Valentina Busik
Dr. Valentina Busik will Medizin verständlicher machen – mit KI-Avataren. Die Miss Germany 2025 über ihren Weg mit START, Hertie-Stiftung und ArztAvatar.
Ihr könnt der Main Character sein – aber seid nette Menschen.
Dr. Valentina Busik: Ärztin, Gründerin, Miss Germany
Dr. Valentina Busik: Ärztin, Gründerin, Miss Germany – und der Wunsch „etwas zurückzugeben“
Als Valentina Busik sich 2025 für die Miss Germany-Wahl bewarb, ließ sie ihren eigenen KI-Avatar für sich sprechen. Ein ungewöhnlicher Auftritt, der ziemlich gut zu ihr passt: Die 29-jährige Ärztin will nicht nur Menschen behandeln, sondern sie dabei unterstützen, medizinische Informationen besser zu verstehen. Mit ihrem Startup ArztAvatar entwickelt sie digitale Helfer, die durch Künstliche Intelligenz Patienten-Aufklärung verständlicher werden lassen. Für ihre Idee wurde Valentina 2025 zur Miss Germany gekürt.
Ein Wunsch treibt die angehende Dermatologin allerdings besonders um: die medizinische Versorgung für die Menschen grundlegend zu verbessern. Als kleines Mädchen litt Valentina an einer Nierenerkrankung und brauchte eine lebensrettende Operation. Zunächst erkannten die Ärzte nicht, was ihr fehlte. Ihre Eltern fühlten sich mit ihren Sorgen allein gelassen. Erst ein befreundeter Arzt brachte die notwendige Behandlung auf den Weg. Die Erfahrung prägte Valentinas Berufswunsch. „Seit meiner Kindheit wollte ich Ärztin werden und es besser machen“, sagt sie heute.
Valentina war fünf Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland kam. Die deutsche Sprache musste sie erst lernen. Doch Valentina war stets fleißig und ehrgeizig. In Eisenach gab sie während ihrer Schulzeit drei Jahre lang kostenlos Nachhilfe für Fünftklässler. Ihr Mathematik- und Physiklehrer ermutigte sie schließlich, sich bei der START-Stiftung zu bewerben. Dort lernte sie, wie man Vorträge hält oder wie ein Assessment-Center aussieht. Vor allem aber fand sie einen „Safe Space“, wie sie sagt: „Hier durfte ich dumme Fragen stellen. Ich fühlte mich nicht mehr allein.“ Unter anderen Jugendlichen mit Migrationsgeschichte konnte sie Unsicherheiten ansprechen, Selbstwert und eigene Stärken entdecken.
Auch die Hertie-Stiftung wurde für Valentina zu einem wichtigen Rückhalt. Die Förderung und das Netzwerk bestärkten sie darin, ihren Weg zu gehen. Sie erhielt ein weiteres Stipendium und studierte Medizin an der Universität Gießen, gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes. Aus der eher schüchternen Schülerin wurde eine junge Frau, die sich zunehmend zutraute, eigene Ideen umzusetzen.
Lerne Valentina im Interview kennen:
Valentina, was sollen wir über dich wissen?
Ich bin 29 Jahre alt und arbeite als Ärztin in einer dermatologischen Praxis. Ich möchte Hautärztin werden. Parallel habe ich mit ArztAvatar ein eigenes Startup für verständliche Medizin gegründet. Außerdem bin ich Miss Germany 2025 und Mittelhessen-Botschafterin 2026.
Was hat dich zur Medizin geführt, und was bedeutet es dir, Ärztin zu sein?
Seit ich ein kleines Mädchen war, wollte ich Ärztin werden und es besser machen. Als Kind war ich wegen eines Nierenleidens oft krank, lag im Krankenhaus und brauchte eine Operation. Ich habe die Frustration meiner Eltern mitbekommen, weil es lange dauerte, bis mir jemand helfen konnte. Für mich gab es keine andere Option, als Ärztin zu werden, und ich bin sehr dankbar, dass ich es geschafft habe. Ärztin zu sein bedeutet für mich, Menschen zu verstehen, sie zu sehen und ihnen zu helfen.
Meiner Meinung nach verlassen viele Menschen die Praxis oder Klinik mit mehr Fragen als vorher. Das möchte ich ändern.
Was möchtest du in der Medizin verändern?
Ich möchte die Medizin nahbarer und sicherer gestalten. Alle Patientinnen und Patienten sollen verstehen, was mit ihrem Körper passiert, welche Möglichkeiten sie haben und wie sie selbst etwas verändern können. Meiner Meinung nach verlassen viele Menschen die Praxis oder Klinik mit mehr Fragen als vorher. Das möchte ich ändern und habe ArztAvatar entwickelt. Wir erstellen individuelle KI-Avatare, die in Stimme und Erscheinung der jeweiligen Ärzte und Ärztinnen Aufklärungsvideos für ihre Patientinnen und Patienten vortragen. Dadurch sparen die Mediziner wertvolle Zeit für die Behandlung am Menschen.
