Der Verlust von Motivation im Profifußball

Es ist das traurige Geständnis eines WM-Helden: Im März überraschte Per Mertesacker im Spiegel-Interview mit einem kritischen Blick auf das Leben als Fußball-Profi: „Irgendwann realisierst du, dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“, sagte Mertesacker, der mit der deutschen Elf 2014 Weltmeister wurde. Ausgepowert, kaputt, antriebslos – wie kommt es, dass ein so erfolgreicher und beliebter Fußballer die Lust an seinem Sport verliert? Prof. Dr. Hans-Peter Thier, Leiter der Abteilung für Kognitive Neurologie am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, erklärt, wie Müdigkeit und Motivation zusammenhängen.

Prof. Thier, Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH), Fotograf: Ingo Rappers

Prof. Thier, was sagen Sie als Neurobiologe zu den Aussagen von Mertesacker?

Ermüdung spielt im Sport eine große Rolle. Wir denken vielleicht vor allem an muskuläre Ermüdung infolge fehlenden „Brennstoffs“: Die Muskeln werden schlapp und schmerzen und am nächsten Tag hat man womöglich Muskelkater. Darüber übersehen wir aber die erhebliche Bedeutung der kognitiven Ermüdung, also des Verlustes an Motivation und Interesse.

Was meinen Sie damit?

Wir führen Bewegungen aus, um Ziele zu erreichen, die uns Nutzen versprechen. Die Bewegung wird mit maximalem Einsatz ausgeführt, wenn das Ziel neu und wichtig ist. Aber Bekanntes und Vertrautes wird schnell langweilig, die Bewegung verliert an Bedeutung und wird nicht mehr mit dem nötigen Einsatz ausgeführt.

Der Fußballer bewegt sein Bein, weil er ein Tor schießen will?

Er bewegt es, um das Tor zu erzielen, aber natürlich auch, um im richtigen Augenblick den genialen Pass zu spielen oder – wie Mertesacker – als Verteidiger den Schuss des Gegners im richtigen Augenblick zu verhindern. All diese Aktionen müssen mit einem Optimum an Präzision erfolgen: Der Ball muss im richtigen Augenblick mit der richtigen Geschwindigkeit gespielt werden, die richtige Richtung nehmen und vielleicht im Falle des Torschusses den Torwart durch eine unerwartete Flugbahn überraschen. Der gute Fußballspieler wird alle Ressourcen mobilisieren, um diese Ziele zu erreichen. Sowohl Sieg als auch Niederlage verändern besonders in wichtigen Spielen die Motivationslage mit Blick auf zukünftige Spiele. Der Gewinner dürfte vermutlich ein Stück weit den „Appetit“ verlieren und seine Bewegungen beim nächsten Mal möglicherweise mit weniger Einsatz kontrollieren. Tore zu schießen wird weniger wichtig, die Präzision und Intensität der Bewegung lassen nach.

Die meisten von uns schießen im täglichen Leben nicht unbedingt Tore.

Es geht gar nicht um das Tore schießen. Der Fall Mertesacker beschreibt ein generelles Problem bei allem, was Menschen machen. Wir schauen uns unter Laborbedingungen relativ simple Bewegungen an und sehen, dass sie durch ein überraschend großes Maß an Variabilität gekennzeichnet sind. Man bewegt sich mal ein bisschen schneller, mal ein bisschen langsamer, obwohl es optimal wäre, sich immer mit maximaler Geschwindigkeit auf das Ziel hin zu bewegen. Diese Variabilität bei der Geschwindigkeit kommt daher, dass wir den Nutzen der Bewegung jedes Mal aufs Neue kalkulieren: Lohnt es sich, so viel Energie zu investieren? Ist das Ziel wirklich noch so wichtig? Vielleicht erreiche ich es ja trotzdem noch, auch wenn ich mich nicht mehr so sehr bemühe? Die Konsequenz ist, dass die Bewegung unter Umständen etwas langsamer ausgeführt wird. Man investiert etwas weniger in der Hoffnung, das Ziel trotzdem zu erreichen.

Also will der Mensch bei allen Bewegungen möglichst wenig investieren, um möglichst viel zu erreichen?

Ja, da gilt das ökonomische Prinzip. Wir müssen mit dem, was uns zur Verfügung steht, haushalten. Wenn wir ständig unter Volldampf stünden, wären unsere Energieressourcen rasch erschöpft. Das gilt vielleicht nicht in unserer modernen Welt, wo man Energie im Überfluss bekommen kann. Aber unter ursprünglichen Bedingungen war es nötig hauszuhalten. Deswegen wird als Ergebnis eines evolutionsbiologischen Optimierungsprozesses jede Bewegung neu bewertet.

Wie lange braucht man dafür?

