Das Gehirn wieder flottmachen

Der Neurowissenschaftler und Bestseller-Autor Dr. Henning Beck über "Pandemie-Verdummung", was wir dagegen tun müssen und wie wir die Wissenschaft wieder an den Menschen heranführen können. 

„Wissenschaft ist für Menschen gemacht und soll sie erreichen“

Dr. Henning Beck ist Neurowissenschaftler, Bestseller-Autor und ehemaliger Hertie-Promotionsstipendiat an der Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience in Tübingen. Er gewann 2012 die Deutsche Meisterschaft im Science Slam und hält heute Vorträge über das Gehirn. Wie es zu der Bühnenkarriere kam, warum wir uns in Corona-Zeiten vor dem „Brain-Fog“ in Acht nehmen sollten, und wie das Gehirn kreative Ideen „anlocken“ kann, erklärt der 37-Jährige in unserem Interview. 

Herr Dr. Beck, Sie warnen vor einer „Pandemie-Verdummung“, ausgelöst durch den „Brain-Fog“, der unser Gehirn müder und langsamer macht. Bitte klären Sie uns auf!

Der „Brain-Fog“, also die Vernebelung des Gehirns, entsteht durch dauerhafte Unterforderung. Also genau das, was viele von uns gerade erleben. Wer nur zuhause sitzt, alle Kontakte minimiert und keine Ablenkung mehr hat, wie zum Beispiel einen Kinobesuch oder das Treffen mit Freunden, wird mit der Zeit dümmer. Das Gehirn ist einfach nicht darauf ausgelegt, allein vor dem Bildschirm im Homeoffice zu hocken und gelegentlich zu chatten. Es braucht Action und Abwechslung, um fit zu bleiben. Leider haben sich seit über einem Jahr unsere Routinen geändert und reale Kontakte lassen sich kaum ersetzen. Das bleibt nicht unbemerkt: Viele Menschen werden mit der Zeit vergesslicher, langsamer und unkonzentrierter. 

"Ein wichtiger Tipp ist, dem Tag Struktur zu geben, sich also feste Zeiten zu setzen, an denen die Mahlzeiten eingenommen werden oder gearbeitet wird." 

Was lässt sich dagegen tun?

Ein wichtiger Tipp ist, dem Tag Struktur zu geben, sich also feste Zeiten zu setzen, an denen die Mahlzeiten eingenommen werden oder gearbeitet wird. Auch Pausen oder Zeit für Sport oder Spaziergang brauchen ihren festen Platz. Zweitens: Telefonieren Sie oder machen Sie Videocalls, statt nur zu mailen oder zu texten. Je lebendiger, umso besser. Der dritte Tipp ist, Sport zu treiben, dadurch aktivieren Sie Hirnareale, die vom fokussierten Denken etwas wegkommen. Und dann sollte man Spiele spielen, das ist ganz wichtig. Es können auch Computerspiele sein, aber noch besser ist es natürlich, gegen andere Menschen zu spielen. Spiele fördern das Pingpong zwischen „Ich muss etwas verstehen“ und „Ich muss eine Handlung erfinden und reagieren“; das ist echte Bereicherung für das Gehirn. Als weiteren Tipp empfehle ich das Bücherlesen, um in einer gewissen Langsamkeit tief in ein Thema einzutauchen und sich damit zu beschäftigen. Das trainiert die Art unseres Denkens anders, als wenn ich nur durch Nachrichtenseiten scrolle oder TV schaue. 

Sie sind Neurowissenschaftler, Autor und bieten Hirnforschung populärwissenschaftlich dar. Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?

Ich mache meinen Job jeden Tag zum ersten Mal! Bei mir gibt es keinen festen Arbeitsalltag. Ich tummle mich eher an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, deren Anwendung im Alltag und unterhaltsamer, verständlicher Wissenschafts-Vermittlung, sei es durch Vorträge, Videos, Bücher, Interviews oder Kolumnen in Zeitschriften. Vor der Corona-Zeit hatte ich an der Uni Frankfurt auch ein kleines Projekt zum Thema Lernen, aber das liegt jetzt erstmal auf Eis. Auf jeden Fall nehme ich jede Gelegenheit wahr, um den Kontakt zur Neurowissenschaft zu halten und mein Wissen unter die Leute zu bringen. 

