Interview mit Andrey Manov, Oktober 2026
Es gibt eine europäische Identität, das habe ich bei Jugend debattiert gespürt
Andrey Manov aus Bulgarien wurde dieses Jahr zum Sieger des Europa-Finales von „Jugend debattiert“ gekürt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen im Rahmen des Wettbewerbs, seine Vorbereitung sowie seinen Weg, die deutsche Sprache auf hohem Niveau zu erlernen. Jugendliche aus 16 europäischen Ländern nahmen am Europa-Finale teil, und Andrey erklärt, wie sich die verschiedenen Debattenkulturen voneinander unterscheiden und was die jungen Europäer verbindet.
Herzlichen Glückwunsch! Andrey Manov (17) vom Galabov-Gymnasium im bulgarischen Sofia hat das Europa-Finale von Jugend debattiert im Auswärtigen Amt in Berlin gewonnen. Jugendliche aus 16 europäischen Ländern hatten zuvor in deutscher Sprache und mit viel Faktenwissen um die überzeugendste Position gerungen. Der Wettbewerb wird von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung in Kooperation mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen durchgeführt. Wie sich Andrey auf das Finale vorbereitet hat und warum ihn Deutsch und die Debatte so faszinieren, erzählt er in unserem Interview.
Andrey, wie war das für dich, als im Europasaal des Auswärtigen Amts dein Name als Sieger des Finales fiel?
Ich konnte es überhaupt nicht glauben. Ich war so euphorisch, so ein Gefühl habe ich noch nie erlebt. Als ich meinen Namen dort gehört habe, wollte ich natürlich sofort meine Familie und Freunde anrufen, um ihnen den Sieg bekannt zu geben. Ich war sehr stolz auf mich. Es war ein Moment, den ich nie vergessen werde.
Warst du vor dem Finale nervös?
Ich war sehr nervös. Das hat mich während des gesamten Finales begleitet. Aber ich war auch sehr gespannt auf die Debatte, weil ich mir sicher war, dass es eine wirklich tolle Debatte werden würde. Als wir Finalisten als die vier besten Debattanten ausgewählt wurden, war ich sehr glücklich. Und das Thema war spannend, man konnte sehr emotional argumentieren. Die Streitfrage lautete: „Soll auf Ebene der Europäischen Union eine gemeinsame Armee eingeführt werden?“ Das ist ein Thema, das uns alle in Europa betrifft. Deshalb fand ich es sehr geeignet für diese Runde.
“Soll auf Ebene der Europäischen Union eine gemeinsame Armee eingeführt werden?“ lautete das Thema der Finaldebatte
Zum Finale habt ihr selbst gewählt, ob ihr die Streitfrage mit Pro oder Contra debattieren wollt. Welche Position hast du vertreten und warum?
Bei dem Finale war es so, dass wir uns selbst absprechen sollten, weil wir schon auf einem hohen Niveau sind. In den Runden davor wurde die Position noch per Los entschieden. Persönlich bin ich eigentlich für eine gemeinsame Armee, weil ich die europäische Integration unterstütze. Aber das ist auch meine Perspektive als Bulgare. Für diese Debatte war ich der Ansicht, dass die Kontra-Seite stärker ist und dass es sehr schwierig wäre, eine solche Armee einzuführen. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, die Kontra-Seite zu vertreten.
Die Jugendlichen kamen aus 16 Ländern. Hast du Unterschiede in der Streitkultur bemerkt?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben auf sehr unterschiedliche Weise gelernt, wie man richtig debattiert. Bei Jugend debattiert gibt es zwar eine feste Struktur, aber die Länder setzen sie sehr unterschiedlich um. In Bulgarien führen wir die Debatten meistens nach der festen Jugend-debattiert-Struktur – nach Pro 1 kommt Contra 1 – und weichen nur sehr selten davon ab. Einige Jugendliche aus anderen Ländern wollten sich an diese Form dagegen gar nicht halten, sie wollten mehr Freiheit während der freien Aussprache. Das fand ich spannend, aber es war auch etwas, das ich nicht so oft praktiziert hatte. Ich musste mich an neue Debattierweisen anpassen. Das war interessant, aber auch anstrengend. Auch bei der Emotionalität gab es Unterschiede. Manche waren sehr gefühlsbetont. Aber ich werde beim Debattieren selbst auch sehr emotional und versuche, zumindest emotional zu argumentieren. Deshalb fand ich es schön zu sehen, dass auch andere diese Art des Debattierens angenommen haben.
