Das unsichtbare Drittel

Die Politikwissenschaftlerin Laura-Kristine Krause erklärt, wie es um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft bestellt ist, warum es neue Begegnungsorte braucht und wer „das unsichtbare Drittel“ ist. 

„Zusammenhalt braucht Menschen, die anders sind als man selbst“

Laura-Kristine Krause (35) ist Geschäftsführerin von „More in Common Deutschland“. Die Organisation mit Sitz in Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu erforschen und zu stärken. Wie es um unser Miteinander bestellt ist, warum es neue Begegnungsorte braucht, und wer „das unsichtbare Drittel“ ist, erzählt die Politikwissenschaftlerin, die Mitautorin unseres Buches „Demokratieverstärker“ ist, im Interview. 

Sie wollen mit „More in Common“ den Zusammenhalt unserer Gesellschaft stärken. Wie ist es um unser Miteinander bestellt?

Wir erleben in Deutschland zurzeit eine doppelte Vertrauenskrise: Einerseits eine Vertrauenskrise zwischen den Menschen untereinander, anderseits mangelndes Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Politik und Demokratie. Im Miteinander beklagen die Menschen zum Beispiel, dass es immer schwieriger wird, mit anderen über bestimmte Themen zu sprechen. Selbst im Austausch mit Familie oder Freunden werden „heiße Eisen“ wie der Umgang mit der Coronakrise oder das Thema Flucht und Migration zunehmend vermieden, weil es sonst Streit gibt. Außerdem haben die Leute das Gefühl, dass ihre Mitmenschen immer egoistischer werden, gern genanntes Beispiel ist der Straßenverkehr. Viele haben das Gefühl, dass die ausgefahrenen Ellenbogen unterwegs sind. 

"Eine überwiegende Mehrheit der Deutschen hat das Gefühl, dass sich die Politik für die Meinung von Menschen wie ihnen nicht interessiert."

Wie sieht es mit dem Vertrauensverlust in Demokratie und Politik aus?

Eine überwiegende Mehrheit der Deutschen hat das Gefühl, dass sich die Politik für die Meinung von Menschen wie ihnen nicht interessiert, so unsere Untersuchungen. Und sie sind oft unzufrieden mit den Ergebnissen von Politik. Wir sehen also mit dem schwindenden Vertrauen in die Mitmenschen und in die Demokratie eine doppelte Vertrauenskrise, die unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. Gleichzeitig sehen wir in unseren Fokusgruppen den Wunsch an die Politik, die Zukunft des Landes stärker zu gestalten; das war auch vor Corona schon so. Vertrauen und Zusammenhalt sind also immens wichtig, denn nur auf einer guten Basis kann man sich über die Zukunft des Landes streiten, was ein wichtiger Baustein unserer Demokratie ist.  

Wie lässt sich der gesellschaftliche Zusammenhalt denn praktisch fördern?

„More in Common“ hat sich als Organisation genau diesem Thema verpflichtet und arbeitet dazu neben Deutschland in den USA, Frankreich und Großbritannien. Im Kern unseres Ansatzes steht die Überzeugung, dass man für einen starken Zusammenhalt Menschen braucht, die anders sind als man selbst: Menschen, die einen anderen Blick auf die Gesellschaft haben und mitunter auch andere Werte. Leider haben wir den Eindruck, dass genau dieses Miteinander über Trennlinien hinweg in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist. Natürlich umgeben sich Menschen erst mal am liebsten mit ihresgleichen, das ist ja auch gar nicht schlimm; nur müssen wir uns klar machen, dass diejenigen, mit denen wir täglich agieren, nicht den Querschnitt der Gesellschaft ausmachen. In der Regel leben wir alle in einer analogen Blase. Doch nur, wenn wir „die Anderen“ kennenlernen und bereit sind, ihr Anderssein und auch ihre Meinung auszuhalten, wird echter Austausch und Zusammenhalt gelingen können. Nur so wird echte Demokratie gelebt und die Zukunft gestaltet. Hierfür wirbt „More in Common“ durch Forschung und Projekte. Zurzeit beschäftigen wir uns damit, öffentliche Begegnungsorte zu schaffen, an denen sich unterschiedliche Menschen treffen und austauschen können. 

Corona hat unsere Begegnungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Hat der Zusammenhalt dadurch zusätzlich Schaden genommen?

Wir haben schon vor Corona gesehen, dass die Möglichkeit der Begegnung über gesellschaftliche Grenzen hinaus nicht so gut funktioniert hat, wie wir es uns wünschen. Corona hat es natürlich nicht besser gemacht, und wir merken alle, dass uns der Kontakt zu Menschen fehlt, die uns lieb sind. Wir spüren also viel deutlicher, was Begegnungen mit uns machen, und dass wir soziale Wesen sind. Was ich mir erhoffe, ist eine gestiegene Wahrnehmung dafür, wie wichtig menschliche Kontakte sind, und dass wir uns als Gesellschaft vornehmen, auch völlig anderen Menschen zu begegnen und ihnen zuzuhören. In einer neuen Studie wollen wir herausfinden, welche öffentlichen Orte ein großes Begegnungspotenzial haben, um vor allem das unsichtbare Drittel unserer Gesellschaft zu erreichen. Die Ergebnisse dazu werden wir im Spätsommer vorstellen.

Wer ist „das unsichtbare Drittel“?

