Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Was macht das neue Exzellenznetzwerk der Hertie-Stiftung aus? Geschäftsführerin Dr. Astrid Proksch im Interview über das Hertie Network.

Ein Netzwerk der Exzellenz in den Neurowissenschaften

die Zusammenarbeit der neurologischen medizin mit wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen ist ein Gewinn für den Patienten. Das neue Programm der Hertie-Stiftung setzt hier an und vernetzt Spitzenforscher und -Standorte.

Das Hertie Network of Clinical Neuroscience ist am 27. November offiziell vorgestellt worden. Basis für das Netzwerk, das sich aus sechs exzellenten Standorten klinischer Hirnforschung zusammensetzt, ist das Karriereförderprogramm „Hertie Academy of Clinical Neuroscience“. Pro Standort nehmen jeweils die vier besten Nachwuchsköpfe aus den Bereichen clinician und medical scientists an der Hertie Academy für einen Zeitraum von drei Jahren teil. Der Auftakt des Programms ist Anfang 2020.

Wir sprachen mit Dr. Astrid Proksch, Geschäftsführerin Programmbereich „Gehirn erforschen“ über das neue Programm der Hertie-Stiftung.

Frau Proksch, Netzwerke im wissenschaftlichen Kontext gibt es ja viele, was ist das Besondere an diesem?

In dem Netzwerk haben sich aus unserer Sicht die sechs besten Universitäten bundesweit im Bereich der klinischen Hirnforschung für eine strategische Partnerschaft zusammengeschlossen. Das konkrete Ziel ist hierbei, den Transfer vom Labor in die Praxis zu verbessern und gemeinsam hochtalentierten Nachwuchs auszubilden. Diese Kombination halte ich für das entscheidende Alleinstellungsmerkmal. Dabei geht es um intensives Zusammenarbeiten auf Augenhöhe zwischen Ärzten und Ärztinnen mit Naturwissenschaftlern und Naturwissenschaftlerinnen. In der dazugehörenden Hertie Academy werden neben klassischen Führungsthemen auch der Erwerb von Kompetenzen wie beispielsweise Wissenschaftsmanagement und -kommunikation zentral sein, die zukünftig für die Wissenschaft deutlich wichtiger werden.

 Wir brauchen strukturelle Veränderungen im Arbeitsablauf der Kliniken und der grundlagenwissenschaftlichen Institutionen, die eine verbesserte Zusammenarbeit ermöglicht.

Wie werden Sie das bewerkstelligen?

Wir planen regelmäßige Fachsymposien und Begegnungen aller Teilnehmenden an den Standorten des Hertie Network, um von Anfang an einen Dialog zu implementieren und die wissenschaftliche Vernetzung zu fördern. Im Rahmen eines „In Führung gehen“-Programmes sollen den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, unseren so genannten „Fellows“, Schlüsselqualifikationen für die nächsten Karriereschritte vermittelt werden. Die genauen Inhalte der Academy werden wir jetzt mit den Standorten und den Fellows gemeinsam entwickeln, um hier möglichst bedürfnisgerecht und zukunftsgerichtet zu agieren. Auch denken wir über eine Rotation der Fellows zwischen den Standorten nach, beispielsweise zum Austausch wissenschaftlicher Methoden.

Was ist Ihre Vision für das Vorhaben?

Insgesamt möchten wir eine Stärkung des Fachs Neurologie und der Neurowissenschaften für eine effizientere Forschung und bessere Ergebnisse zum Wohl der Menschen erreichen. Von dem Programm selbst erhoffe ich mir wichtige Impulse für die gesamte klinische Hirnforschung, damit dieser Ansatz Schule macht, sich verbreitet und es gelingt, die Strukturen in Universitäten und Einrichtungen wissenschaftsfreundlicher und zukunftsfähiger zu gestalten. Und es ist uns ein Anliegen, Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen sowie Nachwuchsärzte und ärztinnen für die Hirnforschung zu begeistern und ihnen in Deutschland Perspektiven für ihre Karriere zu bieten – sonst kommen wir nicht voran.

Wie sehen Sie hierbei die Rolle der Hertie-Stiftung?

Wir verstehen uns ganz im Sinne des Mottos der Stiftung „Anstoßen-Bewegen-Wirken“ als Impulsgeber. Die Hertie-Stiftung fördert seit vielen Jahren die Hirnforschung, wir kennen die Landschaft und die Akteure gut. Als Initiator dieses neuen Programms können wir als Begleiter und Bindeglied zwischen den Forschungseinrichtungen auftreten. Wir wollen mit dem Hertie Network Strukturveränderungen anschieben.

Worauf hat die Jury bei der Auswahl der Standorte besonders geachtet?

Wichtige Kriterien waren herausragende Leistungen im Bereich Forschung, z.B. wie viele Gruppenförderinstrumente der DFG hat ein Standort eingeworben, und in der Krankenversorgung. Weiterhin wurde genau geschaut, wie translationsfreundlich die Strukturen vor Ort sind: Alle Standorte zeichnen sich durch eine enge Zusammenarbeit der neurologischen Universitätsmedizin mit grundlagenwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen aus. Weitere Kriterien waren strukturierte Karriereförderprogramme, erfolgreiche Nachwuchsförderung und die Qualität der vorgeschlagenen Fellows. Diese ist bei allen Standorten von ausgesprochen hoher Qualität und macht Mut für das Fach. Der Erfolg des Netzwerkes und auch der klinischen Hirnforschung hängt zu einem großen Teil von den jungen Talenten ab.

Wie sind die Reaktionen auf das Programm?

Das Interesse war groß. Wir haben insgesamt 15 institutionelle Anträge erhalten. Wir sind damit sehr zufrieden und vor allem von der Qualität der zukünftigen Fellows sehr begeistert.

Was zeichnet für Sie „beste Köpfe“ in den klinischen Neurowissenschaften aus?

Das sind Forscherpersönlichkeiten mit exzellenten Publikationen, die großes Interesse und Freude an interdisziplinärer Zusammenarbeit mitbringen und so gemeinsam die Behandlungsoptionen für Patienten zu verbessern. Auch sind es sicherlich dynamische Persönlichkeiten, die im interdisziplinären Zusammenspiel beispielsweise mit Fächern wie der Informatik und der Physik das Fach voranbringen wollen.

Brauchen wir ein anderes Selbstverständnis und andere Kompetenzen der forschenden Ärzte und Naturwissenschaftler, um für die zukünftigen Herausforderungen in der Hirnforschung besser gerüstet zu sein?

Ja, aus meiner Sicht ist das nötig. Wir brauchen strukturelle Veränderungen im Arbeitsablauf der Kliniken und der grundlagenwissenschaftlichen Institutionen, die eine verbesserte Zusammenarbeit der forschenden Ärzte und Ärztinnen sowie Naturwissenschaftler und – wissenschaftlerinnen ermöglicht. Und wir müssen die gegenseitige Anerkennung und die Erkenntnis bei den Wissenschaftlern fördern, dass wichtige Fortschritte wie beispielsweise neue Therapien nur gemeinsam erreicht werden - also das Verständnis von Augenhöhe bei den forschenden Disziplinen aufbauen und stärken. Das gibt es bislang nur punktuell. Um weitere Fortschritte in der Behandlung von neurologischen Patienten zu erzielen, wird diese interdisziplinäre Zusammenarbeit immer wichtiger. Mit unserem Programm wollen wir einen Schritt in diese Richtung gehen.

Vielen Dank für das Gespräch Frau Proksch. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg für das Programm.

Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience bilden ein einzigartiges Netzwerk zur Förderung der klinischen Neurowissenschaften.

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