Seinen Weg gehen

Hannah Valentin (29) bekam mit 15 die Diagnose Multiple Sklerose. Heute arbeitet sie als Künstlerin in verschiedenen Bereichen zum Thema MS. Ein Gespräch über Kunst, Kommunikation und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. 

Von wegen keine großen Träume haben!

Hannah Valentin arbeitet als freischaffende Künstlerin zu MS. 10 Jahre nach ihrer Diagnose im Alter von 15 Jahren begann sie mit der künstlerischen Umsetzung der Demyelinisierung und setzt sich seitdem in so unterschiedlichen Bereichen wie Bild, Klanginstallation und Skulptur mit Multipler Sklerose auseinander. Bis zu diesem Jahr arbeitete sie unter dem Pseudonym Ruth Malina, hat dieses jedoch mittlerweile abgelegt. 

Wie tanken Sie Kraft?

Bei meinen künstlerischen Projekten. In meiner Musik oder meinen Texten verarbeite ich Dinge, die mir sehr wichtig sind und für mich das Leben bedeutsam machen. Bei meinen Bildern ist das genauso: Ich versuche, eine Stimmung zu transportieren, damit Menschen sie aufgreifen und daraus Kraft schöpfen können. Dabei will ich aktiv über aktuelle Missstände und Entwicklungen nachdenken und diese in meiner Kunst verarbeiten, um darüber debattieren zu können. Und das wiederum gibt mir Kraft. Es ist nicht so, dass ich mir denke: Jetzt male ich mal ein Bild, verarbeite damit was und dann geht’s mir besser.  
 

Wie sind Sie zur künstlerischen Auseinandersetzung mit MS gekommen? 

Ich habe aus einem persönlichen Impuls angefangen, Bilder zu malen, die sich mit MS auseinandersetzen. Das ist ganz unterbewusst abgelaufen. Ich habe plötzlich Nervenfasern aufs Papier gekritzelt. Am Anfang fand ich einfach die Form unheimlich schön, im klassischen Sinn der Schönheit. Denn schön habe ich mich durch die sehr frühe Diagnose in meinen Jugendjahren, wo man makellos sein will, nicht gefühlt. Aber durch die Malerei, durch diese künstlerische Form, konnte ich auch mit dieser und gerade auch durch diese Krankheit schön sein. 

Ich habe dann größere Bilder gemalt, Klanginstallationen aus MRT-Sounds produziert, Texte geschrieben. Mein Vater, der auch Künstler ist, hat mich zu Ausstellungen ermutigt. Ich habe viel mit Selbsthilfegruppen ausgestellt, was immer unfassbar rührend war, weil ich über meine Krankheit die ersten 10 Jahre gar nicht gesprochen habe. Als ich die Diagnose mit 15 bekommen habe, gab es bei Weitem nicht so viele Initiativen wie heute. Es gab eigentlich nichts außer Google, und Google sagte mir: Rollstuhl. 

Durch meine Kunst habe ich dann gemerkt: Menschen reden über diese Krankheit. Und ich kann mich damit auseinandersetzen – nicht als Ausheulen, sondern im Sinne von: „Hey, ich bin das, und ich mach was“. Von wegen nicht so große Träume haben! Diese Einstellung will ich durch künstlerische Kommunikation ändern. 

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihre Kunst? 

Nach jeder Ausstellung kommen Menschen zu mir, sind sehr berührt und finden es mutig, was ich mache. Viele Menschen mit MS fühlen sich verstanden, aber auch Menschen ohne diese Krankheit berührt meine Kunst. Oft bekomme ich danach Emails, weil sich Leute nicht getraut haben, mich anzusprechen, oder es erst verarbeiten mussten. Und darum geht es mir: Ich möchte mit anderen Menschen kommunizieren. 

Es gibt aber auch die andere Seite: Als ich mit MRT-Sounds gearbeitet habe, liefen die ganz laut in einem Raum. Die Leute kamen da erschrocken und beklemmt raus, weil es sich so schrecklich anhörte. Das war aber mein Ziel. In so einer Röhre fühlst du dich so, es kracht und rattert. Die Leute sollen das nachempfinden können. Ich lege Hintergrundblätter zu meinen Arbeiten aus, da können sie sich dann informieren und es einordnen. Aber erstmal will ich die pure Reaktion auf die Erfahrung haben. 

Ist Familie für Sie der Ausgleich zur Kunst? 

Es gibt für mich keinen Gegensatz von Familie und Kunst. Das ist alles eins für mich. Ich brauche nicht diese Art von Ausgleich, dass ich erst emotionale Kunst mache und dann hinterher zur Erholung einen Spaziergang mit der Familie. Das ist mein Leben. Alle Komponenten sind so verbunden, wie ich das möchte. Das war mein Ziel und das ist mir sehr wichtig. Ich habe auch gemerkt: Sobald ich mein Leben so gelebt habe, ging es mir gesundheitlich sehr viel besser. 
 

"Durch meine Kunst habe ich gemerkt: Menschen reden über diese Krankheit - Und ich kann mich damit auseinandersetzen"

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz? 

Mut wird belohnt. Wenn ich die Kunst als Beispiel nehme: Ich habe schon so oft gehört, dass „man etwas Sicheres braucht“, dass man mit der Kunst nichts verdienen würde. Wenn ich mich jetzt mit anderen vergleiche, denke ich, dass ich mich über mein Leben sehr selten beschwere. Ich bin total glücklich mit dem, was ich mache und was ich bekomme. Das habe ich zum großen Teil der Tatsache zu verdanken, dass ich mutig bin und mich traue genauso zu leben. Ich möchte nicht so leben und arbeiten, dass ich mir jede Woche denke: „Oh je, endlich Wochenende“. Und das ist für jeden Menschen möglich, denn jeder kann irgendetwas sehr gut, was ihm Spaß macht. Man muss nur den Mut haben herauszufinden, was ist das ist, und dann seinen Weg gehen. Das wird belohnt. 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Marina Abramović. Ich verehre sie und finde, sie macht tolle, extreme Kunst. Ich würde ihr aber sagen wollen, dass Kunst mit Kind sehr wohl möglich ist! Abramović meint, es gebe nur entweder oder – entweder Kunst oder Familie. Das sehe ich ganz anders, umso mehr, seit ich Mutter bin. Denn für mich ist das Ziel von Kunst auch, das Leben widerzuspiegeln und weiterzuentwickeln, und dazu gehören nun mal Kinder. Sie sind einfach unheimlich wichtig und inspirierend. 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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