Fortschritt durch Vernetzung

Im Gespräch mit Prof. Thomas Gasser und Prof. Martin Giese über das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience, die Bedeutung von Vernetzung in der Wissenschaft sowie die Rolle deutscher Forschung im internationalen Vergleich. 

Moderne Wissenschaft ist interdisziplinär

Die Hertie-Stiftung möchte als sichtbarer Katalysator für die beschleunigte Translation von Forschungsergebnissen aus dem Labor in die Klinik dienen, um Patienten eine bestmögliche Behandlung zu ermöglichen.  Aus diesem Grund wurde das  „Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience“ gegründet, ein einzigartiges Netzwerk zur nachhaltigen Förderung der besten deutschen Standorte auf dem Gebiet der klinischen Neurowissenschaften. Das Netzwerk setzt sich aus sechs deutschen Spitzenstandorten zusammen, die sich durch eine enge Zusammenarbeit der neurologischen Universitätsmedizin mit grundlagenwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen auszeichnen. Prof. Thomas Gasser und Prof. Martin Giese, Standortsprecher für Tübingen, erzählen im Interview, was sie am Netzwerk überzeugt, warum Vernetzung in der Wissenschaft so wichtig ist und welche Rolle deutsche Forschung im internationalen Vergleich spielt.   

Mit welchem Schwerpunkt bringt sich Ihr Standort in das Netzwerk ein?

Thomas Gasser: Ein besonderer Schwerpunkt der klinischen Neurowissenschaft in Tübingen liegt auf der Früherkennung sowie der personalisierten Therapie. Zudem werden innovative Neurotechnologien zur Diagnose, Therapie und Rehabilitation genutzt. Auch für die Nutzung der Methoden des maschinellen Lernens und der künstlichen Intelligenz ist in Tübingen besondere Expertise vorhanden, die in das Netzwerk eingebracht wird.

Was hat Sie am Hertie Network überzeugt, warum machen Sie mit?

Martin Giese: Das Hertie Network integriert eine Reihe der führenden Standorte für Neurologie mit zum Teil unterschiedlichen wissenschaftlichen Schwerpunkten. Dadurch ergeben sich einmalige Möglichkeiten für die Etablierung neuer wissenschaftlicher Zusammenarbeiten. Die beteiligten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können so die wissenschaftlichen Stärken und Methoden der anderen Standorte kennenlernen. 

Wie wichtig ist Vernetzung in der Wissenschaft?

Thomas Gasser: Die zunehmende Komplexität wissenschaftlicher Fragestellungen macht Vernetzung in der Wissenschaft geradezu essentiell. Kein Forscher und kein Standort kann alleine die wichtigen Zukunftsfragen der Wissenschaft beantworten.

Martin Giese: Die moderne Wissenschaft ist hochgradig interdisziplinär und kombiniert verschiedenste Methoden. Daher ist der gegenseitige Austausch für die Entwicklung und die Durchführung wissenschaftlicher Projekte extrem wichtig. 

Wo sehen Sie die deutsche Forschung im internationalen Vergleich? Wo ist Verbesserungsbedarf?

Martin Giese: Die deutsche Forschung ist international kompetitiv. In den USA ist insbesondere die Vernetzung mit der industriellen Forschung teilweise effektiver. Auch besteht in Deutschland weniger Interesse der Industrie, auch in grundlagennahe Bereiche zu investieren. 

Thomas Gasser: Insgesamt ist die medizinische Forschung in Deutschland sehr gut aufgestellt. Für die klinische Forschung gibt es allerdings eine erhebliche Behinderung der Forschung durch Einschränkungen in der standardisierten Erfassung und Nutzung klinischer Daten für die Forschung. Die Medizininformatik-Initiative (MII) versucht das anzugehen, das ist aber noch ein sehr langer Weg.Einerseits sind hier Datenschutzvorschriften hinderlich, andererseits aber auch die deutsche Tradition, dass die Daten jemandem (häufig dem Abteilungsleiter) „gehören“ und dass damit der Zugang dazu erschwert wird.

Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?

Martin Giese: Aus meiner Sicht ist der deutsche Nachwuchs hervorragend. Es besteht großes Interesse an Innovation, und in den letzten zehn Jahren sind zahlreiche neue interdisziplinäre Studiengänge entstanden, die Nachwuchstalente mit großer methodischer Breite hervorgebracht haben. Ein gewisses Problem besteht in den Regeln des deutschen Hochschulsystems, bei dem viele hervorragende Nachwuchskräfte aufgrund relativ schlecht planbarer Karriereaussichten längerfristig ins Ausland abwandern.

Was würden Sie den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern mit auf den Weg geben wollen?

Thomas Gasser: Ich würde sagen: „follow your heart“. Alle taktischen Überlegungen zur Karriereentwicklung sind auf Dauer nicht erfolgreich, wenn es keine echte innere Begeisterung für das Thema gibt, an dem man arbeitet. 

Martin Giese: Ich würde ihnen aufgrund meiner eigenen Erfahrung ebenfalls raten, ihre Interessen gemäß ihren Neigungen zu entwickeln und neue Strömungen aufzunehmen, die ihnen erfolgversprechend erscheinen. Oft ergeben sich Innovationen durch Zufall, und auch eigene Fähigkeiten können in völlig anderer Weise später relevant werden, als man dies ursprünglich geplant hat. 

Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience bilden ein einzigartiges Netzwerk zur Förderung der klinischen Neurowissenschaften.

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