Echte Helden

Publizist Christoph Giesa über Heldinnen und Helden der Demokratie: Warum wir sie brauchen, wie wir richtige von falschen unterscheiden und wie wir selber zu ihnen werden können. 

„Bürger einer Demokratie zu sein, ist keine Vereinsmitgliedschaft“

Unsere Demokratie braucht mehr Helden, um Populisten Paroli bieten zu können, fordert der Publizist Christoph Giesa (40) in seinem neuen Buch „Echte Helden, falsche Helden.“ Was Original und Fälschung unterscheidet, wie rechte Gruppierungen echte Helden für ihre Zwecke umdeuten, und wie wir alle zu Kämpferinnen und Kämpfern der Demokratie werden können, berichtet der Autor in unserem Interview.  

Wer ist heutzutage ein echter Held oder eine echte Heldin für Sie?

Da fallen mir sofort die drei Polizisten auf den Treppen des Reichstages ein, die verhindert haben, dass Hunderte demokratiefeindliche Demonstranten das Gebäude stürmen. Man könnte nun sagen, dass es deren Job ist, den Reichstag zu schützen. Die Drei hätten allerdings auch im Sinne des Eigenschutzes zur Seite treten können. Aber hier ging es um die Symbolik. Auch wenn die Polizisten ein leeres Gebäude verteidigt haben, war ihnen die Bedeutung des Reichtages bewusst, und dafür haben sie sich mit ganzer Kraft eingesetzt. Sie waren bereit, etwas zu riskieren. Das macht sie für mich zu Helden. Ähnlich geht es mir mit Carola Rackete, die als Kapitänin eines Seenotretters riskiert hat, im Gefängnis zu landen, als sie mit erkrankten Geflüchteten an Bord unerlaubt in Italien anlandete. Das war eine heldenhafte Tat. Es geht also nicht darum, rund um die Uhr und zu 100 Prozent eine Heldin oder ein Held zu sein. Es geht um die Bereitschaft, im Ernstfall ein persönliches Risiko einzugehen, um unsere Demokratie zu verteidigen und für Mitmenschen einzutreten, deren Rechte angegriffen werden.     

"Wenn sich ein Teil der Bevölkerung offensichtlich danach sehnt, emotionaler angesprochen zu werden, muss man darauf eine Antwort finden, ohne selbst in den Populismus abzudriften."

Warum braucht unsere Demokratie überhaupt Helden?

Weil wir sonst Gefahr laufen, falschen Helden nichts entgegenstellen zu können. Seit einiger Zeit kann man beobachten, wie Radikale – insbesondere von rechts – versuchen, die Deutungshoheit über Persönlichkeiten zu gewinnen, die viele von uns als Helden sehen. Etwa den Hitler-Attentäter Stauffenberg oder auch die Geschwister Scholl. Mit der Umdeutung dieser Persönlichkeiten, mit denen viele Menschen positive Emotionen verbinden, werden ganz subtil rassistische und antisemitische Geschichten und Meinungen verbreitet, die Menschen für die radikale Sache vereinnahmen sollen. Dahinter steckt eine Strategie. Mittlerweile kann man in rechtsextremen Internetshops Stauffenberg-T-Shirts kaufen, und beim „Trauermarsch“ der Rechten in Chemnitz war als einziges Symbol eine weiße Rose zugelassen. Für einen Teil der Bevölkerung bleiben die historischen Geschichten weiterhin ansprechend, der andere wendet sich mit Schaudern ab. Nur sollte man diese historischen Persönlichkeiten und ihre Geschichten nicht einer politischen Richtung überlassen, die nicht für Demokratie steht. Meine Überzeugung ist: Wenn sich ein Teil der Bevölkerung offensichtlich danach sehnt, emotionaler angesprochen zu werden, muss man darauf eine Antwort finden, ohne selbst in den Populismus abzudriften. Dazu braucht unsere Demokratie dann auch – demokratische – Helden und Heldinnen. 

Wie kommen Sie darauf, dass Menschen emotionaler angesprochen werden möchten?

Ich halte im Jahr bis zu 250 Vorträge oder gebe Workshops zur Demokratiebildung und in jeder Runde erzählen mir Menschen, dass sie jemanden kennen, der rechten Verschwörungstheorien nachhängt. Und immer fällt der Satz: „Mit Argumenten komme ich dort einfach nicht mehr weiter.“ Ein intelligenter Austausch findet nicht mehr statt, es geht nur noch um die Deutungshoheit. Ganz im Sinne der Rechten und Populisten, die ihre Geschichten erzählen und auf diese Weise bei den Menschen Andockstellen finden – und das ist nun mal eben emotional. Lange Zeit wollten wir uns das nicht eingestehen, ich auch nicht. Bis vor etwa fünf Jahren habe ich auch noch gedacht, dass Verfassungspatriotismus, also der Verweis auf die Ratio, ausreichen müsste. Heute bin ich überzeugt, dass man es sich damit zu einfach macht und am Schluss Gefahr läuft, blinde Flecken zu haben. Mit meinem Buch möchte ich die Debatte zu diesem Thema anstoßen.  

Woran erkennt jemand, der vielleicht das historische Wissen nicht hat, ob es sich um einen echten oder einen falschen Helden handelt?

