Keine halben Sachen

Dr. Falk Steffen, Assistenzarzt in der neurologischen Klinik in Mainz und Alumnus unseres medMS-Doktorandenprogramms, im Interview über seine Arbeit zwischen Klinik und Forschung.

"Die Verbindung von Klinikarbeit und Forschungstätigkeit ist für mich sehr erfüllend."

Wie sind Sie zur MS-Forschung gekommen?
Schon zu Beginn meines Studiums haben mich die Fächer Immunologie und Neurologie / Neurowissenschaften sehr gereizt. Die Neuroimmunologie verbindet meiner Meinung nach interessante Aspekte beider Disziplinen und bietet eine attraktive Balance zwischen Grundlagenforschung und Translation im Sinne einer klinischen Anwendung. So kam ich zu meinem Promotionsthema mit dem Themenschwerpunkt Multiple Sklerose. Bis heute faszinieren mich die Dynamik in diesem Forschungsgebiet sowie die vielfältigen Methoden, welche hier Anwendung finden, um die Erkrankung Schritt für Schritt ein kleines bisschen besser zu verstehen und mit diesen Erkenntnissen u.a. neue Therapieansätze zu entwickeln. 

Können Sie Ihr aktuelles Forschungsprojekt für Laien kurz erklären?
Durch unsere enge Vernetzung von Forschung und neurologischer Klinik können wir in unserem Labor auch viele humane Forschungsprojekte vorantreiben. Das heißt, dass wir im Rahmen von genehmigten Ethikanträgen nach Aufklärung und Einverständnis mit Biomaterial wie Blut- oder Nervenwasser-Proben der betroffenen Patienten und Patientinnen arbeiten können. Als Beispiel können diese Proben hinsichtlich spezifischer Immunzell-Subtypen analysiert werden oder aber auch in der Petrischale kultiviert werden, um zu untersuchen, ob sich diese im Vergleich zu beispielsweisen nicht erkrankten Personen in spezifischen Situation anders verhalten. Aber auch Unterschiede zwischen erkrankten Personen können wichtige Hinweise liefern. Unter anderem arbeiten wir aktuell viel an der Implementierung von Biomarkern für Multiple Sklerose. Das sind z.B. Eiweiße im Blut, welche im besten Fall bei der Krankheitsdiagnose, dem Abschätzen des Krankheitsverlaufes und der Therapieentscheidung mit einbezogen werden können. Das ist erfreulicherweise eine Arbeit sehr nah am Patienten. Um die theoretischen Grundlagen nicht außer Acht zu lassen und, da nicht alle drängenden Fragen direkt mit humanen Bioproben zu beantworten sind, ergänzen wir diese Arbeit mit Mausmodellen und Zellkulturen. 

"Die Dynamik in der Forschung mit immer wieder neuen Ideen und Lösungsansätzen ist das Gegenteil von Stillstand und motiviert mich in meiner Arbeit."

Was treibt Sie in Ihrer Arbeit an? 

Die Verbindung von Klinikarbeit und Forschungstätigkeit ist für mich sehr erfüllend, da die Herangehensweisen in diesen Teilbereichen in meinen Augen sehr unterschiedlich sind. Im Studium der Humanmedizin geht es meist um richtig oder falsch mit überschaubarem Raum für Kreativität. In der Forschung geht es dahingegen eigentlich jeden Tag darum, Lösungen für Probleme zu finden und meistens gibt es nicht den einen richtigen Weg dorthin. Die Dynamik in der Forschung mit immer wieder neuen Ideen und Lösungsansätzen auf wissenschaftlichen Tagungen und aber auch in der Klinik mit neuen Therapieansätzen und Verbesserung von Krankheitsprognosen ist das Gegenteil von Stillstand und motiviert mich in meiner Arbeit. 

Was waren besondere Momente im Rahmen Ihrer MS-Forschung?

Der Blick aus dem Labor heraus in die Klinik. Im Rahmen meiner Doktorarbeit hatte ich mich bereits einige Zeit mit der Erkrankung Multiple Sklerose beschäftigt, aber diese Diagnose einem Patienten oder einer Patientin in jungem Alter und mitten in der Lebensplanung zu übermitteln war eine sehr besondere Erfahrung. Wenn man die Betroffenen dann im weiteren Verlauf wiedersieht und erfährt, dass es - auch durch die intensiven Forschungsbemühungen der letzten Jahrzehnte - gelingen kann Krankheitsverläufe zu verbessern, sodass die oben genannten Lebensplanungen auch mit dieser Erkrankung umsetzbar sein können, dann gibt das neue Motivation für die ärztliche Arbeit als auch für die Forschungstätigkeit.

Was wollen Sie in Zukunft erreichen? Gibt es spannende Forschungsansätze, neue Projekte…?

Die Themen Digitalisierung und künstliche Intelligenz finde ich sehr spannend. Ich glaube, dass hier sowohl in der Forschung als auch in der Klinik ein riesiges Potential schlummert, welches wir bisher noch nicht ansatzweise ausgeschöpft haben. Insofern bin ich sehr gespannt, was diesbezüglich noch kommen wird, inwieweit wir in unserer alltäglichen Arbeit davon betroffen sein werden, inwieweit wir diesen Transitionsprozess aktiv mitgestalten können und was für ethische Diskussionen dies mit sich bringen wird. 

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz? 

Ich mache ungern halbe Sachen. Und wenn ein Versuch mal so gar nicht klappen möchte oder ich das große Ganze aus den Augen verloren habe, hilft manchmal das Kölsche Grundgesetz um auf den Boden der Tatsachen zurück zu gelangen.

Was können Sie besonders gut?

Ich kann mich gut für bestimmte Themen begeistern und lasse mich gern anstecken von Menschen, die Spaß haben an den Dingen, die sie tun. Vermutlich wurde mir außerdem ein gewisser Grad an Resilienz mitgegeben, um trotz Stress im Klinikalltag oder missglückten Versuchen im Labor die Freude an meiner Arbeit nicht zu verlieren. 

"Die Verbindung von Klinikarbeit und Forschungstätigkeit ist für mich sehr erfüllend, da die Herangehensweisen in diesen Teilbereichen in meinen Augen sehr unterschiedlich sind."

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Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Ich bin insbesondere dankbar und froh darüber, dass es in meinem Leben immer wieder Wegbegleiter in der Familie, im Freundeskreis oder in Form von Vorbildern und Förderern im Studium oder auf der Arbeit gab, die einen großen Anteil daran haben, dass ich heute das machen kann was ich tue und Spaß daran habe. 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Ich glaube ein echtes Gespräch in Präsenz bei Kaffee oder einem guten Wein kann auch durch das beste Video-Tool in Corona-Zeiten nicht ersetzt werden. Dabei darf unter Einhaltung gewisser allgemeingültiger Verhaltensregeln auch mal zünftig gestritten werden. Das hilft die eigenen Standpunkte zu hinterfragen und erweitert die Perspektive. Blasen mit dem Echo der eigenen Meinung gibt es im digitalen Raum bereits genug. Deshalb hoffe ich, dass es bald wieder gefahrlos möglich sein wird, solche Gespräche mit Gestik, Mimik und emotionaler Reaktion in Echtzeit zu erleben. 
 

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Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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