Wie ist die Idee zu ArztAvatar entstanden?
Ich saß an der Uniklinik in Gießen und dachte: Ich wollte Ärztin werden und Menschen helfen, aber das, was ich hier gerade mache, ist ein Abarbeiten am Fließband. Die Patientinnen und Patienten sind unzufrieden, weil sie nur 15 Minuten mit mir haben. Das reicht im Normalfall nicht für eine gute und sichere Medizin. Deshalb kam der ArztAvatar ins Spiel. Zusätzlich zum Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt sollen Patientinnen und Patienten jederzeit verständlich aufgeklärt werden können – in ihrer eigenen Muttersprache und ohne Fachbegriffe. Sie sollen Medizin verstehen und nicht aufgrund falscher Informationen oder Missverständnisse eine falsche Entscheidung treffen.
Gleichzeitig ist mein persönliches Ziel, mit meinem Herzensprojekt ArztAvatar etwas zurückzugeben. Ich habe viel von der Gesellschaft bekommen – dank der Medizin. Vor 20 Jahren habe ich nur ihretwegen überlebt.
Du wurdest 2025 zur Miss Germany gewählt. Was bedeutet dir dieser Titel?
Miss Germany ist eine Auszeichnung für mein gesellschaftliches Engagement in der Medizin und dafür, Medizin verständlich zu gestalten. Mit ArztAvatar habe ich den Titel Miss Germany 2025 gewonnen. Miss Germany ist seit 2020 kein Schönheitswettbewerb mehr. Das Aussehen spielt keine Rolle. Es geht um die Person und darum, was eine Frau in der Gesellschaft in Deutschland positiv verändern möchte.
Welche Rolle spielten die Hertie-Stiftung und die START-Stiftung auf deinem Weg?
Ohne die Hertie-Stiftung würde ich heute hier nicht sitzen, glaube ich. Ohne Hertie hätte ich mein zweites Stipendium nicht bekommen und wäre nicht in der Studienstiftung des deutschen Volkes gelandet. Ich hätte mich wahrscheinlich auch nicht getraut, Medizin zu studieren. Ich war schüchtern und fleißig, wusste aber nicht genau: Wie bewerbe ich mich? Was ist wichtig? Das habe ich der Stiftung zu verdanken.
Auch die START-Stiftung hat mir wichtige Türen geöffnet. Mein Mathelehrer, Herr Kleinsteuber aus Eisenach, hatte mich wegen der Bewerbung angesprochen und ermutigt. Er meinte, es sprächen viele Faktoren für mich: mein Migrationshintergrund – ich bin mit fünf Jahren mit meiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland gekommen – gute Noten und soziales Engagement. Wir hatten ein Projekt entwickelt, bei dem ich drei Jahre lang kostenlos Nachhilfe für Fünftklässler gab und die Gruppe leitete. Ich habe das Stipendium dann bekommen, aber ich wollte nicht, dass jemand davon erfährt. Meine Eltern sagten früher: „Erfolg entsteht in der Stille.“ Sie wollten mich vor möglichem Neid schützen. Rückblickend verstehe ich das. Wenn etwas noch nicht in trockenen Tüchern ist, erzähle ich ungern davon. Heute spreche ich aber gern darüber und bin stolz darauf.
Wie hat dich diese Zeit persönlich geprägt?
Ich habe viel gelernt, was ich heute für meine praktische Arbeit nutzen kann: Bei den Bildungsseminaren der START-Stiftung haben wir gelernt, wie man sich bewirbt, wie ein Assessment-Center aussieht und wie man Vorträge hält. Gleichzeitig hatte ich bei START einen Safe Space gefunden, in dem ich dumme Fragen stellen durfte. Ich fühlte mich nicht mehr allein. Es waren andere Jugendliche mit Migrationshintergrund da, und keine Frage war falsch. All die Fragezeichen, die man als Jugendliche hat, konnte ich dort klären – das hatte ich in der Schule nicht.
Die Hertie-Stiftung war für mich ebenfalls ein Safe Space, in dem ich mich entwickeln konnte und Selbstvertrauen geschöpft habe. Daraus ist ein großes Netzwerk entstanden. Bis heute kann ich Kolleginnen und Kollegen ansprechen, wenn ich für den ArztAvatar Unterstützung brauche; sie helfen mir, das Projekt bekannt zu machen.
