Online-Kurse für psychische Gesundheit

Hannes Klöpper von "HelloBetter" über Chancen und Grenzen der Telemedizin.

„Psychische Gesundheit ist ein Menschenrecht“ 

…sagt Hannes Klöpper (36), Alumnus der Hertie School und Gründer und CEO von HelloBetter, einer Online-Plattform für psychologische Gesundheitstrainings.

Die Module werden fleißig gebucht, seitdem Corona allerorts Angst, Stress oder Schlaflosigkeit verbreitet. Aber kann Technik menschlichen Zuspruch ersetzen? Ein Interview über Chancen und Grenzen der Telemedizin und Demokratie in Zeiten der Krise.

Die Corona-Pandemie macht vielen Menschen zu schaffen - wie fühlt es sich an, zu den Gewinnern der Krise zu gehören? 

Die Situation hat uns selbst überrascht. Wir waren gerade dabei, unseren Rebranding Prozess vom alten Namen Get.On-Institut hin zu HelloBetter zu vollziehen, als plötzlich alle im Homeoffice saßen. Uns war schnell klar, dass neben der akuten Bedrohung durch Corona auch mit einer Epidemie im Bereich der psychischen Erkrankungen wie Stress, Angststörungen oder Depression zu rechnen ist. Dies sind genau die Themen, an denen wir seit Jahren arbeiten. Deshalb haben wir überlegt, wie unser Beitrag aussehen könnte und in relativ kurzer Zeit eine umfassende Initiative mit verschiedenen niederschwelligen Angeboten entwickelt.

Wie sehen diese Angebote aus? 

Für uns steht fest: Psychische Gesundheit ist ein Menschenrecht, und jeder Erkrankte sollte möglichst schnell psychologische Unterstützung bekommen. Also haben wir unter dem Namen „Stark durch die Krise“ eine kostenlose Hotline und eine Online-Community ins Leben gerufen, die von Psychologinnen und Psychologen moderiert wird, sowie eine Mediathek, die über Strategien zum Umgang mit psychischen Beschwerden aufklärt. Zudem haben wir ein Online-Training entwickelt, das sich spezifisch an Menschen richtet, die unter der aktuellen Belastung im Zuge der Corona-Krise leiden. Hinzu kommen natürlich unsere bestehenden Produkte, also elf psychologische Online-Trainings aus acht spezifischen Problembereichen wie z.B. Depression, Stress, Angst oder Schlaflosigkeit. Die von Psychologen entwickelten Trainings laufen in der Regel 6 bis 8 Wochen. Mit ihnen lernen die Nutzer auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie, ihr Denken und Handeln zu hinterfragen und konkrete Strategien zu entwickeln, um das Leben besser in den Griff zu bekommen. Das können bei Menschen mit Depressionen zum Beispiel Aufgaben sein, um dem Alltag mehr Struktur zu geben. Oder bei Leuten mit viel Stress, konkrete Ruhepausen einzuplanen und sich bewusst abzugrenzen, wenn etwas zu viel wird.   

Psychische Gesundheit ist ein Menschenrecht - was macht es mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und der Demokratie, wenn Corona Narben in den Seelen hinterlässt?  

Das Potenzial zur gesellschaftlichen Spaltung ist leider da, denn die Krise wird uns länger beschäftigen als Corona. Ein Zurück zur Normalität wird nicht jedem gelingen: Menschen werden ihren Arbeitsplatz verlieren, andere hingegen profitieren sogar von der Krise. Diese beiden Pole zusammenzuhalten, ist eine Riesenaufgabe. Für die Politik und für uns alle. Wichtig ist nun, dass jede Person in der Krise darauf achtet, sich körperlich und psychisch gesund zu halten, und sich notfalls Unterstützung zu holen.  

Wie viele Menschen interessieren sich für ein Online-Training von HelloBetter? 

Wir sind Marktführer und haben mittlerweile über 30.000 Nutzer mit unseren Trainings behandelt. Außerdem konnten wir Krankenkassen, Unternehmen und gemeinnützige Organisationen als Kooperationspartner gewinnen.  

Was ist Ihre Rolle dabei? 

Ich bin im Januar 2019 zum Gründungsteam von HelloBetter geholt worden, um eine Wachstumsstrategie für das 2015 gegründete GET-ON-Institut zu entwickeln und den Unternehmensausbau voranzutreiben. Gründer Prof. David Ebert forscht als Psychologe seit 12 Jahren in dem Bereich, und er hat das Ziel, dass Online-Trainings, deren Wirksamkeit erwiesen ist, endlich auf breiter Front in die Versorgung kommen. Seitdem kümmere ich mich um den Unternehmensaufbau, die Finanzierung, die strategische Geschäftsentwicklung. 

Wie sah Ihr Weg vorher aus?    

Ich habe Internationale Beziehungen in Dresden und Straßburg sowie Liberal Arts in Berlin studiert, und war von 2007 bis 2009 an der Hertie School of Governance und der Columbia University im Studiengang Public Policy. Nach dem Studium habe ich das Startup Iversity gegründet, eine Online-Lernplattform im Bildungsbereich, die wir nach sechs Jahren an Springer Nature verkauft haben. Dann sprach mich David Ebert an, ob ich Lust hätte, mit dem GET-ON-Institut eine Neuausrichtung anzugehen. So entstand die Idee, HelloBetter zu gründen.  

Nicht alle Menschen wollen mit jemandem über ihre Probleme reden. Es wird also gar nicht immer der menschliche Austausch gewünscht. Genau diese Leute adressieren wir mit unserem Programm.

