fasziniert, wie Menschen sich gegenseitig mitreißen, Verbundenheit erleben und im Zusammenspiel etwas entsteht, das mehr ist als die Summe der Einzelnen ist und alle in Bewegung setzen kann. Diese Erfahrungen führten ihn schließlich zu seiner heutigen Forschung über soziale Energie.
Lerne Mahdi im Interview kennen:
Wenn dich jemand auf einer Party fragt: „Was machst du?“, was antwortest du heute?
Ich würde sagen, dass ich versuche zu verstehen, was Menschen und Gesellschaften bewegt.
Und wie tust du das?
Hauptächlich auf zwei Wegen, die für mich zusammengehören: als Wissenschaftler und als Gründer. In meiner Forschung beschäftige ich mich damit, wie unser soziales Zusammenleben auf der Interaktionsebene funktioniert, was Menschen verbindet und was gemeinsames Handeln ermöglicht oder verhindert.
Mit Zeitgeist Labs bauen wir ein Institut für angewandte Sozial- und Gesundheitsforschung auf. Wir entwickeln neue Methoden und Technologien, um Menschen und Gemeinschaften besser zu verstehen. Mit Stiftungen, Universitäten, Unternehmen und Behörden untersuchen wir, was Menschen brauchen, wie sie Veränderungen erleben und wie Programme wirken.
Wir möchten ungehörte Stimmen hörbar machen, ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten verstehen und sie wieder stärker in Entscheidungen einbeziehen, die sie betreffen.
Was ist die Kernmotivation von Zeitgeist Labs?
Zeitgeist Labs entstand aus der Beobachtung, dass diejenigen, die wichtige Entscheidungen treffen, oft zu wenig mit den Menschen verbunden sind, für die sie Verantwortung tragen. In jeder Gemeinschaft und Institution gibt es unglaublich viel Wissen, das kaum gehört wird.
Wir möchten ungehörte Stimmen hörbar machen, ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten verstehen und sie wieder stärker in Entscheidungen einbeziehen, die sie betreffen. Wenn uns das in vielen Bereichen gelingt, verstehen wir vielleicht auch unsere Gesellschaft als Ganzes ein Stück besser.
Wie geht ihr dabei vor?
Wir finden neue Wege, um die Perspektiven von mehr Menschen sichtbar und verständlich zu machen. Dazu gehören beispielsweise KI-gestützte Sprachassistenten, die persönliche Gespräche in verschiedenen Sprachen - also möglichst barrierearm - ermöglichen.
Die Erkenntnisse daraus verbinden wir mit quantitativen Befragungen und weiteren relevanten Daten. So können wir Menschen und Gemeinschaften in bisher kaum erreichter Breite und Tiefe verstehen. Daraus entsteht das, was wir „Community Intelligence“ nennen: ein umfassenderes Bild ihrer Erfahrungen, Bedürfnisse und Lebensrealitäten, das Institutionen hilft, ihre Programme, Strategien und Entscheidungen stärker an den Menschen auszurichten, für die sie Verantwortung tragen.
Kannst du ein Beispiel nennen?
Da gibt es viele Beispiele aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen.
Mit der START-Stiftung, Wikimedia Deutschland e.V. (reshape Programm) und dem Netzwerk neue deutsche Organisationen untersuchen wir, wie Menschen mit Migrationsgeschichte Zugehörigkeit in Deutschland erleben. Mehrsprachige Interviews erreichen auch Menschen, deren Perspektiven in deutschsprachigen Befragungen oft fehlen. Uns interessiert, welche Erfahrungen ihr Zugehörigkeitsgefühl prägen und wie sich das auf gesellschaftliche Teilhabe auswirkt.
Bei der Volksbank Bodensee-Oberschwaben haben wir Hunderte Mitarbeitende in den Strategieprozess eingebunden und ihre Erfahrungen und Ideen sichtbar gemacht. Mit Psyma+Exevia Health befragen wir Ärztinnen und Ärzte zu Herausforderungen in der Brustkrebsversorgung.
Es geht also immer darum, versteckte Erkenntnisse sichtbar zu machen, die helfen, Prozesse stärker im Sinne der Community zu gestalten.
Ich habe erlebt, wie viel Kraft und Mut daraus entstehen können, wenn Menschen einander sehen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen.
Zugehörigkeit und Vertrauen scheinen eng miteinander verbunden zu sein. Wie siehst du diesen Zusammenhang?