Ich würde meinem jüngeren Ich raten, die Finger von Social Media zu lassen. Früher hat man sich mit der Klasse verglichen; heute vergleicht man sich mit den reichsten und schönsten Menschen der Welt.
In diesem Jahr hast du den Vize-Vorsitz der START-Stiftung übernommen. Was bedeutet dir diese Aufgabe?
Sie liegt mir sehr am Herzen liegt. Für mich schließt sich damit ein besonderer Kreis: Als ehemalige Stipendiatin übernehme ich nun Verantwortung in einem Gremium, das die START-Stiftung strategisch begleitet. Es ist ein Ehrenamt und für mich eine wunderbare Möglichkeit, Verbundenheit zu zeigen und etwas zurückzugeben, was ich durch START erfahren habe.
Was möchtest du jungen Menschen mitgeben?
Ich würde meinem jüngeren Ich raten, die Finger von Social Media zu lassen. Früher hat man sich mit der Klasse verglichen; heute vergleicht man sich mit den reichsten und schönsten Menschen der Welt. Das kann irritieren und einen auf dem eigenen Weg aus der Bahn werfen. Es ist eine unnötige Ablenkung.
Und: seid nett zueinander! Teilt nicht zu schnell aus, helft einander und fallt nicht in diesen Tunnel- und Ego-Modus. Ihr könnt der Main Character sein – aber seid nette Menschen. Mein Tipp an junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte: Mehrsprachigkeit wird wichtiger und wichtiger, das ist eine sehr große Chance für euch! Bleibt bei euren Werten, lasst euch nicht von eurem Umfeld irritieren und verbringt mehr Zeit mit den Menschen, die euch Energie schenken. Alle, die euch Energie rauben, müssen aus dem Leben verschwinden wie eine unnötige App.
Wie gehst du mit Herausforderungen um?
Erst einmal weine ich. Wenn eine Herausforderung ansteht, werde ich emotional, mache mir zu viele Gedanken und hinterfrage die Leistung, die ich in meinem Leben erbracht habe. Dann wende ich mich meistens an meine Familie, also an meine Eltern und meine zwei jüngeren Brüder. Wenn ich etwas ausgesprochen und von jemand anderem reflektiert bekommen habe, klingt es oft halb so schlimm. Bei Herausforderungen bin ich nie allein unterwegs.
Welche Bedeutung hat deine Familie für dich?
Meine Familie ist der wichtigste Punkt in meinem Leben. Karriere ist schön und gut, aber ich brauche Zeit mit meiner Familie. Irgendwann sind meine Eltern vielleicht nicht mehr da; mit meinen Brüdern kann das Leben ebenfalls Überraschungen bereithalten. Deshalb sollten wir die Zeit mit unseren Lieben und engsten Freunden wertschätzen, nach Hause gehen, statt Überstunden zu machen und den Moment genießen.
Bei START hatte ich einen Safe Space gefunden, in dem ich dumme Fragen stellen durfte. Ich fühlte mich nicht mehr allein.
Was würdest du gern in der Gesellschaft verändern?
Neben meiner Vison von einer nahbareren Medizin wünsche ich mir, dass wir nicht in einem Ellenbogen-Tunnel leben, sondern einander wahrnehmen. Ein Lächeln kostet nichts, Freundlichkeit kostet nichts. Ich hoffe auf mehr Miteinander und Akzeptanz.
Ich wünsche mir für unsere Gesellschaft, dass wir mehr zusammenfinden als gegeneinander arbeiten und dass die politische Entwicklung positiv verläuft – nicht weiter nach rechts. Fuck Nazis! Die sollen sich zusammenreißen, noch einmal zur Schule gehen oder ein Geschichtsbuch öffnen. Vielleicht brauchen die 83 Millionen erst einmal Jürgen Klopp als Kanzler.
Kanzlerin – das wäre ja vielleicht auch ein Job für dich….
(lacht) Ja, aber Jürgen Klopp kann schon mal anfangen. In der Zeit mache ich noch einen Kurs oder was man dafür besuchen muss, und los geht‘s.
Was ist dir für deine persönliche Zukunft wichtig?
Ich möchte nicht mehr so streng mit mir sein und nicht immer gleich das nächste, noch größere Ziel anstreben. Ich möchte sagen können: „Okay, ich bin gut genug. Das, was ich bisher geleistet habe, reicht völlig aus.“ Ich will dankbarer sein und mehr im Moment leben.
Mein Plan ist, die Arbeit zu reduzieren und mich stärker auf die Familie zu konzentrieren. Vielleicht schaffe ich mir irgendwann ein Haustier an – das ist ein Kindheitstraum. Ich möchte nicht so leben, als wäre jetzt nur die Probezeit und das echte Leben würde erst später beginnen.