Kunst aus dem Raum-D

Die Düsseldorfer Künstlerin Corinna Bernshaus hat mit dem Raum-D ein Atelier für Menschen mit Demenz geschaffen. 

„Kunst öffnet innere Räume von Menschen mit Demenz“

Seit 30 Jahren zeichnet die Hertie-Stiftung Menschen und Gruppen aus, die sich mit Engagement und kreativen Aktivitäten im Bereich der multiplen Sklerose und neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson einsetzen. Auch im Jubiläumsjahr hat die Stiftung den mit 30.000 Euro dotierten Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe an vier Gewinnerinnen und Gewinner übergeben. Eine von ihnen ist die Düsseldorfer Künstlerin Corinna Bernshaus (56), die mit dem Raum-D ein Atelier für Menschen mit Demenz geschaffen hat. Wie sie auf die Idee zu diesem besonderen Ort gekommen ist, und was dort genau passiert, erzählt Corinna Bernshaus in unserem Interview. 

Herzlichen Glückwunsch zu dem Engagement-Preis für den Raum-D! Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Nachricht bekamen, dass Sie ausgezeichnet werden?

Ich habe mich sehr gefreut und bin bis heute unheimlich dankbar für die Wertschätzung unserer Arbeit. Es war unglaublich: Der Ehemann einer an Demenz erkrankten Frau aus meinem Atelier hatte damals die Ausschreibung für den Hertie-Preis entdeckt und mich zur Bewerbung mit dem Raum-D ermutigt. Gemeinsam erstellten wir die Texte für die Bewerbung, die er dann einreichte. Dass es dann auch noch geklappt hat, ist einfach nur großartig.  

Was genau passiert im Raum-D?

Der Raum-D ist ein Ort, an dem Menschen, die aufgrund der Demenz ihre Worte verlieren, über die Kunst neue Ausdrucksmöglichkeiten finden. Sie arbeiten zum Beispiel mit Ton oder malen und zeichnen Bilder; einige mit Aquarellfarben, andere mit Bleistift. Dadurch haben sie die Möglichkeit, schöpferisch tätig zu werden, und alte und neue Kraftquellen zu erschließen. Gleichzeitig erfahren die Erkrankten kulturelle und soziale Teilhabe. Sie kommen gemeinsam mit ihren Angehörigen oder einer Begleitperson zu den Kursen und erleben, dass sie selbst auch noch etwas Positives schaffen können, und nicht nur Fähigkeiten verlieren. Sie sind im Austausch mit anderen Erkrankten sowie mit Gesunden, die ihre künstlerischen Potenziale entdecken möchten. Im Raum-D geht es um die Freude am künstlerischen Tun in Gemeinschaft mit anderen und in einem inspirierenden Umfeld. Vorkenntnisse braucht bei uns niemand. 

"Der Raum-D ist ein Ort, an dem Menschen, die aufgrund der Demenz ihre Worte verlieren, über die Kunst neue Ausdrucksmöglichkeiten finden. Sie arbeiten zum Beispiel mit Ton oder malen und zeichnen Bilder; einige mit Aquarellfarben, andere mit Bleistift. Dadurch haben sie die Möglichkeit, schöpferisch tätig zu werden, und alte und neue Kraftquellen zu erschließen." 

Wie viele Personen sind in einem Kurs?

In einer Gruppe sind maximal drei Personen mit Demenz, die anderen sind Angehörige oder Interessierte, die dazukommen. Zurzeit besteht die größte Gruppe aus sechs Teilnehmenden. Es kommen immer wieder Seniorinnen, die Interesse an der Keramikarbeit haben, aber kognitiv nicht eingeschränkt sind. Sie lassen sich auf die gemischte Gruppe ein, das läuft sehr gut. Außerdem gibt es noch ein Ehepaar, das uns allein besucht. Die Frau ist an Demenz erkrankt und oft so laut, dass sie die anderen Erkrankten verschrecken würde. Die beiden kommen seit vielen Jahren, und eigentlich malt die Frau gar nicht mehr. Sie genießt die Zeit hier, während ihr Mann mit Ton arbeitet. 

