Der Motor der Demokratie

Dr. Carsten Brosda, Hamburger Senator für Kultur und Medien, im Gespräch über Kunst und Demokratie.

Kunst unter Druck

Der Hamburger Senator für Kultur und Medien Dr. Carsten Brosda spricht im Interview über Kunst in der Demokratie: was ist ihre Aufgabe? welchen Angriffen ist sie ausgesetzt? wie können wir uns für sie einsetzen?

„Die Kunst der Demokratie“, heißt ein neues Buch, das sich mit der Bedeutung der Kultur für eine offene Gesellschaft beschäftigt. Eine Kernthese: Aktuell werden Kunst und Kultur unter Druck gesetzt, gerade weil sie für Offenheit, Vielfalt und Freiheit stehen. Geschrieben hat das Buch der Hamburger Senator für Kultur und Medien Dr. Carsten Brosda (SPD). Warum er die Kunst „als Motor der Demokratie“ in Bedrängnis sieht, und ob eine Lösung in Sicht ist, erläutert der Autor und Kulturpolitiker in unserem Interview.  

Was verbirgt sich hinter dem doppelsinnigen Titel „Die Kunst der Demokratie“?

Es geht zum einen darum, dass Kunst in einer Demokratie spezifische Produktionsbedingungen hat, die eng mit ihrer Freiheit zusammenhängen. Und zum anderen darum, dass auch demokratisches Zusammenleben eine Kunst sein kann, auf kulturellen Übereinkünften beruht und von künstlerischen Interventionen profitieren kann.

Sie sprechen von „Kunst als Motor der Demokratie“. Was meinen Sie damit?

Kunst fordert uns heraus, Stellung zu beziehen. Sie hat alle Fähigkeiten, große Zusammenhänge, individuell und unmittelbar emotional erlebbar zu machen. Sie lässt uns nicht kalt. Historisch betrachtet haben Bürgerinnen und Bürger in Gesprächen über Kunst das Argumentieren gelernt, das heute den öffentlichen Debatten in einer freien und diversen Gesellschaft zugrunde liegt.

Sie sagen, die Kunst sei als „Motor der Demokratie“ unter Druck geraten. Inwiefern?

Es geht um einen Druck, der stark mit einer neuen Form eines zumeist rechten Narrativs zu tun hat. Denen, die diesen Druck ausüben, geht es vor allem um die weitgehende Homogenität einer Gesellschaft. Zudem sollen nationale Traditions- und Kulturbestände besonders gewahrt und gefördert werden. Das gipfelt dann in der Vorstellung, man müsse insbesondere eine vermeintliche Nationalkultur fördern. Letztendlich bedienen diese Forderungen immer wieder die Vorstellung, dass jede Nation eine spezifische Kultur besitze, mit der sie exklusiv und schlüssig verbunden sei. Das ist natürlich Quatsch. Eine nur scheinbar harmlosere Variante des neurechten Diskurses besteht darin, über den Repräsentationsgedanken von staatlich geförderten Kultureinrichtungen Neutralität einzufordern. Auch das ist ein brandgefährlicher Vorstoß, weil er die Freiheit der Kultureinrichtungen zur gesellschaftlichen Positionierung beschneidet. Die Freiheit der Kunst aber macht es natürlich möglich, Positionen auch spitz einzunehmen und nicht in der Breite präsentieren zu müssen. Genau darum geht es, wenn wir sagen, dass wir Kultureinrichtungen mit dieser Freiheit ausstatten wollen.

Mit welchen konkreten Angriffen auf Kunst und Kultur haben Sie zu tun?

In Hamburg gibt es immer wieder die Freiheit der Kunst diskreditierende Anträge in der Bürgerschaft, wenn zum Beispiel gefordert wird, die Förderung für ein internationales Produktionshaus einzustellen und die Mittel in die Pflege öffentlicher Grünanlagen zu stecken. Es geht aber auch bis hin zu Morddrohungen zum Beispiel gegen einen Mitarbeiter eines interkulturellen Stadtteilzentrums. In einem anderen Bundesland wurde auch schon im Parlament die Anfrage gestellt, wie viele Menschen nicht deutscher Herkunft in den Ensembles beschäftigt sind. Hinzu kommen Hassmails und immer wieder das Säen von Zweifeln mit Fragen wie: „Ist das überhaupt legitim, was ihr als Kulturinstitutionen da macht?“. Da ist es schon wichtig, dass wir uns als Staat hinter die Einrichtungen stellen.

Die Freiheit von Kunst und Kultur gerät aber auch bei einer ganz anderen Debatte unter Druck, die immer wieder geführt wird. Nämlich, dass im Kulturbetrieb bestimmte Positionen immer noch unterrepräsentiert sind.

Welche sind das?

