"Wir möchten mit unserer App die Behandlung von Multiple Sklerose verbessern."

Die 18-jährigen Abiturienten Lilian Rieke und Tim Depping vom Gymnasium Papenburg haben im April 2017 begonnen, die App „MSHealth“ zu entwickeln. Diese Smartphone-Anwendung soll es Patienten erleichtern, die Entwicklung ihrer Multiplen Sklerose zu dokumentieren und anschließend von ihrem Arzt auswerten zu lassen. 2017 wurde das Projekt von der Hertie-Stiftung im Rahmen der mitMiSsion Initiative mit einer Fördersumme von 5.000€ unterstützt.

HERTIE-STIFTUNG: Ihr habt die Smartphone-App MSHealth entwickelt - was kann eure App?

TIM DEPPING: Mit unserer App können wir neurologische Diagnostikmethoden wie zum Beispiel den 9-Hole Peg Test durchführen, womit man die Koordination der oberen Extremitäten bei Patienten mit Multipler Sklerose überprüfen kann. Der Test an sich ist natürlich keine Innovation, sondern die Umsetzung. Bisher konnte dieser 9-Hole Peg Test nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, die Patienten kommen dazu etwa vierteljährlich zu ihrem Arzt und durchlaufen ihn zwei Mal. Aus beiden Messungen werden im Anschluss Mittelwerte gebildet. 

LILIAN RIEKE: Bisher waren die Messwerte schwierig zu interpretieren, da die körperliche Verfassung von MS-Betroffenen oft tagesformabhängig sind. Mit der MSHealth App kann der Patient jedoch alleine, überall und vor allem zu jeder Zeit den Test durchführen. Die gesammelten Daten können dann dem behandelnden Arzt übergeben werden und dieser kann aus viel mehr vorhandenen Daten das Krankheitsbild seiner Patienten einschätzen und dementsprechend die Behandlung genauer abstimmen. Wir möchten mit der App nicht die Arbeit der Neurologen ersetzen, sondern wollen mit ihnen zusammenarbeiten und die Behandlung im Endeffekt verbessern.

Die Abiturienten Tim Depping und Lilian Rieke stellen ihre Smartphone-App vor.
Foto: privat.
Die App MSHealth gewinnt beim Landeswettbewerb "Jugend forscht" den ersten Preis in ihrer Kategorie.
Foto: privat.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine App zum Thema Multiple Sklerose zu entwickeln?

TIM: Mit der Entwicklung der MSHealth App haben wir im April 2017 begonnen. An unserer Schule gibt es eine Lehrerin, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. Somit hatten wir uns bereits mit dem Thema MS auseinandergesetzt und haben Wege gesucht, Betroffenen zu helfen.

LILIAN: Tim war bereits direkt zu Beginn des Projekts involviert, ich bin erst später dazugestoßen. Als bereits die Idee und der Ansatz für die Programmierung feststanden, wurde noch nach jemanden gesucht, der das Design der App in die Hand nimmt. Da ich in der Schule im Leistungskurs Kunst war und auch in meiner Freizeit vieles digital zeichne, habe ich mich dem Projekt gerne angeschlossen.

Ihr seid Teil des „Science Clubs“ eures Gymnasiums. Kann man sich das ähnlich einer Arbeitsgruppe vorstellen?

TIM: Unser Projekt läuft etwas anders als in einer konventionellen Arbeitsgemeinschaft. Wir Schüler und auch unser betreuender Lehrer Herr Bauer setzen uns in unserer Freizeit zusammen, um an der App zu arbeiten. Durch Herrn Bauer haben wir auch viele hilfreiche Kontakte z.B. zu MS-Patienten und Neurologen bekommen, die uns bei der Entwicklung unterstützt haben.

Lilian, wir haben deine talentierten Zeichnungen bereits im Vorfeld auf Instagram bewundert. Konntest du dein künstlerisches Talent auch in der Entwicklung von MSHealth einsetzen?

LILIAN: Ja, ich zeichne in meiner Freizeit wirklich sehr gerne. Für mich war das gestalten von Icons keine komplett neue Aufgabe, jedoch musste ich hier auf Besonderheiten achten. Da MS-Betroffene oft unter einer Entzündung des Sehnervs leiden, muss die App auch für Patienten mit eingeschränkten Sehfähigkeiten uneingeschränkt nutzbar sein. Daher musste ich mich bei der Gestaltung vor allem daran halten, einen hohen Kontrast der Bedienfläche und keine komplizierten Symbole zu verwenden. Dies war anfangs eine Herausforderung für mich, aber ich habe besonders auf diesem Gebiet viel dazugelernt.

