Der Epilepsie auf der Spur

Am 5. Oktober ist Tag der Epilepsie - für mehr Aufmerksamkeit für die neurologische Erkrankung. Prof. Heinz Beck erklärt im Interview, welche Therapieansätze es gibt und warum ein gutes Netzwerk zwischen Klinik und Forschung so wichtig ist.

Kommunikation in der Wissenschaft ist Gold wert

Epilepsie gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen: Rund 800.000 Menschen sind hierzulande von der Funktionsstörung des Gehirns betroffen, deren Hauptsymptom epileptische Anfälle sind. Der Mediziner Prof. Heinz Beck erklärt im Interview, wie an neuen Therapien gearbeitet wird, warum ein gutes Netzwerk zwischen Klinik und Forschung so wichtig ist, und was ihn bewogen hat, sich als junger Doktorand für das Fachgebiet Epilepsie zu entscheiden. Prof. Beck ist Leiter des Instituts für Experimentelle Epileptologie und Kognitionsforschung der Universität Bonn und stellvertretender Standortsprecher des „Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience“, das die besten deutschen Universitätsstandorte auf dem Gebiet der klinischen Neurowissenschaften fördert.

Wie sind Sie auf das Fachgebiet Epilepsie gekommen, warum fasziniert Sie die Erkrankung so?

Die Initialzündung war mein inzwischen leider verstorbener Doktorvater Uwe Heinemann aus Köln. Epilepsie war eines seiner Hauptinteressen. Irgendwie hat sich das auf mich übertragen. Natürlich stellt man sich auch irgendwann die Sinnfrage: Warum mache ich das Ganze? Ein Teil ist sicher von wissenschaftlicher Neugier getrieben. Aber irgendwann realisiert man, dass eine neurologische Erkrankung auch ein Schicksal ist, eines, das mich besonders berührt hat, wenn es Kinder betrifft. Für all diese Menschen gibt es keine andere Lösung als Forschung. Diese Erkenntnis wurde schnell zu meiner Motivation, um wenigstens im Kleinen einen Teil zum Verständnis der Epilepsie beizutragen. Aber auch der Kontakt zu den Patientinnen und Patienten, die oftmals mit bewundernswertem Mut und ungebrochener Zuversicht mit ihrer Epilepsie umgehen. Sie alle bestärken mich, an dieser Erkrankung zu forschen.    

Was gibt es Neues im Bereich der Epilepsie-Therapie? 

Die Forschung bewegt sich hier langsam, denn um zu verstehen, wie die Behandlung von neurologischen Erkrankungen funktioniert, muss man die genauen Abläufe im Gehirn kennen, und das ist das Problem, vor dem wir momentan noch stehen. Das Gehirn ist eben das komplizierteste Organsystem, das wir haben. Aber: Bisher können unsere ärztlichen Kolleginnen und Kollegen 70 Prozent der Epilepsie-Erkrankten medikamentös so gut behandeln, dass sie weitgehend frei von epileptischen Anfällen sind und ein unbeeinträchtigtes Leben führen können. Zudem wurden neue Substanzen entwickelt, die weniger Nebenwirkungen aufweisen. Dennoch bleiben diese 30 Prozent der Betroffenen, bei denen die Medikamente überhaupt nicht wirken. 

Woran liegt das?    

Das können wir nur vermuten. Ein Grund könnte sein, dass sich die Methoden und Modelle, mit denen neue Epilepsie-Medikamente entwickelt werden, über Jahre nicht grundlegend geändert haben. Da bleibt der große Erfolg irgendwann aus, vor allem, weil wir ein tiefes biologisches Verständnis für die Abläufe im Gehirn, die bei Epilepsie fehlgesteuert sind, noch nicht haben.  

Warum werden die Methoden und Modelle nicht verändert?

Für die Pharmafirmen ist das vermutlich nicht so einfach – die Forschung in Firmen muss sich immer gegenüber ihren Shareholdern verantworten. In der Wissenschaft machen wir das schon, vor allem, indem wir Modelle entwickeln, die nicht nur die Erkrankung mit ihren Symptomen berücksichtigen, sondern auch ihre Ätiologie, also die Entstehungsmechanismen einer Erkrankung. Das ist ein wichtiger Schritt. Denn was wir zunehmend verstehen ist, dass die Epilepsien eine heterogene Gruppe aus mehreren Erkrankungen ist, die sich durch Anfälle manifestieren. Die Ursachen dahinter sind vielfältig, es können entzündliche oder genetische Ursachen sein, aber auch Entwicklungsfehlbildungen.

Wir müssen also Modelle entwickeln, die möglichst genau die Entstehungsmechanismen nachbilden, um später daraus eine medikamentöse Strategie zu entwickeln. Es gibt zum Beispiel sehr schwere Fälle von Epilepsie bei Kindern, die auf Entwicklungsfehlbildungen zurückzuführen sind. Die Krankheitsveränderungen auf zellulärer Ebene sind hier zum Teil sehr spezifisch. Unsere Hoffnung ist deshalb, dass wir über ganz spezifische Modelle auch sehr spezifische Befunde erhalten, die dann zu spezifischen Therapien führen. 