In unserer Studie „Die andere deutsche Teilung“ von 2019 haben wir gesehen, dass es etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung gibt, das in gesellschaftlicher Hinsicht sozusagen unsichtbar ist. Das sind diejenigen, die sich oft weniger politisch beteiligen und weniger wählen. Sie haben weniger sozialen Halt und sind häufiger einsam und finden weniger Unterstützung als andere. Erschreckend ist, dass mit 45 Prozent ein großer Teil junger Menschen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren zu den Unsichtbaren gehört. Genau diese Gruppe der Unsichtbaren wollen wir stärker erreichen, auch an neuen Begegnungsorten.   

"Es gibt Menschen, die nur zum Frühstücken ins Möbelhaus fahren, warum sollten die nicht mal Interesse an einem Gespräch haben?"

Sie haben in dem Buch „Demokratieverstärker“ die Idee geschildert, separate Zugabteile einzurichten, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Welche Begegnungsorte könnte es noch geben?

Bibliotheken nehmen sich selbst stark als Ort für Begegnungen wahr und nicht nur als Dienstleister, das wäre ein Ansatz. Wir schauen uns aber auch Sportstätten und Fitnesscenter an, außerdem Arztpraxen, den Einzelhandel oder Möbelhäuser. Zudem bekommen wir Anfragen von Städteplanern, die an unserem Projekt interessiert sind. Teil unserer Forschung ist es ja auch zu verstehen, wie die Menschen an den Begegnungsorten angesprochen werden wollen. Manche sind extrovertierter oder reagieren auf Infostände oder direkte Ansprache, andere sind schüchtern oder brauchen ein anderes Angebot. 

Wie gehen Sie bei der Suche nach geeigneten Begegnungsorten vor?

Zum einen haben wir gesichtet, an welchen Orten Begegnung stattfindet und dafür mit über 30 Organisationen und Räumebetreibern gesprochen. Außerdem führen wir regelmäßig Fokusgruppen mit verschiedenen Gruppen, auch mit dem unsichtbaren Drittel, durch und befragen die Menschen nach ihren Gewohnheiten und Vorlieben. Gepaart mit breiten quantitativen Befragungen gibt uns das einen guten Eindruck von Potentialorten.  

An den Begegnungsorten soll es keine Moderation oder persönliche Ansprache geben; die Menschen müssen selbst aktiv werden. Meinen Sie, das funktioniert? 

Das ist eine der Varianten, die uns vorschweben. Bei den Gesprächsabteilen wäre die Idee, dass wir auf den Tischen schriftliche Fragen anbieten, mit denen ein Gespräch gut eröffnet werden kann. Oder es gibt ein Thema des Tages, das auf einer Tafel zu lesen ist, um die Leute zu motivieren.  

Im Zug kann ich mir das das vorstellen, da hat man Zeit. Aber möchte ich beim Möbelkauf mit Andersdenkenden diskutieren?

Es könnte im Restaurant dafür eigens ausgewiesene Tische geben. Es gibt Menschen, die nur zum Frühstücken ins Möbelhaus fahren, warum sollten die nicht mal Interesse an einem Gespräch haben? Es gibt auch Leute, die an der Supermarktkasse etwas länger mit der Person an der Kasse reden, weil es möglicherweise ihr einziger Wortwechsel des Tages ist. In den Niederlanden wurden dafür eigens sogenannte „Plauderkassen“ eingeführt. Für sie wäre so ein Tisch vielleicht auch eine Möglichkeit, sich auszutauschen. Das Begegnungsangebot wird sicher nicht für alle interessant sein, aber wir versuchen eben, etwas Neues auszuprobieren und zu experimentieren. Aufgrund unserer Forschung werden wir oft mit der Frage konfrontiert, wie sich das unsichtbare Drittel erreichen lässt. Unser Projekt ist ein Versuch, auch diese vielen Menschen zu erreichen, die sich sonst nicht gesehen fühlen.  

Sie sind Politikwissenschaftlerin, waren 2008 im Wahlkampfteam von Hillary Clinton und 2009 im Team von Martin Schulz für die Europawahl. Was erwarten Sie für den deutschen Wahlkampf in diesem Jahr?  

Ich glaube, wir erleben eines der interessantesten Jahre der deutschen Politik, weil so vieles zusammenkommt. Einerseits gibt es eine Amtsinhaberin, die nicht wieder antritt, andererseits haben wir durch die Corona-Pandemie eine Situation der gesellschaftlichen Verunsicherung. Und es gibt diesen einen großen Wunsch in der Bevölkerung, dass die Zukunft des Landes in die Hand genommen wird, im Moment sitzen wir ja eher in einem Wartezimmer.  Ob die Zeiten im Sommer politischer werden, oder ob sich die Menschen mit nachlassender Corona-Starre lieber auf ihr Privatleben konzentrieren, anstatt ständig Nachrichten zu gucken, kann ich nicht sagen. Ich halte beides für möglich. 

Was wäre für unseren Zusammenhalt besser? 

Ich fände wichtig, dass, politischere Zeiten anbrechen, weil wir einfach große Herausforderungen haben. Deutschland ist ein Land, in dem die soziale Schere auseinander geht, das ist auch die Wahrnehmung vieler Menschen. Die Mehrheit der Deutschen sagt, dass Deutschland ein ungerechtes Land ist, und wir sehen, dass diese Erwartung an Demokratie aus Sicht vieler nicht erfüllt wird. Dieses Vertrauen muss wieder gestärkt werden. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

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