Alt und Jung

Der Neurowissenschaftler Prof. Matthias Endres über Schlaganfälle: Wie sie sich bei Jung und Alt unterscheiden, wie man sie therapieren und warum Corona ein Auslöser für den Hirninfarkt sein kann. 

„Der Schlaganfall kennt keine Altersgrenze“

Schlaganfälle treffen nur ältere Menschen? Ein Irrglaube! Auch jüngere Erwachsene und sogar Kinder und Säuglinge können einen sogenannten Apoplex bekommen. Prof. Matthias Endres ist Direktor der Klinik für Neurologie und Experimentelle Neurologie an der Charité in Berlin und Standortsprecher des Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience. Der Experte erklärt in unserem Interview, wie sich Schlaganfälle bei Alt und Jung unterscheiden, wie man sie therapiert, und warum Corona ein Auslöser für den Hirninfarkt sein kann. 

Im Uniklinikum Münster wurde kürzlich ein Neugeborenes gerettet, das einen Schlaganfall hatte. Den Ärzten gelang es, innerhalb von 14 Stunden nach der Geburt des kleinen Jungen ein verstopftes Gefäß in seiner Hirnstammarterie zu öffnen - es ist der weltweit früheste beschriebene Eingriff dieser Art. Wie häufig kommen Schlaganfälle bei Babys vor?

Etwa 100 Babys pro Jahr erleiden in Deutschland rund um die Geburt einen Schlaganfall. Die Zahl bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren liegt etwa bei 300 bis 500 pro Jahr. Bei Erwachsenen ist die Zahl deutlich höher: Etwa 300.000 Männer und Frauen bekommen pro Jahr erstmals einen Schlaganfall. Damit ist die neurologische Erkrankung die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter und weltweit sogar die zweithäufigste Todesursache. Generell lässt sich sagen, dass mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit einen Schlaganfall zu erleiden steigt, wobei Schlaganfälle sehr unterschiedliche Diagnosen mit sehr unterschiedlichen Ursachen sein können. Zunächst einmal müssen Hirnblutungen von ischämischen Schlaganfällen, also einer Durchblutungsstörung des Gehirns, unterschieden werden.

"Bei kleinen Kindern ist die strenge halbseitige Symptomatik bei einem Schlaganfall oft nicht so sehr zu beobachten."

Was sind typische Ursachen für Schlaganfällen bei Kindern oder auch Säuglingen? 

Die häufigste Ursache ist eine Herzerkrankung, also ein angeborener Herzfehler. Aufgrund der Herzveränderungen gelangen Gerinnsel, die sich im Herzen oder an anderer Stelle im Körper bilden, ins Gehirn und lösen den Schlaganfall aus. Eine zweite Ursache sind Bluterkrankungen, also Gerinnungsstörungen, und als drittes wären Infekte zu nennen. Sie kommen aber eher bei Kindern als bei Babys vor. 

Wie bemerke ich, dass ein Säugling oder ein Kind einen Schlaganfall hat? 

Babys oder Kinder erleiden - wie erwachsene Schlaganfall-Patienten auch - ein plötzlich auftretendes neurologisches Defizit, das davon abhängt, an welcher Stelle im Gehirn die Durchblutungsstörung eintritt. Meistens sind es halbseitige Störungen wie halbseitige Lähmungen sowie Gefühls- oder auch Sprachstörungen. Allerdings haben die tatsächlichen Symptome mit der Hirnreife zu tun, die bei sehr kleinen Kindern wie Babys unspezifisch sein können. Bei ihnen ist die strenge halbseitige Symptomatik oft nicht so sehr zu beobachten. Die betroffenen Säuglinge sind dann eher apathisch oder bewegen sich anders. Manchmal manifestiert sich der Schlaganfall auch durch einen epileptischen Anfall.  

Welche Unterschiede gibt es in der Schlaganfallbehandlung von Kindern und Erwachsenen?

