Neurologie und Psychiatrie

Die Demenz-Forscherin Prof. Anja Schneider erläutert,  weshalb es so schwierig ist, eine Alzheimer-Therapie zu entwickeln - und was sie von ihren betagten Patientinnen und Patienten gelernt hat.

Ein Fall für Zwei: Erkrankungen im höheren Lebensalter

Wir Menschen werden immer älter, doch mit dem Plus an Lebensjahren steigt auch die Wahrscheinlichkeit, an einer Erkrankung wie der Alzheimer-Demenz oder einem Leiden wie Morbus Parkinson zu erkranken. Diese neurodegenerativen Erkrankungen erfordern für Diagnose und Therapie häufig neurologische und psychiatrische Expertise. Prof. Anja Schneider ist Direktorin der Klinik für Neurodegenerative Erkrankungen und Gerontopsychiatrie am Universitätsklinikum Bonn und dortige Standortsprecherin des Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience. In unserem Interview erläutert die Demenz-Forscherin, warum sie eine enge Zusammenarbeit zwischen den Fachrichtungen für wichtig hält, weshalb es so schwierig ist, eine Alzheimer-Therapie zu entwickeln - und was sie von ihren betagten Patientinnen und Patienten gelernt hat.

Die Gerontopsychiatrie befasst sich mit den psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter, also etwa ab 65 Jahren. Welche sind gemeint?

Dazu gehören vor allem die Demenzerkrankungen und die depressiven Störungen. Aber auch Suchterkrankungen, hier vorrangig die Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten. Zu uns kommen natürlich auch die Patienten und Patientinnen, die mit ihrer Schizophrenie oder einer bipolaren Störung gealtert sind. Häufig sind auch Patienten, die nach einer Operation oder einem Infekt ein Delir erleiden.

Im Klinikum Bonn finden sich Gerontopsychiatrie und die Expertise für neurodegenerative Erkrankungen unter einem Dach. Warum ist die enge Zusammenarbeit so wichtig?

Neurodegenerative Erkrankungen führen häufig zu psychiatrischen und neurologischen Symptomen. Kommt zum Beispiel ein Patient mit kognitiven Einschränkungen, könnte das eine Demenz sein, aber auch eine beginnende depressive Erkrankung, die ebenfalls mit Gedächtnis-Einbußen einhergehen kann. Parkinson-Betroffene haben zum Beispiel häufig psychiatrische Begleitsymptome wie depressive Störungen, die behandelt werden müssen. An dieser Stelle ist eine Zusammenarbeit der Fachdisziplinen Neurologie und Psychiatrie nötig. In Bonn haben wir diese Herausforderung erkannt und die bundesweit einzige interdisziplinäre neurologisch-psychiatrische Klinik gegründet, weil es eben auch klinisch einen gemeinsamen Ansatz geben sollte. Die Patienten brauchen einerseits die neurologische Expertise, wenn es zum Beispiel um die Bewegungsstörungen beim Parkinson geht und andererseits die psychiatrische Expertise, wenn Depressivität oder Impulsivität unter Parkinson-Medikation zu behandeln ist, oder wenn Patienten unter fortschreitender Erkrankung plötzlich Wahnvorstellungen bekommen.  

"Das Problem ist, dass man die Ursache der Alzheimer-Erkrankung noch nicht gut genug verstanden hat. Wir wissen immer noch nicht genau, was das geeignete Therapieziel sein soll, wenn es zu kognitiven Symptomen kommt."

Wie gehen Sie in Bonn konkret vor, wenn ein Patient in die Gedächtnis-Ambulanz kommt?

Unsere Ambulanz wird gemeinsam von Neurologen und Psychiatern der Klinik geführt. Ärztinnen und Ärzte aus beiden Fachrichtungen sind in dem interdisziplinären Team beschäftigt. Diagnostik und Therapie finden somit auf kurzem Wege statt. Das gilt auch für unsere stationären Patienten, die wir somit interdisziplinär betreuen können.

Bekommt der Patient dann eine gemeinsame Therapie oder am Ende zwei, aus jeder Fachabteilung eine?

Wir sind eine Fachabteilung. Die Therapieentscheidung liegt beim jeweiligen Behandler, es gibt keine gemeinsamen Entscheidungen, nur fachspezifischer Beratung.

Sie leiten die Arbeitsgruppe Translationale Demenzfoschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn und forschen auch am Uniklinikum zu Demenz. Woran arbeiten Sie?

Wir interessieren uns für so genannte Biomarker, um eine bessere Diagnostik von neurodegenerativen Erkrankungen zu erreichen. Mit Hilfe der Marker haben wir die Möglichkeit, den Verlauf von Erkrankungen zu messen und zu verfolgen, ob eine Therapie angeschlagen und den Krankheitsverlauf positiv verändert hat. Allerdings braucht es noch neue und bessere Biomarker. Biomarker können auch dazu dienen, Erkenntnisse über die Ursachen von Erkrankungen zu gewinnen oder Erkenntnisse aus Krankheitsmodellen im Patienten zu überprüfen. Auch forschen wir an den zellbiologischen Ursachen von neurodegenerativen Erkrankungen, hier interessieren uns vor allem Alzheimer, Parkinson und die Frontotemporale Demenz, die typischerweise zwischen dem 45. und 60. Lebensjahr auftritt, und durch Veränderungen der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens auffällt. Ein Schwerpunkt unserer Forschung ist die Frage, wie Zellen über sogenannte extrazelluläre Vesikel miteinander kommunizieren, und welche Rolle diese Vesikel bei Erkrankungen des Gehirns spielen.

