Was bedeutet Gleichstellung in der Wissenschaft?

Ein Interview mit Dr. rer. nat. Julia Fitzgerald

Die Biochemikerin Dr. Julia Fitzgerald spricht über Gleichstellung, Herausforderungen von Beruf und Familie und die Karrieremöglichkeiten von Frauen in der Wissenschaft.

100 Jahre Frauenwahlrecht sind ein Grund für uns zu feiern! Zu diesem besonderen Anlass stellen wir in diesem Jahr Frauen aus der Hertie-Welt mit ihren großartigen Errungenschaften in den unterschiedlichsten Feldern vor. Freuen Sie sich mit uns auf beeindruckende Persönlichkeiten, von der Schülerin über die exzellente Wissenschaftlerin bis hin zur Bundestagsvizepräsidentin.

Wir feiern in diesem Jahr 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland, einen der wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Was verbinden Sie mit diesem Jubiläum?

Ich denke an all die Menschen, die große Anstrengungen auf sich genommen und manchmal sogar ihr Leben dafür riskiert haben, damit wir grundlegende Rechte wie das Wahlrecht ausüben können. Leider profitieren weltweit immer noch nicht alle Frauen davon und es gibt immer noch viel zu tun.

Wie modern ist Deutschland/Europa in Bezug auf Gleichberechtigung heute? Gibt es Aspekte, bei denen Sie Nachholbedarf sehen?

Beim Stichwort Modernität kommen mir eher grüne Technologien oder medizinischer Fortschritt in den Sinn als Gleichberechtigung. Denn auch in Europa wird Frauen und Männern bei gleicher Tätigkeit kein gleiches Gehalt gezahlt. Daher ist es meiner Meinung nach leider nirgendwo auf der Welt wirklich 'modern' im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter.

Ich wünsche mir einen Zaubertrank, der den jungen Frauen ihre Ängste und Unsicherheiten nimmt, damit sie all die erstaunlichen Dinge sehen können, zu denen sie fähig sind.

Nachholbedarf sehe ich vor allem bei den Kitas und bei der Unterstützung von Wissenschaftlerinnen, die nach einer Geburt wieder zeitnah arbeiten möchten und auf Flexibilität angewiesen sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass deutsche Universitäten und Fördereinrichtungen hier schon viele Möglichkeiten anbieten. Aber ich würde mir wünschen, dass z.B. öffentliche Forschungsgelder eher an Institutionen vergeben werden, die die Gleichstellung von Frauen fördern. In Großbritannien gibt es dafür beispielsweise das Athena-Swan-Programm.

Wenn Sie an Ihr Arbeitsumfeld denken, wie erleben Sie dort das Thema Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern?

In meinem unmittelbaren Umfeld ist das eigentlich kein Thema. Aber die Kluft wird größer, je mehr man in der Hierarchie nach oben schaut oder wenn man z.B. die einzige weibliche Rednerin auf einer wissenschaftlichen Konferenz ist. Manchmal zähle ich zum Spaß die Anzahl von Männern und Frauen in Meetings, Ausschüssen, Konferenzen oder bei Preisverleihungen. Manchmal bin ich angenehm überrascht, manchmal schockiert – es variiert also.

Sie haben am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung ein Frauen-Netzwerk für Wissenschaftlerinnen fortgeschrittener Karrierestufen ins Leben gerufen, das HER (Hertie Experienced Researchers). Was ist dabei Ihr wichtigstes Anliegen?

Die Sichtbarkeit, Anerkennung und Karrieremöglichkeiten von Wissenschaftlerinnen nach der Post-Doc-Phase zu verbessern, auch wenn sie außerhalb des akademischen Bereichs liegen.

Und was müsste passieren, damit Ihre Arbeit dort überflüssig wird?

Wenn wir eine gleichmäßige Geschlechterverteilung auf allen Arbeitsebenen haben und echte Chancengleichheit herrscht. Das beinhaltet z.B. die Möglichkeit für Wissenschaftlerinnen, ein Baby zu bekommen und genauso leicht in den Job zurückzukehren wie Männer.

Was halten Sie von einer Frauenquote?

Meiner Meinung nach sind Frauenquoten überhaupt nicht hilfreich und haben nichts verändert. Quoten lenken von den Maßnahmen ab, die eigentlich umgesetzt werden müssten. Oft werden Frauen zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, nur um die Zahlen zu schönen – das ist Zeitverschwendung. Anstelle von Quoten sollten Institute und Unternehmen lieber ihre Statistiken und Verfahren transparenter machen.

Sind Sie auf etwas in Ihrem Leben besonders stolz?

Ja, auf viele Dinge, aber es fühlt sich narzisstisch an, sie zu beschreiben. Ich kann sagen, dass ich stolz bin auf all die selbstlose harte Arbeit, die das HER-Netzwerk oder andere engagierte Wissenschaftlerinnen leisten.

Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?

Das betrifft mich persönlich, da ich selbst eine junge Tochter habe. Vielleicht Stärke, Freiheit und Fairness. Und wenn ich es erfinden könnte, dann einen Zaubertrank, der den jungen Frauen ihre Ängste und Unsicherheiten nimmt, damit sie all die erstaunlichen Dinge sehen können, zu denen sie fähig sind.

Zur Person

Julia Fitzgerald ist 38 Jahre alt und lebt mit ihrem Partner Olivier und ihrer Tochter Françoise in Tübingen. Sie studierte Biochemie in Nottingham, Großbritannien und vertiefte ihre biochemischen Kenntnisse im Bereich Neurodegeneration am The Institute of Neurology, London, Großbritannien. Sie studierte kurz in Helsinki, Finnland und an der Charité Berlin, wo sie das Leben in Deutschland kennen- und schätzen lernte. 2012 zog sie allein mit ihrer einjährigen Tochter nach Tübingen, um am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung als Post-Doc zu arbeiten, und jonglierte erfolgreich mit Arbeit und internationaler Kinderbetreuung. Mittlerweile ist sie Nachwuchsgruppenleiterin einer Forschungsgruppe, die sich mit der Funktion von Mitochondrien bei Parkinson und atypischem Parkinsonismus beschäftigt.

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