Wie gehen Sie vor, wenn jemand einen Kurs besuchen möchte?

Erst neulich hat sich ein Paar gemeldet, bei dem der Mann an Demenz erkrankt ist. Vor Kursbeginn lade ich beide zum Gespräch ein und kann dadurch schon einschätzen, was den Erkrankten interessieren könnte. In diesem Fall war der Mann früher Grafiker und hat viel aquarelliert. Wenn er sich für den Kurs entscheidet, bekommt er seinen festen Stammplatz. Vertrautheit und Struktur sind sehr wichtig für Menschen mit Demenz, beides gibt ihnen Sicherheit. Der Kurs geht nie länger als zwei Stunden. An dem Platz liegen dann Materialien, die den ehemaligen Grafiker interessieren könnten, wie in seinem Fall Papier und Aquarellfarben. Viele Kursbesucher arbeiten gern mit Ton, weil das weiche Material die Haptik anregt und die Erkrankten etwas spüren können. Aber es war auch schon ein Architekt hier, der mit Lineal und Bleistift gearbeitet hat. Da nähern wir uns gegenseitig an, was überhaupt noch geht, oder was die Erkrankten schön finden.    

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Raum-D gekommen?

Der Ursprung ist ein persönlicher: Mein Vater war dement und hat unter der Erkrankung wieder angefangen zu malen. Die Bilder haben mich damals sehr berührt. Hinzu kommt, dass ich viele schöne und innige Momente mit meinem Vater hatte, als er erkrankt war. Deswegen habe ich auch nicht so ein negatives Bild von der Demenz. Wobei die Hauptlast meine Mutter hatte. Mein Vater starb 2008, und es hat noch drei Jahre gebraucht, bis die Idee reifte, dass ich Menschen mit Demenz einen Ort anbieten wollte, wo sie sich mit künstlerischen Mitteln ausdrücken können, wenn die Sprache versagt, und gemeinsam eine gute Zeit haben. Einen Ort, wo sie Bestätigung erfahren, und nicht nur feststellen müssen, dass sie etwas nicht mehr können. Ich habe von meinem Vater viel Liebe erfahren, auch, als er schon dement war. Heute ist es für mich irgendwie so, als würde ich davon etwas weitergeben.

Was sind das für Kunstwerke, die in dem Raum-D entstehen?

Die Teilnehmerin, die am längsten bei mir ist, kommt seit neun Jahren. Am Anfang hat sie konkrete Dinge gemalt, einen Baum, Baumgeister, Hexen… Sie hat immer ausladend gestikuliert, deshalb gab ich ihr große Papierformate, die sie mit bunten Farben schwungvoll füllte. Sie hat auch Figuren aus Ton hergestellt, einmal ihre Mutter, an der kleine Knubbel saßen. Das waren ihre neun Geschwister. Generell lässt sich beobachten: Mit fortschreitender Erkrankung erkennt man wenig Konkretes, Form und Gestalt scheinen sich aufzulösen. Ein Architekt zum Beispiel hat immer gern italienische Bauten aus der Renaissance von einem Buch abgezeichnet. Mit der Zeit entstanden in seinen Bildern Räume mit unterschiedlichen Perspektiven. Alles, was vorher fassbar war, löst sich auf. Ich denke, das ist typisch für die Kunst von Menschen mit Demenz.   

Was kann Kunst bei den dementen Menschen bewirken?  

