"Wir bereiten unsere Studierenden auf die Zukunft vor, nicht auf die Vergangenheit."

Ein Interview mit Henrik Enderlein anlässlich seines Amtsantritts als Präsident der Hertie School of Governance über Civic Leadership, Herausforderungen unserer Gesellschaft und den Elfenbeinturm der Wissenschaft.

Henrik Enderlein ist Präsident und Professor of Political Economy an der Hertie School of Governance sowie Direktor des Jacques Delors Institute Berlin. In seiner Forschung befasst er sich mit europäischer Wirtschafts- und Finanzpolitik, insbesondere mit der Währungsunion, dem EU-Haushalt, Finanzkrisen und dem Fiskalföderalismus. 2003 erhielt Henrik Enderlein die Otto-Hahn Medaille der Max-Planck-Gesellschaft für herausragende wissenschaftliche Leistungen. Er hat an der Sciences Po in Paris und der Columbia University in New York studiert und am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln promoviert. Vor seiner akademischen Laufbahn war er als Wirtschaftswissenschaftler bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt tätig.

Präsident der Hertie School of Governance Henrik Enderlein, Foto: Maurice Weiss/Hertie School of Governance

Sie sind seit 2005 an der Hertie School – wie hat sich die School im Laufe der Zeit entwickelt und verändert? Was war die Vision und konnte sie umgesetzt werden?

Die Idee Hertie School of Governance, also eine herausragende Institution zu schaffen, die junge Menschen für Führungsaufgaben in Regierung, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft vorbereitet, hat mich schon 2005 fasziniert. Ich bin dann „Hertieaner“ der ersten Stunde geworden und habe die Entwicklung der Hertie School dadurch sehr direkt miterlebt. Meine Vorgänger Michael Zürn und Helmut Anheier haben großartige Arbeit geleistet, denn die Hertie School hat sich unter den Public Policy Schools weltweit einen Namen gemacht. Wir sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, heute hat die Hertie School insgesamt über 500 Studenten in drei Master-Studiengängen und dem PhD-Programm. Unsere Professoren arbeiten an wichtigen, praxisrelevanten Forschungsthemen und unsere Alumni sind rund um den Globus in verantwortungsvollen Positionen.

Wo sehen Sie die zukünftigen Herausforderungen und wo möchten Sie mit der School in 10 Jahren stehen?

Die Hertie School hat seit ihrer Gründung eine tolle Erfolgsstory hingelegt. Jetzt sind wir bereit für den nächsten Entwicklungsschritt. Wie Paris oder London braucht auch Berlin eine erstklassige internationale Universität für Public Policy, die herausragende Studierende für gesellschaftliche Führungsaufgaben ausbildet und der zentrale Anlaufpunkt für die politischen und gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit ist. Insbesondere wollen wir unser inhaltliches Profil noch weiter schärfen. Neben den Kernthemen, die alle Aspekte der Modernisierung von Staatlichkeit und Regierung umfassen, konzentrieren wir uns dann noch stärker auf die relevanten Schlüsselfragen wie Europa, Digitalisierung, Grundrechte und globale Sicherheit.

Was reizt Sie an der neuen Aufgabe? 

Die Rolle eines Universitätspräsidenten ist auf den ersten Blick nicht die dankbarste, denn wir Professoren (und ich bin selbst natürlich weiterhin einer) sind alles starke Persönlichkeiten, die ihren eigenen Kopf haben. Eine solche Gruppe zu leiten ist nicht immer einfach. Ich kann mir diese Rolle deshalb auch nur an der Hertie School vorstellen. Hier weiß ich, dass wir eine intellektuell herausragende und sehr kollegiale, interdisziplinär kooperierende Fakultät haben, hochmotivierte, spannende Studierende und ein Team auf das ich mich voll verlassen kann. Mit all diesen Menschen gemeinsam eine immer noch junge Hochschule zu prägen, das reizt mich einfach. Und natürlich spielt auch die private Trägerschaft unserer Universität eine Rolle. Wir sind kein schwer zu steuernder Großtanker, sondern ein Schnellboot mit viel Flexibilität.

Civic Leadership bedeutet für mich Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen und die eigenen Fähigkeiten und Energie für Ziele zu nutzen, die nicht nur einem selbst dienen.

Die Inauguration des neuen Präsidenten, Foto: Maurice Weiss/Hertie School of Governance
Der scheidende Präsident Helmut K. Anheier bei der Inauguration, Foto: Maurice Weiss/Hertie School of Governance

Welchen Beitrag kann und muss die Hertie School of Governance für unsere demokratische Gesellschaft leisten?