Blicken wir auf dein Heimatland: Wie lebendig ist die Debattenkultur unter Jugendlichen in Bulgarien und worüber wird dort diskutiert?
In Bulgarien ist die Debattenkultur noch nicht so ausgeprägt, würde ich sagen. Ich habe einige Freunde und Bekannte, die an Debattenclubs teilnehmen, meistens auf Englisch. Auf Bulgarisch führen nur sehr wenige Jugendliche Debatten. Aber als ich bei „Jugend debattiert in Bulgarien“ mitgemacht habe, habe ich gesehen, dass der Wettbewerb auch an deutschen Gymnasien in kleineren Städten zunehmend bekannt wird. Es gibt viele Jugendliche, die daran teilnehmen wollen. Sie finden es interessant, und ich denke, dass das Interesse bei den Schülerinnen und Schülern wächst. Themen, die bei uns diskutiert werden, sind zum Beispiel der Medien-Konsum und KI. Es geht darum, wie diese Entwicklungen Jugendliche beeinflussen. Aber auch politische Themen sind vertreten.
Ein hochpolitisches Thema komplett auf Deutsch zu debattieren, erfordert einen enormen Wortschatz. Wie hast du dich auf das Finale vorbereitet?
Ich kannte das Thema drei Wochen vor dem Finale und habe in dieser Zeit viele Artikel gelesen und im Internet recherchiert. Natürlich habe ich auch ein bisschen Hilfe von der KI bekommen. Außerdem habe ich das Thema mit meinen Eltern, meinen Freunden und mit Lehrern an der Schule besprochen. So konnte ich es aus verschiedenen Perspektiven betrachten und mein Blickfeld ein bisschen erweitern. An meiner Schule gibt es viele Deutsche, und auch mit ihnen habe ich über das Thema gesprochen, weil sie es natürlich auf unterschiedliche Weise sehen.
Warum sprichst du überhaupt so gut Deutsch? Erzähl mal ein bisschen.
Ich lerne Deutsch seit der achten Klasse, jetzt bin ich in der zwölften. Also seit fünf Jahren. Ich besuche eine Deutschprofilschule und mache in diesem Jahr das deutsche Abitur. Ich habe deutsche Lehrer und bin es inzwischen gewohnt, jeden Tag Deutsch zu sprechen. Dadurch habe ich die Sprache sehr gut gelernt. Ich versuche auch jeden Tag, meinen Wortschatz zu erweitern und mein Ausdrucksvermögen zu verbessern. Die Grundlagen habe ich in der achten Klasse bekommen, als wir 20 Unterrichtsstunden Deutsch pro Woche hatten. Danach habe ich mir sehr viel Mühe gegeben, die Sprache weiter zu lernen. Ich hatte aber auch eine starke Motivation, weil ich nächstes Jahr in Deutschland Zahnmedizin studieren möchte. Deshalb wollte ich die Sprache wirklich gut lernen.
Sprechen deine Eltern oder jemand in deiner Familie Deutsch?
Meine Eltern sprechen kein Deutsch und meine Großeltern auch nicht. Es gibt eigentlich niemanden in meiner Familie, mit dem ich Deutsch sprechen kann. Ich habe die Sprache selbst gelernt und spreche Deutsch meistens in der Schule. Zu Hause habe ich diese Möglichkeit leider nicht.
“Es geht dabei ja nicht nur darum, selbst zu sprechen, sondern es geht auch darum zuzuhören. Den anderen und seine Argumente erstmal wahrzunehmen und sich dann eine Meinung zu bilden.”
Du besuchst das Galabov-Gymnasium in Sofia, das seit 30 Jahren eine Deutsche Abteilung hat. Wie kam es dazu, dass du dich für diesen deutschen Schwerpunkt entschieden hast?
Ich habe mich für Deutsch interessiert, weil die Universitäten in Deutschland sehr renommiert sind und das Studium dort sehr gut ist. Für viele Menschen aus Bulgarien ist Deutschland ein beliebtes Land, um Medizin zu studieren. Es bietet meiner Ansicht nach auch viele Möglichkeiten, sich später weiterzuentwickeln.