"Wir verstehen zunehmend, dass die Epilepsien eine heterogene Gruppe aus mehreren Erkrankungen bilden, die sich durch Anfälle manifestieren"

Woran arbeiten Sie noch? 

Aktuell an Modellen für Temporallappenepilepsien, eine der häufigsten Epilepsien und häufig resistent gegenüber Medikamenten. Über die Entstehungsgeschichte dieser Erkrankung wissen wir bisher nicht viel, vor allem nicht, wie bestimmte kognitive Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Gedächtnisstörungen zustande kommen. Wir wollen nun Strategien entwickeln, wie man diese sogenannten Komorbiditäten behandeln kann. Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass Epilepsiepatientinnen und -patienten nicht automatisch kognitive Beeinträchtigungen haben. Leider wurden die Betroffenen lange Zeit zu Unrecht stigmatisiert. Deshalb ist der Deutsche Epilepsie-Tag ein so wichtiges Datum, um die Öffentlichkeit aufzuklären.

Was halten Sie von technischen Hilfsmitteln wie Epilepsie-Trackern, um die epileptischen Anfälle zu dokumentieren?

Die alte Art, einen schriftlichen Anfallskalender zu führen, hat leider nicht besonders gut funktioniert. Die Daten haben sich als sehr ungenau herausgestellt. Insofern sind die oftmals objektiveren technischen Methoden von Vorteil, um möglichst viele individuelle Informationen über die Patientinnen und Patienten und ihr Krankheitsbild zu bekommen. Das ist für die Epilepsie besonders wichtig, weil hinter ihr eben eine Sammlung von Erkrankungen steckt. Je mehr individuelle Informationen wir also haben, umso mehr lernen wir. Die stärkere Individualisierung wird in der Medizin ohnehin der Weg der Zukunft sein, um Therapien und Diagnoseverfahren zu entwickeln. 

Sie gehören mit dem Universitätsstandort Bonn zum „Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience“. Ein Ziel des Netzwerks ist es, den Wissenstransfer zwischen Forschung und Kliniken zu verbessern. Wie sind Ihre Erfahrungen im Alltag? 

Das Zusammenspiel von Klinik und Forschung ist eine Riesenherausforderung. Einerseits, weil es im klinischen Bereich einen enormen Wissensfortschritt gibt, der von den jungen Ärztinnen und Ärzte in ihrer klinischen Ausbildung sehr viel abverlangt. Und gleichzeitig hat es in den Neurowissenschaften in den vergangenen 15 Jahren einen Boom sehr aufwändiger neuer Methoden gegeben, die uns in einer Detailschärfe ins Gehirn sehen lassen, wie es sie nie gegeben hat. Diese Zweigleisigkeit stellt die so genannten Clinician Scientists, also die Klinikerinnen und Kliniker, die eine wissenschaftliche Ausbildung genossen haben, vor große Herausforderungen. Diesen Spagat schaffen nur die Besten, deswegen bin ich auch sehr froh über das Hertie-Netzwerk. Selbst die Besten schaffen es aber auch nur unter optimalen Bedingungen, also einem exzellenten klinischen Umfeld mit entsprechender Infrastruktur im Laborbereich, einem herausragenden wissenschaftlichen Umfeld, um auch die nötigen finanziellen Mittel einzutreiben, und natürlich der Möglichkeit, sich als junger Clinical Scientist zwischen Klinik und Wissenschaft frei bewegen zu können. Wenn eine der Bedingungen davon nicht klappt, funktioniert es nicht. 

Wie nehmen die jungen Forscherinnen und Forscher aus Bonn das Hertie-Netzwerk wahr?

Die Rückmeldungen sind super. Diesen jungen und sehr intelligenten Kolleginnen und Kollegen sind die Herausforderungen, die ich geschildert habe, natürlich seit Jahren völlig klar. Deshalb ist es für sie so bereichernd, wenn sie mit anderen zusammenkommen, die ähnliche Brocken zu meistern haben. Durch den Austausch entstehen neue Ideen, nach dem Motto: „An dem anderen Standort wird das so gemacht, wäre das nicht auch etwas für uns?“ Allein dafür hat sich das Netzwerk schon gelohnt. Aber es gibt auch bereits die ersten wissenschaftlichen Interaktionen innerhalb des Netzwerkes, das ist auch toll. So viele Clinician Scientists gibt es ja nicht, deshalb ist die Kommunikation unter ihnen im Netzwerk Gold wert.

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemennützige Hertie-Stiftung.

Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience bilden ein einzigartiges Netzwerk zur Förderung der klinischen Neurowissenschaften.

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