Interview mit Susanne Rothmann, Schlaganfallpatientin

Susanne Rothmann hat "Rehality" ausprobiert - eine Virtual-Reality-Anwendung zur Therapie von Schlaganfallpatienten.

Interview mit Susanne Rothmann

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung hat eine Digitale Therapie für Schlaganfallpatienten entwickelt. Susanne Rothmann war eine der ersten, die das System ausprobieren konnte.

Susanne Rothmann ist 43 Jahre alt, lebt auf der Schwäbischen Alb, ist verheiratet und hat 2 Kinder im Teenager-Alter. Nach der Diagnose eines Hirnaneurysmas vor anderthalb Jahren stand sie vor der Wahl zwischen "Pest und Cholera", wie sie sagt, denn die Entfernung des Aneurysmas würde aufgrund der ungünstigen Lage an wichtigen Gefäßen eine spätere Beeinträchtigung bedeuten. Ohne Operation bliebe die Gefahr, dass es platzt und eine tödliche Hirnblutung zur Folge hätte. Sie entschied sich für die OP und erlitt einen Schlaganfall. Die ganze linke Seite war gelähmt, sie konnte weder sprechen noch selbstständig essen.

Doch bereits 3 Monate nach der OP konnte sie wieder laufen, sprechen und hat heute nur noch einen gelähmten linken Arm und eine Spastik in der Hand. Sie macht viermal in der Woche Physiotherapie und hat den starken Willen, wieder vollständig zu genesen.

Auch deswegen ist sie sehr interessiert an einer Therapie mithilfe der neuen Möglichkeiten von Virtual Reality, die am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen aktuell entwickelt und getestet werden. Susanne Rothmann verfolgt gespannt die Ausführungen von Studienleiter Prof. Ziemann und Projektkoordinator Dr. Zrenner (Foto oben) zu dem Projekt "Rehality", das mittels Virtual Reality und Gaming-Komponenten die Patienten anregen soll, ihre lahmgelegten Gliedmaße wieder durch Willenskraft anzusteuern. Beim Pressegespräch mit Besuch des Labors stellte sie sich somit gerne als Versuchspatientin zur Verfügung, um den neuen Therapieansatz vorzustellen.

Frau Rothmann, wenn Sie die Ausführungen von Prof. Ziemann und Dr. Zrenner hören, was denken Sie darüber?

Ich finde das spannend und würde bei dem Projekt, wenn es möglich wäre, sofort mitmachen. Bei dem kurzen Test hat mich das Verfahren sehr überzeugt. Es war zwar anstrengend, aber ich spüre, dass in meinem Gehirn dabei etwas passiert und ich darauf reagiere. Ich muss nicht denken, sondern einfach machen - man muss Dinge aufheben oder wegkicken. Das ist ein ganz neuer Ansatz.

Was haben Sie empfunden, während Sie das „Rehality“-Game benutzt haben?

Es ist ein komisches Gefühl, diese Brille aufzuhaben und in einer virtuellen Welt Objekte zu bewegen. Mein kranker Arm musste intensiv mitarbeiten und ich musste mich stark konzentrieren. Aber ich habe das Gefühl, dass es einen großen Effekt hat. Man muss einfach intuitiv handeln und üben, ohne komplizierte Vorgänge zu bedenken. Das finde ich sehr hilfreich.

Glauben Sie, dass diese Therapie einen Suchtfaktor entwickeln wird?

Mit Computerspielen hatte ich bisher überhaupt nichts zu tun und halte mich in dieser Hinsicht auch nicht für sucht-gefährdet. Was mich aber durchaus süchtig machen könnte, ist die Aussicht auf Erfolg und eine schnellere Heilung.

Wie sind Ihre jetzigen Erfahrungen mit der Physiotherapie?

Ich habe sehr viele Fortschritte in der Physiotherapie gemacht und trainiere viel. Meine Familie unterstützt mich sehr und ich bin nach wie vor ein sehr aktiver Mensch – ich fahre mittlerweile Fahrrad und auch Auto, das entsprechend meinen besonderen Ansprüchen umgerüstet wurde.

Was wünschen Sie sich am meisten?

Insgesamt wünsche ich mir natürlich eine vollständige Heilung und die volle Beweglichkeit, aber mein nächstes Etappenziel ist erstmal: wieder ohne Hilfe alleine mit Messer und Gabel essen zu können.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

"Rehality" - Digitale Therapie mit Suchtfaktor  

Zum Tag gegen den Schlaganfall am 10. Mai 2019 startet am Tübinger Zentrum für Neurologie ein neues Forschungsprojekt – Virtuelle Realität soll im Gehirn neue Aktivitätsmuster trainieren.

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