Warum ist es so schwierig, Alzheimer zu therapieren?

Das Problem ist, dass man die Ursache der Alzheimer-Erkrankung noch nicht gut genug verstanden hat. Wir wissen immer noch nicht genau, was das geeignete Therapieziel sein soll, wenn es zu kognitiven Symptomen kommt. Soll sich die Therapie gegen bestimmte Proteine richten oder eher gegen Entzündungen?  Dazu fehlt uns noch Wissen und es braucht mehr Grundlagenforschung, aber gleichzeitig auch große Patientenkohorten zur Sammlung von Biomaterial und klinischen Daten. Dieser Austausch zwischen Grundlagenforschung und Zugriff auf klinische Daten beziehungsweise Patientendaten ist ja auch etwas, was die Hertie-Stiftung mit dem Network of Excellence in Clinical Neuroscience fördert. Unsere Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die vor einer Karriere als clinical scientist stehen, wissen diese Zusammenarbeit sehr zu schätzen. Allein schon durch die Gelegenheit, mit anderen Fellows zusammenzukommen, die ähnliche Herausforderungen haben.

Was für Herausforderungen sind das?

Es ist nicht einfach, eine wissenschaftliche und klinische Karriere zu kombinieren. Dafür braucht es sehr viel Einsatz und Engagement an Stellen, an denen man schnell scheitern kann. Zum Beispiel, wenn man nicht für das Labor freigestellt wird, oder keine Möglichkeit hat, eine Projektfinanzierung zu bekommen. Deshalb ist es fantastisch, dass es diese Förderung durch das Hertie-Netzwerk gibt.

"Mit zunehmendem Alter müssen wir leider akzeptieren, dass die Gesundheit nachlässt. Ob das die kognitive oder die rein somatische Gesundheit ist."

Haben Sie eigentlich Angst vor dem Alter? Sie sehen täglich, welche Erkrankungen auftreten können.

(lacht) Ich bin jetzt 47 Jahre alt und hoffe, dass wir eine gute Therapie gefunden haben, bevor bei mir eventuell Alzheimer diagnostiziert wird. Es gibt ja auch viele andere Erkrankungen wie Krebs oder kardio-vaskuläre Leiden, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Mit zunehmendem Alter müssen wir leider akzeptieren, dass die Gesundheit nachlässt. Ob das die kognitive oder die rein somatische Gesundheit ist.

Warum haben Sie sich gerade die Demenz als Fachgebiet ausgesucht?

Ich fand den Bereich der Demenzerkrankungen schon immer sehr interessant. Jeder Mensch hat wohl Angst davor, sein Gedächtnis zu verlieren. Eine Symptomatik, die noch mal ganz anders ist, als wenn man im Rollstuhl sitzt und nicht mehr laufen kann. Diesen Ansatz fand ich bereits als Studentin sehr beeindruckend und habe mir dann meine Doktorarbeit auf dem Gebiet ausgesucht. Ich finde generell den Austausch mit älteren Menschen spannend. Sie haben oft einen reichen Erfahrungsschatz, über den sie berichten können. Vor allem, wenn sie mit Rückblick auf ihr Leben erzählen, was ihnen wichtig war und was überhaupt nicht. Daraus kann man viel für die eigene Lebensgestaltung lernen.

Was hat Sie besonders beeindruckt?

Ich finde es immer faszinierend, dass in den Erzählungen von Menschen um die 70 oder 80 Jahre das ehemalige Berufsleben oft völlig in den Hintergrund rückt. Selbst, wenn jemand sehr erfolgreich war, wird das eher am Rande erwähnt. Was im höheren Lebensalter vor allem zählt, ist die Familie, sind die Kinder und sehr gute Freunde. Wertvolle Beziehungen, die man im jungen und mittleren Alter kaum im Fokus hat, wenn man mitten in Beruf und Karriere steckt. Für viele von uns nimmt die Arbeit einen großen Raum ein. Das scheint rückblickend aber überhaupt nicht wichtig zu sein. Im höheren Alter ist es wichtig, Familie oder einen lieben Menschen an der Seite zu haben, der einen zum Arzt begleitet, aufmuntert, tröstet oder die Hand hält. Für mich immer wieder eine sehr wertvolle Erkenntnis.  

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Das Hertie Network

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience mit sechs Standorten in Deutschland und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience fördern und vernetzen exzellente Neurowissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler. Eines der Ziele des Hertie Networks ist es, den Prozess der Translation von Forschungsergebnissen aus dem Labor in die Klinik entscheidend zu beschleunigen und zum Wohle des Patienten voranzutreiben.

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