Zum Beispiel die prekären Milieus aus den Großwohnsiedlungen am Stadtrand, oder Menschen mit Migrationshintergrund. Und leider auch nach Jahrzehnten des Kampfes um Gleichstellung immer noch Frauen. Es gibt die berechtigte Forderung, dass es nicht sein kann, dass die alten weißen Männer, die bis heute in den Kulturinstitutionen überproportional vertreten sind, die Geschichten dieser nicht ausreichend repräsentierten Gruppen für sie erzählen. Diese Kritik ist mehr als berechtigt. Schwierig wird es, wenn die Forderung hinzutritt, dass deshalb jetzt die Freiheit eingeschränkt werden müsse, damit andere Stimmen hörbar werden, die selber ihre eigene Geschichte erzählen. Ich glaube, dass wir die Diskussion so nicht auflösen können, weil wir dann versuchen, die eine Freiheit zu stärken, indem wir die andere Freiheit einschränken. Eigentlich geht es um die Frage, wie wir den bislang unterrepräsentierten Gruppen ermöglichen, in den Debatten ihre eigene Position zu Gehör zu bringen, und so ein sichtbarerer Teil des kulturellen Diskurses zu werden? Die Antwort ist: Nicht, indem wir Freiheit einschränken, sondern indem wir Ressourcen für die Inanspruchnahme von Freiheit stärken. Es geht hier um Gerechtigkeit und um Zugänge. Darum müssen wir uns kümmern.

In Krisen rufen viele Stimmen nach Kunst als Kitt der Gesellschaft. „Das ist nicht die Aufgabe von Kunst“, sagen Sie. Warum nicht?

Kunst erfüllt nie einen bestimmten Zweck, und sollte es auch nicht tun. Denn das würde am Ende bedeuten, dass jede Kunst und deren Förderung erst dann legitim wäre, wenn sie diese Aufgabe und diese Funktion erfüllte. Damit betreibt man irgendwann das gleiche Spiel wie diejenigen, die Kunst nur fördern wollen, wenn sie eine nationale Kultur befördert. So wird Kunst aber in eine Funktionsbeziehung zum Erreichen eines Ziels gesetzt. Für mich ist die Produktion von Kunst schon das Ziel. Das Schöne ist ja, wenn wir Kunst ihrer selbst wegen fördern, kann sie in ihrer Produktion und Rezeption dazu führen, dass die Gesellschaft einander näherkommt. Wir gewinnen Anlässe, uns miteinander auseinanderzusetzen und zu erkennen, was uns trennt und was uns vereint. Aber der Kunst zu sagen, sie müsse in einer Form von Pädagogik dazu führen, dass Menschen einander näherkommen, halte ich für falsch.

Seit Januar 2019 gibt es eine eigene Kulturministerkonferenz. Warum?

Die Konferenz der Kulturminister ist Teil der Kultusministerkonferenz, in der die Kulturpolitiker der Länder vor 2019 organisiert waren. Dort wurde die Kulturpolitik neben anderen Fragen, wie zum Beispiel der Schulpolitik diskutiert. Wir haben dort gesehen, dass es zunehmend Fragen gibt, die über den eigenen Sprengel hinausgehen und die auch mehr Zeit brauchen, als das Plenum der KMK ermöglicht. Daraus ergab sich das Bewusstsein, dass wir mehr miteinander arbeiten müssen und nicht nur nebeneinander her.

Hat die Gründung dieser neuen Allianz auch mit dem zunehmenden Druck auf die Kultur zu tun, über den wir eingangs sprachen?

Ja, auch. Mit dem ersten Beschluss, den wir gefasst haben, haben wir deutlich gemacht, dass auch Kulturinstitutionen Träger kultureller Freiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes sind, und nicht nur der einzelne Künstler und das einzelne Werk. Mit Blick auf die Angriffe insbesondere von rechts auf die Meinungsfreiheit von Kulturinstitutionen war es ganz wichtig festzuhalten, dass wir es erstens für legitim halten und es zweitens auch begrüßen, wenn sich die Kulturinstitutionen und die kulturellen Akteure dieses Landes in einen demokratischen Diskurs einmischen und Teil von ihm sind.

Wie sieht denn nun eine Lösung aus, um den Druck auf die Kunst aufzulösen?

Die einfache Lösung gibt es nicht. Wir müssen ein Bewusstsein schaffen, dass wir eine bestimmte gesellschaftliche Praxis brauchen. Zum Beispiel den ständigen Austausch und das Gespräch, denn die Vernunft liegt nicht in uns, wie wir immer annehmen, sie liegt zwischen uns – im Gespräch mit anderen. Im Gespräch werden wir schlauer, weil wir mit anderen Perspektiven konfrontiert werden, und weil wir von Positionen überrascht werden, die wir für undenkbar gehalten haben. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass eine gesellschaftliche Demokratie diesen Austausch braucht und diesen auch nichts funktional ersetzen kann.

„Die Kunst der Demokratie“ ist Ihr drittes Buch. Wann finden Sie die Zeit zu schreiben?

Meistens abends, wenn die Familie schläft. Das Schreiben hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und Bezüge herzustellen. Tagsüber fehlt meist die Fläche zur Reflexion des eigenen Tuns. Durch das Schreiben bin ich am Tag danach sortierter. Darauf möchte ich nicht verzichten.

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung