„Wenn die bekannte Welt plötzlich weiter wird“

Dr. Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes, im Interview über den Deutschen Integrationspreis, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Vielfalt.

Der Deutsche Integrationspreis 2018 befindet sich aktuell im Crowdfunding und damit in der für die vielen einzelnen teilnehmenden Projekte und Menschen aufregendsten und anstrengendsten Phase. In diesem Jahr wird der Deutsche Integrationspreis von der Initiative Integration durch Bildung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft e.V. gefördert. Dr. Volker Meyer-Guckel ist stellvertretender Generalsekretär und Mitglied der Geschäftsleitung des Stifterverbandes und erklärt im Interview, warum ihm in diesen Zeiten die Förderung von Integration so sehr am Herzen liegt.

Foto: Stifterverband/David Ausserhofer

Der gesellschaftliche Zusammenhalt steht auf dem Spiel. 

Was war der Beweggrund des Stifterverbands, den Deutschen Integrationspreis im Rahmen der Initiative „Integration durch Bildung“ zu unterstützen?

Dr. Volker Meyer-Guckel: Integration geschieht auf ganz vielen verschiedenen Ebenen unserer Gesellschaft. Und gerade die ganz kleinen Projekte und sich engagierende Privatpersonen verdienen Unterstützung und Anerkennung. Der Integrationspreis löst dies auf wunderbare Weise. Zum einen schaffen der Preis und die hohe Fördersumme eine enorme Sichtbarkeit und damit die nötige Hebelwirkung für den Crowdfunding-Ansatz. Und dieser Crowdfunding-Ansatz hilft dann den Projekten eine Community aufzubauen, die ihnen langfristig beides gibt: moralische Anerkennung und finanzielle Unterstützung. Damit stellt der Preis eine nachhaltige Förderung in der Breite dar.

Warum ist die Integration eine so wichtige Aufgabe für unsere Gesellschaft?

VMG: Unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden, und auch die zukünftigen Wanderungs- und Fluchtbewegungen werden sich, ganz egal wie die politischen Entscheidungen ausfallen, nicht gänzlich stoppen lassen. Ganz unabhängig davon, dass eine solche Abschottung gar nicht in unserem Interesse läge. Stichworte sind hier der demografische Wandel und der Fachkräftemangel. Wir beobachten aber auch, dass diese zunehmende Diversität Spannungen auslöst und sich gesellschaftliche Gruppen zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen. Wenn uns Integration im weiteren Sinne nicht gelingt, steht auch der gesellschaftliche Zusammenhalt auf dem Spiel.

Was können Stiftungen dafür leisten?

VMG: Stiftungen können durch ihre staatliche Unabhängigkeit vor allem neue Impulse geben, Innovatives erproben und Chancen für unkonventionelle Ideen eröffnen. Sie verstehen ihre Aufgabe dabei nicht in der privaten Substitution staatlicher Daseinsvorsorge; vielmehr wollen sie dort präsent sein, wo staatliche Mittel nicht, noch nicht, nicht mehr rechtzeitig oder nicht in ausreichendem Maße helfen können.

Was sind die vordringlichsten Themen bei der Integrationsförderung aus Ihrer Sicht und warum?

VMG: Das wichtigste ist die Sprache, da besteht für mich kein Zweifel. Alles, was wir sonst an dringenden Integrationszielen formulieren können - seien es Arbeitsmarktintegration, Hochschulzugang, Schulbildung, Werteangleichung, um nur einige wichtige zu nennen - hängt zwingend mit der Kenntnis der Sprache zusammen. Wie soll sich denn ein gemeinsames Leben entwickeln, wenn wir nicht miteinander kommunizieren können?

Der Deutsche Integrationsbus auf Deutschlandtour, Foto: Deutscher Integrationspreis/Peter van Heesen, 2018

Ich wünsche uns Mut in der Vielfalts-gesellschaft.  

Foto: Stifterverband/David Ausserhofer

Welche Art des Zusammenlebens in einer Vielfaltsgesellschaft wünschen Sie sich?

VMG: Ich wünsche mir, dass wir Angst vor Begegnung verlieren und anfangen, mit Menschen zu sprechen, die einen anderen Hintergrund haben. Ich habe noch von keiner Begegnung gehört, aus dem die Gesprächspartner herausgegangen sind und das Gefühl hatten, sie seien dümmer oder ihre Welt hätte sich eingeengt. Aber ich bin auch realistisch, dass es Angst machen kann, wenn die bekannte Welt plötzlich weiter wird. Deswegen wünsche ich uns Mut in der Vielfaltsgesellschaft.  

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere am deutschen Integrationspreis?

VMG: Er kann durch eine einmalige Auszeichnung viele langfristige Partnerschaften entstehen lassen. Der Preis hat dauerhafte Wirkung. Für die Projekte, die sich bewerben, ist ihre Community enorm wichtig. Sei sie eine Gemeinschaft von Unterstützern vor Ort oder über das Internet entstanden. Der deutsche Integrationspreis schafft es, diese unterstützenden Communities selbst bei jenen Projekten zu fördern und zu vergrößern, die letztlich ohne Preisgeld nach Hause gehen. Damit gibt es bei diesem Preis nur Gewinner.

Vielen Dank für das Gespräch!