Zusammen exzellent forschen

Prof. Dr. Christian Gerloff und Prof. Dr. Manuel Friese, Standortsprecher Hamburg im Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience, über die Bedeutung von Zusammenarbeit in der Forschung. 

„Der Einzelkampf in der Forschung ist aus der Mode gekommen"

Wie wichtig ist Vernetzung in der Wissenschaft?

Extrem wichtig – der Einzelkampf ist aus der Mode gekommen. Große Forschungsprojekte erfordern heutzutage unterschiedlichste Fähigkeiten und Ausbildungen – da müssen Ärztinnen und Ärzte, Grundlagenwissenschaftler und IT-Expertinnen sich zwingend austauschen und ergänzen. 

Was hat Sie am Hertie Network überzeugt, warum machen Sie mit?

Die Professionalität, mit der die Stiftung seit Jahrzehnten die Neurowissenschaften unterstützt, der gesetzte Schwerpunkt auf Clinical Neurosciences und das starke Netzwerk aus hervorragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Als Unikliniken müssen wir uns, egal wie exzellent die Grundlagenwissenschaften sind, letztlich auch daran messen lassen, welche „guideline-changing evidence“ wir hervorbringen und damit die klinische Praxis - am besten weltweit - beeinflussen.

"Uns überzeugt die Professionalität, mit der die Hertie-Stiftung seit Jahrzehnten die Neurowissenschaften unterstützt."

Mit welchem Schwerpunkt bringt sich Ihr Standort in das Netzwerk ein?

Bei neurovaskulären und neuroimmunologischen Erkrankungen haben wir unsere translationalen Schwerpunkte, die wir als Schlüsselbereiche der Clinical Neurosciences in Hamburg sehen. Dazu werden wir einerseits unterstützt durch exzellente Grundlagenwissenschaften, zum Beispiel im Zentrum für Molekulare Neurobiologie, in den Systems und Computational Neurosciences, und durch das im Bau befindliche Hamburg Center for Translational Immunology, und andererseits durch langjährige Erfahrung in der Organisation großer klinischer Studien.

Auf was freuen Sie sich bei der Kooperation am meisten?

Herausragend begabte und engagierte, team-orientierte Menschen mit einer großen Begeisterung für Clinical Neurosciences. Mit sechs sich ergänzenden ausgewiesenen Standorten können wir wissenschaftliche Fragen in viel größerem, koordinierten Stil angehen – und eben letztlich erfolgreich neuartige Erkenntnisse der Pathogenese in die klinische Praxis überführen.

Welche Projekte bearbeiten Sie und Ihr Team momentan? Welche wollen Sie in Angriff nehmen?

Lassen Sie uns nur beispielhaft zwei Projektlinien herausheben: In der MS-Forschung wollen wir die entzündungsvermittelte Neurodegeneration verstehen, die zur MS-Progression führt und diese durch neuartige medikamentöse oder behaviorale Interventionen behandeln. Beim Schlaganfall verfolgen wir systematisch die Idee, dass die durch die Ischämie ausgelöste Immunantwort einen exzessiven neuronalen Schaden auslöst, den man z.B. durch Nanobodies, Nano-Container oder andere gezielte Interventionen begrenzen und damit die Erholung nach Schlaganfall verbessern kann.

Wie bringt man naturwissenschaftliche Grundlagenforschung und behandelnde Medizin zusammen?

Durch Netzwerke und Verbundforschungsprojekte, durch gut ausbalancierte Retreats und Entscheidungsgremien, durch gegenseitigen Respekt und Wertschätzung. Praktisch ist ein Fokus auf Translational and Clinical Neurosciences natürlich sehr hilfreich; denn die beiden Welten sind oft schon konzeptionell weit auseinander, und wir können gut voneinander lernen, auch die Grundlagenwissenschaften von denjenigen, die klinische Studien organisieren.

"Wir haben wirklich exzellente junge Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler."

Wo sehen Sie die deutsche Forschung im internationalen Vergleich? Wo ist Verbesserungsbedarf?

Vergleicht man uns mit den USA, so sind Publikationen aus Deutschland im New England Journal of Medicine oder Lancet deutlich seltener, etwa um einen Faktor 6. Als Nation mit über 80 Millionen Menschen und einer sehr guten Infrastruktur und Forschungskultur müsste es uns jedoch gelingen, international die Diagnostik und Therapie neurologischer Erkrankungen noch viel maßgeblicher voranzubringen. Die standortübergreifende Vernetzung der Medical und Clinician Neuroscientists ist da ein sehr guter Weg, diesem Ziel näher zu kommen.

Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?

Sehr gut. Wir haben wirklich exzellente junge Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler. Die Clinician-Scientist-Programme haben die Begeisterung für eine Kombination aus Forschung und klinischer Arbeit wieder gesteigert, große Verbundforschungsprojekte wie Sonderforschungsbereiche sind identitätsstiftend. Ein modernes Verständnis von Führung und Wertschätzung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, damit all das gelingt und langfristig trägt.

Was würden Sie den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern mit auf den Weg geben wollen?

Jeden Moment in der Forschung genießen, Durchhaltevermögen und sich bei den klinischen Tätigkeiten inspirieren lassen, um den richtigen Fragen nachzugehen. Den eigenen Ideen vertrauen, auch wenn diese nicht immer dem Zeitgeist entsprechen.

Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience bilden ein einzigartiges Netzwerk zur Förderung der klinischen Neurowissenschaften.

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