Bye-bye, Büro?

Politikwissenschaftlerin Anke Hassel über die Auswirkungen von Corona auf unsere Arbeitswelt. 

Katalysator der Arbeitswelt

Prof. Anke Hassel von der Hertie School erklärt im Interview, wie sich die Arbeitswelt in Zukunft verändern wird, ob wir bald alle nur noch Homeoffice machen und was das für unsere Demokratie bedeutet. 

Durch die Corona-Krise haben viele Menschen erfahren, wie sich ihre Arbeitswelt auf einen Schlag verändern kann: Plötzlich sitzt man im Homeoffice, es gibt Kurzarbeit oder der Job steht komplett auf der Kippe. „Dabei ist unsere Arbeitswelt ständig im Wandel, Corona wirkt nur wie ein Beschleuniger“, sagt Anke Hassel, Professorin für Public Policy an der Hertie School. Welche Veränderungen uns noch bevorstehen, was das alles mit der Digitalisierung zu tun hat und ob das Homeoffice eine Dauerlösung sein kann, erläutert die Arbeitsmarkt-Expertin in unserem Interview.       

Sie sind Arbeitsmarkt-Expertin und haben an der Hertie School eine Professur für Public Policy inne. Womit beschäftigen Sie sich in Ihrem Forschungsfeld genau?

Als Soziologin und Politikwissenschaftlerin betreibe ich Politikfeldanalyse und interessiere mich dafür, welche politischen Entscheidungen getroffen werden, um in den Bereichen Arbeitsmarkt und Wohlfahrtsstaat Probleme zu lösen. Dabei forsche ich vergleichend zu Ländern der EU und der OECD. Derzeit arbeite ich an einem Projekt für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zu Fragen der Digitalisierung und der Arbeitsregulierung. Es geht um neue Formen der Regulierung von Arbeit als Antwort auf die Digitalisierung von Arbeit. 

Können Sie schon verraten, welche Veränderungen uns bevorstehen?

Vor fünf Jahren wurde vorhergesagt, dass durch die Digitalisierung viele Arbeitsplätze wegfallen würden. Heute wissen wir, dass dies nicht der Fall ist. Allerneueste Studien gehen sogar von positiven Effekten aus. Digitalisierung gibt Wachstumsimpulse, die neue Beschäftigung mit neuen Berufen schaffen, wie zum Beispiel Social Media Manager. Allerdings beobachten wir, dass es durch den Strukturwandel der Beschäftigung Polarisierungseffekte gibt. Viele Berufe, die man früher in Bezug auf Qualifikation und Entlohnung in der Mitte der Beschäftigungsstruktur angesiedelt hat, schrumpfen in allen Ländern der EU und der OECD. Anderseits gibt es Zuwächse an den Rändern, also bei den Berufen, die entweder am unteren Rand des Arbeitsmarkts angesiedelt sind, also für gering Qualifizierte zu niedrigen Löhnen. Und bei Berufen am oberen Ende des Arbeitsmarktes, also für Hochqualifizierte. Das hat natürlich etwas mit dem Effekt von Automatisierung und Digitalisierung zu tun. 

Welche Berufe aus der Mitte würden wegfallen?

Das klassische „Sekretariat“ zum Beispiel. Dieser Beruf fällt einfach weg, weil weniger an Textverarbeitung durch Sekretariate erfolgt. Stattdessen gibt es zunehmend höher qualifizierte Assistentinnen und Assistenten, die zusätzliche Aufgaben übernehmen. Im Einzelhandel können die Kassiererinnen und Kassierer wegfallen, weil diese Aufgabe künftig durch automatisierte Kassen ersetzt werden kann. Anderseits gilt die Polarisierung auch in Richtung der Höherqualifizierung: Berufstätige in der Alten- und Krankenpflege studieren Pflegemanagement und übernehmen qualifizierte Positionen in Seniorenheimen oder Kliniken. Die große Frage ist nun: Was passiert mit den Leuten, die mittlere Qualifikationen haben? Deutschland ist ein Land, das viel mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit mittleren Qualifikationen hat als andere Länder. In unserem Projekt gehen wir dieser Frage nach. 

Corona beschert Kurzarbeit und Insolvenzen. Wird diese Krise unseren Arbeitsmarkt dauerhaft verändern?

Das können wir noch nicht abschließend beurteilen. Es hängt davon ab, wie sich die Ausbreitung des Virus entwickelt. Wenn wir in ein paar Monaten alle geimpft werden, dann wird der Effekt vielleicht kleiner bleiben. Wenn Corona aber weitergeht, worauf ja einiges hindeutet, wird es längerfristige Effekte geben. Es gibt ja bereits Unternehmen, die angekündigt haben, dass sie einem Großteil ihrer Mitarbeitenden anbieten werden, auch in Zukunft zwei bis drei Tage in der Woche im Homeoffice zu arbeiten. Dafür werden dann natürlich Investitionen notwendig sein. Sobald das Homeoffice zur offiziellen Dauereinrichtung wird, stellen sich Fragen wie: Wer bezahlt eigentlich Schreibtisch und Computer? Wie sieht es mit dem Arbeitsschutz aus? Wenn Unternehmen und Behörden entsprechende Regeln schaffen, wird sich das auf die zukünftige Arbeitspraxis auswirken.

