„Begeisterung und Faszination weitergeben“

In Münster gibt es eine besondere Zusammenarbeit zwischen dem Projekt „Wir sind Hirnforscher!“ und dem „Otto Creutzfeldt Center“ der Universität Münster. Promovierende dieses interdisziplinären Forschungszentrums für Neurowissenschaften besuchen ehrenamtlich Grundschulklassen, die mit den Materialboxen von „Wir sind Hirnforscher!“ das Gehirn erforscht haben.  Wir haben mit den beiden Doktoranden Jennifer Pomp und Malte Scherff über ihre Erfahrungen mit den Grundschulkindern und dem kleinen Roboter Herr Tie gesprochen.




Wie funktioniert eigentlich das Träumen?




HERTIE-STIFTUNG: Wie muss man sich einen Besuch von Herrn Tie und Ihnen in einer Grundschule vorstellen?

JENNIFER POMP: Die Unterrichtsreihe „Wir sind Hirnforscher“ umfasst mehrere Unterrichtsstunden, der kleine Roboter Herr Tie besucht die Klasse in einer der letzten Stunden. Mit seiner Hilfe lernen die Schüler, welche Bereiche des Gehirns für das Sehen, Hören und Tasten zuständig sind und was passiert, wenn einer dieser Bereiche nicht richtig funktioniert. Dafür baut die Klasse meist eine kleine Arena, durch die Herr Tie für alle gut sichtbar fährt. Er reagiert auf Kommandos und weicht Hindernissen aus. Dabei sehen die Schüler Herrn Ties Gehirn leuchten. Die spezifischen Gehirngebiete sind farbig gekennzeichnet und haben einen Knopf, um sie selektiv auszuschalten. Das machen die Schüler dann und beobachten, wie Herr Tie sich verhält, wenn er nicht mehr sehen, hören oder tasten kann. Wir, als Experten, kommen in der letzten Unterrichtseinheit in die Klasse. Alle Fragen, die während der Unterrichtsreihe gesammelt wurden, können die Schüler dann an uns loswerden.

MALTE SCHERFF: Wir haben uns bei unserem Besuch dafür entschieden, direkt mit diesen Fragen zu beginnen, da es im Laufe des Projektes wohl bereits hitzige Diskussionen zu manchen Fragen gegeben hat, deren Klärung bei den Schülern Priorität hätte. Zum Abschluss präsentieren wir dann noch unsere eigene Forschungsarbeit.

Warum engagieren Sie sich für dieses Projekt, in das Sie ja abseits Ihrer Forschungsarbeit Ihre Zeit investieren?

MALTE SCHERFF: Das ganze Projekt klang einfach wesentlich cooler als alles, was ich damals in der Grundschule gemacht habe. Daher war mir klar, dass ich mir das etwas genauer anschauen möchte.

JENNIFER POMP: Ich habe den Eindruck, dass viele kaum etwas über das Gehirn wissen, was ich sehr schade finde. Meine Hoffnung ist, dass das Projekt nicht nur das Interesse der Schüler, sondern auch der Eltern weckt und unsere Forschung etwas mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Außerdem finde ich es schön, dass die Schüler in diesem Projekt lernen, naturwissenschaftlich zu arbeiten – also anhand von Fragen Experimente zu entwickeln, durchzuführen und aus den Beobachtungen dann Antworten abzuleiten.

MALTE SCHERFF: Zu guter Letzt war es wirklich eine sehr erfrischende Erfahrung, da die Schüler wirklich absolut keine Hemmungen zeigten Fragen zu stellen, im Zweifel sogar mehrfach das Gleiche zu fragen, wenn noch etwas unklar geblieben war – eine Eigenschaft, die man bei Erwachsenen leider häufig vermisst.




Das sorgt für Begeisterung und Faszination.





Die Schüler regen mich immer zum Nachdenken an.



Was erzählen Sie in der Schule von Ihrer Arbeit? Was ist die größte Herausforderung?

JENNIFER POMP: Wir stellen der Klasse unsere individuellen Forschungsinhalte vor. Ich versuche dafür immer bei Herrn Tie anzufangen und an dieses Wissen anzuknüpfen.

MALTE SCHERFF: Eine willkommene Herausforderung ist es, ein paar Schritte Abstand von fachlichen Diskussionen zu nehmen und zu überlegen, wie man seine Forschung derart präsentieren kann, dass keine tiefergehenden Kenntnisse nötig sind um unsere Themen zu verstehen.

JENNIFER POMP: Einfacher ist das bei den Forschungsmethoden, die wir den Schülern erklären. Wir stellen beispielsweise die Magnetresonanztomografie (MRT) oder die Elektroenzephalografie (EEG) vor und zeigen den Schülern Bilder und Videos von den Geräten und den Aufnahmen. Das sorgt für Begeisterung und Faszination.

Welche Reaktionen kommen von den Schülern?

MALTE SCHERFF: Am häufigsten gibt es wohl Fragen zur Größe und dem Aussehen von Gehirnen beziehungsweise von Nervenzellen, allerdings beschränkt sich das nicht auf das menschliche Gehirn, sondern geht tief in die Tierwelt hinein, von Kolibris und Schnecken bis hin zum Wal.

JENNIFER POMP: Die Fragen der Schüler sind sehr breit gefächert und immer wieder überraschend. Sie haben zum Beispiel gefragt, ob man das Gehirn transplantieren kann, so wie das Herz, oder was wäre, wenn wir kein Gehirn hätten. 

MALTE SCHERFF: Neben diesen Themen gibt es allerdings auch noch interessante Fragen nach Schmerz, Hirntod – oder wie das Träumen funktioniert. Zum Teil wird es regelrecht philosophisch, was ich definitiv so nicht erwartet habe.

JENNIFER POMP: Manche Fragen richten sich aber auch ganz allgemein darauf, wie unsere Arbeit aussieht, also ob wir zum Beispiel viel am Computer arbeiten oder unseren Alltag in einem Krankenhaus verbringen.

Lernen Sie selbst dabei auch noch was?

JENNIFER POMP: Ja. Es überrascht immer wieder, welche Fragen sich die Schüler überlegt haben und sie eröffnen damit manchmal auch neue Blickwinkel. Oder sie fragen nach Zusammenhängen, über die ich noch nie nachgedacht habe. Die Schüler regen mich mit ihren Fragen und Kommentaren letztendlich immer zum Nachdenken an.