Wissenschaftlich exzellent und exzellent vernetzt

Zwei Standortsprecher des neuen Hertie Networks im Gespräch.

Von der Forschung in den Alltag

Prof. Wolfgang Wick und Prof. Michael Platten, Standortsprecher Heidelberg/Mannheim des Hertie Networks, im Gespräch über das neue Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience. 

Exzellente Hirnforschung ist ungemein wichtig – doch um für die Gesundheit der Patienten sorgen zu können, braucht es die Translation von Forschungsergebnissen aus dem Labor in die Klinik. Die Hertie-Stiftung möchte als sichtbarer Katalysator für diese Prozesse dienen und hat mit ihrem neuen Programm, dem „Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience“, ein einzigartiges Netzwerk zur nachhaltigen Förderung der besten deutschen Standorte auf dem Gebiet der klinischen Neurowissenschaften gegründet. Das Netzwerk setzt sich aus sechs deutschen Spitzenstandorten zusammen, die sich durch eine enge Zusammenarbeit der neurologischen Universitätsmedizin mit grundlagenwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen auszeichnen. Prof. Wolfgang Wick und Prof. Michael Platten, Standortsprecher für Heidelberg/Mannheim, erzählen im Interview, was sie am Netzwerk überzeugt, warum Vernetzung in der Wissenschaft so wichtig ist und was sie Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern mit auf den Weg geben würden.   

Mit welchem Schwerpunkt bringt sich Ihr Standort in das Netzwerk ein?

Michael Platten: Wir haben Heidelberg in den letzten 15 Jahren zu einem der internationalen Leuchttürme der Neuroonkologie ausgebaut. Daher war es folgerichtig, auch mit den klinischen Standorten Mannheim und Heidelberg und der wissenschaftlichen Vernetzung in der Rhein-Neckar-Region, die auch das Deutsche Krebsforschungszentrum integriert, mit diesem Schwerpunkt anzutreten.

Wolfgang Wick: Es ist interessant, dass das Hertie-Netzwerk Vernetzung auf allen Ebenen produziert hat: Wir haben lokal die universitären Partner zusammengebracht, Nachwuchswissenschaftler/-innen vernetzt und über die thematische Vielfalt auch national ein sehenswertes Portfolio bereits in diesem ersten Anlauf hinbekommen. 

Wie wichtig ist Vernetzung in der Wissenschaft?

WW: Vernetzung ist eine Option, wissenschaftliche Entwicklungen voranzutreiben, Austausch zwischen Institutionen, Partnern und Standorten zu verbessern und gleichzeitig durch Abstimmung herausragende Strukturen z.B. für die Nachwuchsförderung zu entwickeln. Inhaltlich sind die großen Datenmengen, die Art mit Daten Forschung zu betreiben, bei der gemeinsame Nutzung den Wert steigert und nicht mindert, natürlich prädestiniert, intensiv vernetzt zu arbeiten. 

Was hat Sie am Hertie Network überzeugt, warum machen Sie mit?

MP: Es war für die Medizinische Fakultät in Mannheim, die ebenso wie die Fakultät in Heidelberg zur Universität Heidelberg gehört, eine schöne Möglichkeit, die zwischen den Neurologien schon lange bestehenden intensiven Kontakte auch durch gemeinsame Exzellenz-Aktivitäten zu stärken.

WW: Der Aspekt einer nationalen Kompetition in einem Bereich, der explizit Nachwuchsförderung in den Fokus stellt, gemeinsam mit unseren Freunden in Mannheim ist eine starke Motivation gewesen. Darüber hinaus können wir den Stipendiaten in der Gruppe der ausgewählten Zentren inhaltlich und politisch tolle Vernetzungsmöglichkeiten anbieten.

Auf was freuen Sie sich bei der Kooperation am meisten?

WW: Wenn sich unter den Stipendiaten unabhängig von den jeweiligen Mentoren und Standortsprechern eigene wissenschaftliche, soziale und politische Aktivitäten ergeben, hat das Hertie-Netzwerk sicherlich ein großes Ziel erreicht. Die Sichtbarkeit aller Standorte als Motoren dieser Entwicklung wäre sicher ein schöner Nebeneffekt. Ob sich wissenschaftliche Kooperationen ergeben, sollte rein inhaltlich und nicht durch formale Vorgaben entschieden werden.

MP: Andere Förderinstrumente versuchen häufig, durch monetäre Anreize nicht organisch zusammengehörende Partner zu gemeinsamen Aktivitäten zu motivieren; unsere Erfahrung in den letzten Jahrzehnten zeigt, dass durch Neugier getriebene und auf Hypothesen basierende Forschungsprojekte, die dann neue Kooperationspartner benötigen, die besseren Verbindungen erbringen. 

Wo sehen Sie die deutsche Forschung im internationalen Vergleich? Wo ist Verbesserungsbedarf?

WW: Im Bereich der Neurowissenschaften ist die deutsche Forschung sicherlich international nicht nur kompetitiv, sondern in vielen Bereichen hervorragend aufgestellt. Dies gilt auch für den von uns vertretenen Bereich der Neuroonkologie. In der Neuroonkologie sind wir möglicherweise auch den in anderen Bereichen noch nicht so gut entwickelten entscheidenden Schritt weiter, dass viele der grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnisse relativ rasch in klinische Fragestellungen überführt werden. Diese als Translation und beim Weg zurück aus der Klinik in die Wissenschaft reverse Translation bezeichnete Vorgehensweise könnte möglicherweise gerade durch Aktivitäten aus dem Nachwuchsbereich weiter intensiviert werden.

Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?

