Soziale Folgen von Corona

Michaela Kreyenfeld, Professorin für Soziologie an der Hertie School, erklärt im Interview, wie sich die Corona-Pandemie auf die soziale Ungleichheit auswirkt. 

„Corona hat die Ungleichheit im Land verstärkt“

Michaela Kreyenfeld ist Professorin für Soziologie an der Hertie School mit den Forschungsschwerpunkten Familiendemographie, Lebenslaufanalyse und Sozialpolitik. Alles Themen, die mit der Corona-Krise besonderes Augenmerk erfahren haben. Im Interview erläutert die Expertin, was ihre neuesten Forschungen zum Lockdown ergeben haben, in welchem Bereich wachsende Ungleichheit zu beobachten ist, und welches Ereignis einen Lebenslauf auch ohne Pandemie ziemlich ins Wanken bringen kann.  

Worum geht es bei Ihrer Arbeit konkret?

Mein Hintergrund ist ja die Demografie. Ich habe fast zwanzig Jahre lang am Max-Planck-Institut für Demografie gearbeitet, bevor ich zur Hertie School gekommen bin, deshalb ist dieser Bereich für mich so relevant. Generell lässt sich sagen: Demografie definiert sich klar durch drei Prozesse: Geburten, Sterbefälle und Migration. Das sind die drei Bereiche, die Bevölkerung beschreiben. Mein Schwerpunkt ist vor allem der Bereich Fertilität und Familie, wobei auch immer ein bisschen der Blick zu den anderen Bereichen Migration sowie Alterung und Familie eine Rolle spielt. Letztes Jahr hatte ich zum Beispiel ein Projekt zu Erwerbsverläufen von Frauen und Männern mit Kindern und deren Einfluss auf die Alterssicherung. Das ist im Prinzip mein Interesse, und ist auch ein Grund, weshalb ich an die Hertie School gekommen bin: um politikrelevante Fragen vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung für familiendemografische Prozesse zu beantworten.

"Es gibt relativ belastbare empirische Daten, die zeigen, dass auch Väter ihren Beitrag geleistet haben, als Kindergärten und Schulen geschlossen waren. Darüber wird nur kaum gesprochen." 

Woran arbeiten Sie aktuell?

Ich lasse mich wie andere Kollegen auch etwas von den aktuellen Themen leiten. Es ist eine Stärke der Hertie School und auch gewünscht, dass man aktuelle Themen angeht und zu ihnen Stellung bezieht. In letzter Zeit habe ich einiges über Corona gemacht, wie zum Beispiel Corona und Arbeitsteilung und Corona und Care, also zu der Frage, welchen Einfluss die Corona-Krise auf die Arbeitsteilung im Haushalt von Personen mit Kindern hat. Welche Familien sind stärker belastet, welche sind ganz gut aus der Krise gekommen. 

Welches Forschungs-Ergebnis ist Ihnen besonders wichtig zu erwähnen? 

Dass Väter während der Pandemie mehr geleistet haben, als landläufig angenommen wird. Es wurde viel darüber gesprochen, was Mütter während des Lockdowns geleistet haben mit der Betreuung der Kinder im Homeoffice, so dass womöglich die eigene berufliche Entfaltung auf der Strecke geblieben sein könnte. Hier könnte man sich ein bisschen gegen diese Retraditionalisierungsthese aussprechen. Es gibt relativ belastbare empirische Daten, die zeigen, dass auch Väter ihren Beitrag geleistet haben, als Kindergärten und Schulen geschlossen waren. Darüber wird nur kaum gesprochen. Natürlich sind wir in dem Bereich der Arbeitsteilung noch ganz weit von Gleichheit in Deutschland entfernt, dennoch sollte man nicht nur über Mütter reden, sondern auch stärker über Väter. 

Inwieweit hat der Lockdown die Familien hierzulande beeinflusst?

Das hängt absolut vom Einzelfall ab, aber es gibt zum Beispiel die Männer, die von Kurzarbeit betroffen sind, und die deswegen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als zuvor. Was wir aus den empirischen Daten aber auch wissen, ist, dass es einige Familien härter getroffen hat als andere - vor allem Alleinerziehende mit Kindern waren deutlich stärker belastet, aber auch Familien mit behinderten Kindern. Auch was das Homeschooling betrifft, gibt es große soziale Ungleichheit, da der Zugang zu digitalen Medien nicht gleich verteilt ist. So gibt es zum Beispiel Familien, die kein Laptop haben, und wo sich das Kind über das Smartphone in den Unterricht zuschalten muss, wenn die Verbindung überhaupt stabil genug ist. Allerdings erkennen wir durch die Zunahme des Homeoffice auch, dass sich möglicherweise bei der Vereinbarung von Beruf und Kind durch modifizierte Betriebsvereinbarungen künftig etwas positiv verändern könnte. Das Recht auf Homeoffice hat dann noch ein zusätzliches Fenster an Möglichkeiten eröffnet. Andererseits sind trotz dieser Entwicklung derzeit nur 30 Prozent aller Jobs im Homeoffice umsetzbar. Wir wissen auch, dass gerade Alleinerziehende seltener Homeoffice nutzen können als andere.

