„Im Endeffekt kommt alles anders als geplant, und das ist auch gut so! “

Julia Bierenfeld betreibt den MS Blog Fitness, Food & MS, auf dem sie Erfahrungen und Erlebnisse mit ihren Lesern teilt. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen auf dem Jakobsweg.


Julia Bierenfeld ist eine Mitdreißigerin und wohnt in Hessen. Nach ihrer MS Diagnose hat sich Jule dazu entschieden, einen Blog ins Leben zu rufen, um ihre Erfahrungen mit der Krankheit zu teilen. Der Fokus ihres Blogs Fitness Food & MS liegt eindeutig bei Sport und Ernährung für MS Betroffene und Jule klärt außerdem über wichtige Themen wie das Fatigue-Syndrom oder über Tabuthemen wie  Blasenschwäche bei MS auf. In diesem Jahr hat sie sich den Traum erfüllt, den Jakobsweg allein zu laufen. Über ihre Reise und viele weitere Themen haben wir uns mit Jule in unserem MenSchlich-Interview unterhalten.

Julia Bierenfeld, Bloggerin bei Fitness, Food & MS im Interview über Multiple Sklerose und den Jakobsweg

Frau Bierenfeld, wann haben Sie die besten Ideen?

Die besten Ideen habe ich beim Sport und beim Wandern, dabei kann ich von der Arbeit und dem Alltagsstress abschalten. Ich habe den Lahnwanderweg für mich entdeckt, dort gibt es viele schöne Strecken. Diese Zeit brauche ich aber auch für mich um beispielsweise neue Ideen für meinen Blog zu finden. Nach einer Sporteinheit oder einer Wandertour komme ich dann oft nach Hause und muss mir alles aufschreiben, was mir unterwegs in den Kopf gekommen ist. Ideen über neue Beiträge sind wichtig, damit der Blog mit Leben gefüllt werden kann.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen?

Es gibt zwei Dinge, die ich gerne mache, um mir etwas Gutes zu tun. Zum einen ist es, wie eben bereits erwähnt, das Wandern und die Natur und zum anderen das Kochen. Unter der Woche habe ich leider nicht viel Zeit um aufwendig zu kochen aber das hole ich an den Wochenenden nach. In unserem eigenen Garten haben wir eine große Auswahl an tollen Produkten und wir können aus der Ernte immer etwas Leckeres zaubern. Generell bin ich der Meinung, dass gute, regionale und saisonale Produkte wichtig für das Wohlbefinden sind, dazu habe ich auch einen speziellen Blogbeitrag verfasst.

Wie motivieren Sie sich?

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe auch ich die Gedanken: Muss ich heute wirklich zum Sport, anstatt gemütlich auf dem Sofa zu liegen? Muss ich heute wirklich etwas kochen, oder kann ich nicht doch etwas bestellen? Aber eigentlich weiß ich, dass mir Sport und eine gesunde Ernährung gut tun - und meinem Körper erst recht. Deshalb brauche ich keine wirkliche Motivation, weil ich weiß, dass es mir ohne Sport und gesunde Ernährung schlechter geht. Wenn ich es zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Meine Motivation ist es, mir und meinem Körper das bestmögliche zu geben und alles dafür zu tun, dass es mir gut geht.

Was können Sie besonders gut?

Ich denke, dass ich gut reden kann. In unserer heutigen Gesellschaft ist es leider immer noch verankert, dass man sich selbst nicht gerne lobt. Das finde ich schade. Außerdem denke ich, dass ich meinen Blog gut führe, jedenfalls bekomme ich von meiner Community und über die Social-Media-Kanäle oft gutes Feedback. Ich hoffe mit meinem Blog MS Betroffenen etwas zu helfen, indem ich meine Geschichte und meine Erfahrungen mit ihnen teile.

Meine Motivation: mir und meinem Körper das bestmögliche geben und alles dafür tun, dass es mir gut geht.

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz?

Vor allem nach meiner Erfahrung mit dem Jakobsweg lebe ich nach dem Motto: Love is the answer! Das trifft einfach auf so vieles zu: Selbstliebe, Liebe zum Partner, der Familie, den Freunden, den Mitmenschen. Mit Liebe ist alles einfacher. Auf meiner Reise habe ich so viele Menschen kennengelernt, die mir mit großer Offenheit begegnet sind. Das Lächeln was man ihnen schenkt bekommt man hundertfach zurück.

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Zu Beginn des Jahres bin ich allein den Jakobsweg gelaufen, darauf bin ich schon sehr stolz! Jeder fragt mich, wo ich denn gestartet und bis wohin ich gelaufen bin. Mein Weg führte mich in 5 Wochen von Saint Jean Pied de Port nach Santiago de Compostela. Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, doch dann nehme ich meine Urkunde heraus, auf der steht, dass ich wirklich 799km des Jakobswegs gelaufen bin. Das ist ein tolles Gefühl.



Wie kam es dazu, dass du dich für den Jakobsweg entschieden hast?

Ich hatte zwischen einem Jobwechsel sechs Wochen, die ich mit Aufgaben füllen wollte. Den Abstand von meinem alten Job und dem Alltag habe ich zu der Zeit gebraucht um den Kopf für etwas Neues freizubekommen.

Zu Beginn der Reise habe ich mir viele Gedanken gemacht, was ich von der Reise erwarte. Aber im Endeffekt kommt doch alles anders als geplant, und das ist auch gut so! An meinem ersten Tag standen wir morgens knietief im Neuschnee, da sind wir schon ins Grübeln gekommen, ob alles gut gehen wird. Wir haben dem Schnee einfach getrotzt und waren am Abend sehr stolz auf uns.

Vor der Reise haben mich zudem Zweifel geplagt, weil ich noch nie allein für so eine lange Zeit verreist bin, schon gar nicht 800km gepilgert. Jedoch habe ich auf dem Weg so viele offene und liebenswerte Menschen kennengelernt, die mich zeitweise auf meiner Reise begleitet haben, dass kein Heimweh aufkommen konnte. Ganz im Gegenteil hatte ich das Gefühl, dass die fünf Wochen gerast sind.

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus?

Ich bin schon mal kein Langschläfer, deshalb kann es für mich gerne direkt früh losgehen. An einem perfekten Tag wünsche ich mir Zeit mit meinem Partner, der Familie und Freunden, in der man miteinander reden, kochen und essen kann. Ich würde dann gerne die Zeit finden, die man sonst nicht hat. Ich habe eigentlich auch gedacht, dass ich mir an einem perfekten Tag gutes Wetter wünschen würde, aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist das Wetter egal – die Zeit ist so oder so wunderschön.

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Am liebsten würde ich mit all meinen Freunden einen Kaffee trinken gehen. Viele von ihnen haben jetzt Kinder, bauen ein Haus und sind im Beruf voll eingespannt, sodass man sich viel zu selten auf einen Kaffee in der Stadt verabredet.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle Fotos im Artikel: Julia Bierenfeld, privat
Titelfoto: Pixabay


MenSchlich - Kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Erkrankungen des Nervernsystems wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die persönlichen Geschichten der Menschen aus dem Umfeld der Krankheit.

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