Ideen müssen reifen

Prof. Dr. Mikael Simons, Professor für Molekulare Neurobiologie an der TU München, spricht im Interview über seine MS-Forschung, Kreativität in der Wissenschaft und den Unterschied zwischen Stolz und Zufriedenheit. 

"Mein Ziel ist, dass die Forschung am Ende den Patienten zugutekommt."

Wie sind Sie zur MS-Forschung gekommen?

Zur Forschung gekommen bin ich im Medizinstudium in Heidelberg über Konrad Beyreuther, einen bekannten Alzheimer-Forscher. Was ich in der Schule und im Studium vermisst hatte, habe ich plötzlich in seinem Labor vorgefunden. Ich habe zum ersten Mal gemerkt, wofür meine kreative Kraft gut ist. Aufgrund des damaligen Forschungsstandes empfand ich das Forschungsgebiet der Alzheimer-Krankheit aber mit der Zeit als einengend und die die klinische Arbeit mit Alzheimer-Patienten als frustrierend, da es keine therapeutischen Möglichkeiten gab. Die MS dagegen war von Anfang an eine Krankheit, die mich sowohl wissenschaftlich als auch klinisch interessierte. Zur MS-Forschung bin ich aber erst über Umwege gekommen – wichtige Mentoren waren dabei Johannes Dichgans in Tübingen und Jaqueline Trotter in Heidelberg. Ich habe mich zunächst mit der grundlegenden Frage beschäftigt, wie Myelin entsteht. Erst seit ein paar Jahren versuche ich dieses Wissen für die MS-Forschung anzuwenden, um neue therapeutische Strategien zu entwickeln, wie man die Regeneration bei der MS verbessern kann. 

"Mich fasziniert die Frage, wie ein Organismus Schäden erkennt und diese beseitigt."

Können Sie Ihr aktuelles Forschungsprojekt für Laien kurz erklären?

Mein Labor arbeitet an einer Reihe von Projekten, die nicht alle mit MS zu tun haben. Ein zentrales Anliegen ist es aber, die Regeneration im Zentralen Nervensystem zu verstehen und zu verbessern. Mich fasziniert die Frage, wie ein Organismus Schäden erkennt und diese beseitigt: Wie wird ein Defekt erkannt, welche zellulären Prozesse werden dann in Gang gesetzt und woher wissen diese Zellen, wie der Bauplan auszusehen hat? Diese Fähigkeit zur Regeneration besitzt jedes Lebewesen. Je komplexer das Gewebe aber ist, desto schwieriger ist sie. Das menschliche Gehirn ist die komplexeste lebende Struktur und somit anfällig für Narbenbildung. Wir möchten verstehen, wie man diese multiplen Narben bzw. Sklerose-Bildung verhindern kann, und konzentrieren uns dabei auf die Remyelinsierung.

Was treibt Sie in Ihrer Arbeit an? 

Meine Arbeit fühlt sich unfertig an, deshalb bin ich ständig auf der Suche nach neuen Entdeckungen. Die Unvollkommenheit ist mein stärkster persönlicher Antrieb. Obwohl ich auch viele Projekte bearbeite, die nicht die konkrete klinische Umsetzung zum Ziel haben, ist doch mein langfristiges Ziel, dass die Forschung am Ende den Patienten zugutekommt. Meine Strategie ist, sich langsam an die klinische Umsetzung heranzutasten, und erst den Schritt in eine klinische Studie zu wagen, wenn die Zeit reif ist. Die Motivation, die klinische Umsetzung zu versuchen, kommt sicherlich von meiner Arbeit als Neurologe mit MS-Patienten. 

Was waren besondere Momente im Rahmen Ihrer MS-Forschung?

Besondere Momente in der Forschung sind immer solche, wenn sich eine Hypothese als richtig bewahrheitet. Das Gefühl kennt jedes Kind an Weihnachten. Als ich klein war, kam an Weihnachten zu uns der Weihnachtsmann vorbei. Die Zeit bis dahin war unfassbar lang und man war von einer inneren Unruhe durchdrungen. Als er dann tatsächlich da war, wurde man von der Unruhe erlöst und von großer Freude erfüllt. So ähnlich fühlt es sich für einen Wissenschaftler an, wenn eine abstrakte Idee plötzlich Wirklichkeit geworden ist. Leider kommt aber der Weihnachtsmann nicht jedes Jahr bei uns Wissenschaftlern vorbei. 