In Zeiten von wachsendem Populismus und in denen lange etablierte Grundsätze auf einmal in Frage gestellt werden, ist eine Hochschule, die sich gute Regierungsführung und gesellschaftlichen Zusammenhalt auf die Fahnen geschrieben hat, natürlich besonders gefordert. Wir bilden junge Menschen aus und statten sie mit den Werkzeugen aus, um in Regierungen, der Zivilgesellschaft und im privaten Sektor Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet nicht, dass wir parteipolitisch eine bestimmte Richtung verfolgen. Als Hochschule sind wir streng überparteilich. Aber unsere Alumni engagieren sich sowohl politisch als auch in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. Gleichzeitig wollen wir als School ein Ort für Debatten über die Themen unserer Zeit sein. Auch unsere Forschung beschäftigt sich mit Themen, die direkt in die politische Sphäre hinein wirken.

Was bedeutet für Sie civic leadership? Sind sie ein civic leader?

Civic Leadership bedeutet für mich Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen und die eigenen Fähigkeiten und Energie für Ziele zu nutzen, die nicht nur einem selbst dienen. Unser Ziel an der Hertie School ist es, civic leaders in allen Sektoren auszubilden. Der Gründer eines Social Business, der sich für die Gemeinschaft einsetzt, kann für mich genauso ein civic leader sein wie der Mitarbeiter in einer NGO. Wenn ich unsere Alumni treffe bin ich immer wieder begeistert, wie sie in den unterschiedlichsten Bereichen Verantwortung übernehmen. Ob ich selbst ein civic leader bin sollen andere beurteilen.

Politik und Wirtschaft hängen sehr eng zusammen - sind Ökonomen die besseren Politiker?

Ökonomen haben im politischen Betrieb und in der Debatte eine Rolle zu spielen, indem sie beraten und auch Positionen einnehmen. Allerdings sollte immer klar sein, wann eine Person als Wissenschaftler spricht und wann aus einer politischer Motivation heraus. Wir alle haben unsere Überzeugungen. Aber Wissenschaft und wissenschaftliche Politikberatung müssen der Sache dienen, nicht einer bestimmten Überzeugung. Klar ist: Wissenschaft, gerade in so relevanten Bereichen wie der Ökonomie, darf nicht nur im Elfenbeinturm stattfinden sondern muss praxisorientiert sein und konkrete Vorschläge machen. Das ist eines der Grundprinzipien der Hertie School, das wir auch in den verschiedensten Bereichen täglich umsetzen: Wir beraten und unterstützen in Fragen von Verwaltungsreform und Digitalisierung über Korruptionsbekämpfung bis hin zur Reform der EU. Ich selbst bringe meine Vorschläge ein und beziehe Position, etwa gemeinsam mit 14 weiteren deutschen und französischen Ökonomen in unserem Aufruf zur Reform der Europäischen Währungsunion.

An der Hertie School wollen wir immer zu den ersten gehören, die verstehen, wie sich unsere Gesellschaft verändert.

Helmut K. Anheier und Henrik Enderlein auf der Inaugurationsfeier, Foto: Maurice Weiss/Hertie School of Governance
Foto: Hertie School of Governance

Wie bringen Sie Ihre vielen Aufgaben und Verpflichtungen alle unter einen Hut?

Bei uns an der Hertie School lagen bisher sehr viele Aufgaben beim Präsidenten, vielleicht fast zu viele. Deshalb führen wir eine neue Hochschulleitung mit künftig drei Deans ein, die in erster Linie Managementaufgaben wahrnehmen. Für uns als wachsende Hochschule ist es wichtig, diese Verteilung der Aufgaben hinzubekommen. Für mich als Präsidenten wird immer noch genug zu tun sein, denn ich werde ja auch weiterhin forschen und lehren sowie beim Jacques Delors Institut Berlin aktiv bleiben, das ich 2014 gegründet habe und das wir nun als Teil eines Zentrums für Europapolitik in die Hertie School Integrieren. 

Was motiviert Sie?

Auf der Höhe der Zeit zu leben. An der Hertie School wollen wir immer zu den ersten gehören, die verstehen, wie sich unsere Gesellschaft verändert. Dieses Wissen wollen wir mit Studierenden teilen, denn wir bereiten sie auf die Zukunft vor, nicht auf die Vergangenheit. Ich treffe oft Alumni der Hertie School, die jetzt in verantwortungsvollen Positionen arbeiten, sei es in einem Ministerium, einer NGO oder auch als Gründer eigener Start-Ups. Wenn diese mir berichten, wie sie das an der Hertie School Gelernte in ihrer täglichen Arbeit nutzen, wie sie hier ein berufliches und privates Netzwerk aufgebaut haben und wenn sie voller Nostalgie von ihrer Zeit hier erzählen – dann motiviert mich das ungemein, weiter für dieses Projekt zu arbeiten.


Über die Hertie School of Governance

Die Hertie School of Governance ist eine staatlich anerkannte, private Hochschule mit Promotionsrecht in Berlin. Sie wurde im Dezember 2003 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung als gemeinnützige GmbH gegründet und befindet sich seit 4. September 2008 im Quartier 110-Gebäude in der Berliner Friedrichstraße. Vorbild bei der Gründung waren führende englischsprachige Professional Schools, vor allem die Harvard Kennedy School und die London School of Economics. Unterrichtssprache ist Englisch.

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