Aus der Reihe tanzen

Im Interview mit Sybille Gutsch vom Tanzensemble PANGEA.unique dance e.V.:  Von starken Frauen, die sich zusammentun, um zu tanzen - trotz der Diagnose MS.

"Das Tanzen hat mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein enorm gestärkt"

Liebe Frau Gutsch, Sie sind Teil von PANGEA.unique dance e.V. Dieses Tanzensemble richtet sich speziell an Frauen , die an Multiple Sklerose erkrankt sind. Wie kamen Sie zu dem Tanzprojekt? 

Am Anfang war ich in einer Selbsthilfegruppe. Während eines Treffens kam eine Tanztrainerin mit einem Anliegen in die Gruppe. Da es bereits viele Rollitanzgruppen gab, hatte sie die Idee, ein besonderes Projekt ins Leben zu rufen. Sie suchte Frauen mit MS, die gehfähig waren und Interesse am Tanz hatten. Ich erinnerte mich für einen kurzen Moment an die Amtsärztin, die mir nach einem langen Gespräch sagte, dass ich als aktiver Mensch etwas finden werde, das mich ausfüllt. Da der Tanz schon immer meine Leidenschaft war, musste ich nicht lange überlegen und sagte zu. Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Ich bin dankbar für die Chance, seit nunmehr 13 Jahren einem Tanzensemble anzugehören und auch auf der Bühne diese Leidenschaft ausleben zu können.

Wie lief es mit den Tanzprojekten seit Corona?

Die Tanzstudios mussten im März 2020 schließen. Unsere Trainerin bot uns Zoom-Trainings an, was insofern toll war, als dass wir mit unserem Training weitermachen und gleichzeitig eine Künstlerin unterstützen konnten. Anfangs war das eine Herausforderung, alleine im Wohnzimmer, jede für sich. Trotzdem hat unsere Trainerin es geschafft, uns dabei alle miteinander zu verbinden. Für mich war das spannend: Im Studio hatten wir meist eine feste Partnerin und nun per Zufallsgenerator in Break-Out-Rooms immer eine oder mehrere andere Tanzpartnerinnen, auf die wir uns neu einlassen mussten. Im Sommer 2021 stellten wir sogar einen Minifilm, Teil eines größeren Projekts, online.

Wie darf man sich die Tänze vorstellen? Was wollen Sie mit den Tanzprojekten erreichen? 

Unsere Tanzprojekte sind eine Mischung aus Modern Dance, Jazz und Improvisation. Wir trainieren nach dem Motto: Jeder kann tanzen. Denn schon den Kopf, die Hände zur Musik bewegen ist eine Form des Tanzes. Wir arbeiten mit unserem Körper, mit Räumen und Grenzen, Farben und Formen, wir arbeiten an unserer Haltung, Ausdauer, Konzentration und vor allem an unserem Ausdruck. Tanz ist einfach vielfältig. Um uns einem Projekt zu nähern, nehmen wir uns ein Thema und setzen es mit Hilfe unserer Trainer choreografisch um.
 

"Ich glaube, die Menschen spüren unsere Leidenschaft. Und sie sehen unseren Zusammenhalt."

Vier große Projekte zu unterschiedlichen Themen haben wir bereits auf die Bühne gebracht. Wir lieben es, mit dem Publikum zu interagieren und gelegentlich auch zu provozieren. Wir wollen einfach zeigen, dass das Leben so viele Chancen bietet. Und wir wollen Mut machen, ungewöhnliche Wege zu gehen. Auch wenn eine unserer Tänzerinnen jetzt auf den Rollstuhl angewiesen ist, bleibt sie ein wertvolles Mitglied unserer Tanzgruppe. Wir nutzen ihren Rollstuhl auch als Requisite.

Sind Sie vor Auftritten nervös?

Vor jedem Auftritt bin ich total nervös. Ich glaube, jeden Schritt, jeden Einsatz vergessen zu haben. Doch mit dem ersten Ton der Musik verschwindet die Nervosität. Da bin ich einfach präsent. Wir kommen auf die Bühne, machen unser kleines Ritual, nehmen Aufstellung – dann ist die Anspannung weg. Während der Aufführungen passiert immer etwas. Aber wir haben gelernt zu improvisieren. Das wichtigste ist, wir können uns aufeinander verlassen!

Wie sind die Reaktionen auf Ihre Tänze?

Zu Beginn, als nur die Idee stand, war eine gewisse Skepsis da. Wir hörten Meinungen wie: "MS und Tanz, geht doch gar nicht!", "Nicht ordentlich laufen können, aber tanzen, macht euch doch nicht lächerlich!" Aber auch Reaktionen wie: "Wir bewundern euren Mut, freuen uns schon und sind gespannt".