Ich glaube, Vertrauen in sich selbst und die Welt ist wichtig, um sich zugehörig zu fühlen und sein Umfeld mitzugestalten. Gesellschaftliche Erfahrungen können es stärken oder erschüttern.
Ich versuche, die Welt als veränderbar und gestaltbar zu sehen. Das gelingt mir, weil ich das große Glück hatte, viel Vertrauen und Unterstützung zu erfahren.
Meine Familie, Lehrerinnen und Lehrer, Mentorinnen und Mentoren sowie später Menschen an der Universität und im Beruf haben mich unterstützt. Die START-Stiftung und die Studienstiftung des deutschen Volkes eröffneten mir Bildungschancen und brachten mich mit unglaublich interessanten Menschen und Perspektiven zusammen.
Besonders diese Begegnungen haben mich geprägt. Ich habe erlebt, wie viel Kraft und Mut daraus entstehen können, wenn Menschen einander sehen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Das hat mein Vertrauen in die Welt gestärkt und mir das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein und tatsächlich etwas bewegen zu können.
Wie hängt das mit deiner Forschung über „soziale Energie“ zusammen?
Ich forsche am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie und der Friedrich-Schiller-Universität Jena, wo ich Teil der „Jena Social Energy Group“ um den Soziologen Hartmut Rosa bin. Uns beschäftigt die Frage: Woher kommt die Energie, die unser Zusammenleben in Bewegung setzt? Wir untersuchen, wie diese „soziale Energie“ zwischen Menschen entsteht, sich verbreitet oder blockiert wird – und warum manche daran teilhaben können, andere aber ausgeschlossen bleiben.
In meiner Promotion untersuche ich soziale Energie in Bildungskontexten: Wann fühlen sich junge Menschen gesehen, getragen und ermutigt, selbst etwas zu bewegen – und wann ausgeschlossen oder machtlos? Ich habe erlebt, wie prägend zweieinhalb Wochen in einer Bildungsakademie sein können, gerade wegen der Begegnungen und gemeinsamen Erfahrungen. Mich interessiert, was in solchen Momenten geschieht, was sie ermöglicht und warum nicht alle jungen Menschen gleichermaßen Zugang zur „sozialen Energie“ haben. Damit möchte ich zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen.
Gab es Momente in deinem Leben, in denen du gezweifelt hast, ob du es schaffen kannst? Was hat dir geholfen?
Natürlich. Wenn man gründet oder forscht und Wege geht, die noch nicht gegangen wurden, steht man oft vor mehr Herausforderungen als Möglichkeiten.
Mir hilft das Schreiben und Beobachten. Darüber finde ich wieder einen Zugang zu mir selbst und zu meiner Neugierde. Manchmal gehe ich in einen Park, schaue mir einen Baum an und versuche, ihn eine Stunde lang bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Oder ich setze mich an eine sehr belebte Kreuzung und beobachte die vielen kleinen Interaktionen zwischen Menschen, aus denen sich das gesamte Geschehen zusammensetzt. Danach bin ich wieder da. Ich stehe wieder mitten in der Welt, während sie mir vorher vielleicht noch entgegenstand.
Jeder Mensch braucht eigene Wege, um sich in herausfordernden Momenten aufzufangen. Durch Schreiben und Beobachten habe ich gelernt, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche besser auszuhalten und Energie daraus zu schöpfen. Ich schöpfe Kraft aus Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Wir sollten jungen Menschen mehr Mut machen, solche Unsicherheiten zuzulassen. Es ist nicht falsch, nicht genau zu wissen, wohin der eigene Weg führt. Wichtig ist, neugierig zu bleiben und mit jedem Schritt dem treu zu bleiben, was einen wirklich bewegt.
Es ist nicht falsch, nicht genau zu wissen, wohin der eigene Weg führt. Wichtig ist, neugierig zu bleiben und mit jedem Schritt dem treu zu bleiben, was einen wirklich bewegt.
Was würdest du jungen Menschen mitgeben, die fragen: Wie kann ich Vertrauen in mir entwickeln?
Mir hat vor allem geholfen, dass ich Menschen um mich hatte, die meine Interessen ernst genommen und mich darin bestärkt haben, ihnen nachzugehen. Schon früh begeisterten mich ganz unterschiedliche Dinge, von den Naturwissenschaften über die Philosophie bis zur Literatur. Das passte nicht immer zusammen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick.