Es findet ein ständiges Abwägen statt: Was ist der Nutzen der Bewegung, wie wertvoll ist das Ziel? Wie viel Energie sollte ich investieren? Wenn ich einmal mein Bewegungsziel erreicht habe – also beispielsweise ein Tor geschossen habe – lässt die Motivation nach. Der Aufwand, mit dem man die Bewegung ausführt, wird in den folgenden Minuten nachlassen. Das Abwägen, wie viel ich investiere, erfolgt unbewusst. Letztlich reicht die Zeit gar nicht, sich die nötigen Abwägungsprozesse bewusst zu machen.

Die deutsche Nationalmannschaft bei einem Freundschaftsspiel gegen Österreich 2018, Photo by Granada [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Man investiert weniger in der Hoffnung, das Ziel trotzdem zu erreichen.

Hat ein Stürmer ein Tor geschossen, sieht man ihn also danach vielleicht für eine Weile nur noch am Rande des Spielgeschehens.

Genau, im Fußball ist gut zu erkennen, welch ungemeine Bedeutung die Motivation hat: Soll man nicht nur das Standardrepertoire abrufen, sondern ist man bereit, noch etwas obendrauf zu legen? Dafür muss man den unbedingten Willen haben zu gewinnen. Ein typisches Beispiel sind Teams, die immer wieder Titel errungen haben und dann irgendwann übersättigt sind, weil das für die Spieler nicht mehr die Attraktivität hat, jetzt noch den 20. Deutschen Meistertitel zu holen.

Was passiert in diesen Momenten im Hirn?

Der wesentliche Botenstoff für die Motivation ist das Dopamin – das übrigens Parkinson-Patienten fehlt. Sie sind in ihrer Beweglichkeit eingemauert, erscheinen steif, sind kleinschrittig und haben keine satte Mimik, weil ihnen das Motivationssignal fehlt, das Bewegungen antreibt. Gerade junge Leute haben dagegen ein funktionierendes, dopaminerges System. Von den beteiligten Hirnstrukturen wird so viel Dopamin zur Verfügung gestellt, wie benötigt wird, um die Bewegung so zu bemessen, dass sie unter den gegebenen Randbedingungen optimal ist.

Gilt das auch für unser tägliches Leben?

Ja, jede Bewegung nimmt Einfluss auf unsere Motivation, weil jede Bewegung automatisch dazu führt, dass sich die Bedeutung des Ziels verändert – und damit eben auch die Motivation. Die Folge ist, dass Bewegungen eben nicht maschinenhaft mit gleichbleibender Höchstgeschwindigkeit und Präzision vonstattengehen. Bei allem, was wir tun, versuchen wir, eine optimale Balance zwischen Nutzen und Aufwand zu erreichen. Eigentlich ist uns allen dieses Optimierungsprinzip bei der Wahl von Verkehrsmitteln bekannt. Wie viel darf die Fahrt kosten? Wie schnell möchte ich am Ziel sein? Und wie wichtig ist die Verlässlichkeit der Ankunftszeit?

Wie schafft man es denn, die Motivation beizubehalten?

Die Motivation wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, inneren wie äußeren. Wenn man beispielsweise eine Person trifft, sei es im Beruf oder privat, die lebt, was sie sagt, dann kann man sich für diesen Menschen begeistern und das spielt für den Erfolg eine ganz entscheidende Rolle. In manchen Unternehmen gibt es immer noch hierarchische Führungsstrukturen, in denen kein Widerspruch geduldet wird und es keine Diskussionskultur gibt. Das ist in der Regel nicht besonders motivationsfördernd.

Wenn wir zum Fußball zurückgehen: Muss ein Trainer seine Mannschaft denn nicht hierarchisch führen?

Hierarchien sind an sich nichts Schlechtes, wenn die Mitarbeiter oder in diesem Fall die Spieler durch das Rollenmodell überzeugt werden. Vorgesetzte, die zeigen, dass sie ihrer Aufgabe gerecht werden und etwas anbieten können, wovon das Team profitiert – das ist das A und O, um andere mitzureißen. Ein Vorbild ist unendlich wichtig, es aktiviert, beflügelt die motivationalen Systeme der Beteiligten und sorgt dafür, dass man mitgerissen wird, dass man bereit ist, alles zu geben.

Wer ist für Sie so ein Trainer?

Ein gutes Beispiel ist Jürgen Klopp, der seine Spieler beim FC Liverpool zu Höchstleistungen anspornt. Der Trainer weckt die Begeisterung, das Allerletzte zu geben, alles in die Bewegung reinzulegen, was möglich ist. Natürlich auch unter Umständen mit dem Ergebnis, dass irgendwann überhaupt nichts mehr geht, dass man ausgebrannt ist. Deswegen war es sicher auch ein kluger Schachzug von Bundestrainer Jogi Löw, beim Confederations Cup letztes Jahr in Russland auf viele junge Spieler zu setzen, die noch nicht die Erfahrung des Titelgewinnes gemacht hatten, also von daher nicht Gefahr liefen, saturiert zu sein.

Wie sehen Sie die Auswahl der Spieler, die Jogi Löw jetzt mit zur WM nach Russland nimmt?

