Crashkurs: Politische Bildung

Das Demokratie-Projekt „Crashkurs: Politische Bildung“ ermöglicht einen Grundkurs für Migranten und Gefüchtete . Worum es in dem Kurs geht und was die MITWIRKEN-Förderung bisher bewirkt hat, berichtet Samee Ullah, Referatsleiter bei An-Nusrat, in unserem Interview.  

„Die Motivation für das eigene Projekt sollte in jeder Minute da sein.“

Gute Demokratie-Projekte sollen keine Leuchtfeuer bleiben, sondern gesellschaftlich verankert werden. Deshalb unterstützt MITWIRKEN - das Hertie-Förderprogramm für gelebte Demokratie - derzeit 15 ausgewählte Projekte im Rahmen der MITWIRKEN-Projektentwicklung. Durch Coaching, Beratung, Vernetzung und finanzieller Förderung von bis zu 30.000 Euro bekommen die Projekte eine Starthilfe, um ihre Arbeit zu professionalisieren. Eines der Demokratie-Projekte ist der „Crashkurs: Politische Bildung“ des islamischen Wohlfahrtsverbandes An-Nusrat e. V. (dt. Die Hilfe) in Frankfurt. Worum es in dem Kurs geht, welche Pläne es gibt, und was die MITWIRKEN-Förderung bisher bewirkt hat, berichtet Samee Ullah, Referatsleiter bei An-Nusrat, in unserem Interview.

Was ist der „Crashkurs: Politische Bildung“?

Mit dem Crashkurs bieten wir Geflüchteten sowie Migrantinnen und Migranten, die noch keinen Bezug zur Politik und Geschichte Deutschlands haben, über einen Zeitraum von zwei Monaten einen Grundkurs zu diesen Themen an. Es werden elementare politische Begriffe, Zusammenhänge und Bedeutungen verständlich erklärt, damit die Teilnehmenden die Möglichkeit bekommen, sich gesellschaftlich und politisch zurechtzufinden sowie einen eigenen Standpunkt zu entwickeln – um sich am Ende selbst einzubringen. Aber es geht auch um die Chance, seine Sprachkenntnisse zu verbessern und mit anderen Menschen in den Austausch zu treten.

Um welche Inhalte geht es in dem Kurs genau?

Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie eine lebendige Demokratie funktioniert: Was ist das Verständnis dahinter? Wie ist die Gesellschaft in Deutschland aufgebaut, was ist ein Rechtsstaat, und wie kann hier jeder Teilhabe erleben? Aber auch klassische Themen wie die deutsche Geschichte, das Grundgesetz, das Parteiensystem oder die Gewaltenteilung gehören dazu. Alles Themen, die für viele der Teilnehmenden oft komplett neu sind, denn viele von ihnen kommen aus Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder Syrien, wo es keine funktionierende Form der Demokratie gibt. 

"diese Menschen Haben das Gefühl: Selbst wenn wir Interesse an der deutschen Gesellschaft und Demokratie mitbringen, können wir persönlich nichts dazu beitragen oder zurückgeben." 

Wer ist Ihre Zielgruppe, und wer nimmt an den Kursen teil?

Grundsätzlich sind wir offen für Männer und Frauen, die unsere Inhalte nicht mehr in der Schule lernen können. Das sind vor allem Menschen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte. In unserem ersten Kurs im vergangenen Jahr hatten wir zehn Teilnehmende im Alter zwischen 27 und 72 Jahren. Das war für uns ein großer Erfolg. Es waren bisher nur Männer da, aber wir möchten für die neuen Kurse auf jeden Fall ein gemischtes Publikum erreichen. 
 

Was war der Anlass, um den Crashkurs Politik ins Leben zu rufen? 

Die Idee ist vor über zwei Jahren entstanden. Meine Kollegen von An-Nusrat und ich haben damals die Beobachtung gemacht, dass es in den Moscheegemeinden oftmals Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung gibt, die ein grundsätzliches Interesse an bildungspolitischen Themen mitbringen, aber wegen unterschiedlicher Hürden nicht die Möglichkeit haben, sich in die Gesellschaft einzubringen. Das kann daran liegen, dass sie die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, oder weil wegen eines Asylverfahrens gerade andere Schwierigkeiten im Vordergrund stehen. Am Ende führt es häufig dazu, dass diese Menschen das Gefühl haben: Selbst wenn wir Interesse an der deutschen Gesellschaft und Demokratie mitbringen, können wir persönlich nichts dazu beitragen oder zurückgeben. Hinzu kommt, dass Außenstehende den Geflüchteten oft ein fehlendes Interesse an Integration unterstellen. Uns hat das bedrückt, und so kamen wir auf die Idee: Wir starten einen Crashkurs für politische Bildung und nehmen innerhalb von wenigen Wochen die wichtigsten Themen durch. Entstanden ist ein Kurs von über acht Wochen, den die Teilnehmenden zweimal wöchentlich für 90 Minuten besuchen. Das Angebot ist für sie kostenlos.  

Wie muss man sich den Kurs in der Praxis vorstellen? 

Der Kurs ist in zwei Teile gegliedert: In den ersten 20 Minuten beschäftigen wir uns mit dem tagesaktuellen Geschehen, zu dem die Teilnehmenden sogar Zeitungsausschnitte mitbringen. Zum Beispiel zum damaligen Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Thema Kopftuchverbot am Arbeitsplatz, das viele beschäftigt hat. Manche können gar nicht verstehen, warum ein Kopftuch ein Problem sein kann, es war doch schließlich immer da. Darüber haben wir diskutiert, und so ist selbst in einer kleinen Gruppe ein demokratischer Diskurs entstanden. Aber auch die Parteiprogramme haben wir uns angesehen, vor allem die AfD hat die Teilnehmenden interessiert. Im zweiten Teil vermitteln wir mit Hilfe von PowerPoint-Präsentationen oder Videos Input in einfacher Sprache. Uns erreicht immer wieder das Feedback, dass in den Sprachmaßnahmen oft zu schnell oder unverständlich gesprochen wird. Der Kurs findet auf Deutsch statt, aber notfalls können wir als Lehrkräfte komplizierte Begriffe in die Muttersprache der Teilnehmenden übersetzen.   

Seit September 2021 nimmt der „Crashkurs: Politische Bildung“ an der MITWIRKEN-Projektentwicklung teil. Was hat sich bisher getan? 

Zunächst haben wir eine Gesamtanalyse und ein Konzept für unser Projekt erstellt. Das war enorm wichtig und hilfreich. Wir waren damals als Ehrenamtliche gestartet und hatten relativ schnell unseren Kurs voll. Über eine genaue Zielgruppe, und wo wir sie erreichen können, haben wir uns kaum Gedanken gemacht. Das ist jetzt anders. Mit Hilfe unseres Coaches habe wir einen genauen Plan erarbeitet. Nun wird es darum gehen, uns mit anderen Anlaufstellen für Geflüchtete weiter zu vernetzen, um noch mehr Interessentinnen und Interessenten zu erreichen, und den Kurs breiter aufstellen zu können. Unser Ziel ist es, zum Ende des Jahres zwei oder drei neue Kurse anbieten zu können. Wir wollen für die Absolventen eine Grundlage schaffen, damit sie lokal oder in der Kommune ehrenamtlich mitarbeiten können. Außerdem arbeiten wir an digitalen Crashkurs-Formaten. Zusätzlich wollen wir ein Handbuch erstellen, das unser Projekt erklärt, so dass wir noch professioneller dafür werben und Fördermittelgeber anschreiben können.  

Wovon profitieren Sie durch die MITWIRKEN-Projektentwicklung besonders? 

Da gibt es Vieles: Zum einen das super Coaching, das uns enorm geholfen hat.  Es gibt immer eine Ansprechperson bei MITWIRKEN, und wir bekommen natürlich auch viele Hausaufgaben auf. Inzwischen sind wir den gesamten Prozess durchlaufen, den es braucht, um unserem Projekt ein Fundament zu geben. Aber auch die 14 anderen Demokratie-Projekte der MITWIRKEN-Projektentwicklung kennenzulernen, ist sehr wertvoll. Wir treffen uns regelmäßig in den Community-Calls, tauschen uns aus und suchen nach Synergien. Und natürlich ist die finanzielle Unterstützung Gold wert: Als junger islamischer Wohlfahrtsverband hatten wir bisher oft zu kämpfen, wenn es um die Förderung unserer Projekte geht. Umso dankbarer sind wir, dass wir nun die Möglichkeit haben, unser Potenzial weiterzuentwickeln. Großartig ist, dass mittlerweile auch andere Fördermittelgeber eher bereit sind, uns zu unterstützen, da ist der Name der Hertie-Stiftung wirklich ein Türöffner. Nachdem unsere MITWIRKEN-Förderung gestartet war, ist unser Demokratie-Videoprojekt „PoBi_Digital“, mit dem wir Jugendlichen aus Migrationsfamilien demokratische Werte vor Augen führen, vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zum Bildungsort des Jahres 2021 ausgezeichnet worden. Das Publikumsvoting hätten wir nie gewonnen ohne die vielen neuen Unterstützerinnen und Unterstützer, die für uns abgestimmt haben.   

Was ist Ihrer Meinung nach wichtig, wenn man ein Demokratie-Projekt starten möchte?

Die Motivation für das Projekt sollte in jeder Minute da sein, man muss für sein Thema brennen. Und wenn man dann noch einen persönlichen Bezug zu der Zielgruppe hat, hilft das ungemein. Ich bin in Deutschland geboren, aber meine Eltern kommen aus Pakistan. Ich kann mich in die Erfahrungen unserer Zielgruppe hineinversetzen, kenne aber auch das Leben hier. Dadurch wird es leichter zu vermitteln, dass wir gemeinsam etwas erreichen können und auch wollen. Es ist jedes Mal so faszinierend für mich zu sehen, dass die anderen 14 Demokratie-Projekte dieselbe starke Motivation mitbringen. Das ist so wichtig. Schließlich kann es immer mal Absagen für das eigene Projekt geben, zum Beispiel, wenn es um Fördergelder geht. Dann ist man eben bereit, ehrenamtlich weiterzumachen. Man darf sein Ziel nie aus den Augen verlieren.    

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung 

MITWIRKEN

Die Hertie-Stiftung fördert vielfältige Projekte zur Stärkung unserer Demokratie. Eine Übersicht über die Aktivitäten von dem Förderprogramm MITWIRKEN  finden Sie auf unserer Website:

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