Ich finde, jungen Menschen wird oft vermittelt, dass sie früh wissen müssen, welchen Weg sie gehen wollen. Dabei sind die Erwartungen anderer nicht unbedingt die eigenen. Mir hat es geholfen, Menschen zu finden, die ebenfalls neugierig und noch auf der Suche waren. Gerade die Begegnungen mit begeisterten Menschen, die ganz anders dachten als ich, haben mich fasziniert und bestärkt, meiner Neugier zu folgen, ohne zu wissen, wohin sie mich führt. Und das tue ich bis heute.
Welche Rolle spielten die Hertie-Stiftung und die START-Stiftung für deinen Weg?
Eine enorm wichtige Rolle.
Mit 13 Jahren wurde ich in das Bildungsprogramm der START-Stiftung aufgenommen. Ich war damals noch in der Schule und hatte mich beworben, ohne wirklich zu wissen, was mich erwartet. Plötzlich war ich Teil einer Gemeinschaft junger Menschen mit Migrationsbezug, die ganz unterschiedliche Geschichten, Erfahrungen und Interessen mitbrachten. Viele haben ähnliche Erfahrungen gemacht, auch mit Vorurteilen oder Diskriminierung.
Gleichzeitig waren wir sehr verschieden. Es entstand ein unglaublich offener und toleranter Raum, in dem wir unseren Ideen nachgehen und uns ausprobieren konnten. Ich lernte Menschen kennen, deren Perspektiven mich bis heute prägen, und erlebte, wie viel möglich wird, wenn man einander vertraut und stärkt. Ähnliche Erfahrungen machte ich später auch durch die Studienstiftung des deutschen Volkes.
Durch diese Institutionen habe ich früh verstanden, dass unsere Zukunft in Europa nur eine gemeinsame sein kann und unsere Verschiedenheit eine Stärke ist. Gerade heute, wo Offenheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Gefahr sind, möchte ich für dieses Europa einstehen, das ich früh selbst erfahren durfte.
All diese Erfahrungen prägen meine Forschung und meine Arbeit als Gründer. Dass wir mit Zeitgeist Labs inzwischen mit der Hertie-Stiftung zusammenarbeiten, bedeutet mir persönlich viel. So kann ich selbst Programme stärken, von denen ich als junger Mensch profitieren durfte.
Durch diese Institutionen habe ich früh verstanden, dass unsere Zukunft in Europa nur eine gemeinsame sein kann und unsere Verschiedenheit eine Stärke ist.
Was müsste in fünf Jahren anders sein, damit du sagst: Dafür hat sich meine Arbeit gelohnt?
Wenn durch meine Forschung und unsere Arbeit bei Zeitgeist Labs mehr Menschen gesehen und gehört werden und ihre Erfahrungen und Perspektiven in wichtige Entscheidungen einfließen, wäre das für mich schon sehr viel wert.
Wissenschaftlich möchte ich verstehen, unter welchen Bedingungen Menschen Vertrauen, Zugehörigkeit und Handlungsfähigkeit erleben und welche gesellschaftlichen Hürden ihnen im Weg stehen.
Und als Gründer möchte ich dazu beitragen, dass dieses Wissen auch für Institutionen und die Gesellschaft zugänglich und nutzbar wird.
Gibt es etwas, das du jungen Menschen unbedingt sagen möchtest?
Du bist nicht allein.
Ich glaube, viele Menschen kennen das Gefühl, mit ihren Sorgen, ihrer Begeisterung oder ihren Ideen allein zu sein. Gerade wenn man das Gefühl hat, anders zu sein oder nicht richtig dazuzugehören, beginnt man manchmal, sich zurückzuziehen. Man behält die eigenen Gedanken für sich und verliert vielleicht irgendwann das Vertrauen, dass andere Menschen einen verstehen können.
Ich habe erlebt, wie sehr echte Begegnungen mit anderen Menschen das verändern können. Wie viel Kraft darin steckt.
Ich wünsche jedem jungen Menschen die Erfahrung, dass die eigene Stimme zählt. Dass man nicht wie andere sein muss, um dazuzugehören. Und dass es Menschen gibt, die sich für einen interessieren, gerade weil man die Welt auf seine Weise sieht.
Du kannst deine eigenen Farben in die Welt bringen. Es gibt Menschen, die genau diese Farben sehen wollen!