Das Galabov-Gymnasium ist eine der besten Schulen in Sofia. Das ist mir wichtig. Ich wollte an einer Schule lernen, die mir viele Möglichkeiten bietet und an der ich in einem guten Umfeld mit intelligenten Menschen lernen kann. Deshalb habe ich mich für Deutsch entschieden und auch dafür, später nach Deutschland zu gehen. Den Medizinertest habe ich schon mit einem sehr guten Ergebnis bestanden. Jetzt hoffe ich, dass es nach dem Abi mit dem Studium an der LMU in München klappt.
Du warst schon öfter in Deutschland. Was gefällt dir dort?
Ich war schon sechs oder sieben Mal in Deutschland, meistens in München, weil ich die Stadt besonders schön finde. Zweimal war ich in Köln und Bonn und habe dort unter anderem das Rheinufer und die Schlösser am Rhein besucht. Das fand ich besonders schön. Außerdem war ich einmal in Baden-Württemberg, in Baden-Baden und Heidelberg. Ich hatte auch eine Woche lang einen Austausch in Immenstadt. Das war besonders spannend, weil wir dort im Allgäu und in den Alpen waren. Diese unterschiedlichen Landschaften gefallen mir sehr an Deutschland. Jetzt war ich zum ersten Mal in Berlin, für die Finalwoche. Die Stadt ist natürlich ganz anders als München oder das Allgäu. Aber mir hat gerade diese Verschiedenartigkeit sehr gut gefallen. Es gibt so viele unterschiedliche Menschen, und Berlin hat eine sehr bewegte Geschichte. Das finde ich interessant.
Foto: Dirk Enters / ZfA
Was bringt dir das, was du bei „Jugend debattiert“ gelernt hast, im Schulalltag oder bei Diskussionen am Familientisch?
Ich kann meine Argumente jetzt viel besser und prägnanter ausdrücken. Ich kann andere besser von meiner Ansicht überzeugen und natürlich auch besser streiten. Außerdem kann ich Gespräche überzeugender führen, weil das Debattieren meine Gesprächsfähigkeit weiterentwickelt hat. Und ich habe gelernt, vor einer großen Gruppe zu sprechen. So wie bei dem Finale. Davor hatte ich immer ein bisschen Angst, aber dann habe ich mich daran erinnert, dass es ja einen Grund dafür gibt, weswegen ich vor einem so großen Publikum stehen und debattieren darf. Dadurch wurde es leichter. Für mich ist dieser Schritt eine neue Fähigkeit und Chance. Auch später für meinen Beruf, wenn ich dann vielleicht selbst Workshops oder Seminare vor Menschen gebe. Auch als Zahnmediziner möchte ich das Debattieren unbedingt in meinem Leben beibehalten. Denn es geht dabei ja nicht nur darum, selbst zu sprechen, sondern es geht auch darum zuzuhören. Den anderen und seine Argumente erstmal wahrzunehmen und sich dann eine Meinung zu bilden. Es geht darum, Menschen zu verstehen. All das habe ich durch Jugend debattiert gelernt. Es hat mich und meine Biografie schon jetzt beeinflusst und nach vorn gebracht.
Was rätst du Schülerinnen und Schülern, die Angst davor haben, vor Menschen frei zu sprechen?
Fang klein an. Such dir ein oder zwei Leute, und fang an, denen etwas vorzutragen. Lass dir dann ein ehrliches Feedback geben. Dadurch kann man nur lernen. Bei Jugend debattiert haben wir auch erst in kleinen Gruppen geübt. Es muss nicht gleich vor der ganzen Klasse sein. Mit der Zeit kannst du dann den Kreis der Zuschauer erweitern. Geh in kleinen Schritten deinen Weg immer weiter, lass dich nicht beirren.
Die Hertie-Stiftung fördert das Projekt, um die Demokratiebildung in Europa zu stärken. Was nimmst Du aus dieser Woche mit Jugendlichen aus 16 Ländern mit?
Ich nehme vor allem mit, dass wir in Europa sehr viel mehr gemeinsam haben, als wir oftmals annehmen. Das habe ich gemerkt, als wir in Berlin die Stände der anderen Länder besucht haben, die im Gebäude der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen aufgebaut waren. In Estland zum Beispiel gibt es sehr viele Bräuche und Traditionen, die wir auch in Bulgarien haben. Das wusste ich bisher nicht und musste es zuhause erstmal meinen Freunden erzählen. Es gibt eine europäische Identität, das habe ich in der Woche in Berlin gespürt. Und es ist mir wichtig, dass wir diese europäische Verbundenheit und auch die Demokratie weiter stärken und uns dafür einsetzen. Das gibt mir Hoffnung.
Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung