Über Integrationsprozesse

Im Gespräch mit Prof. Herbert Brücker, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin, über die Folgen des Kriegs in der Ukraine für Migration und Integration.

„Die Integration der Geflüchteten ist eine enorme Herausforderung“

Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine sind mittlerweile mehr als 830.000 Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Die Empathie mit den Menschen ist hoch, und nun geht es darum, sie möglichst zügig zu integrieren. Doch wie kann das gelingen? Und wollen die Geflüchteten das überhaupt? Prof. Herbert Brücker ist Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin, dessen Förderpartner die Hertie-Stiftung ist. In unserem Interview erläutert der Ökonom und Arbeitsmarktforscher, welche Hürden jetzt zu meistern sind, was der Zustrom für unserer Gesellschaft bedeutet, und welche Lehren wir aus dem Flüchtlingsstrom von 2015 ziehen sollten.  

Was wissen Sie über die Geflüchteten aus der Ukraine? 

Etwa 40 Prozent der Geflüchteten sind Kinder, was ein hoher Anteil ist. Unter den Erwachsenen sind 80 Prozent Frauen und 15 Prozent Ältere im Alter ab 65 Jahren. Vulnerable Gruppen, die sich in erster Linie vor dem Krieg in Sicherheit bringen, sind also stark vertreten. Das ist eine völlig andere demografische Struktur als 2015, als zu 70 Prozent junge Männer aus Syrien oder Afghanistan nach Europa kamen, weil die Flucht für Kinder, Frauen und Alte zu riskant war. Das war damals auch ein Ergebnis der Abschottungspolitik der EU, die die Fluchtrisiken erhöht hat.  Wir haben bei den Geflüchteten aus der Ukraine außerdem ein recht hohes Bildungsniveau. Unter den jungen Ukrainerinnen und Ukrainern studiert ein höherer Anteil als in Deutschland. Auch wenn die Zahlen nicht ganz vergleichbar sind, weil in Deutschland viele Qualifikationen, die in der Ukraine an Hochschulen erworben werden, bei uns über das duale Ausbildungssystem vermittelt werden. Bereits vor dem Krieg hatten etwa 50 Prozent der in Deutschland lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer einen Hochschulabschuss, und wir wissen aus vergangenen Fluchtepisoden, dass die durchschnittliche Qualifikation von Geflüchteten höher ist als die der Menschen in den Herkunftsländern. Wir richten uns darauf ein, dass zwischen 60 und 70 Prozent der geflüchteten Frauen Hochschulabschlüsse haben. 

"Sehr viele Geflüchtete aus der Ukraine haben die Erwartung, dass sie wieder zurückkehren werden." 

Seit dem russischen Angriff am 24. Februar sind vier Monate vergangen, vor welchen Herausforderungen stehen wir jetzt?

Die Ungewissheit über den Ausgang des Krieges ist eine große Herausforderung für die Integration. Die Menschen, die 2015 hierherkamen, wussten, dass sie nicht mehr in ihre Heimat zurückkönnen, weil dort Tod oder Folter warteten. Das ist jetzt anders: Sehr viele Geflüchtete aus der Ukraine haben die Erwartung, dass sie wieder zurückkehren werden. Große Teile des Landes sind ja weiterhin unter der Kontrolle der demokratisch gewählten Regierung. Auch sind viele Familien noch immer getrennt. Solange diese Erwartungen offen sind, bleibt die eigene Investition in Integration eher gering. Zum Beispiel ist das Erlernen der deutschen Sprache für Erwachsene oft schwierig und nimmt mehrere Jahre in Anspruch. Ehe man so eine Investition angeht, wird genau überlegt, ob man überhaupt bleiben will. Natürlich ist es mit geringem Aufwand möglich, einige Deutschkenntnisse zu erwerben, um im Alltag zurecht zu kommen, aber nicht, um damit künftig professionell arbeiten zu können. Das andere ist, dass wir viele Kinder aus der Ukraine haben, die wir in Kitas und Schulen unterbringen müssen; es braucht zudem Betreuungsplätze, damit Mütter einer Beschäftigung nachgehen können. Teilzeitbeschäftigung ist dabei auch ein großes Thema. Das alles ist in Deutschland schwierig, weil die Betreuungsinfrastruktur Lücken hat. Der Zugang zu Kindertagesstätten und Horten ist für Migranten und Geflüchtete noch einmal  schwerer, weil sie oft hinten in der Schlange um knappe Plätze stehen.  

