Begleiten und motivieren

Krankenschwester und Sozialpädagogin Birgit Dewes, seit 1994 beim Landesverband Saarland der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, über ihre Arbeit, Reaktionen von Betroffenen und Probleme der öffentlichen Wahrnehmung von MS. 

"Ich möchte besonders die jungen MS-Betroffenen erreichen"

Wie sind Sie zum MS-Engagement gekommen?

Ich bin 1994 über mein Studium der Sozialen Arbeit zur DMSG gekommen. In einem Seminar hatte ich die damalige Geschäftsführerin des Landesverbandes Saarland kennengelernt, die mein Interesse an der Arbeit für MS-Betroffene geweckt hat.

Worin besteht Ihre Arbeit?

Meine Arbeit ist ausgesprochen vielfältig. Vor 25 Jahren habe ich begonnen, den ambulanten Pflegedienst des Landesverbandes aufzubauen. Unser Pflegedienst hat zusammen mit unserem sozialpädagogischen Fachdienst das Ziel, MS-Betroffene und Menschen mit ähnlichen neurologischen Erkrankungen, die von schweren Einschränkungen im Lebensalltag betroffen sind, zu unterstützen, damit sie in einer eigenen Wohnung so selbständig wie möglich leben können. Ein weiterer für mich sehr wichtiger Bestandteil meiner Arbeit besteht in der Weiterführung der Selbsthilfeförderung und sozialpädagogischer Beratung.

"Besonders ist für mich nach wie vor die integrative Wohnform des ambulant selbstbestimmten Wohnens unseres Landesverbandes."

Was waren besondere Momente im Rahmen Ihres MS-Engagements?

Besonders ist für mich nach wie vor die integrative Wohnform des ambulant selbstbestimmten Wohnens unseres Landesverbandes. Ich hatte die Möglichkeit, die Organisations- und Ablaufstrukturen aufzubauen, durch die ein Wohn- und Versorgungsangebot für alleinstehende Menschen mit schweren Beeinträchtigungen entstehen konnte. Das war eine große Herausforderung, da es 1994 in der Gründungsphase zwar ein Konzept gab, aber kein vergleichbares Modell, an dem man sich hätte orientieren können. Die anfänglich sehr großzügige und unbürokratische Unterstützung der Gemeinnützigen Hertie Stiftung war entscheidend, um dieses einzigartige Projekt zu realisieren.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre Arbeit, insbesondere von Betroffenen?

In den 25 Jahren Arbeit bei der DMSG konnte ich erleben, dass auf den Bereich Wohnen bezogen Menschen, die "frisch" eingezogen sind, sehr begeistert waren. Nach einigen Monaten kehrt allerdings häufig eine Gewöhnung ein und die Angebote werden als Selbstverständlichkeit betrachtet. In Beratungssituationen erfahre ich positive Reaktionen, möglicherweise, weil ich ein breites Angebot an Fachwissen auch aus dem Bereich der pflegerischen Versorgung biete und weil ich mich gut auf die Situation von anderen einstellen kann.

Gibt es ein aktuelles Projekt, auf das Sie hinweisen möchten?

Dank finanzieller Unterstützung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung können wir aktuell ein neues Angebot machen: die "Digitale MS-Schreibwerkstatt". Hier können Menschen unabhängig von Wohnort, Schwere der Einschränkung, Wettersituation oder Corona-Pandemie unter professioneller Anleitung ihre persönlichen Erlebnisse etwa als Gedichte oder Geschichten aufschreiben und wenn sie wollen auch veröffentlichen. Das digitale Projekt, das gerade in der Startphase ist, lässt Menschen zusammenkommen, die sonst vielleicht nie die Gelegenheit gehabt hätten, sich zu treffen und mit ihren Erzählungen anderen auch Mut zu machen. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, hieraus ein dauerhaftes und gefragtes Angebot zu machen.

Was wollen Sie in Zukunft erreichen?

Ich möchte besonders die jungen MS-Betroffenen erreichen, damit sie sich vertrauensvoll an die DMSG als eine neutrale Beratungs- und Unterstützungsorganisation wenden. Und ich will, dass Menschen mit Behinderungen weiterhin so selbständig wie möglich leben können und die erforderlichen Unterstützungen erfahren, auch wenn die finanziellen Ressourcen knapper werden. Weiterhin möchte ich gerne Konzepte weiterentwickeln, die pflegende Angehörige von MS-Betroffenen im Alltag entlasten. Hierfür möchte ich gerne Helferinnen und Helfer ausbilden können, die Kenntnisse in der spezifischen Versorgung von MS-Betroffenen haben. So möchte ich ein saarlandweites Netzwerk aufbauen.

Was wissen viele Menschen nicht über MS, sollten es aber?

Viele Menschen, die keinen direkten Bezug zu MS-Betroffenen haben, können sich die Alltagsrelevanz von Einschränkungen durch die unsichtbaren Symptome der MS nicht vorstellen – wie etwa Fatigue oder seelische und emotionale Veränderungen. Auch hat die MS nicht nur Einfluss auf die betroffenen Menschen selbst, sondern auf ihr gesamtes soziales Umfeld. Ich erlebe in der täglichen Arbeit, dass chronisch kranke Menschen, die allein in Kliniken zurechtkommen müssen, häufig nicht gut versorgt sind. Auch hier würde ich gerne ein besseres Bewusstsein in der professionellen Pflege schaffen.

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Ich bin stolz, dass es mir gelungen ist, meine Berufe der Krankenschwester und der Sozialpädagogin miteinander zu verbinden und bei der DMSG ganzheitliche Wege in der Versorgung alleinstehender MS-Betroffener zu gehen. Und ich bin stolz, Menschen motiviert und begleitet zu haben, berufliche Wege zu gehen, die sie sich ohne diese Unterstützung nicht zugetraut hätten.

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Gesundheitsminister Jens Spahn – um ihm zu sagen, dass ich Digitalisierung im Gesundheitssystem für wichtig halte. Er sollte den Menschen, die in dem System arbeiten, allerdings die Zeit lassen, den Veränderungen nachkommen zu können. Aktuell nehme ich nämlich eine Mehrbelastung bis hin zur Überforderung vieler Menschen im Gesundheitssystem wahr. Letztendlich sollten Ärzte und Pflegende die gebotene Zeit bekommen, bei aller Technisierung den Menschen im Patienten sehen zu können. 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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