Er hat eine gute Mischung gefunden zwischen erfahrenen Profis, die als Vorbilder fungieren können, und hungrigen jungen Spielern. Das Entscheidende ist dabei nicht das Alter, sondern die Erfahrung, das Ausmaß an Zufriedenheit und auf der anderen Seite die Gier, etwas erreichen zu wollen.

Das Entscheidende ist dabei nicht das Alter, sondern die Gier, etwas erreichen zu wollen.

Was zeichnet gute Trainer sonst noch aus?

Herausragende Trainer sind in der Lage, aus jedem Spieler das Maximum herauszuholen und jeden mitzunehmen. Das macht Jürgen Klopp beim FC Liverpool und das hat er schon bei Borussia Dortmund gezeigt, wo er mit einem sicher nicht optimalen „Spieler-Material“ ein Ausmaß an Leistung erreicht hat, das niemand hätte erwarten können. Einige Spieler sind dann ja auch so attraktiv geworden, dass sie zu anderen Vereinen verkauft wurden. Doch die wenigsten haben dort dann ihr Leistungsniveau halten können – weil sie unter anderen Trainern, die über diese besondere Ansprache nicht verfügten, auf ihr Normalmaß geschrumpft sind.

Ein Trainer ist also dann gut, wenn er auf jeden seiner Spieler einzeln eingeht und weiß, wer welche Stimulation braucht, um das Dopamin freizusetzen?

Was den guten Trainer ausmacht, ist das Verständnis für die Individualität, die besonderen Bedürfnisse der Spieler, mit denen er zusammenarbeitet. Ein Trainer muss ein Gefühl dafür entwickeln, wie er welchen Spieler anzupacken hat.

Wie motivieren Sie sich?

Ich habe in der Wissenschaft immer wieder die Möglichkeit, etwas Neues zu entdecken, etwas sehen und erleben zu können, was vielleicht noch niemand vor mir verstanden und gesehen hat. Das ist es, was mich antreibt, was mir immer wieder Freude bereitet.

Sie sind Neurobiologe und Fußballfan. Was interessiert Sie am Fußball?

Fußball finde ich deshalb so spannend, weil ich hier alle Facetten dessen sehe, wofür sich ein Hirnforscher, ein Kognitionsforscher begeistern kann: Es geht um Motivation, Bewegungskontrolle und -koordination, Aufmerksamkeit und Entscheidungsprozesse, um Prinzipien der Biomechanik und um die Frage, wie unser Gehirn mit all dem fertig werden kann.

Spielen sie selbst?

Ich war nie ein guter, aktiver Fußballspieler. Ich bin der passive Zuschauer, der von der Vielschichtigkeit des Fußballgeschehens begeistert ist: Wie komplex eine Mannschaft interagiert, wie die Psychologie das Spiel bestimmt und welche neurowissenschaftlichen Aspekte beim Fußball eine Rolle spielen. Das finde ich eigentlich immer faszinierender.

Zum Schluss die alles entscheidende Frage: Wer wird Fußballweltmeister?

Ich habe das Spiel der Spanier gegen die deutsche Nationalmannschaft gesehen und war beeindruckt von der Qualität der Spanier. Ich kann mir vorstellen, dass sie gute Chancen haben, es einmal mehr zu schaffen. Und es gibt genügend junge Spieler mit ausreichender Motivation. Dagegen dürfte die Motivationslage der Brasilianer vermutlich besonders gut entwickelt sein: Nach dem Desaster der 7:1-Niederlage gegen die deutsche Mannschaft vor vier Jahren vor heimischem Publikum ist man natürlich gierig, diese Scharte auszuwetzen. Aber ich glaube, dass auch die deutsche Mannschaft ungeachtet der doch sehr bescheidenen Vorbereitungsspiele nicht ganz ohne Chancen in das Turnier geht. Ich sage das jetzt nicht etwa aus einer „patriotischen“ Haltung heraus, sondern denke, dass die Mannschaft gut zusammengesetzt ist und über viele Einzelkönner verfügt. Und der Bundestrainer besitzt aus meiner Sicht genug Erfahrung, aus der Mischung erfahrener und junger Spieler eine geschlossene und hochmotivierte Mannschaft zu schaffen. Aber es gilt auch bei dieser Weltmeisterschaft einmal mehr: Im Fußball ist nichts sicher, nicht einmal mehr, dass ein Spiel nur 90 Minuten dauert.


Zur Person

Prof. Dr. Hans-Peter Thier (65) leitet die Abteilung für Kognitive Neurologie am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, in dem Grundlagenforschung zur Funktionsweise des Gehirns im Mittelpunkt steht, um mit diesen Erkenntnissen die komplexen Folgen von Hirnerkrankungen besser zu verstehen. Dabei werden unter anderem Prozesse der Raumwahrnehmung und der räumlichen Orientierung untersucht, die Steuerung de Aufmerksamkeit beleuchtet sowie Hintergründe zum motorischen Lernen und zu sozialer Interaktion erarbeitet.

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