Sind wir Deutschen reif für das Homeoffice? 

Das hängt sowohl von den Unternehmen als auch von der Lebenssituation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab. Deutschland ist ein Land der Pendler, und mancher, der nicht jeden Morgen in den Vorortzug steigen muss, wird sich über das Homeoffice freuen. Andere haben vielleicht nur wenig Platz in der Wohnung und keine Ruhe zuhause. Für sie ist das Homeoffice eine Belastung. Andererseits möchte nicht jedes Unternehmen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten. Eventuell aus Gründen der Datensicherheit, oder weil sie zusätzliche Kosten scheuen. Übrigens gibt es noch viele Berufe hierzulande, in denen Homeoffice ohnehin nicht möglich ist. Etwa die Hälfte der Menschen bei uns hat diese Wahl gar nicht. Nun muss man Regeln finden, die alle Seiten berücksichtigen.

"In der aktuellen Lage ist es wichtig, Schulabgängern einen sicheren Einstieg in Ausbildung und Studium zu ermöglichen"

An welchen Stellschrauben müssen wir jetzt als Gesellschaft drehen, um einen sicheren Arbeitsmarkt zu gewährleisten?

Wenn wir auf den März zurückschauen, sehen wir, dass die Bunderegierung mit dem ersten Schutzschild und dann mit dem Konjunkturpaket sehr umfassend reagiert hat, stärker als viele andere Länder. Von daher bin ich zuversichtlich, dass der Regierung auch im Herbst etwas einfallen wird, um auf eine neue Situation mit hoher Arbeitslosigkeit und vielen sozialen Risiken zu reagieren. Wichtig ist es, den Schulabgängern einen sicheren Einstieg in Ausbildung und Studium zu ermöglichen. Dafür muss die Finanzierung von Ausbildung und Studium nochmals überdacht werden. Zudem ist dies eine gute Gelegenheit für Weiterqualifizierung und Neuorientierung. Für Arbeitnehmer, die jetzt noch in der Kurzarbeit sind und wenig Aussicht auf Rückkehr in ihren Beruf haben, sollten gezielte Angebote gemacht werden. 

Könnten Veränderungen des Arbeitsmarktes in Folge der Corona-Krise Auswirkungen auf unsere Demokratie haben?

Hier lohnt sich ein Blick in die USA. Man sieht dort am Beispiel der Black-Lives-Matter-Bewegung deutlich, dass die Rassenunruhen ihren Ursprung nicht nur in der Polizeigewalt haben, sondern dass es auch einen ökonomischen Hintergrund gibt. In den USA sind vor allem Schwarze von Unsicherheiten wie Arbeitslosigkeit oder einer fehlenden Krankenversicherung betroffen. In Deutschland hängt der gesellschaftliche Friede stark davon ab, wie es mit der Pandemie weitergeht, und wie die Bundesregierung darauf reagiert. Wie viele Unternehmen werden pleite gehen? Wie viele Menschen werden ihren Job verlieren? Da gibt es viele Existenzängste, die eine Situation ins Wanken bringen können. Es muss überprüft werden, ob das erste Konjunkturprogramm funktioniert hat, und welche speziellen Programme noch umgesetzt werden müssen. Das sind wichtige Aufgaben, um den Menschen gerecht zu werden und Spaltung zu verhindern. Auch im Sinne der Demokratie. 

Wie wird sich unser Arbeitsleben künftig noch verändern?

Ein Megatrend der Arbeitswelt ist die Erosion der Hierarchie, die unsere Unternehmen in den letzten hundert Jahren geprägt hat. Bisher kennen wir es so, dass Vorgesetzte Anweisungen geben, die von den Mitarbeitenden umgesetzt werden. Damit verbunden sind Kontrolle, Vertrauen und auch Macht. Durch neue Technologien und das Homeoffice ändert sich die Situation, denn zuhause lassen sich Beschäftigte nicht so leicht kontrollieren, und es tauchen Fragen auf wie: „Arbeitet der Mitarbeiter acht Stunden?“ Oder: „Bin ich noch der Chef, der Ansagen macht – oder sind wir auf Augenhöhe?“ Ich bin sicher, dass sich dieses Machtgefüge verschieben wird. Das Verhältnis muss neu dekliniert werden. Ein weiterer wichtiger Faktor in diesem Prozess ist Diversität. Wir leben nicht mehr in den 1960er Jahren, in denen die Vorgesetzten weiße Männer waren und Frauen die Sekretärinnen. Diversität wird zu einem anderen Rollenverständnis und zu einem anderen Verständnis von Leistung führen. Bisher haben wir uns über lange Arbeitszeiten wie die 40-Stunden-Woche definiert. Wenn aber die Arbeitswelt diverser wird, und mehr Mütter und andere Menschen mit familiären Verpflichtungen in Führungspositionen kommen, gilt diese Leistungsdefinition vielleicht gar nicht mehr, und man muss eine neue entwickeln. Ich glaube, es werden viele Themen in den nächsten Jahren auf den Prüfstand kommen. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.