Gewalt im Netz

Wie verändern soziale Medien Politik und Journalismus? Die designierte Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung Elisabeth Niejahr sprach dazu in Berlin.

Für eine sachliche Debatte

Elisabeth Niejahr, ab 2020 Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung im Bereich „Demokratie stärken“, über soziale Medien und ihren Einfluss auf Politik und Journalismus.

Elisabeth Niejahr, Chefreporterin der Wirtschaftswoche und ab 2020 Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung im Bereich „Demokratie stärken“, sprach auf einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Schwarzkopf Stiftung in Berlin über den Einfluss sozialer Medien auf Politik und Journalismus. 

Es wird geschimpft, beleidigt bis hin zu Morddrohungen – die Menge an Hass-Kommentaren in sozialen Medien wie Twitter oder Facebook wächst rasant. Doch was tun gegen die tägliche Hate-Speech? Und: Wie verändert Gewalt im Netz Politik und Journalismus? Elisabeth Niejahr beobachtet seit über 25 Jahren als Hauptstadtjournalistin das politische Geschehen und diskutierte diese Fragen mit dem Hertie Fellow Sebastian Jannasch, der die Veranstaltung moderierte, und einem engagierten Publikum in Berlin. „Es reicht nicht, Hass-Kommentare nur zu löschen, wir müssen auch eine Debatte über den Ton im Netz führen“, stellte die erfahrene Journalistin schnell klar. Wer sich beispielsweise als Anhänger einer bürgerlichen Partei bezeichnet, müsse sich auch an diesen Werten messen lassen. „Beleidigungen gehören sicherlich nicht zu den bürgerlichen Werten." Welche Möglichkeiten haben Politiker oder auch andere Betroffene, gegen verbale Attacken vorzugehen, war eine Frage, die das Publikum interessierte. Neben einer Strafanzeige sowie dem Melden der Hate-Posts beim Seitenbetreiber sei Humor immer eine gute Art und Weise, um Angreifern zu begegnen, so Elisabeth Niejahr: „Humor entwaffnet.“    

Hass-Kommentare nur zu löschen reicht nicht, wir müssen eine Debatte über den Ton im Netz führen

Auch die starken Emotionen, die in den Netz-Beträgen zu spüren sind, beschäftigten die rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörer. Wie damit umgehen, wenn im Internet jeder überbordend und ungeprüft seine Meinung preisgibt und damit sogar Erfolge für sich verbuchen kann? Ein Herr aus dem Publikum verwies dabei auf den Youtuber Rezo, dessen Video „Die Zerstörung der CDU“ mit 16 Millionen Aufrufen zum erfolgreichsten  Youtube-Clip 2019 in Deutschland avancierte. Das Video, kurz vor der Europawahl veröffentlicht, hatte eine hitzige Debatte über die Klima- und Europapolitik der etablierten Parteien ausgelöst – und den überrumpelten Politikern verdeutlicht, wie einflussreich die private Meinung von Influencern im Netz sein kann. 

Aber sind solche anklagenden Videos das richtige Format, um sich auseinanderzusetzen, war eine weitere Frage der Veranstaltung. „Es ist unbestritten, dass emotionale Videos und Tweets eher honoriert werden als die sachliche Auseinandersetzung mit einem Thema“, so Elisabeth Niejahr.

 Hier sollten die berichtenden Journalisten ihrer großen Verantwortung gerecht werden und die Informationen neutral aufbereiten. Bisher galt für Youtuber, die über das tagespolitische Geschehen berichten und damit Geld verdienen, kein Pressecodex, also die Verpflichtung zur sorgfältigen Recherche und gegebenenfalls Richtigstellung – anders als bei jeder Online-Zeitung. Doch mittlerweile hat auch die Politik ihre Verantwortung erkannt und neue Grundregeln für die digitale Welt entwickelt. Mit dem Entwurf eines Medienstaatsvertrages, der dieser Tage von den Ländern verabschiedet wurde, werden künftig auch Social Media-Plattformen und Streaming-Dienste in das gültige Regelwerk miteinbezogen.   

Elisabeth Niejahr sagte, dass der Journalismus sich in Zeiten des Online-Hasses verändern würde. Es gebe eine starke Gegenbewegung und auch einen Lernprozess im Umgang gegen diese Tendenzen. Menschen solidarisierten sich mit den Betroffenen, und auch der Hauptstadtjournalismus sei in der Regel sehr reflektiert. 

Text: Rena  Beeg   

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Im Arbeitsgebiet „Demokratie stärken“ untersuchen wir die Grundlagen unseres Zusammenhalts, machen sie erlebbar, sorgen für ihre Weiterentwicklung und verteidigen sie gegen radikale Gegner. Um dieses Ziel zu erreichen, engagieren wir uns und fördern Institutionen oder Personen, die auf beispielhafte Weise unsere Demokratie stärken. Unsere Handlungsfelder hierfür sind Bildung, Integration und eine aktive Zivilgesellschaft.

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