Fragen kostet nichts

Der 16-jährige Leonard Geßner interviewt Politikerinnen und Politiker. Ein Interview über seine Erfahrungen und darüber, wie sich junge Menschen für Politik begeistern lassen. 

„Jugendliche gucken nicht um 20 Uhr die Tagesschau“

Mit 10 Jahren fragte Leonard Geßner seinen Eltern zur Politik in Deutschland Löcher in den Bauch. Als ihm die Antworten nicht mehr genügten, entwickelte der Schüler aus Bremen sein eigenes YouTube-Interview-Format („Die Fragen stelle ich“). Bis zu 40 Politikerinnen und Politiker hat der heute 16-Jährige inzwischen befragt, darunter Jens Spahn, Christian Lindner und Alice Weidel. Leonard hat ein Buch geschrieben („Politik der Generation Z“), ist Podcaster („Business meets Bremen“), Moderator und Kolumnist. In unserem Interview erzählt der Gymnasiast, was ihn antreibt, und wie sich junge Menschen für Politik begeistern lassen. 

Auf der Homepage von Leonard Geßner ist ein 16-jähriger Schüler im Anzug mit Krawatte zu sehen, der sich als Journalist, Autor und Moderator vorstellt, und der Workshops, Formatentwicklung und Vorträge anbietet. Sollen wir Du oder Sie sagen?
Gern duzen, das ist mir auf jeden Fall lieber.

Du hast mit 13 Jahren begonnen, Politikerinnen und Politiker für Deinen YouTube-Kanal zu interviewen. Zunächst in Bremen, dann Berliner Polit-Größen wie Jens Spahn, Gregor Gysi oder Katrin Göring-Eckardt. Was interessiert Dich an ihnen?

Ich habe früher gern die „logo!“-Kindernachrichten geschaut und mit meinen Eltern am Frühstückstisch über Politik diskutiert. Dann kam 2017 die Bundestagswahl. Ich fand das sehr spannend, nur gab es kaum Info-Formate für junge Leute. Meine Generation schaut sich nicht vor der Wahl 15 Talkshows an, um informiert zu sein. Also habe ich gedacht, ich könnte in eine Partei eintreten, aber mit 13 Jahren ging das nicht. Ich hätte auch gar nicht gewusst, in welche. Dann habe ich mich entschieden, selbst ein Format zu kreieren. Mama hat immer gesagt: „Fragen kostet nichts“, also habe ich gleich ganz viele Politikerinnen und Politiker für ein Interview angefragt, auch Angela Merkel, von der ich bis heute nur Absagen bekommen habe. 

"Zum Teil musste ich bis zu 15mal in einem Büro anrufen, bis ich endlich einen Termin bekommen habe. Einen 14-Jährigen nimmt man da erstmal nicht ernst." 

Wie waren die Reaktionen der Politikerinnen und Politiker?

Meistens wurde ich an die Regionalpolitiker delegiert, aber diese Gespräche waren auch schon ein Erlebnis und eine sehr gute Übung. Bremens FDP-Vorsitzende Lencke Wischhusen, die man als Investorin aus „Die Höhle der Löwen kennt“, rief mich direkt aus ihrem Griechenlandurlaub an und sagte zu, das fand ich super. Damals war ich ja noch sehr aufgeregt vor meinen ersten Interviews, das hat sich inzwischen gelegt. Irgendwann hatte ich dann in Berlin Erfolg, vermutlich weil ich die Pressestellen so genervt habe. Zum Teil musste ich bis zu 15mal in einem Büro anrufen, bis ich endlich einen Termin bekommen habe. Einen 14-Jährigen nimmt man da erstmal nicht ernst. 

Was machen Deine Eltern beruflich, sind sie auch in der Politik tätig?

Überhaupt nicht. Meine Mutter ist Leitungsassistenz im öffentlichen Dienst und mein Vater leitet den Energieeinkauf eines Glasflaschenproduzenten. Sie waren ziemlich überrascht, als ich mit meinem Interview-Vorschlag um die Ecke kam. 

Haben sie Dich unterstützt? 

Total, ohne die beiden wären meine Interviewfahrten nach Berlin gar nicht möglich gewesen, ich durfte damals ja nicht mal allein durch Deutschland reisen. Ich hatte bisher auch keine Erfahrung, wie man eine Mail richtig schreibt, damit ging es schon los. Wo mache ich die Absätze, wie schicke ich die ab? Da hat mir meine Mutter sehr geholfen.

Wie hast Du die „Polit-Alphatiere“ in Berlin erlebt?