Was wollen Sie in Zukunft erreichen? 

Die wichtigsten ungelösten Fragen der MS-Forschung sind meiner Meinung nach: Welche Ursache hat die MS? Und wie kommt es zur Progression? Das sind die zwei großen Fragen, die viele von uns beschäftigen, die wir aber selten direkt angehen. Natürlich sind diese Fragen nicht einfach zu lösen, aber viele von uns scheuen das Risiko. Es gibt in der Wissenschaft den Ausdruck der „low hanging fruits“: Erfolgreiche Wissenschaftler spüren einfachere Projekte auf, um schnell und sicher zu Publikationen zu kommen. Damit lässt sich zwar die eigene Publikationsliste schnell aufbessern, echte Durchbrüche erreichen wir aber dadurch nur selten. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft mutiger zu sein und einigen dieser „low hanging fruit“-Projekte zu widerstehen. 

"Ich lege viel Wert auf eine intellektuelle Atmosphäre in meiner Arbeitsgruppe, in denen Ideen reifen und ausgesprochen werden können."

Was können Sie besonders gut?

Ich gebe nicht so leicht auf. Ich bin in Finnland geboren, dort nennt man diese mentale Eigenschaft „sisu“. Eigentlich gibt es keine gute Übersetzung dafür, aber es hat etwas mit Ausdauer und Hartnäckigkeit zu tun. Neue Ideen entstehen selten – zumindest bei mir – aus dem Nichts, sondern die Ideen reifen langsam. Zuerst hat man eine gewisse Ahnung, aber muss sich lange mit diesen Gedanken herumquälen, bis etwas Kreatives daraus entsteht. Dafür ist der Austausch mit anderen Wissenschaftlern und insbesondere den eigenen Mitarbeitern wichtig. Ich lege deshalb sehr viel Wert auf eine intellektuelle Atmosphäre in meiner Arbeitsgruppe, in denen Ideen reifen und ausgesprochen werden können. Am Ende spielt es keine Rolle, wer den Geistesblitz hat, sondern es geht nur darum, dass man zusammen Erfolg hat. 

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Wenn ich etwas gut gemacht habe, bin ich zufrieden mit mir selbst, aber nicht unbedingt stolz. Möglicherweise bin ich dafür zu selbstkritisch. Stolz hat für mich einen gewissen Beigeschmack. Sich selbst zu applaudieren, ist mir fremd. Auch wenn etwas gut gelaufen ist, gibt es immer noch eine innere Stimme, die mir sagt: Eigentlich geht es noch besser. 

Der perfekte Tag – wie sähe der für Sie aus?

Ein perfekter Tag beginnt mit einem Kaffee und hört mit einem guten Glas Rotwein auf. Was dazwischen liegt kann sehr verschieden sein, häufig sind interessante Gespräche bei einem guten Essen mit der Familie oder mit Freunden dabei. Ok, wenn ich mir jetzt wirklich etwas aussuchen dürfte, dann viel Schnee in der Nacht, morgens strahlender Sonnenschein und vor mir eine Tiefschneepiste, was danach kommt - schauen wir mal - und liegt daran wie ich die Fahrt überstanden habe.

Wen würden Sie gerne auf einen Kaffee treffen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Es gibt sehr viele interessante Menschen, die ich gerne treffen möchte, das Getränk muss nicht immer ein Kaffee sein. Menschen, bei denen im Leben alles glatt gelaufen ist und die nur von ihren Leistungen erzählen, interessieren mich weniger. Interessanter finde ich Menschen, die ab und zu an sich und der Welt zweifeln.
 

MenSchlich - kreativ und engagiert rund um MS

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung engagiert sich sowohl in der Erforschung von Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose als auch in der Unterstützung von Betroffenen. In der Rubrik MenSchlich erzählen wir die  Geschichten der Menschen rund um MS.

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