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Vom Schreibtisch aus sagt sich das alles leicht, aber wir müssen zusehen, dass wir die Kinder so schnell wie möglich in das deutsche Schulsystem integrieren. Ich halte nichts davon, dass sie mit digitalen Angeboten zu Hause direkt aus der Ukraine unterrichtet werden, was teilweise geschieht, das würde die Integrationschancen der Frauen behindern und wäre schlecht für die Kinder.  Regelmäßiger Schulbesuch ist wichtig für die psychische Stabilisierung und Lernerfolge und natürlich auch, um soziale Kontakte zu knüpfen. Je schneller die Einschulung geschieht, umso besser gelingt Integration. Bei der Verteilung von Kitaplätzen sollten die Kommunen nun dafür sorgen, dass die Gruppe der Ukrainer möglichst vorrangig behandelt wird, da ihre Ausgangsvoraussetzung ohnehin schlechter ist. Das sagt sich jetzt leicht, denn wir wissen alle, dass es einen Mangel an Plätzen und Erziehungspersonal gibt. Was wichtig wäre: Wir haben wahrscheinlich einen hohen Anteil unter den Ukrainerinnen, die aus Erziehungs- und Lehrberufen kommen und deren Potenzial sich günstig heben ließe. Die Frauen sprechen in der Regel kein Deutsch, deshalb kann man sie schlecht in normale Regelschulangebote integrieren, aber man könnte eine Art Assistenztätigkeit einführen und sie in Willkommensklassen mitlaufen lassen. Gleichzeitig sollte es möglichst zügig Weiterbildungsangebote für diese Frauen geben, damit ihre Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden. Die Hürden sind bisher zu hoch, was angesichts des Lehrkräftemangels in Deutschland schwer verständlich ist. Wir sollten deshalb flexiblere Angebote machen. 

Welche Herausforderungen sehen Sie noch derzeit?

Ein Problem sehe ich in der Verteilung der Geflüchteten in die einzelnen Bundesländer, die nach dem Königsteiner Schlüssel geregelt ist, und dann auch nachfolgend bei der Verteilung auf die Kommunen. Viele Großstädte sind 2015 ähnlich wie heute an ihre Kapazitätsgrenze gestoßen, so dass Umverteilung nötig war. Nur haben wir die Menschen weit überdurchschnittlich oft in strukturschwache Regionen mit einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquote verteilt. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigungschancen:  Liegt die Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt höher als im Bundesdurchschnitt, sinkt die Beschäftigungswahrscheinlichkeit von Geflüchteten um rund fünf Prozentpunkte, was erheblich ist. Das hat 2015 die Integrationschancen erheblich beeinträchtigt. Wir schlagen darum vor, die Arbeitsmarktkriterien bei der Umverteilung stärker zu berücksichtigt. Ebenso die Betreuungsinfrastruktur und die vor Ort üblichen Wohnkosten. Dadurch würden sich die Integrationschancen deutlich erhöhen, wie wir aus 2015 gelernthaben. 

Viele Branchen hoffen nun darauf, dass die gut ausgebildeten Ukrainerinnen unsere Fachkräftelücke schließen - ist dem so? 

Ich würde die Erwartung etwas dämpfen. Das Qualifikationsniveau ist hoch, das hilft der Arbeitsmarktintegration und der Teilhabe in anderen Lebensbereichen, etwa beim Erwerb deutscher Sprachkenntnisse. Allerdings waren die Menschen aus der Ukraine, obwohl sie ein hohes Bildungsniveau haben, in der Vergangenheit nicht besonders gut in den deutschen Arbeitsmarkt integriert: ihre Beschäftigungsquote liegt nur bei 52 Prozent und somit drei Prozent niedriger im Vergleich zu allen anderen ausländischen Gruppen. Gerade bei den Frauen haben wir niedrige Erwerbstätigenquoten. Es gibt auch in der Ukraine ein hohes Gendergefälle, das bedeutet, dass Frauen dort deutlich weniger erwerbstätig sind als Männer. Es ist also keineswegs so, wie wir oft annehmen, dass die Frauen in postsozialistischen Gesellschaften immer alle arbeiten. Es werden auch nicht alle Frauen gearbeitet haben, die jetzt aus der Ukraine kommen. Das mindert die Chancen auf die Arbeitsmarktintegration. Das Hauptproblem ist aber, dass die ukrainischen Frauen, die jetzt zu uns kommen, sehr stark durch die Betreuung von Kindern, mitunter auch von Älteren belastet sind. Erst wenn diese Betreuungsaufgaben gelöst sind, wird eine Arbeitsmarktintegration realistisch. Wir können noch keine seriösen Zahlen nennen, aber auf Grundlage früherer Erfahrungen erscheint es realistisch, dass nach einem Jahr Aufenthaltsdauer etwa 10 bis 20 Prozent der ukrainischen Geflüchteten einer Erwerbstätigkeit nachgehen werden. Nach fünf Jahren wären es mindestens 50 Prozent. Das hilft dem deutschen Arbeitsmarkt, kann aber kurzfristig nur geringfügig zur Bewältigung des Fachkräftemangels beitragen. Auch wenn das Bildungsniveau in der Ukraine hoch ist, spricht die demografische Struktur der Geflüchteten gegen eine schnelle Arbeitsmarktintegration und stellt enorme Herausforderungen dar.    
 

"Wir haben drei große Engpässe am Anfang dieses Integrations-prozesses: die Kinderbetreuung, das Thema Wohnen und die Sprachkenntnisse. An allen drei Punkten müssen nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Kommunen arbeiten. 

Wie können Arbeitgeber in Deutschland die Geflüchteten unterstützen?

Wir haben drei große Engpässe am Anfang dieses Integrationsprozesses: die Kinderbetreuung, das Thema Wohnen und die Sprachkenntnisse. An allen drei Punkten müssen nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Kommunen arbeiten. Größere Unternehmen bieten bereits Betreuungsangebote für ihre Mitarbeitenden an, dies ist für die Ukrainerinnen besonders wichtig. Wichtig ist es auch, den Geflüchteten bei der Wohnungssuche zu helfen, und sie bei der Wahrnehmung der Sprach- und Integrationskurse zu unterstützen, etwa durch flexible Arbeitszeiten oder auch indem sie vom Arbeitgeber freigestellt werden. Wenn jemand für diese Kurse Überstunden machen muss, sinken die Chancen auf Spracherwerb und die Integrationsperspektive verschlechtert sich.     

Nach der Migration von über einer Million Menschen aus Syrien und Afghanistan 2015 ebbte die Willkommenskultur recht schnell ab, stattdessen nahm die Fremdenfeindlichkeit zu. Besteht die Gefahr, dass die positive Stimmung gegenüber den Ukrainern wieder kippt?

Man muss als erstes zur Kenntnis nehmen, dass wir eine andere Wahrnehmung des Konfliktes haben. Dabei haben die Menschen, die aus Syrien gekommen sind, genauso Schreckliches oder Schrecklicheres erlebt. Viele haben damals behauptet, die europäischen Grenzen seien offen gewesen. Das ist aber nicht richtig, die Menschen mussten irregulär über die Grenzen gehen, entsprechend risikoreich waren die Fluchtwege. Zudem wurde die Lage in Syrien als innerislamischer Konflikt wahrgenommen, aber nicht politisch gedeutet. Tatsächlich hat in Syrien aber ein säkulares Regime den Kampf gegen die eigene Bevölkerung geführt, übrigens mit russischer Unterstützung und ähnlichen Bildern wie heute in der Ukraine. Durch die ethnische oder religiöse Deutung des Konflikts wurden aber auch die Geflüchteten selbst häufig kritisch oder auch ablehnend wahrgenommen, obwohl sie in ihrer großen Mehrheit die herrschenden Regime ablehnen und die gleichen demokratischen Grundüberzeugungen wie die Menschen in der EU teilen, wie zahlreiche Umfragen belegen. Wir haben nur nicht die gleiche Empathie entwickelt, weil wir den Konflikt in Syrien nicht als so nah empfunden und auch nicht als politisch verstanden haben, sondern als Kampf einer uns fremden Kultur gedeutet haben. Auch erscheinen uns die Menschen aus der Ukraine vertrauter. Das alles senkt das Risiko, dass es zu einer Ablehnungskultur kommen wird, auch wenn die Willkommenskultur nicht so ausgeprägt bleiben wird, wie sie gerade ist. Es wird sicher auch zu Konflikten kommen.    

Wovon hängt das ab?  

Da gibt es viele Kriterien: Wir wissen zum Beispiel nicht, ob nicht noch erhebliche Teile der männlichen Bevölkerung aus der Ukraine zu uns kommen werden, die einen geringeren Sympathiebonus haben. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass es dann zu verstärkten Konflikten zwischen der russischstämmigen und der ukrainischstämmigen Bevölkerung kommen kann. Auch die Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine kann bröckeln. Das hängt sehr davon ab, wie sich die Lage dort weiterentwickelt. Diese starke Solidarität mit dem Land hilft den Geflüchteten bei uns. Es kann aber sein, dass sich die politische Wahrnehmung irgendwann wieder verändert ändert, da kann im Verlauf von Kriegen viel passieren. Wir wissen es nicht. Das alles lässt sich nicht vorhersagen. Die Kölner Silvesternacht wurde auch nicht vorhergesehen, und dennoch ist sie passiert. All diese Ereignisse können einen erheblichen Einfluss auf die Stimmung in einem Land haben.  Ich bin optimistisch, aber wir können einen Stimmungsumschwung, der die Integration behindert, nicht völlig ausschließen.

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung 

Hier finden Sie eine ausführliche Stellungnahme des BIM zu den Folgen des Krieges in der Ukraine für Migration und Integration: https://www.bim.hu-berlin.de/de/aktuelles/berichte/bim-paper-zur-ukraine-25-03-2022

BERLINER INSTITUT FÜR EMPIRISCHE INTEGRATIONS- UND MIGRATIONSFORSCHUNG

Das international renommierte Institut forscht zu Dynamiken von Migration, Integration, In- und Exklusion in postmigrantischen Gesellschaften. Mehr Informationen darüber finden Sie auf der Projektseite.

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