MenSchlich-Interview mit Andreas Bauer

Lehrer und Mitinitiator der App MSHealth: Ein Interview mit Andreas Bauer über MSHealth und inspirierende Schulprojekte.

Eine Idee mit internationalem Erfolg

Der engagierte Gymnasiallehrer und MitInitiator der App MSHEalth Andreas Bauer im Interview über Inspirationsquellen und Motivation.

Andreas Bauer ist 49 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Papenburg. Als Lehrer für Biologie und Geografie ist es ihm wichtig, zu inspirieren und zu motivieren. Gemeinsam mit zwei Schülern hat Andreas Bauer seit 2015 die Smartphone-App MSHealth entwickelt, um die Lebensumstände von MS-Erkrankten zu verbessern. Der Prototyp wurde 2017 von der Hertie-Stiftung im Rahmen der mitMiSsion Initiative mit einer Fördersumme von 5.000 Euro unterstützt.

Lieber Herr Bauer, wann haben Sie die besten Ideen?

Ideen begegnen mir zum einen im Alltag, wenn sich bei mir eine Dissonanz über etwas oder eine Faszination für etwas auftut. Zum anderen entwickeln sich Ideen oft durch die Reflektion vergangener Projekte, die ich dann oft gedanklich über einen längeren Zeitraum herumwälze, um deren Kern, Ziel und Umsetzung klar formulieren zu können. So war es auch mit der App MSHealth: Vor drei Jahren saß ich eher zufällig mit Tim Depping in unserer Schul-Mensa. Wir sprachen darüber, dass es im Bezug auf Therapieansätze in Sachen Multipler Sklerose schwierig erscheint, aufgrund von geringen Fallzahlen und wenigen Daten, Entscheidungen treffen zu können. Aber im Alltag von Erkrankten ist so eine Sammlung von Informationen oft gar nicht möglich. Es sind kleine Veränderungen in der individuellen Symptomatik, anhand derer Ärzte und Patienten erkennen können, ob die Therapie wirkt oder die Krankheit voranschreitet. Die fehlende räumliche Nähe stellt ein weiteres Hindernis zum Informationsaustausch dar. Gemeinsam haben wir dann eine Konzeption für eine App entworfen und daraufhin ziemlich schnell Lilian Rieke für die graphische Gestaltung dazu geholt. Wir haben einen Prototypen entwickelt, mit dem Daten zur Gehfähigkeit erhoben werden können. Daraus ist die App MSHealth entstanden, mit der wir gezeigt haben, welche Vielfalt von Daten sich erheben lassen und wie sie mit dem Behinderungsgrad korrelieren. Dieses Projekt hat uns mittlerweile bis nach Japan gebracht. Mit Tim und Lilian dieses Projekt zu initiieren, immer wieder zu reflektieren und umzusetzen, packt mich. Leider vergesse ich manchmal dabei, dass so etwas auch Zeit benötigt, viel Zeit.

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Beruflich gesehen habe ich es mit Schülerinnen und Schülern zu tun. Da ist das Erreichte – beispielsweise die Noten – eher abstrakt. Die gemeinsame Arbeit mit Tim und Lilian an der App ist daher etwas Besonderes. Es hat mir sehr viel Freude gemacht, die beiden für zwei Jahre intensiv zu begleiten und ganz unmittelbar zu erleben, wie sie an dem Projekt persönlich und fachlich gewachsen sind. Von Präsentation zu Präsentation wurden sie immer selbstbewusster.

Tim hat dadurch seinen beruflichen Weg gefunden. Anders als ursprünglich geplant, studiert er nun Informatik und arbeitet intensiv daran, den Prototyp der App weiterzuentwickeln. Ein wenig stolz bin ich, dass er u.a. durch sein Engagement in die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen wurde. Lilian hat das Projekt in ihrer Entscheidung für ihre Berufswahl gefestigt. Wenn ich ihr heute begegne, treffe ich eine selbstbewusste junge Frau, die ihren beruflichen Weg konsequent geht.

Etwas verallgemeinert bin ich immer ein wenig stolz, wenn ich sehe, dass meine Schüler Kompetenzen erwerben, die außergewöhnlich sind und ihnen Anerkennung für ihre Leistungen einbringen.

Privat ist die Sache einfach: Stolz bin ich auf meine Frau, die sichtbar betroffen ist von Multipler Sklerose. Zu sehen, wie sie ihren Alltag mit unserem beiden kleinen Kindern und dem Beruf als Lehrerin meistert, macht mich mehr als stolz auf sie. Schon als ich meine Frau vor acht Jahren kennenlernte, war ihre Erkrankung erkennbar. In den vergangenen Jahren haben wir unser gemeinsames Leben aufgebaut, versucht kluge Entscheidungen zu treffen und haben uns Freiräume geschaffen, die den Alltag erleichtern.

Was motiviert Sie?

Im Unterricht fachliche Tiefe zu erreichen, über den Lehrplan hinauszudenken und den Kompetenzerwerb von Schülerinnen und Schülern mitzuerleben, das macht mir Freude und motiviert mich. Als Gymnasiallehrer liegt mir die Begabtenförderung an unserer Schule daher besonders am Herzen. Mittlerweile haben wir in diesem Rahmen z.B. auf Island die Evolution von Stoffwechselprozessen an Organismen, die in heißen Quellen leben, nachvollzogen. In Schweden haben wir den Geburtsort von Carl von Linné besucht.

Aktuell führen wir ein Erasmus+-Projekt mit einer irischen und einer französischen Schule durch, bei dem sich die Schülerinnen und Schüler mit Auswirkungen von Klimaveränderungen in ihren regionalen Ökosystemen intensiv auseinandersetzen. Zusammengefasst: einfach anständig zu arbeiten und nicht allzu oft zu denken: „Hey, das ginge auch besser“.

Haben Sie ein Motto?

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Das stammt von Erich Kästner und es passt sehr gut zu mir. Wenn ich die Wahl habe zu reden oder zu tun, dann versuche ich lieber aktiv zu sein und nicht nur drüber zu reden.

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus?

Mit zwei Kindern im Alter von drei und viereinhalb Jahren beginnt für mich ein perfekter Tag mit einer ruhigen Nacht. Ich stehe früh auf, trinke in Ruhe einen Kaffee und genieße unseren Garten. Mit der Familie Rad fahren (was super geht, da die höchste Erhebung hier der Deich ist) ist toll. Im Urlaub beschließe ich gerne mit meiner Frau den Tag mit einem Glas Wein.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Zu Hause haben wir alles, was wir brauchen. Was mir aber auch gut gefällt ist in der Natur zu sein, da spielt es eigentlich keine Rolle, ob das in einem Moor vor Ort, am Wattenmeer, in den Fjorden Norwegens oder im Hessischen Bergland ist. Wobei ich sagen muss, dass Fjorde schon unglaublich spektakulär sind.

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Mit Achim, Jan und Jürgen. Wir haben unsere Studienzeit gemeinsam erlebt und viel miteinander zu tun gehabt. Wir sind räumlich so verteilt, stehen alle privat und beruflich voll im Leben, sodass wir uns leider nur noch selten sehen.

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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