Katja Becker im Interview

Demokratien brauchen eine starke und glaubwürdige Wissenschaft - das zeigt nicht zuletzt die Corona-Krise. Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, über die aktuelle Lage, geplante Projekte und internationale Zusammenarbeit.

Jeden Tag für das Wissen entscheiden

Seit Anfang des Jahres ist Prof. Dr. Katja Becker (55) Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Als erste Frau in dieser Position eigentlich ein doppelter Grund zu feiern, denn in diesem Jahr begeht die DFG ihr 100-jähriges Jubiläum, das mit einer bundesweiten Kampagne und Festveranstaltungen begleitet werden sollte – bis Corona kam und vieles lahm legte. Für die neue Chefin kein Grund zu resignieren: Was die Tropenmedizinerin an ihrer neuen Aufgabe reizt, welche Impulse sie setzen will und was die DFG aus dem Shitstorm um ihr Kampagnen-Testimonial Dieter Nuhr gelernt hat, erzählt Prof. Becker in unserem Interview.        

Hertie-Stiftung: Sie sind seit Anfang des Jahres Präsidentin der DFG – was sind Ihre Aufgaben und was reizt Sie daran?

Prof. Dr. Katja Becker: Für jemanden, der sich der Wissenschaft seit Jahrzehnten mit Leidenschaft verschrieben hat, gibt es kaum eine reizvollere Aufgabe, als Präsidentin der DFG zu sein. Die DFG fördert über 30.000 Forschungsprojekte in allen Disziplinen mit einer Vielfalt von Förderinstrumenten. Dafür bekommt sie von Bund und Ländern rund 3,5 Milliarden Euro pro Jahr. Außerdem engagiert sie sich für Chancengleichheit, den wissenschaftlichen Nachwuchs und Internationalisierung. Es ist eine Freude, diese Aktivitäten aus Sicht des Vorstands zu begleiten, und ich bringe dabei auch meine Erfahrungen als Wissenschaftlerin ein. Während meiner Arbeit als Infektionsbiologin hatte ich schon früh den Wunsch, meine Forschung durch wissenschaftspolitisches Engagement zu unterstützen.

"Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig es ist, dass sich unsere Gesellschaft und dass wir alle uns jeden Tag für das Wissen entscheiden."

Vor 100 Jahren wurde die Vorgängerorganisation der DFG gegründet: die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Für das erste Jahr Ihrer Präsidentschaft waren eine ganze Reihe von Jubiläums-Veranstaltungen geplant. Wegen der Corona-Pandemie wurde vieles abgesagt. Wie geht es Ihnen damit, und werden Sie alles nachholen können?

Wir hatten uns für unser Jubiläumsjahr und unsere Jubiläumskampagne mit dem Titel „DFG2020 – Für das Wissen entscheiden“ tatsächlich viel vorgenommen. Eigentlich wären wir jetzt mit einem Expeditionsbus und einem Theaterkollektiv in ganz Deutschland unterwegs, um mit den Menschen über Wissenschaft zu reden. Diese und andere öffentliche Veranstaltungen mussten wir leider zunächst absagen. Manches konnten wir aber auch fortführen, etwa unsere Online-Kampagne #fürdasWissen, und die Preisverleihungen holen wir im Herbst nach, darauf freuen wir uns. Schließlich ist das Motto unseres Jubiläums aktueller denn je: Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig es ist, dass sich unsere Gesellschaft und dass wir alle uns jeden Tag für das Wissen entscheiden.

Sie sind Infektionsforscherin und haben in verschiedenen Teilen der Welt gearbeitet, unter anderem in Westafrika über Malaria. Wie wirken sich diese Erfahrungen auf Ihre Amtsführung im Corona-Jahr aus? Werden sich Förder-Schwerpunkte ändern?

Angesichts der Coronavirus-Pandemie mussten wir schnell entscheiden, wie wir die Wissenschaft am besten unterstützen, aber auch, wie wir in der Geschäftsstelle das Fördergeschäft stabil fortführen können. Dabei konnte ich meinen wissenschaftlichen Hintergrund sicherlich auch einbringen. Für ein so vielschichtiges Thema braucht es aber unterschiedliche Expertisen. Wir haben deshalb eine interdisziplinäre Kommission für Pandemieforschung eingerichtet und Ausschreibungen zur Erforschung von Pandemien und Epidemien lanciert. Allerdings läuft die allgemeine Förderung der Forschung in allen Bereichen und Disziplinen unvermindert weiter, so dass sich hier nichts grundsätzlich ändert.

Welche neuen Impulse und Akzente wollen Sie in Ihrer Amtszeit setzen?

Mir sind Kommunikation und Transparenz in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sehr wichtig. An dieser Stelle möchte ich auf einen noch intensiveren Dialog zwischen den Akteuren hinarbeiten. Große Bedeutung hat für mich auch die internationale Zusammenarbeit. Die Probleme machen nicht an den Grenzen halt, weder der Klimawandel noch die Infektionskrankheiten – da müssen wir uns noch stärker zusammentun. Die weitere Optimierung der Förderprogramme, Nachwuchsförderung, Gleichstellung und Diversität stehen bei mir auch ganz oben auf der Liste.

