Stimmen der jungen Generation

Im Demokratie-Jugendbeirat eröffnen uns 12 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren neue Perspektiven auf das, was sie bewegt, wenn sie über ihre Rolle in einer demokratischen Gesellschaft nachdenken. Roman Haupt ist einer davon.

„Bei allen Unterschieden - uns eint die Überzeugung, dass Demokratie etwas Gutes ist“

Seit gut zwei Jahren ist der Jugendbeirat der Hertie-Stiftung eine feste Säule im Programmbereich „Demokratie stärken“. Das Gremium besteht aus 12 Jugendlichen zwischen 16 und 21 Jahren, die regelmäßig zusammenkommen, um die Stimme der jungen Generation in die vielfältigen Demokratie-Projekte der Stiftung einzubringen. Aber worum geht es da genau? Wie lief bisher die Arbeit im Jugendbeirat? Und welche Wünsche oder Herausforderungen gibt es? Roman Haupt (20), Student in Passau, ist von Beginn hier aktiv und gibt uns in diesem Interview einen Einblick.  

Roman, was waren Deine Gründe, um beim Jugendbeirat mitzumachen? 
Meine Gründe waren und sind bis heute vielfältig: Einerseits will ich mich verstärkt für die Demokratie einsetzen und einen eigenen Beitrag leisten. Zum anderen geht es mir darum, andere junge Menschen außerhalb meines sozialen Umfelds kennenzulernen, die auf dem Gebiet der Demokratie ähnlich motiviert sind wie ich, und Lust haben, sich für diese einzusetzen. Der dritte Grund war die Möglichkeit, durch das weite Netzwerk der Hertie-Stiftung eigene Projekte zur Stärkung der Demokratie umzusetzen, und sich mit anderen Menschen zu verbinden. 

Hast Du Dich schon vor dem Jugendbeirat für die Demokratie engagiert?  
Ich komme ursprünglich aus Werl, das ist ein kleiner Ort in Nordrhein-Westfalen in einer eher ländlichen Gegend. Dort habe ich mich in der Jungen Union engagiert, aber auch innerhalb der Schule, zum Beispiel habe ich Nachhilfe für Geflüchtete gegeben.  

Welche Erwartungen hattest Du an den Jugendbeirat, als Du beigetreten bist?
Einerseits die Erwartung, mich in einem größeren Kontext für die Demokratie engagieren zu können, als ich es bisher getan habe, andererseits auf junge Leute zu treffen, die eventuell unterschiedliche Perspektiven haben, was das Thema Demokratiestärkung angeht, aber daraus etwas machen wollen.  

"Einerseits will ich mich verstärkt für die Demokratie einsetzen und einen eigenen Beitrag leisten. Zum anderen geht es mir darum, andere junge Menschen außerhalb meines sozialen Umfelds kennenzulernen, die auf dem Gebiet der Demokratie ähnlich motiviert sind wie ich."

Hattest Du auch das Ziel, konkret etwas verändern oder erreichen zu können?
Grundsätzlich schon. Durch die Projekte und den Input, den wir aus unserer Perspektive einbringen, habe ich gehofft, dass wir für die Entscheidungen innerhalb der Hertie-Stiftung einen wertvollen Beitrag leisten. Aber ich bin kein Illusionist. Die meisten Menschen, und da zähle ich mich auch zu, können nur im sehr kleinen Rahmen etwas verändern. Ich bin also nicht mit der Erwartung in den Jugendbeirat gegangen: „Wow, jetzt ändern wir die demokratische Landschaft Deutschlands!“ 

Was hast Du in den vergangenen zwei Jahren mit dem Jugendbeirat erlebt? 
Kern unserer Arbeit sind natürlich die Gruppentreffen, die alle vier bis sechs Wochen online stattfinden. Sehr spannend ist es immer, wenn wir Gäste haben, wie zum Beispiel Herrn Dr. Weise, den Vorstandsvorsitzenden der Hertie-Stiftung, aber auch Nico Hofmann, den Geschäftsführer der UFA und ein Kuratoriumsmitglied der Stiftung. Regelmäßig sind auch Mitarbeitende der Stiftung anwesend, häufig auch Elisabeth Niejahr, Geschäftsführerin für den Demokratie-Bereich. Konkret haben wir versucht, insbesondere zwei Themen zu erarbeiten, wozu wir zwei Arbeitsgruppen gebildet haben: Zum einen ging es um Diversität in den deutschen Medien, wobei ich selbst Teil dieser Gruppe war. Die zweite AG war etwas aktiver, da ging es um Jugendbeteiligung und die Frage, wie man Jugendliche über soziale Medien besser erreichen kann. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass konkrete Fragen aus den Demokratie-Projekten der Stiftung an uns herangetragen werden: So wurden wir zum Beispiel gefragt, was junge Menschen motivieren könnte, verstärkt in die Politik zu gehen, oder welchen Politiker wir gern einmal einladen würden. Ich habe Katarina Barley, die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, ins Spiel gebracht, die ich für eine sehr spannende Politikerin halte. Aktuell besprechen wir im Jugendbeirat, auf welche Themen wir uns künftig fokussieren möchten. 

Wie muss man sich so eine Sitzung konkret vorstellen?
Naja, wir treten natürlich in den Diskurs. Dabei achtet jeder darauf, die Meinung der anderen zu respektieren. Manchmal kommt man zu dem Entschluss: „In dem Punkt kann ich Dir entgegenkommen und ich sehe, warum Du Deine Position vertrittst, auch wenn ich anderer Meinung bin.“ Aber das ist ja auch Demokratie, dass man am Ende nicht immer übereinstimmt, und das ist auch in Ordnung so. Wir bewerfen uns auf jeden Fall nicht mit virtuellen Eiern, das passiert nicht. 