Bei Jens Spahn fand ich beeindruckend, dass er so gut vorbereitet und interessiert war. Er wusste wie alt ich bin, und mit wem ich schon gesprochen hatte. Zuvor war es mir manchmal passiert, dass Politiker zu mir sagten: „Ach, Du kommst aus München“. Dabei bin ich aus Bremen. Was mir auch im Kopf geblieben ist: Man wird ja im Bundestag normalerweise von den Mitarbeitenden zum Interview abgeholt, nur Alice Weidel kam als einzige selbst aus dem Fahrstuhl, um mich persönlich zu empfangen. Das ist mir bei fast 40 Interviews in Berlin nie wieder passiert. 

Was war Dein größtes Learning aus Deinen Interviews mit den Berufspolitikern?

Zu Beginn meiner Interviews bitte ich die Befragten immer, sich kurz vorzustellen. Es ist schon interessant zu sehen, wie diese Bitte manchen Politiker fast schon aus der Bahn wirft, so nach dem Motto: „Ihr kennt mich doch!“. Dabei ist das bei Jugendlichen gar nicht immer der Fall. Gregor Gysi erzählte zum Beispiel in der Vorstellungsrunde, was er in seiner Freizeit macht, während andere wie Alexander Gauland nur ihren Namen nannten, und wenn ich Glück hatte, noch die Partei. Das sagt schon viel über den Menschen, finde ich.

"Es ist schon interessant zu sehen, wie es manchen Politiker fast  aus der Bahn wirft, wenn ich sie bitte, sich kurz vorzustellen."

Was ist Deine Mission, warum führst Du Polit-Interviews für ein junges Publikum? 

Ich halte unabhängigen Journalismus für eine funktionierende Demokratie und die Politisierung von jungen Menschen für unabdingbar. Deswegen rede ich auch mit Vertretern jeder gewählten Partei, auch wenn ich wegen meiner AfD-Interviews kritisiert wurde. Man kann von manchen politischen Aussagen halten, was man möchte, aber es bringt nichts, unliebsame Meinungen zu ignorieren. Das ist mein Anspruch. Deswegen bin ich auch in keiner politischen Partei oder lasse meine Interviewreisen finanzieren. Ich möchte unabhängigen Journalismus betreiben, primär für junge Menschen, wobei inzwischen auch Ältere meine Videos ansehen. Außerdem möchte ich einen Mehrwert schaffen und neue journalistische Formate entwickeln und umsetzen. 

Du hast ein Buch über die Politik der Generation Z geschrieben, in dem Politiker wie Paul Ziemiak, die Journalistin Tina Hassel oder der Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School zu Wort kommen. Wie politisch ist diese junge Generation, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurde?

Leider hängt es noch immer sehr vom sozialen Stand ab, wie politisch ein junger Mensch ist. So sind Familien, die ein unterdurchschnittliches Einkommen haben, sehr stark benachteiligt, was Politisierung und die politische Teilhabe angehen. Diejenigen, die gut situiert sind, haben da einen wesentlich größeren Anteil. Aber generell würde ich sagen, dass die Generation Z schon politisch ist, und dass viele junge Leute gemerkt haben, dass Politik etwas bewegen kann. Das hat man zum Beispiel durch das Rezo-Video und die Fridays for Future-Bewegung gesehen, aber auch durch die Proteste gegen die Urheberrechtsreform. Das waren alles junge Menschen, die man fast zur Generation Z zählen könnte, die sich stark gemacht haben. Sie haben die Regierung unter Druck gesetzt und in Teilen zum Umdenken bewegt. Das war schon ein entscheidender Effekt auf die Gesellschaft.

Wie kann man junge Menschen noch mehr für die Politik begeistern?

Guter Journalismus ist ganz wichtig, vor allem in Formaten, die für junge Menschen interessant sind. Jugendliche gucken nicht um 20 Uhr die Tagesschau, sondern wir streamen Nachrichten, wann es gerade passt. Die Beiträge sollten nicht zu lang und am besten im Videoformat sein, natürlich auf aktuellen Kanälen wie YouTube, aber auch Instagram oder eventuell TikTok. Vor allem sollten die Informationen präzise und gut recherchiert sein, es reicht nicht, wenn ein cooler Typ in die Kamera labert, aber keine Ahnung hat. Wir jungen Menschen möchten seriöse Informationen, die gut aufbereitet sind.       

Könnte die Schule mehr für die Politikbegeisterung tun?