MP: Die Universität Heidelberg hat seit vielen Jahren ausgezeichnete und, durch die universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen angelockt, auch zu Zeitpunkten nach dem Studium sehr gute nationale und internationale Nachwuchswissenschaftler/-innen.

WW: Nachdem sich insbesondere die Belastung aus Klinikbetrieb und Grundlagenwissenschaft bzw. die Anerkennung von kliniknaher Wissenschaft für unsere Nachwuchswissenschaftler/-innen mit großer Intensität stellt, sind hier Instrumente wie das Hertie-Netzwerk, aber auch andere Maßnahmen erforderlich, um auch in den nächsten Jahrzenten Perspektiven für den Nachwuchs zu bieten. Hier sind nicht nur frühe Förderinstrumente, sondern strukturierte Karrieremöglichkeiten und langfristige abgesicherte Optionen erforderlich. Wir sehen heute, dass viele Nachwuchsförderinstrumente in nur geringem Umfang angefragt und genutzt werden; gleichzeitig besteht Bedarf an Unterstützung in fortgeschritteneren und auf Selbstständigkeit abzielenden Phasen der Karriere.

Wie bringt man naturwissenschaftliche Grundlagenforschung und behandelnde Medizin zusammen?

MP: Aus unserer Sicht ist die eben bereits genannte Neugier und das Interesse sowohl an der Forschung und an der Medizin eine Grundvoraussetzung. Forschung um der Karriere Willen oder eine medizinische Arbeit, weil sich kliniknahe Forschung aktuell gut verkauft, sind keine langfristig tragfähigen Konzepte. Es gibt seit vielen Jahren klassische Instrumente von Protected Time oder sogenannten Freistellungen für Ärztinnen und Ärzte. 

WW: Wichtiger als diese kurzfristigen Optionen, aus dem Klinikbetrieb wissenschaftlich tätig zu sein, sind für mich die eben bereits angesprochenen längerfristigen Strukturaussichten. In diesem Zusammenhang wichtig sind sicher auch Aspekte, wie man Nachwuchswissenschaftler/-innen, die nicht aus der Medizin kommen, noch stärker für medizinische Fragestellungen begeistert und diesen genauso Karriereoptionen im medizinischen Betrieb ermöglicht. Die Position eines Laborleiters in einer von einem Mediziner geführten Labor ist für einen begabten Nachwuchswissenschaftler sicherlich keine hochattraktive Perspektive. Ebenso fehlt vielfach eine Strukturierung und Anerkennung für kliniknahe Forschung und ein entsprechendes Auswachsen dieser kliniknahen Projekte in grundlagenwissenschaftliche Fragestellungen, die wir oben als reverse Translation bezeichnet hatten.

Welche Projekte bearbeiten Sie und Ihr Team momentan? Welche wollen Sie in Angriff nehmen?

WW/MP gemeinsam: Aktuell haben wir in unseren Forschungsgruppen, die jeweils in den Neurologischen Kliniken und dem Deutschen Krebsforschungszentrum beheimatet sind, drei wesentliche Ziele: Die Entwicklung von Immuntherapien, die den Besonderheiten der Hirntumorsituation und der Vielfalt dieser Erkrankung gerecht werden. Diese Arbeiten finden nicht nur im Labor, sondern in verschiedenen Studien und stark auf Erkenntnisgewinn fokussiert auch in der Klinik statt.  Wir sind gemeinsam Initiatoren eines Sonderforschungsbereichs (SFB 1389), in dem wir uns mit den verschiedenen Aspekten der inhärenten und erworbenen Resistenz bei Hirntumoren beschäftigen. Auch hierbei sind grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse, technische Neuerungen und der Fokus auf klinikrelevante Fragestellungen nicht nur Grundprinzipien des Sonderforschungsbereichs, sondern in die Konzeption jedes einzelnen Forschungsprojektes integriert. 
Ein dritter Aspekt sind die im weitesten Sinne als Biomarker oder Surrogatparameter bezeichneten Untersuchungen, bei denen bildgebende Daten und molekularbiologische Daten aus dem Tumorgewebe gemeinsam mit den Kollegen aus der Neuroradiologie und Neuropathologie als Ausgangsbefunde, Verlaufsparameter oder Endpunkte für die klinische Entwicklung genutzt werden, um rascher und gezielter Besonderheiten einer effektiven und vor allem auch nicht effektiven Hirntumortherapie zu verstehen. 

Was würden Sie den Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern mit auf den Weg geben wollen?

MP/WW gemeinsam: Die einfache Antwort ist sicherlich, dass die Nachwuchswissenschaftler/-innen möglicherweise stärker von guten Strukturen, Selbstständigkeit und ausreichenden Mitteln und weniger von Ratschlägen profitieren. Eine optimistische Sicht auf die jetzigen Möglichkeiten, ein Versprechen, sich auf möglicherweise neue und ungewohnte Wege einzulassen, die wir als Mentoren nicht mehr kontrollieren oder bestimmen wollen. Und zu denen natürlich insbesondere in der Wissenschaft vor allem durch Neugierde und Erkenntnisinteresse getriebene Projekte anzugehen und weniger zum Teil recht starre Programme und formalisierte Anerkennung anzustreben. Die Tatsache, dass nicht nur das Hertie-Netzwerk, sondern auch andere gezielt auf den verschiedenen Stufen der Nachwuchsförderung arbeitende Konzepte bestehen, aber auch die Tatsache, dass vielfältige Führungs- und Weisungspositionen in den nächsten Jahren vakant werden, sollte grundsätzlich sehr optimistisch stimmen. 

Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience

Das Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience und die Hertie Academy of Clinical Neuroscience bilden ein einzigartiges Netzwerk zur Förderung der klinischen Neurowissenschaften.

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