Sie haben 2012 ein Promotions-Stipendium der Hertie-Stiftung bekommen und als Biochemiker am Hertie-Institut für Hirnforschung (HIH) geforscht. Warum hat es Sie auf die Bühne verschlagen, anstatt eine Wissenschaftler-Karriere anzustreben?

Ich habe festgestellt, dass ich meine Begeisterung für das Thema Neurowissenschaft besonders gut ausleben kann, wenn ich es anderen Menschen vermitteln darf. Schon während meiner Doktorarbeit habe ich mich bemüht, Präsentationen knackig und im Sinne von Storytelling aufzubauen. Letztlich wurde mir diese Arbeit immer wichtiger, denn ich habe gemerkt, dass ich einen viel größeren Effekt auf die Menschen ausüben kann, wenn ich direkt auf sie zugehe und ihnen etwas erzähle. Bis heute macht es mir am meisten Spaß und ist das größte Kompliment für mich, wenn ich einen Vortrag halte und in den Gesichtern der Menschen im Publikum erkenne, dass sie etwa Neues gelernt haben, und dann auch noch auf unterhaltsame Weise. Dieser Augenblick ist der größte Gewinn - für das Publikum, die Wissenschaft und für mich natürlich auch. Genau diesen Job liebe ich. 

Wie erklärt man Neurowissenschaften so, dass sie jeder versteht? 

Ich finde es nicht so schwer. Jeder hat ja sein Gehirn dabei, und das funktioniert in der Regel ganz gut. Deshalb hat man auch immer konkrete Anknüpfungspunkt zu dem, was im Gehirn passiert. Natürlich lässt sich sehr fachlich und detailliert erklären, welches Areal im Gehirn eine Rolle spielt, aber für die Leute ist es immer spannender, wenn man Sachverhalte an praktischen Beispielen oder Bildern verdeutlicht. Das ist in der Wissensvermittlung generell ein wichtiges Prinzip. Man kann zum Beispiel sehr schön erklären, was im Gehirn passiert, wenn Leute Dinge vergessen, sobald sie durch einen Türrahmen in einen neuen Raum gehen…

"Wenn wir die Menschen nicht mit ins Boot holen, entfremden sie sich von der Wissenschaft, das darf nicht passieren."

Kenne ich! Ich gehe in den Keller, um Kartoffeln zu holen, und unten muss ich erst mal überlegen, was ich da eigentlich wollte…

Genau! Diesen Effekt so zu erklären, dass Sie auch etwas davon haben, darauf kommt es mir an. Wissenschaft ist dafür gemacht, dass Menschen am wissenschaftlichen Fortschritt teilhaben. Gerade in Pandemiezeiten erleben wir, wie wichtig es ist, die Bevölkerung bei Erkenntnisprozessen mitzunehmen. Die Wissenschaft ist dafür da, die Welt ein bisschen besser zu verstehen. Wenn wir die Menschen nicht mit ins Boot holen, entfremden sie sich von der Wissenschaft, das darf nicht passieren.

Aber warum erklären Wissenschaftler dann häufig so kompliziert oder sogar langweilig?

Das liegt ein bisschen an der deutschsprachigen Mentalität. Die Angelsachen haben einen ganz anderen Bezug zur Wissenschaft, in den USA oder Kanada auch. Dort ist es schon in der Ausbildung extrem wichtig, Dinge verständlich, nahbar und in Beispielen und Bildern erklären zu können. Das ist in der deutschen Wissenschafts-Ausbildung nicht unbedingt der Fall, aber es ändert sich gerade. Ich hatte in Tübingen und Ulm zu Glück sehr gute Dozenten, die jedes Thema sehr anschaulich erklären konnten. 

Nochmal zurück: Was ist denn nun die Lösung des Keller-Vergesslichkeits-Phänomens? 

Warum Sie die Kartoffeln vergessen? Also: Der Raum und das Umfeld beeinflussen die Art, wie wir denken. Wir nehmen die Dinge anders wahr, wenn wir in einem anderen Raum sind. Auch die Sinneseindrücke können sich verschieben, weil die Räumlichkeit immer elementarer Bestandteil des Gedächtnisses ist. Sobald Sie also über die Treppe den Keller betreten, kann es dazu führen, dass sich Aufmerksamkeit und Fokus verschieben. Es geht nicht mehr um die Kartoffeln, sondern plötzlich steht da unten vielleicht eine leere Kiste Wasser, die entsorgt werden müsste. Blitzschnell wird in dem neuen Raum etwas anderes wichtig - und schon geraten die Kartoffeln in Vergessenheit. Die Lösung des Problems? Es gibt keine Lösung. Manche Leute sagen, man müsse nochmal in den ersten Raum zurückgehen, um sich zu erinnern, aber Studien bestätigen das nicht. Der kritische Übergang ist der Türrahmen, der Wechsel von einem Raum in den nächsten, dort sollte man in einem ganz bewussten Zustand sein, ansonsten ist das Wissen verloren.    