Das ist eine sehr gute Frage. Wenn man die Helden unserer Vergangenheit sieht, kommt man schnell zu den Gründen, warum man heute eher ein Problem mit ihnen hat. Ein Held war immer männlich, sehr körperlich und gegen einen übermächtigen Feind aufstehend. Gern auch mit Gewalt und einem nationalen Impuls. Insofern muss man den Heldenbegriff anpassen, weil wir heutzutage nicht mehr unterjocht werden. In einer Demokratie braucht es keine Helden, die auf einen Umsturz hinarbeiten, sondern Helden, die unter schwierigen Bedingungen den Mund aufmachen oder sich auch körperlich einsetzen, aber nicht nur für sich selbst, sondern zum Beispiel für eine Minderheit, die angegriffen wird, als Mann, der sich für Frauenrechte einsetzt, oder als Heterosexueller, der sich für Homosexuelle stark macht. Da geht es auch um Zivilcourage, aber wichtig ist zu wissen, dass es eben auch eine politische Ebene gibt.

Weckt der Ruf nach emotionalen Politik-Helden in Deutschland nach zwei Weltkriegen nicht eher schlechte Erinnerungen?

Natürlich ist der Gedanke verständlich, aber wenn man sich die Entwicklung in den 1920er Jahren anschaut, hat genau das, worüber ich rede, gefehlt: Während die einen die Emotionen hochgepeitscht haben, haben es die anderen eben nicht geschafft, diese junge Weimarer Republik im Herzen der Menschen zu verankern. Es heißt ja so schön, dass die Weimarer Republik nicht an zu vielen Radikalen gescheitert sei, sondern an zu wenig Demokraten. Es ist nicht wie eine Vereinsmitgliedschaft, wenn man Bürger einer Demokratie ist, wobei ja auch an Vereinsmitgliedschaften oft Emotionen hängen. Wir sollten nicht unterschätzen, dass wir alle auf emotionale Ansprache reagieren. Niemand ist frei davon. Ich glaube, es ist besser, eine ausgewogene emotionale Ansprache prodemokratisch und propluralistisch zu versuchen, als das ganze Thema wegzudrücken und die Menschen, die auf Emotionen reagieren, anderen zu überlassen, die nicht demokratisch gesinnt sind. Ich wehre mich natürlich gegen jede Forderung, die da lautet. „Ihr braucht jetzt mal den starken Mann, der hier durchregiert.“ Darum geht es nicht. 

Es ist also eher die Passivität der Demokraten, die einer Demokratie schadet?

Genau, die aus der Sattheit geborene Faulheit muss überwunden werden. Oft werde ich gefragt: „Müssen wir jetzt alle Stauffenberg sein?“ Nein, natürlich nicht! Ich vergleiche die Situation mit der Bereitschaft zu helfen, wenn ein schwerer Unfall geschehen ist. Jeder hat sich sicher schon mal Gedanken gemacht, was er dann tun würde. Bin ich jemand, der hilft oder der danebensteht? So ist es auch mit dem Heldentum, wir sollten vor dem Ernstfall die Neigung entwickeln, nach unseren Möglichkeiten einzugreifen, wenn jemand anderes angegriffen wird. Jeder sollte sich Gedanken machen, bis zu welcher Grenze er oder sie bereit wäre zu gehen. Nicht jede Person ist gleich mutig oder gleich stark. Je mehr von uns in so einer Situation zeigen, dass sie bereit sind einzugreifen, umso wahrscheinlicher wird es, dass wir keinen Stauffenberg brauchen. Das muss das eigentliche Ziel sein. 

Sie wünschen sich auch mehr Heldentum an Schulen. Wie wichtig sind Formate wie Jugend debattiert, um Offenheit für die Meinung anderer zu entwickeln und dadurch die Demokratie zu stärken?

Tatsächlich ist es so, dass sich rechte Gruppierungen gerade ganz massiv das Bildungssystem vornehmen und versuchen, jegliche Form der Debatte aus Schulen und Universitäten zu verbannen. Die Meldeportale der AfD, auf denen Eltern und Schüler angebliche Verstöße gegen das Neutralitätsgebot melden können, schüchtern vor allem junge nichtverbeamtete Lehrerinnen und Lehrer ein. Sie trauen sich kaum noch, jedes Thema frei zu diskutieren. Insofern sind Formate wie Jugend debattiert sehr wichtig, um gerade in Schulen eine Debatte zu führen und auch einzuüben. Letztendlich ist sie der Kern der liberalen Demokratie. Wo haben junge Menschen sonst die Chance, sich eine Meinung zu bilden, die eben nicht von dem Elternhaus vorgegeben ist oder von Leuten, die merkwürdige Dinge im Schilde führen?  

Was tun Sie persönlich, um ein Held für unsere Demokratie zu sein? 

Ich würde mich nicht als Helden bezeichnen. Ich hoffe aber, dass ich im Ernstfall bereit wäre mit Mut und Überzeugung einzugreifen. Bisher war es noch nicht so weit, dass ich für jemanden hätte einstehen müssen. Verbal tue ich das natürlich, aber den nächsten Schritt musste ich Gott sei Dank noch nicht gehen. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

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