Warum gerade Alleinerziehende nicht?

Weil alleinerziehende Frauen häufiger in Segmenten tätig sind, in denen es keine Homeoffice-Möglichkeit gibt, zum Beispiel im Beruf der Kassiererin, Arzthelferin oder Verkäuferin. Dabei würde gerade die Alleinerziehenden-Gruppe besonders von der Digitalisierung profitieren. 

Die Hertie-Stiftung engagiert sich für den Bereich „Demokratie stärken“ – welche Ungleichheiten in deutschen Lebensläufen hat Corona verstärkt? Könnten diese die Demokratie gefährden?

Das sind ganz deutlich die Bildungsunterschiede, die durch Corona vermutlich noch mal stärker werden, und zwar so, dass eine Gefahr für den Zusammenhalt in der Bevölkerung besteht. Die Studien hierzu sind noch nicht komplett abgeschlossen, aber in anderen Ländern gibt es da schon erste Erfahrungen, dass die Corona-Krise die Bildungsschere zwischen den Kindern nochmal vergrößert hat. Wenn sich Jugendliche oder junge Erwachsene im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt abgehängt fühlen, weil sie nicht die gleichen Bildungschancen hatten, kann dies ein großes Potenzial für extremes Gedankengut in sich bergen. 

"Ein einschneidendes Erlebnis ist eine Scheidung oder Trennung. Gerade bei Männern sehen wir, dass sich ihr Gesundheitszustand danach eher verschlechtert."

Sie betreiben Lebenslaufanalysen - was sind typische Ereignisse in einer Vita, die üblicherweise für Ungleichheit sorgen können? 

Ein einschneidendes Erlebnis ist eine Scheidung oder Trennung. Gerade bei Männern sehen wir, dass sich ihr Gesundheitszustand danach eher verschlechtert. Das schlägt sich auf den Erwerbsverlauf nieder und führt dazu, dass geschiedene Männer relativ niedrige Renten beziehen im Vergleich zu denjenigen, die verheiratet waren. Scheidung und Trennung sind typische Risikofaktoren in einem Lebenslauf. 

Und geschiedene Frauen ernähren sich weiterhin gesund und bleiben fit?

(lacht) Das vielleicht auch, aber vor allem ist interessant: bei geschiedenen Männern gibt es einen Einbruch in der Erwerbsbiografie, während geschiedene Frauen eher auf den Arbeitsmarkt kommen, was vorher nicht der Fall war. Aber man darf sich nichts vormachen, geschiedene Frauen sind auch häufiger von Armut betroffen. Die Verläufe sind nur ein bisschen anders. 

Wie ist denn Ihr Blick auf unsere Gesellschaft - läuft es im Großen und Ganzen ganz gut bei uns oder nicht? 

Ich bin Familiendemografin, ich kann nicht für alle Bereiche sprechen. Aber für die Familienpolitik kann ich sagen, dass Deutschland wirklich einen großen Schritt voran gemacht hat. Vor allem durch große familienpolitische Reformen, die durchgesetzt wurden, und die andere Länder aufgrund unterschiedlicher Konstellationen nicht hinbekommen haben. Das sind zum Beispiel der Ausbau der Kinderbetreuung ab 2005 und dass Elterngeld 2007. Wir wissen heute, dass Väter häufiger Elternzeit nehmen, und auch die Frauenerwerbstätigenquote ist sukzessive gestiegen, vor allem der Anteil der voll erwerbstätigen Frauen. Wir sehen, dass sich die Arbeit im Haushalt gleicher verteilt als es noch vor zehn Jahren der Fall war, und wir beobachten auch, dass die Fertilität wieder etwas nach oben gegangen ist. Das ist erstaunlich, denn in anderen Ländern wie Spanien oder Italien, die diese Reformen nicht umgesetzt haben, gehen die Geburtenraten weiter nach unten. Deutschland war 20 bis 30 Jahre das Schlusslicht in Europa, auch mit der höchsten Kinderlosigkeit. Das hat sich jetzt geändert, weil wir die Familienpolitik modernisiert haben. Gerade der Rückgang der Kinderlosigkeit unter den Akademikerinnen kann man schon hervorheben. 

Erwarten Sie eigentlich einen Babyboom durch Corona, von dem immer gemunkelt wird?

Die Idee, die dahintersteckt, ist ja, dass die Menschen mehr Zeit haben und sich stärker auf Familienwerte besinnen. Die meisten Demografen gehen aber nicht davon aus, dass Corona einen Babyboom auslöst. Sie gehen eher davon aus, dass die ökonomische Unsicherheit der überwiegende Faktor ist, und dass die meisten abwarten, wie sich die Situation ergibt. Es kann also eher sein, dass die Geburtenraten durch die ökonomische Unsicherheit zurückgehen. Das beobachten wir zum Beispiel bei den monatlichen Geburtenraten in den USA. Dort sind sie zurückgegangen, relativ heftig sogar. Für Deutschland liegen die verlässlichen Daten noch nicht vor, aber von einem Babyboom würde ich eher nicht ausgehen. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.