Hast Du persönlich das Gefühl, dass Du schon etwas für die Demokratie bewegen konntest? 
Ehrlich gesagt: Noch nicht wirklich. Wie gesagt, ich war zum Beispiel in der AG zur Diversität in den deutschen Medien und daraus ist dann leider nichts Konkretes geworden. 

Woran lag es?
Wir waren von Anfang an zu vage in unserer Zielsetzung und in dem, was wir erreichen wollten. Dann kam noch Corona dazu und natürlich trafen auch unsere Unterschiedlichkeiten aufeinander. Man muss einfach sagen, dass wir vom Alter her alle in einer Konsolidierungsphase sind. Einige sind schon etwas weiter, studieren, andere machen gerade ihr Abitur. Wir sind alle in einer Findungsphase, aber jeder an einer unterschiedlichen Stelle. Es war zum Beispiel immer etwas schwierig zu vereinbaren: „Wir packen das jetzt mal an und nehmen uns nächste Woche vier Stunden Zeit für unser Thema.“ Bei irgendwem lagen dann immer Prüfungen an, oder es gab andere Anliegen. Dementsprechend war es kompliziert, aber ich hoffe, dass sich die Situation wieder bessert. Ein anderer Punkt ist, dass es für uns wichtig wäre, öfter zu erfahren, was aus unserem Input in die Stiftung geworden ist, zum Beispiel eine Rückmeldung wie: „Wir fragen Frau Barley an - oder aus den und den Gründen eben nicht.“ Damit wir wissen, ob unsere Ideen hilfreich waren, dann könnten wir etwas dazulernen. Das blieb manchmal etwas auf der Strecke.

"Im Jugendbeirat ist so gut wie alles vertreten: von politisch sehr weit links, dem Veganismus folgend, queer, bis hin zu einem konservativen oder kapitalistischen Weltbild. Bei allen Unterschieden eint uns aber die gemeinsame Idee, dass Demokratie etwas Gutes ist."

Was steht als nächstes auf der Agenda des Jugendbeirats? 
Wir haben bereits einige Ideen in einem Dokument geclustert. Tendenziell wird sich als thematischer Arbeitspunkt für die nächsten Monate wohl etwas in Richtung junges Europa und Demokratie in Europa ergeben. Andererseits könnten auch die Stärkung des Rechtsstaates innerhalb Deutschlands und die gesellschaftliche Erosion Themen sein, an denen wir arbeiten werden. 

Was hat sich durch den Jugendbeirat bei Dir verändert, was nimmst Du mit?
Ich habe wieder gemerkt, wie bereichernd es ist, auch andere Jugendliche zu treffen, die von der Demokratie als Staatsform überzeugt sind, aber selbst völlig unterschiedliche Perspektiven und Interessen haben. Im Jugendbeirat ist so gut wie alles vertreten: von politisch sehr weit links, dem Veganismus folgend, queer, bis hin zu einem konservativen oder kapitalistischen Weltbild. Bei allen Unterschieden eint uns aber die gemeinsame Idee, dass Demokratie etwas Gutes ist - auch wenn wir bei der Frage, wie eine Gesellschaft aussehen sollte, an vielen Stellen sicherlich unterschiedliche Meinungen haben.  

Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?
Ich studiere aktuell im 4. Semester Governance and Public Policy an der Universität Passau und bin im 4. Fachsemester. Der Studiengang ist interdisziplinär angelegt und beinhaltet verpflichtend eine wirtschaftswissenschaftliche, eine juristische sowie eine politikwissenschaftliche Komponente, die in Richtung internationale Politik geht. Ich hoffe, sehr bald mit meinem Studium fertig zu sein, und danach meinen Master machen zu können, vermutlich in Großbritannien. Wie es danach beruflich weitergeht, steht noch nicht fest. Mich interessiert einerseits die Lobbyarbeit mit Europa-Großbritannien-Bezug, aber ich könnte mir auch vorstellen, in die Wirtschaft zu gehen, dann aber eher in die Luxussparte zu einem Unternehmen wie Bentley oder Cartier. 

Was wünscht Du Dir für die Zukunft des Jugendbeirats?
Ich wünsche mir, dass der Jugendbeirat als Projekt im Bereich „Demokratie stärken“ unbedingt fortbesteht. Aber das ist wohl auch so angedacht. Und wie gesagt, es wäre mir wichtig, mehr Feedback zu unseren Vorschlägen zu erhalten, um künftig noch konkreter arbeiten zu können, sowie stärker als beratendes Gremium in die Stiftungsarbeit involviert zu werden. Außerdem wünsche ich mir eine gewisse Dynamik innerhalb des Jugendbeirats. Er sollte also kein Gremium werden, wo alle mit Mitte 30 noch drinsitzen und sich dann Jugendbeirat der Hertie-Stiftung nennt. Wir hatten bereits Fluktuation und die wird sich in Zukunft fortsetzen, da wäre es wichtig, den Jugendbeirat durch neue Ansätze lebendig zu halten. Ich bin da aber zuversichtlich und sehr froh, dass es den Jugendbeirat gibt. Für mich persönlich ist er eine tolle Möglichkeit, mich für die Demokratie zu engagieren, und dabei auf andere junge Menschen zu treffen, die zwar teils andere Sichtweisen auf bestimmte Themen haben, aber sicherlich ebenso von der Demokratie als Staatsform überzeugt sind, wie ich. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung