Dorothea Dattenberger

In ihrem Interview berichtet Hertie-Preis Gewinnerin Dorothea Dattenberger von ihrer Passion zu Kunst, über ihre kreative Arbeit im MS-Pflegeheim und ihre Quelle für Inspiration.

"Als Künstlerin und Sozialpädagogin vermittele ich, mit Freude in die Welt der Farben abzutauchen."

In ihrem Interview mit uns berichtet Frau Dattenberger von ihrer Passion zu Kunst, über ihre Arbeit im MS-Pflegeheim und auf was sie besonders stolz ist.

Seit 2015 betreibt die Künstlerin und Diplom-Sozialpädagogin Dorothea Dattenberger ein offenes Atelier im MS-Pflegeheim „Haus der Freunde". Dort ermöglicht sie den Bewohnern, sich trotz starker Einschränkungen bei weit fortgeschrittener Multiple Sklerose kreativ auszudrücken. Jeder kann sich im Atelier gemäß seiner Vorstellung und Möglichkeiten einbringen. Dies ist eine einzigartige Gelegenheiten für die Betroffenen, Selbstwirksamkeit zu erleben. Die Bewohnerinnen und Bewohner erfahren so Gemeinschaft, Austausch sowie positives und oft auch humorvolles Feedback zu ihren Arbeiten. 

Frau Dattenbeger, wann haben Sie die besten Ideen?

Als Künstlerin gehe ich mit allen Sinnen durch den Alltag. Ich sammle und entwickle Ideen aus Gegenständen, die wir alle im Alltag kennen.  Aus Wegwerfprodukten, wie Orangennetzen, Schokoladenpapier, Korken und vielen anderen Dingen habe ich beispielsweise eine Kunstserie entwickelt.  Auf der Suche nach Motiven lasse ich mich besonders gerne von meinem Garten, bei Spaziergängen in der Natur, über Wiesen, Felder, durch Wälder oder am Starnberger See inspirieren. 

Ich sammle Schätze der Natur, um sie den Bewohnern des MS-Pflegeheims für künstlerischer Zwecke mitzubringen. Damit hole ich die Jahreszeit in den Raum und aus einer Sammlung von Naturmaterialien, wie Blätter, Zweige, Blüten, Schwemmhölzer und Steine entstehen kleine Kunstwerke. 

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen?

Als Künstlerin liebe ich es Kunstausstellungen zu besuchen, mich in die Welt der Farben und Formen zu versenken. Ich hole mir dabei Inspiration für mich selbst als Künstlerin und vor allem individuellen Input für die Bewohner. Regelmäßig treffe ich mich mit ehemaligen Kommilitonen. Wir besuchen zusammen aktuelle Ausstellungen oder die Open Art in München. Die erlebten künstlerischen Eindrücke geben mir Glückseligkeit und Zufriedenheit.
Ansonsten liebe ich es ein interessanten Buch zu lesen. Gerne auch einfach mal eine dicke Wochenendzeitung am Samstag auf der Couch.

Wie motivieren Sie sich?

Ich habe das Gefühl, dass ich mich im Künstlerischen nicht motivieren muss. Ich muss mich eher bremsen, damit ich mit meinen Ideen, die ich alle umsetzen möchte, nicht zu viele "Baustellen" anfange. Ich nehme mir immer viel zu viel vor. Deshalb werde ich von meinen Kindern belächelt. Aber eine Sache gibt es doch, zu der ich mich eigentlich mehr motivieren müsste:  Das wäre Sport! Außer Yoga lasse ich dieses Kapitel im Moment leider schleifen.

Im MS Atelier biete ich den Bewohnern ein reiches Oeuvre an Leinwandarbeiten, Skulpturen, Textilkunst, Aquarellen, Papierkunst, Installationen, Tonarbeiten und vielem mehr.

Was können Sie besonders gut?

Generell würde ich sagen, dass ich meine Stärken im künstlerischen, sozialpädagogischen und museumspädagogischen Bereich sehe.
Im Rahmen meiner Tätigkeit im MS Pflegeheim denke ich gelingt es mir gut die Menschen im kreativen als auch im sozialen Bereich an meinem Leben partizipieren zu lassen.