Kunst ist ein Schlüssel, um innere Räume zu öffnen. Zu Beginn sitzen einige noch recht unsicher an ihrem Platz, und man spürt richtig, dass sie sich durch Sätze wie: „Das schaffe ich nicht“ selbst blockieren. Das braucht einfach seine Zeit. Wenn der Anfang gemacht ist, tauchen sie irgendwann regelrecht in ihre Beschäftigung ab. Wichtig ist, dass man die Erkrankten dann nicht drängt. Es ist ein Phänomen zu beobachten, dass sie dann ganz bei sich sein können und die Gemeinschaft und das eigene Tun genießen. Dabei bemerke ich selbst bei Teilnehmenden, die kaum noch präsent scheinen, dass auch sie immer wieder mal einen klaren Moment haben und für uns erreichbar werden. Für das Selbstwertgefühl der Betroffenen ist das oft ein Schub.  

Sie selbst sind Künstlerin, arbeiten hauptsächlich mit Porzellan und Holz. Woher haben Sie die Fähigkeit und das Wissen, mit dementen Menschen umzugehen?

Erstens aus den persönlichen Erfahrungen und zweitens aus der Gabe, einfühlsam, respektvoll und auf Augenhöhe auf die Betroffenen zugehen zu können. Aber ich habe auch 2011 an der Medical School in Hamburg eine Fortbildung zur künstlerischen Betreuungskraft absolviert. Das ging über ein Jahr, an sechs prall gefüllten Wochenenden. Dort habe ich viel über Demenz und Alzheimer gelernt. Ein Vorteil ist aber auch, dass ich ein Zertifikat erhielt, das es den Teilnehmenden ermöglicht, die Kurse im Raum-D über die Krankenkasse abzurechnen. 
 

Welche Rückmeldungen erfahren Sie von den Erkrankten oder deren Angehörigen? 

Sehr positive! Ein Ehemann schrieb mir einmal eine Mail: „Meine Frau war nach dem Malen wie verändert, fröhlicher als sonst, pfiff den ganzen Tag wie ein Gassenjunge, und ein Späßchen nach dem anderen machte sie. Putzte die Wohnung und freute sich darüber: ‚Ach, was bin ich heute aktiv‘. Danke!“. Oder ein dementer Mann sagte: „In dieser Umgebung kann der Kopf mehr, als der Kopf denkt.“ Da ist so eine Freude oder ein gutes Gefühl, wenn die Teilnehmenden im Atelier waren. Oft ist es ja so, dass es für demente Menschen nicht angenehm ist, wenn sie irgendwo hinsollen. Entweder geht es zum Arzt oder sie wissen nicht, was auf sie zukommt. Hier im Raum-D ist ihnen vieles vertraut: Der Garten mit den Blumen und Kräutern vorm Haus, der große helle Raum, ihr fester Arbeitsplatz, die Menschen, die sie umgeben. Und vor allem hat das Atelier nichts mit Krankheit zu tun. Das Verbindende ist die Kunst, nicht die Demenz. 

Wie wichtig ist der Engagement-Preis der Hertie-Stiftung für Ihre weitere Arbeit? 

Für mich ist der Preis sehr wichtig, weil ich Raum-D unabhängig betreibe, also ohne festen Träger. Es gibt mittlerweile eine gute Zusammenarbeit mit der Diakonie, aber dieses Netzwerk zu bilden, war auch eine lange Aufbauarbeit. Leider kommt von der Stadt Düsseldorf keine Unterstützung, obwohl Raum-D ein besonderes Angebot in einem urbanen Quartier darstellt und Unterstützung in einer schwierigen Lebenslage bietet, die uns irgendwann alle betreffen kann. 

Was passiert eigentlich mit den Kunstwerken aus dem Raum-D?

Die darf jeder mit nachhause nehmen. Vor allem die Angehörigen hängen an den Stücken. Sie sind für viele eine Erinnerung an unbeschwerte Zeiten mit und trotz der Demenz. Etwas Unvergessliches - etwas, das bleibt. 

Das Interview führte Rena Beeg  für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

Hier finden Sie die Website zum diesem ausgezeichneten Projekt von Corinna Bernshaus:

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