Schule könnte und müsste eine wichtigere Rolle einnehmen, was politische Bildung angeht. Ich selbst habe Politikunterricht erlebt, der nicht unbedingt dazu geführt hat, dass sich junge Menschen aktiv für Politik interessieren. Eine Stunde in der neunten Klasse ist einfach zu spät, man müsste schon in der achten Klasse damit beginnen oder noch früher. Man begeistert junge Leute auch nicht, indem man erstmal das Grundgesetz austeilt und sich stundenlang mit Paragraphen beschäftigt. Natürlich ist unsere demokratische Grundordnung essentiell wichtig, keine Frage, aber es gibt so viele interessante Themen, über die man reden und politisch diskutieren könnte, wie zum Beispiel die Organspende. Als wir das Thema im Unterricht hatten, konnte jeder etwas dazu sagen. Ohnehin fände ich es wichtig, in Schulen eigene Formate zu schaffen, über die sich Schülerinnen und Schüler online und offline einbringen und informieren können. Das ist gelebte Teilhabe und zeigt, dass Politik im Kleinen auch etwas bewirken kann. 

"Ich empfehle Politikern und Politikerinnen oft, viel häufiger in die Schulen zu gehen, und mit jungen Menschen zu diskutieren."

Du hast zur Bürgerschaftswahl 2019 eine Diskussionsrunde mit Bremer Politikern veranstaltet. Hast Du inzwischen auch Interesse an dem Beruf des Politikers?

Ich hatte lange vor, in die Politik zu gehen, um dort vielleicht etwas bewegen zu können. Aber nachdem mein Buch zur Generation Z erschienen war, habe ich direkt gespürt, welchen positiven Einfluss meine Arbeit jetzt schon hat, so dass ich mich entschieden habe, eine journalistische Laufbahn einzuschlagen. Ich habe bereits bei verschiedenen Medien hospitiert und mit vielen tollen Journalistinnen und Journalisten gesprochen, und ich war in den Redaktionen und habe erlebt, wie dort gearbeitet wird. Das hat mich einfach fasziniert. Vor allem, so dicht an den Informationen und Quellen dran zu sein, und mit den eigenen Texten und Worten etwas bewirken zu können. Ich bin auf Instagram von jungen Leuten angeschrieben worden, die mein Buch gelesen haben, und die sich nun in einer Jugendorganisation engagieren wollen. Diese Rückmeldungen treiben mich an, weiter journalistisch zu arbeiten. Sobald ich in die Politik gehen würde, könnte ich das nicht mehr mit meinem journalistischen Verständnis vereinbaren, dann wäre meine Unabhängigkeit dahin. In den nächsten zehn Jahren werde ich also erstmal kein politisches Amt bekleiden. Was danach kommt, werde ich dann sehen. 

Wie kann man Jugendlich stärker in politische Entscheidungen einbinden?

Mit Jugendlichen reden und fragen, was sie bewegt, würde schon mal helfen. Ich empfehle Politikern und Politikerinnen oft, viel häufiger in die Schulen zu gehen, und mit jungen Menschen zu diskutieren. Vor Ort entwickeln sich immer sehr respektvolle und interessante Gespräche. Politiker könnten dann zum Beispiel fragen, was Jugendlichen helfen würde, deren Eltern sich ein Studium nicht leisten können? Oder ob es genug Sportangebote gibt. Man darf nicht unterschätzen, dass junge Menschen oft tolle Ideen und Vorschläge haben.   

Welche Projekte stehen bei Dir an?

Meine Politiker-Reihe „Die Fragen stelle ich“ auf YouTube pausiert erstmal, es sei denn Frau Merkel ruft an. Stattdessen nehme ich Politiker und Politikerinnen dort nun ins „Kreuzverhör“, das ist mein neues Format.  Dann habe ich noch meinen wöchentlichen Bremer Wirtschafts-Podcast und bereite einige Projekte für die Bundeswahl vor, dazu möchte ich aber noch nichts sagen. Außerdem steht ein journalistisches Praktikum an. 

Hast Du auch Hobbys wie andere Jungs in Deinem Alter - Fußball, Playstation? 

Ich bin nicht der Nerd in der Klasse, klar zocke ich mit den anderen abends zusammen oder gucke Netflix. Ich habe auch zehn Jahre Fußball gespielt, allerdings konnte ich die zwei Trainingsabende in der Woche aus terminlichen Gründen nicht mehr halten. Nun gehe ich joggen oder ins Fitnessstudio, da bin ich flexibler. 

Was ist Deine Vision, Dein Ziel für die Zukunft?

Das lasse ich alles auf mich zukommen, nach dem Abi studiere ich eventuell Jura oder Wirtschaft, auf jeden Fall bleibe ich den politischen Themen und dem Journalismus treu. Auch wenn es manchmal stressig ist, im Moment liebe ich einfach, was ich mache. Mich treibt meine Arbeit an, jeden Morgen fröhlich aufzustehen. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

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