Und dann kam Corona – welche Sorgen beschäftigen die Menschen besonders? 

Das ist bei jedem anders. Man kann nicht sagen, dass es die eine psychische Corona-Krankheit gibt. Sicher ist, dass es Menschen, die ohnehin schon psychische Vorerkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen haben, jetzt besonders schlecht geht, weil ihre Bewältigungs-Strategien schwer umsetzbar sind. Wenn ein depressiver Mensch z.B. gelernt hat, dass ihm Sport guttut, aber sein Fitnessstudio geschlossen ist, bereitet das Probleme. Hier gilt es, Alternativen zu entwickeln. Das kann aber nicht jeder Erkrankte ohne Unterstützung. Also müssen so genannte Copingstrategien gefunden werden, um den Alltag an die veränderten Bedingungen anzupassen. Dabei helfen unsere Hotline, die Online-Community und das Corona-Training. Zudem gibt es Leute, die bisher nicht belastet waren, und die plötzlich an ihre Grenzen kommen, weil sie neben Kindererziehung, Geldnot oder der Angst vor dem Jobverslust nicht wissen, was sie zuerst tun sollen. Kurz gesagt: Die jetzige Situation belastet unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Art und Weise. Gemeinsam haben sie, dass ihnen schnellstmöglich psychologische Unterstützung ermöglicht werden sollte.  

Hat die Anonymität des Internets nicht auch zu Vereinsamung und Depression beigetragen? Partner werden z.B. wisch-und-weg über Tinder gesucht, die Menschen versacken vor Netflix. Und nun soll es der Online-Kurs richten? 

Es gibt nicht die eine richtige Antwort auf diese Frage. Untersuchungen zeigen, dass von allen Therapieformen wie z.B. Hotline, Video, Face-to-Face mit einem Therapeuten, Gruppentherapie, kein einziges Format eine Akzeptanz von über 50 Prozent hätte. Alle zusammengenommen haben aber eine Akzeptanz von 95 Prozent! Der Schlüssel liegt also in der Methodenvielfalt. Die Forschung hat zudem ergeben, dass 80 Prozent derjenigen, die die Diagnosekriterien für eine psychische Erkrankung erfüllen, keinen Kontakt zum Versorgungssystem haben. Sie gehen nicht zum Arzt, vermeiden es, sich mit ihren Problemen auseinander zu setzen.  

Woran liegt das?  

Am häufigsten wurde als Grund genannt: „Ich möchte mit meinem Problem allein klarkommen”. Nicht alle wollen mit jemandem reden. Es wird also gar nicht immer der menschliche Austausch gewünscht. Genau diese Leute adressieren wir mit unserem Programm. Und das mit Erfolg: zwei Trainings aus unserem Depressionsangebot sind von der Stiftung Warentest als „empfehlenswert“ eingestuft worden.  

Wenn ich mich für das Depressionstraining anmelden will, kostet das für acht Einheiten 359 Euro. Ein Platz beim Psychotherapeuten auf Rezept wäre kostenlos… 

Das stimmt, bisher ist das Training nur bei einer großen Kasse kostenlos. Unser Ziel ist es aber, dass unser Angebot in die Regelversorgung kommt, damit es alle Kassen übernehmen und alle Versicherten Zugang haben. Leider war es in der Digital Health Branche bisher nur durch Selektivverträge mit einzelnen Kassen möglich, eine Kostenübernahme zu erreichen. Hier brauchen wir unbedingt eine Gesamtlösung. Am Ende sollen dann die Ärzte und Therapeuten entscheiden, welche Angebote für ihre Patienten sinnvoll sind. 

Wie wollen Sie das erreichen? 

Zum Glück hat die Politik den Missstand erkannt und Ende 2019 das Digitale Versorgungsgesetz verabschiedet. Im April kam die Verordnung heraus, die regelt, wie man künftig in den Kollektivvertrag, also die Regelversorgung, kommt. Durch Corona hat sich das Ganze leicht verzögert. Aber die Pandemie hat gezeigt, dass digitale Angebote wichtig sind.  

Corona hat gezeigt, dass digitale Angebote wichtig sind.

Was ist Ihre Vision für HelloBetter und die Online-Gesundheitstrainings? 

Online-Trainings werden in den kommenden Jahren ein wesentlicher Pfeiler in der Regelversorgung psychisch Erkrankter werden, daran arbeiten wir. Die meisten Ärzte und Therapeuten sehen uns da auch nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung ihres eigenen Angebotes. Wir bieten Psychotherapeuten in der Krise kostenlose Webinare zur Einführung einer Video-Sprechstunde, denn bisher bieten gerade mal 20 Prozent der Praxen diesen Service an. 

Wie gehen Sie persönlich mit der Krise um? 

Ich hatte bisher wenig Zeit, darüber nachzudenken. Wenn ich im Homeoffice nicht gerade vorm Rechner sitze, fahre ich mit dem Rad oder koche.  

Das ist alles? 

Naja, ich teile mir eine WG mit einem Kumpel, übrigens auch ein Hertie School-Absolvent. Er mixt gern Cocktails, und wir haben zum Feierabend schon einige Kreationen ausprobiert und dabei gepuzzelt. Zum Glück haben wir auf der HelloBetter-Seite ein „Weniger trinken“-Training, das ich notfalls buchen könnte … Nein, im Ernst, so weit ist es zum Glück noch lange nicht.  

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.