In all den Jahren: Bei unseren vier großen Aufführungen - immer ausverkauft - und den vielen kleinen Auftritten zu verschiedenen sozialen Events bekamen wir nur positive Reaktionen. Wir arbeiten ja mit einem Thema, jeder sieht etwas anderes. Das ist auch für uns sehr spannend. Außerdem glaube ich, die Menschen spüren unsere Leidenschaft, die Lebensfreude, die wir ausstrahlen, die Kraft, die die Menschen berührt. Und sie sehen unseren Zusammenhalt.

 

Hat sich durch das Tanzen Ihre Sicht auf Ihre MS geändert? 

2007 ging es mir ziemlich schlecht. Auch zu Beginn des ersten Projekts war ich noch ganz schön wacklig. Mit jedem Projekt hatten wir eine neue Trainerin, jede mit einer anderen Herangehensweise. Dadurch haben wir sehr viel gelernt. Auch, was wir nicht wollten. Ich habe gelernt, meine Schwindelattacken in den Griff zu bekommen. Ich kann wieder auf einem Bein stehen und mich dabei drehen. Die MS ist einfach meine "bucklige Verwandtschaft", die nun mal da ist. Und die MS muss mit mir erst einmal klar kommen! Das Tanzen hat mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein enorm gestärkt. Wenn ich tanze, kann ich alle Schwierigkeiten ausblenden, ich vergesse sogar oft, dass ich MS habe.

Was wissen viele Menschen nicht über MS, sollten es aber?

Ich habe es oft am eigenen Leib gespürt, wenn Leute gesagt haben: "Du siehst doch fit aus, versteh ich gar nicht, ich sehe gar nichts." Es ist nur so, dass man vieles eben nicht sieht. Wenn ich einen Schub habe, sehe ich schlecht und auch das Hören ist schwierig. Viele Menschen wissen nicht, dass das auch MS ist. Und dass ich mich nicht länger als zwei Stunden konzentrieren kann, sieht eben auch niemand.

Einmal war ich in einer Kunstgalerie. Um mir Zeit zu lassen, bin ich im Rollstuhl dorthin. Denn sonst hätten mich zwei Stunden viel zu sehr angestrengt. Vor einem Bild bin ich aufgestanden, um es näher zu betrachten. Ein Mann meinte zu mir: "Also, entweder Sie sitzen im Rollstuhl oder nicht!" Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich trauen, höflich zu fragen. Ich gehe offen mit der Situation um.

Was ich insbesondere nicht leiden kann, ist Mitleid. Mitgefühl ist okay. Das halten wir auch in unserer Tanzgruppe so. Wir wissen eben, wie es ist und akzeptieren das auch so. Ich kann mich an eine Situation währen des Trainings erinnern, als es einer von uns ganz plötzlich schlecht ging und sie sich hinlegen musste. Da waren wir nicht entsetzt, sondern haben einfach eine Matte für sie ausgerollt, damit sie sich ausruhen konnte, während das Training weiter lief. Das Filmteam, das zufällig bei dem Training dabei war, war total erstaunt, wie locker wir mit so etwas umgehen. Aber das gehört dazu.
 

Was würden Sie sich von Politik und Öffentlichkeit in Bezug auf MS wünschen?

Ein wichtiges Anliegen von uns ist auch, zu ermutigen, "normal" als das Vorhandensein von Unterschieden zu erkennen. Und das nicht nur hinsichtlich MS. Ich finde, in den letzten Jahren gab es viele gute Beiträge zum Thema MS. Der RBB hat z.B. über uns, unsere Arbeit und unsere Auftritte berichtet. Ich würde mir einfach wünschen, dass man uns nicht nur als "krank" abstempelt. Es gibt so viele Facetten und Möglichkeiten, auch als MS-betroffene Menschen einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. UND, es sitzen nicht alle MS-Betroffene im Rollstuhl!

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz?

Think positive! Ich schaue nicht zurück auf das, was ich mal konnte. Ich sage immer: „Schau nach vorn! Es gibt so viel Neues zu entdecken. Du wirst erstaunt sein, wozu du fähig bist.“ Diese Einstellung hilft mir, neue Wege zu finden, aktiv zu bleiben. Das Glas ist für mich immer halbvoll.

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Zunächst ganz einfach: Ich konnte mich nicht von meiner Oma verabschieden, die viel zu jung gestorben ist. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Ich möchte ihr einfach sagen, mir geht es gut und dass ich an sie denke. Naja, wenn ich echt die Chance hätte: Seit meinem 12. Lebensjahr bin ich ein riesiger Fan von Barbra Streisand. Ich habe Massen an CDs und Videos von ihr. Einmal war ich in der Waldbühne auf ihrem Konzert, das werde ich nie vergessen. Ich finde sie faszinierend, auch und gerade, weil sie sich auch politisch positioniert und engagiert.
 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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