Zwischen Labor und Klinik

Prof. Dr. Stefan Bittner, Leiter der Sektion Neuroimmunologie der Universitätsmedizin Mainz, über Kreativität, Forschungsfreiheit und persönliche Vorbilder.  

"Forschungsfreiheit kann nicht genug betont werden"

Wann haben Sie die besten Ideen?

Wenn ich versuche, sie nicht zu haben. Erst durch genügend geistige Freiheit kann etwas wirklich Kreatives und Sinnvolles entstehen, weshalb gerade in der heutigen Zeit die Freiheit von Wissenschaft und Forschung nicht genug betont und vor ideologischen und bürokratischen Hindernissen geschützt werden kann.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen?

Dann plane ich das nächste spannende private oder berufliche Projekt! Die Umsetzung muss auch gelingen und erfordert teils einen langen Atem, aber die Anfangsphase ist häufig doch noch inspirierender.  

Wie motivieren Sie sich?

Die beste Motivation war für mich immer der Austausch zwischen Labor (Grundlagenwissenschaften) und Klinik (Patienten). Bei uns in Mainz liegen beide Gebäude zum Glück nur 100 Meter auseinander. Das war schon im Studium so, als ich parallel Biomedizin für die Forschung und Humanmedizin für die klinische Ausbildung studierte. Dies kann sich in translationalen Projekten äußern, die z.B. an neuen Biomarkern für Patienten forschen, oder eine breitere Perspektive auf die Biologie der Multiplen Sklerose eröffnen. Zumindest in der Neurologie ist es häufig so, dass ein tiefgehendes wissenschaftliches Verständnis die Grundlage für eine optimale Therapie von Patienten darstellt. 

"in der Neurologie ist es häufig so, dass ein tiefgehendes wissenschaftliches Verständnis die Grundlage für eine optimale Therapie von Patienten darstellt. "

Haben Sie ein Motto oder einen Vorsatz? 

Wenn ich etwas anfange, dann will ich es auch richtig und gründlich machen. Und wenn es mal nicht so gut läuft, hilft es an den ewig-grantelnden Österreicher Thomas Bernhard zu denken: „Wir wollen das Leben nicht, aber es muss gelebt werden.“

Was können Sie besonders gut?

Andere behaupten, ich wäre sehr strukturiert und gut durchorganisiert – ein gewisses analytisches Talent ist sicher vorhanden. Ich hoffe, dass ich andere motivieren kann, um gemeinsam in Klinik und Labor voranzukommen, gute Ergebnisse zu erreichen und dabei auch noch ein bisschen Spaß zu haben. 

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Tja, Stolz ist ein Begriff, mit dem man als Deutscher traditionell ein zwiespältiges Verhältnis hat – insbesondere, wenn vieles im Leben und der Karriere auch vom Zufall abhängt oder von den richtigen Leuten, die man getroffen hat. Vielleicht also eher Dankbarkeit? Beruflich gesehen bin ich in jedem Fall dankbar, dass ich einen Job habe, den ich jeden Tag gerne mache.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Ich bin generell eher Gebirgstyp und weniger Strandtyp. Ich kann zum Beispiel die Hohe Tatra in der Slowakei sehr empfehlen, außerhalb Europas die Natur Afrikas. Die Corona-bedingten Reiseeinschränkungen haben aber nochmal deutlich gezeigt, wie wichtig auch erstmal ein zu Hause ist, in dem man sich wohl fühlen kann – dort verbringt man einfach die meiste Zeit.

Wie tanken Sie Kraft?

Da gibt es zahlreiche Möglichkeiten: Im Garten ein Beet bepflanzen oder Gemüse ernten, Orgel spielen, afrikanische Stammeskunst sammeln, ein neues Metal-Album oder eine neue Serie entdecken oder die Freude über schöne neue Ware beim Fischhändler meines Vertrauens – Hauptsache, auch mal auf neue Gedanken kommen und etwas Neues ausprobieren.

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus?

Vormittags zu Hause Zeit mit der Familie verbringen, ein gutes Mittagessen und danach (Reiselogistik mal ignoriert) gemeinsam zum Game Drive in der afrikanischen Wildnis aufbrechen (z.B. Selous in Tansania oder Mana Pools in Simbabwe). 

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Ich würde einen sicherlich unterhaltsamen Gartenrundgang mit Karl Foerster wählen, dem legendären deutschen Gärtner und Staudenzüchter. Dieser war für seine scharfe Zunge und Aphorismen rund um den Garten und das Leben an sich bekannt. Er hätte zu deutschen Reihenhausvorgärten des Grauens (mit Kieswüsten, Gabionenzäunen und Placebo-Kirschlorbeerhecken) auch heute noch einiges zu sagen.

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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