Wie wichtig ist es, dass Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zusammenarbeiten und wie gut sind wir darin in Deutschland?

Diese Zusammenarbeit ist unverzichtbar. Wir müssen uns dabei immer wieder unsere unterschiedlichen Rollen bewusstmachen und die der anderen respektieren. Politiker werden von den Bürgern gewählt und müssen in ihrem Sinne entscheiden und handeln. Die Wissenschaft stellt sich auch in den Dienst der Menschen, kann dies aber nur dann optimal tun, wenn sie ihre eigenen Dynamiken und Prozesse beibehält. Gute Forschung muss sorgfältig erarbeitet werden und sie braucht ihre Zeit. Als Wissenschaftler müssen wir Fehlinformationen und populistischen Tendenzen entgegenwirken und Politik und Gesellschaft beraten, gerade auch in der Pandemie. Wir dürfen uns aber auch nicht vereinnahmen lassen. Gerade im internationalen Vergleich können wir in Deutschland aber sehr dankbar sein über den hohen Stellenwert von Wissenschaft hierzulande und das Vertrauen, das sie beim Großteil der Gesellschaft genießt.

Dieter Nuhr in der Kampagne der DFG:

Externe Inhalte von Youtube anzeigen?

Beim Laden dieser Inhalte werden Daten an den Anbieter und ggf. an Dritte übertragen. Weitere Informationen können sie in unseren Datenschutzbestimmungen nachlesen.

Wie gelingt es, Wissenschaft so zu kommunizieren, dass Inhalt und Aufgabe für jedermann verständlich werden? Wie sind Ihre Erfahrungen – auch vor dem Hintergrund der Causa Dieter Nuhr, dessen Videobotschaft für die DFG-Kampagne „Für das Wissen entscheiden“ für einen Shitstorm sorgte, weil Menschen den Kabarettisten als „Verharmloser von Corona und Klimakrise“ sehen?

In vielen Ländern sehen wir, dass die Akzeptanz von Wissenschaft nicht selbstverständlich ist und man dafür arbeiten muss. Deshalb braucht es mehr, als nur verständlich und faktentreu zu kommunizieren. Wir müssen unsere Methoden und die Arbeitsweise der Wissenschaft vermitteln. Wir müssen deutlich machen, welche Chancen Forschung für alle bietet, aber auch ihre Risiken und Grenzen noch besser vermitteln und keine Heilsversprechen machen. Dafür sind neben den Wissenschaftlern auch die Wissenschaftsjournalisten und die Medien gefragt. Was Dieter Nuhr angeht, so gab es ja sogar zwei Shitstorms: Den ersten, weil wir ihn für unsere Kampagne eingeladen hatten, und den zweiten, als wir seinen Beitrag dann nach massiver Kritik nicht zuletzt aus der Wissenschaft zeitweise von unserer Kampagnen-Seite im Internet heruntergenommen haben. Letzteres war vorschnell und falsch. Dafür haben wir uns entschuldigt und den Beitrag längst wieder online gestellt, denn die DFG steht für Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt. Wir haben durch diesen Vorgang viel dazu gelernt, vor allem wie schnell und meinungsgetrieben Debatten in den sozialen Medien ablaufen. Genau das wollen wir uns nun im Nachgang genauer anschauen und eine Debatte über die Vermittlung und Rezeption von Wissenschaft in den sozialen Medien anstoßen.

Wie sehen Sie die Rolle von Fördereinrichtungen wie der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung?

Die Stärke des deutschen Wissenschaftssystems liegt in seiner Vielfalt, auch bei den Forschungsfördereinrichtungen. Die DFG für ihren Teil fördert erkenntnisgeleitete Forschung. Ebenso wichtig ist die Förderung angewandter Forschung oder die gezielte Erforschung drängender aktueller Fragen. Dass sich dabei neben dem Staat auch private Förderer engagieren, ist sehr gut. Wichtig ist, dass das Gleichgewicht der verschiedenen Typen von Forschung gewahrt wird und alle Förderer auf ihre Weise dazu beitragen, Forschung auf sehr hohem Niveau zu ermöglichen.

Ihr Terminkalender ist eng getaktet, die Anforderungen sind hoch. Wie schaffen Sie es, den Kopf immer wieder für neue Aufgaben frei zu bekommen?

Das ist angesichts der Fülle von Themen und Terminen wirklich nicht immer ganz leicht. Gleichzeitig sind die Themen, mit denen ich mich befassen darf, so vielfältig und spannend, und die Personen, denen ich begegne, sind so begeistert und inspirierend, dass es wirklich eine Freude ist, dieses Amt auszuüben und ich dadurch auch sehr viel zurückbekomme. Viele wissenschaftliche Themen interessieren mich natürlich auch als Wissenschaftlerin sowie persönlich, gerade wenn es um Aspekte der Interdisziplinarität oder auch der internationalen Zusammenarbeit geht.

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.