Hier muss man differenzieren, was mit Behandlung gemeint ist. Das eine ist die Akutbehandlung, also die notfallmäßige Behandlung des eingetretenen Schlaganfalls. Das zweite ist die sekundäre Prävention, um weitere Schlaganfälle zu verhindern. Grundsätzlich sind die Behandlungsprinzipien für Kinder und Erwachsenen erst mal die Gleichen. In der Akutbehandlung will man erreichen, dass ein verschlossenes Blutgefäß wieder geöffnet werden kann, um die Blutversorgung des Gehirns zu gewährleisten. Das zweite ist, dass Maßnahmen ergriffen werden, um den eintretenden Schaden im Gehirn zu begrenzen. Medikamente hat man für Letzteres leider nicht, aber man bringt die Patienten dann erst mal auf eine Intensivstation oder idealerweise in eine Stroke-Unit, also eine Schlaganfall-Spezialstation, um die Vitalparameter wie den Blutdruck oder die Sauerstoffversorgung zu stabilisieren. Weil Schlaganfälle bei Kindern verhältnismäßig selten sind, sind die Therapieprinzipien in den wenigsten Fällen im Rahmen von systematischen Studien untersucht. Es gibt auch keine klassische Versorgungsinfrastruktur, um Kinder mit Schlaganfällen zeitnah und professionell zu behandeln. Deswegen ist der Fall aus Münster, bei dem der Säugling so schnell durch eine sogenannte Thrombektomie gerettet werden konnte, auch so bemerkenswert. Diese Methode, bei der ein Thrombus im Hirn über einen Katheter entfernt wird, ist seit 2015 eine etablierte Therapie in der Behandlung von Erwachsenen. Auch die Lysetherapie, bei der ein Blutgerinnsel durch Medikamente aufgelöst wird, ist eine bewährte Therapie zur Behandlung erwachsener Schlaganfallpatienten.    

"Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen einer Corona-Erkrankung und dem Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden."

Es gibt Hinweise, dass jüngere Erwachsene im Alter zwischen 30 und 50 Jahren eher einen Schlaganfall bekommen, wenn sie an Corona erkrankt sind. Was steckt dahinter?  

Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang. Wie spezifisch der ist, und wie sich Corona im Vergleich zu anderen Infekten unterscheidet, wissen wir noch nicht genau. Wir sehen in der Tat eine Schlaganfall-Häufung bei Corona-Patienten, allerdings wurden hier vor allem Patienten-Kohorten untersucht, die wegen einer SARS-CoV-2-Infektion ins Krankenhaus gekommen sind, die also schwer erkrankt waren und zum Teil Vorerkrankungen hatten. Das zweite ist, dass es bei schwer verlaufenden COVID-19-Fällen zu einem Entzündungssturm im Körper und in Folge zu einer Gerinnungsneigung kommt. Weiter können durch COVID-19 auch Herzmuskelentzündungen entstehen, die ebenfalls zu Schlaganfällen führen können. Generell liegt das Gesamtrisiko in den Krankenhaus-Kohorten, einen Schlaganfall in Folge einer Corona-Erkrankung zu erleiden, nur zwischen ein und zwei Prozent und ist damit insgesamt möglicherweise nicht höher als bei anderen schwerem Virusinfekten wie zum Beispiel einer Influenza.          

Gibt es andere Schlaganfall-Risikofaktoren bei jüngeren Erwachsenen? 

Generell treten Schlaganfälle häufig aufgrund klassischer Gefäßrisikofaktoren auf, wie zum Beispiel Rauchen, Diabetes, Übergewicht oder Fettstoffwechselstörungen. Die größten Risikofaktoren sind der Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen, vor allem das Vorhofflimmern. Bei den jüngeren Schlaganfallpatienten spielen diese Faktoren zwar ebenfalls eine Rolle, aber insgesamt verschiebt sich das Spektrum der Schlaganfallursachen zu den oben genannten strukturellen Herzerkrankungen. Weitere Ursachen können der Konsum von Drogen wie Kokain oder auch Gefäßeinrisse, sogenannte Dissektionen, sein. Eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung ist auf jeden Fall eine geeignete Maßnahme, um einem Schlaganfall vorzubeugen. 

Sie sind Berliner Standortsprecher des „Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience“, das die besten deutschen Universitätsstandorte auf dem Gebiet der klinischen Neurowissenschaften fördert. Was haben Sie für den Bereich Schlaganfall geplant? 

Mein Wunsch ist es, mit den beteiligten Partnern im Hertie-Netzwerk einzelne Projekte rund um die Schlaganfallforschung zu vertiefen, um einen deutlichen Mehrwert zu schaffen. Eine Idee ist zum Beispiel, präklinische Studien, also Laborstudien, in gemeinsamen Protokollen durchzuführen, oder auch Bildgebungsdatenbanken zusammenzuführen und gemeinsam auszuwerten. Konstruktive Gespräche in diese Richtung haben bereits stattgefunden. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

Gehirn erforschen

Die Hertie-Stiftung stellt in ihrem Arbeitsgebiet „Gehirn erforschen“ die Funktionsweise des Gehirns und die Bekämpfung seiner Erkrankungen in den Mittelpunkt. Schwerpunkte bilden die Förderung klinischer Hirnforschung und Projekte im Bereich der Grundlagenforschung sowie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Darüber hinaus unterstützen wir neurowissenschaftliche Initiativen für innovative Forschungs-, Bildungs- und Kommunikationsformate.

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