Klaus Vock

Klaus Vock spricht im Interview über seine Radfahrer-Initiative für Menschen mit Multipler Sklerose.

„Die Bewegung brachte und bringt mich jeden Tag zurück ins Leben.“

Seit mehr als 10 Jahren organisiert Klaus Vock, Leiter der Darmstädter Selbsthilfegruppe Radfahrlust und selbst MS-Betroffener, jährlich Radtouren für MS-Erkrankte.

2017 erhielt Klaus Vock für seine außerordendliche Tätigkeit als Leiter der Selbsthilfegruppe Radfahrlust den Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe. Seit mehr als 10 Jahren organisiert er Radtouren für MS-Erkrankte, bei denen sich Gleichgesinnte in den Sattel von speziellen Liegedreirädern schwingen und mehrere Tage durch den Südwesten Deutschlands und sogar in die Nachbarländer radeln.

In unserem Interview berichtet Klaus Vock von seinem ersten Besuch der größten Spezialradmesse Deutschlands und wie daraus die Idee für Radfahrlust enstanden ist.

Herr Vock, wann haben Sie die besten Ideen?

Am besten kann ich beim Radfahren den Kopf frei bekommen. Schon vor meiner Diagnose „Multiple Sklerose“ (MS) war ich ein passionierter Radfahrer, daran hat sich auch heute nichts geändert. Für mich hat die Bewegung mit dem Fahrrad in der Natur eine total befreiende und belebende Wirkung auf Körper und Geist.

Wofür in Ihrem Leben sind Sie besonders dankbar?

Meine MS-Diagnose habe ich erst nach jahrelangen ergebnislosen Arztbesuchen erhalten und war dann sehr verunsichert, was das für mich bedeuten würde. Werde ich bald im Rollstuhl sitzen? Wie werde ich meinen Alltag bestreiten können? Mit MS-bedingten Sehstörungen, Fatigue Syndrom und Gleichgewichtsstörungen ist Fahrradfahren auf einem normalen Aufrechtrad undenkbar.
Einer meiner wertvollsten Momente seit meiner MS-Diagnose war daher im Jahr 2007 der erste Besuch der SPEZI - der größten Spezialradmesse in Deutschland mit Ausstellern aus ganz Europa. Dort fuhr ich zum ersten Mal mit einem Liegedreirad, einem sogenannten Trike. Dieser Moment hat mein Leben verändert, denn trotz meiner Gleichgewichtsprobleme war ich endlich wieder in der Lage, mit einem Fahrrad zu fahren! Die Bewegung brachte und bringt mich jeden Tag zurück ins Leben. 

Wie kam es dazu, dass Sie die Selbsthilfegruppe Radfahrlust gegründet haben?

Meine beglückende Erfahrung auf dem Liegedreirad wollte ich an andere MS-Betroffene weitergeben. Deshalb dachte ich schon beim abendlichen Bier am letzten SPEZI-Tag: „Eines Tages fahren wir MS-Betroffenen mit Liegerädern quer durch Deutschland!“  Bereits ein Jahr später organisierte ich die erste Radfahrlust-Tour mit Leihrädern von den Herstellern. Seit 2008 sind wir immer im September für jeweils eine Woche in einer inzwischen 50-köpfigen Gruppe von MS-Betroffenen und Angehörigen sowie freiwilligen Helfern auf Deutschlands Rad- und Waldwegen unterwegs.
 

"Eines Tages fahren wir MS-Betroffenen mit Liegerädern quer durch Deutschland!"

Haben Sie für Ihr Leben ein Motto gefunden?

Ich lebe nach dem Motto: „Das Gute liegt so nah.“ Man braucht meiner Ansicht nach sein Glück nicht in der Weite zu suchen. Wer mit offenen Augen und unvoreingenommen in seiner alltäglichen Umgebung unterwegs ist, wird dort Dinge finden, die ihm kleine Momente des Glücks bescheren.

Was können Sie besonders gut?

Ich habe die Gabe, anderen Menschen mit großer Empathie begegnen zu können, offen auf sie zuzugehen und nicht zu urteilen über das, was sie mir erzählen. Oft haben MS-Betroffene Ängste und können bzw. wollen diese nicht immer kommunizieren, weil es ihnen unangenehm ist, sich und anderen diese Ängste einzugestehen. Ich unterstütze sie dabei, ihre Befürchtungen zu artikulieren und zu überwinden. Denn entgegen ihrer eigenen Auffassung sind sie mit ihren Verunsicherungen nicht allein – wir alle hatten oder haben diese Gefühle.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Heute kann ich ganz spießig sagen: Mein Zuhause ist mein Lieblingsort. Früher konnte ich diese Aussage anderer nur schwer nachvollziehen, da ich beruflich viel in der ganzen Welt umhergereist bin. Einer meiner Lieblingsorte war allerdings schon immer der Odenwald. Zurzeit wohne ich in Darmstadt-Eberstadt und kann von dort mit meinem Trike direkt in die Streuobstwiesen und in den vorderen Odenwald starten. Hier kann ich einfach super durchatmen!

Wie tanken Sie Kraft?

Ich genieße ganz bewusst die „kleinen“ Dinge des Lebens. So liebe ich es beispielsweise, am Abend spontan zu den Fischteichen zu radeln und dort eine frische Forelle zu essen. Dazu einen sauergespritzten Apfelwein und die Welt ist in Ordnung. Genauso gern lausche ich aber auch den Amseln am Abend im eigenen Garten. Das schenkt mir Ruhe und Kraft. 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Ich würde sehr gerne einmal mit Konstantin Wecker bei einem Cappuccino zusammensitzen. Der inzwischen 71-jähige Liedermacher spielt einmal im Jahr ein Konzert bei den Burgfestspielen in Dreieichenhain, zu dem ich jedes Jahr mit dem Fahrrad fahren. Ich hatte eigentlich gehofft, dass seine doch sehr politischen Texte aus der Zeit der Friedensbewegung inzwischen überholt sind, aber leider sind sie heute wieder aktueller und brisanter denn je. Ein Traum wäre es natürlich, den Protestsänger mit dem Dreirad in seiner Wahlheimat Toskana zu besuchen.

Vielen Dank für das Gespräch!

HERTIE-Preis für Engagement und Selbsthilfe

Mit dem Engagement-Preis würdigt die Stiftung Aktionen von Einzelpersonen oder Selbsthilfegruppen zugunsten neurodegenerativ oder MS-Erkrankter. Die Aktivitäten sollen möglichst kreativ, ungewöhnlich oder durch einen besonderen Zusammenschluss von unterschiedlichen Menschen geprägt sein. Die Größe des Projekts ist dabei weniger entscheidend als der Einsatz der Akteure.

Mehr über den Hertie-Preis