Tim, du bist alleine für die Programmierung der App verantwortlich. Wo hast du das gelernt?

TIM: Im traditionellen Sinn habe ich das Programmieren nicht wirklich gelernt. Im Selbststudium habe ich mir vieles mit Hilfe von Fachliteratur und YouTube-Videos selber beigebracht. Aber das meiste habe ich im Sinne von „Learning by doing“ gelernt. Auch Fehler machen gehört beim Programmieren dazu, aber aus diesen lernt man erst wirklich.

Wie habt ihr dieses Projekt neben Schule und Abitur realisieren können?

LILIAN: Da ich in meiner Freizeit eh vieles zeichne, war das für mich gar keine große Anstrengung, sondern hat mir viel Freude bereitet. Nach den Hausaufgaben habe ich dann anstatt an meinen eigenen Zeichnungen an den Icons gearbeitet. Und ich glaube bei Tim war das ähnlich, wir konnten mit der App unseren individuellen Passionen nachgehen.

Tim Depping erklärt die Entwicklung der MSHealth App.
Foto: privat.

Mit der MSHealth App kann der Patient alleine, überall und zu jeder Zeit den Test durchführen.

Habt ihr noch weitere Pläne für die MSHealth-App?

TIM: Ja, wir planen aktuell noch einen Geh-Test in unsere App einzubauen. Den Test an sich haben wir bereits entwickelt, nur müssen wir noch an der Art der Auswertung von den Daten arbeiten. Hierfür habe ich beispielsweise meinen eigenen Gang mit der Anwendung simuliert und beobachtet, wie sich meine Bewegungen auf dem abzulesenden Graphen darstellen. Bei meinen Simulationen bin ich ein paar Mal vor Freunde aufgesprungen, weil ich gemerkt habe: Diese Arbeit macht wirklich Sinn, das ist unglaublich! Zusätzlich planen wir eine Zusammenarbeit mit einer Ärztin, die unsere App als Teil einer MS-Studie verwenden möchte. Mithilfe der Studie werden wir dann auch die Möglichkeit haben, viele verschiedene Messwerte zu vergleichen und können ihre Aussagekräftigkeit noch besser beurteilen.

Plant ihr zukünftig in diesen Feldern zu arbeiten? 

LILIAN: Ich auf jeden Fall, nach dem Abitur werde ich eine Ausbildung als Mediengestalterin in einem Verlag beginnen. Nach der Ausbildung möchte ich dann eventuell noch ein Studium, beispielsweise in User Interface Design, machen.

TIM: Bei mir sieht es ähnlich aus. Ich möchte mich auch gerne auf den Gebieten der Programmierung und Softwareentwicklung spezialisieren. Die Arbeit an der App hat meine Faszination für das Programmieren endgültig geweckt.

Zu guter Letzt: Ihr habt euch bereits beim Landeswettbewerb von Jugend forscht in Niedersachsen durchgesetzt und steht nun im Bundesfinale. Wird es jetzt ernst?

TIM: Das Bundesfinale findet vom 24. bis 27. Mai 2018 in Darmstadt statt. Dass es ernster wird haben wir bereits im Landesfinale bemerkt, da durften dann die Lehrer nicht mehr mit vor Ort sein. Es sind schließlich Schülerprojekte, die dort vorgestellt und ausgezeichnet werden und wir waren das erste Mal komplett auf uns alleine gestellt.

LILIAN: Wir freuen uns sehr auf die Zeit in Darmstadt und wollen bis dahin noch weiter an unserer App feilen. Aber ob wir eine Chance auf den großen Gewinn haben, das kann ich nicht einschätzen. Wir hoffen einfach und drücken uns die Daumen (lacht).

Die MSHealth App konnte vor Ort getestet werden.
Foto: privat.

Zum Projekt

Seit 2013 gibt es die mitMiSsion Ausschreibung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Für die Entwicklung und Realisierung effizienter sozialer Multiple Sklerose-Maßnahmen werden insgesamt 200.000 € zur Verfügung gestellt. 

Hier erfahren Sie mehr über das Projekt "mitMiSsion"