Wie kann ich mein Gehirn dazu bringen, auf neue Ideen zu kommen? Gibt es einen Trick?

Nein, da gibt es leider keinen Knopf, denn das Wesen der Kreativität ist, dass sie unvorhersehbar ist. Man kann eine Idee also nicht erzeugen, aber man kann sie anlocken. Dafür muss man sich ein Umfeld schaffen, in dem das besonders leicht gelingt. Einige Parameter gibt es: Man weiß, dass Menschen besonders kreativ sind, wenn sie viele andere Meinungen um sich herum erleben. Studien zeigen, je abwechslungsreicher das Umfeld oder unterschiedlicher der Freundeskreis ist, umso kreativer wird man selbst. Einen ähnlichen Effekt haben Reisen oder ein Ortswechsel. Sie führen dazu, dass das gleiche Problem, das man zuhause hat, in einem anderen Umfeld neu bewertet wird. So ähnlich wie der Türrahmen-Effekt, nur anders herum. In der Regel entstehen gute Ideen dann, wenn man allein ist, also Ruhe hat und einen Schritt zurücktreten kann, sozusagen auf die Metaebene eines Problems, das man lösen möchte. Dabei helfen Tätigkeiten, die eher gleichförmig sind, wie Ausdauersport, aber auch Stricken, Bügeln oder Malen. 

Was passiert im Hirn bei diesen Tätigkeiten?

Es werden genau die Regionen aktiviert, die eine „Was-wäre-wenn?“-Frage stellen. Dadurch gelingt es uns eher, einem Thema oder Problem mit Abstand zu begegnen und darüber nachzudenken, als wenn wir mittendrin stecken. So können Ideen leichter entstehen. Diese Phasen brauche wir unbedingt. Wenn wir sie nicht haben, und nur von morgens bis abends Mails abarbeiten, bleiben wir einfallslos. Ich kenne Milliardäre aus dem Tech-Business, die sich jede Woche ein bis zwei Mal ganz bewusst Thinking-Time im Kalender einplanen. Oder sie haben ein Hobby, das ihnen den Ausgleich verschafft. Ich weiß von keinem cleveren Typen, der nicht ein Hobby hat, oder Phasen, in denen er nicht erreichbar ist, um ungestört nachdenken zu können. Darum sollte sich jeder bewusst kümmern, denn wir leben in einer Welt, in der genau diese Zeiten wegoptimiert werden. Es ist also kein Wunder, dass es Menschen immer schwerer fällt, komplexe Sachverhalte zu erkennen, oder auf neue Ideen zu kommen. Die Leute überfrachten ihr Gehirn permanent. Am Ende entstehen Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Konzentrationsverlust. Dabei sind Pausen unerlässlich. Das ist wie im Sport: Ich verbessere mich nicht durch das Training, sondern durch die Regeneration, danach. Erst wenn das Gehirn Informationen gewichten, einordnen und mit bestehenden Inhalten verknüpfen kann, kann etwas substantiell Neues daraus hervorgehen. Das nennen wir dann einen neuen Gedanken oder eine neue Idee. 

Da ich für erste keine Fragen mehr habe, könnte ich jetzt auch eine Pause gebrauchen…

Tun Sie das, das ist schon mal eine sehr gute Idee! Ich mache jetzt auch Pause. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

Gehirn erforschen

Die Hertie-Stiftung stellt in ihrem Arbeitsgebiet „Gehirn erforschen“ die Funktionsweise des Gehirns und die Bekämpfung seiner Erkrankungen in den Mittelpunkt. Schwerpunkte bilden die Förderung klinischer Hirnforschung und Projekte im Bereich der Grundlagenforschung sowie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Darüber hinaus unterstützen wir neurowissenschaftliche Initiativen für innovative Forschungs-, Bildungs- und Kommunikationsformate.

Mehr Informationen