Im MS Atelier biete ich den Bewohnern ein reiches Oeuvre an Leinwandarbeiten, Skulpturen, Textilkunst, Aquarellen, Papierkunst, Installationen, Tonarbeiten und vielem mehr. Die Arbeiten sind zum Teil jahreszeitlich inspiriert oder angelehnt an Techniken von Malern der Moderne wie Klee, Kandinsky, Hundertwasser sowie Malern vergangener Jahrhunderte wie William Turner oder aktuelle zeitgenössische Künstler. Eine Inspirationsquelle ist die zeitgenössische Kunst, die die Bewohner in den Museen betrachten.  Jede Arbeit entspringt allerdings den eigenen inneren Bildern der Bewohner. Da viele der Bewohner durch die Krankheit eingeschränkt sind, gebe ich Hilfestellung, um ein Bild zu vollenden: Ein Pinsel wird in einen Sektkorken gesteckt, sodass dieser mit dem Mund gut geführt werden kann. Für eine andere Bewohnerin wird der Pinsel an einen Handschuh geklebt, damit er Halt findet und die Bewohnerin malen kann. Für die Farbwahl werden Augenbewegungen vereinbart, für Bewohner, die nicht sprechen können.

Ich empfinde es als sehr wichtig, individuell auf die kreativen Bedürfnisse einzugehen. Wenn einer nicht gerne malt, gilt es andere Möglichkeiten anzubieten. Dies versuche ich zu realisieren. Wir haben aktuell eine Bewohnerin, die nicht gerne malt, aber sehr gerne strickt. Wir besuchten zusammen eine Ausstellung von Sheila Hicks, eine Künstlerin, die für ihre Arbeiten mit Wolle berühmt ist.  Die Ausstellung hat die Bewohnerin sehr fasziniert und angeregt. Seither ist sie auf gewebte Woll-und Stoffkunstwerke spezialisiert.  

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Ich bin stolz, dass ich meinen Kindheitstraum verwirklicht habe, Kunst zu studieren und als Künstlerin tätig zu sein. Meine Tätigkeit im MS Pflegeheim ergänzt sich sehr gut zu meinem Studium der Sozialpädagogik. 

Als Künstlerin und Sozialpädagogin vermittele ich, mit Freude zu malen und in die Welt der Farben und Formen abzutauchen. Für eine kurzen Zeitraum, Krankheit, Schmerz, Ängste und Sorgen zu vergessen – darin sehe ich meine Aufgabe. Die Teilnehmer müssen dabei nicht zeichnen oder malen können. Es geht nicht um die Präsizion der Darstellung, sondern um den Prozess des kreativen Tuns. Es ist mir wichtig die schöpferischen Fähigkeiten beim Einzelnen zu entdecken, das "Ich" zu stärken und auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen.

Mit meiner Arbeit schaffe ich eine Begegnung auf Augenhöhe und Wertschätzung mit den Bewohnern und kann damit ihr Selbstbewusstsein stärken und ihnen Freude bringen. Wenn ein Bewohner stolz sein eigenes Kunstwerk betrachtet, macht mich das glücklich. Für solche Momente lebe ich in meiner Arbeit.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Als Künstlerin ist mein absoluter Lieblingsort mein Atelier. Hier ist meine kleine Welt, in der ich uneingeschränkt meinem "Ich" seinen Lauf lassen kann. 
Ich wohne am Starnberger See und genieße daher so oft es geht die pittoresken Sonnenuntergänge, das Wasser, die Farben, Gerüche und Ruhe der Natur vor allem an kalten Tagen. Im Sommer findet man vor lauter Spaziergängern und Badenden kein ruhiges Örtchen und es ist einfach nur voll.

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus?

Für mich gibt es den perfekten Tag nicht. Was ist perfekt? Ich genieße Tage, an denen alles rund läuft mit mir selbst, mit meiner Familie und am Arbeitsplatz. Ich suche nicht das große Glück, sondern versuche täglich das kleine Glück in den Händen zu halten. Wenn ich in meinem Garten, am See oder in meinem Atelier verweilen kann, dann ist das das kleine Glück.  Das ist perfekt. Oder wenn ich im MS Pflegeheim einen Moment des Lächelns, positiven verbalen Feedbacks oder strahlende Gesichter ernten kann. 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Mit den Schweizer Medienkünstlern Peter Fischli und David Weiss! Ihr Kunstfilm „Der Lauf der Dinge“ ist eine Metapher für das Leben und hat mich ungeheuer beeindruckt. Er symbolisiert mit seinen Bildern und Kettenreaktionen die Zerbrechlichkeit des Seins. Mit seiner Komik zaubert es den Zuschauern ein Schmunzeln ins Gesicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

HERTIE-Preis für Engagement und Selbsthilfe

Mit dem Hertie Preis würdigt die Stiftung Aktionen von Einzelpersonen oder Selbsthilfegruppen zugunsten neurodegenerativ oder MS-Erkrankter. Die Aktivitäten sollen möglichst kreativ, ungewöhnlich oder durch einen besonderen Zusammenschluss von unterschiedlichen Menschen geprägt sein. Die Größe des Projekts ist dabei weniger entscheidend als der Einsatz der Akteure.

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