Von den Finanzen zur Freiheit

Aktie, Anlage, alles klar: Wie Frauen finanzielle Selbstständigkeit erreichen

Gleiche Chancen für alle

Claudia Müller hat die Initiative "Female Finance Forum" gegründet. Ihr Ziel: Frauen über Geldanlagen aufklären, damit sie finanziell unabhängig sein können.  

Weil Frauen wegen Kinderzeiten oder Pflege der Eltern häufig in Teilzeit oder Minijobs arbeiten, haben sie ein größeres Risiko in Altersarmut zu landen als Männer. „Umso wichtiger ist es, dass sich Frauen selbst um ihre finanzielle Absicherung kümmern“, sagt Claudia Müller (33), ehemals Studentin der Hertie School of Governance und heute Mitglied des Kuratoriums. Um Frauen auf dem Weg zur Altersvorsorge zu unterstützen, hat die Frankfurterin das Female Finance Forum gegründet, ein Frauen-Netzwerk für Austausch und Weiterbildung in Geldfragen. 

Hertie-Stiftung: Kennen Sie Ihren aktuellen Rentenbescheid aus dem Kopf? 

Claudia Müller: Durch Zufall ja, weil ich den Bescheid vor zwei Monaten bekommen habe, aber normalerweise kenne ich ihn nicht. Die Zahlen werde ich bald wieder vergessen haben.
 

Müssten Sie die Zahl nicht kennen? Im Female Finance Forum, in dem Sie Frauen zur Altersvorsorge beraten, ist die Rentenlücke immer ein großes Thema. 

Das stimmt, aber die gesetzliche Rente ist ja nur ein Baustein der Altersvorsorge, und die Hochrechnung auf meine Rente ändert sich nicht kurzfristig, es sei denn, ich bekomme ein Kind oder habe Einbußen. Wichtig ist, sich zusätzlich privat abzusichern. Ich habe zum Beispiel ETF-Sparpläne, die ich monatlich bediene. Um alles im Blick zu behalten, setze ich mich einmal im Jahr hin und überprüfe, ob und wie sich etwas in meiner langfristigen Geldanlage verändert hat. Dazwischen denke ich nicht täglich über meine Finanzen nach.     

Sie haben Ihren Job bei der Deutschen Bundesbank gekündigt, um 2017 das Female Finance Forum (FFF) zu gründen. Wie kam es dazu? 

Verschiedenes kam zusammen: Ich war damals bei der Bundesbank für das Thema nachhaltige, also ökologisch-ethische, Geldanlage zuständig. Im Kontext des G20-Gipfels, dessen Präsidentschaft Deutschland 2017 innehatte, stand das Thema zwar auf der Agenda, aber ich wusste, dass es mit Ende der Präsidentschaft zurückgefahren und an Aufmerksamkeit verlieren würde. Hinzu kam: Ich war vier Jahre bei der Bank und fragte mich, ob ich die nächsten 40 Jahre im öffentlichen Dienst bleiben wollte. Ich hatte immer mehr Lust, mich selbständig zu machen. 

Sind Ihre Eltern selbstständig?

Sie sind beide niedergelassene Ärzte. Aber der Impuls kam tatsächlich von meinem Vater, der mich fragte, wie er sein Geld nachhaltig anlegen kann, ich würde ja immer über dieses Thema reden. Sofort witterte ich meine Geschäftsidee, mich als Beraterin dazu selbstständig zu machen. In Gesprächen mit Freunden merkte ich aber schnell, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage nicht funktionierte, weil die meisten gar nicht wussten, wie überhaupt Geldanlage funktioniert, z.B. eine Aktie oder eine Anleihe. Als mir eine Freundin dann noch sagte, sie fühle sich von Informationen zur Geldanlage ohnehin nicht angesprochen, weil nur Männer die Absender und Experten seien, war klar: Ich werde Frauen über Geldanlagen aufklären und dafür begeistern!

Und dann haben Sie gekündigt?

Ich habe mir ein Geschäftsmodell überlegt, Workshops und Gruppenformate entwickelt, die ich anbieten möchte, einen Blog etabliert. Zusätzlich habe ich mich für Stipendien beworben. Als ich die Zusage vom Social Impact Lab bekam, das mir Beratung und Coaching zusicherte, und einen Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni hatte, um Miete und Essen zu zahlen, habe ich gekündigt und das FFF gegründet. 

Solange Frauen weniger Geld haben, haben sie weniger Einfluss 

Was war Ihre wichtigste Motivation?

Ich wollte das Gefühl haben, dass ich mit meiner Arbeit einen direkten Beitrag für die Gesellschaft leisten kann. Die Bundesbank ist sehr wichtig, aber ich habe dort selten die Ergebnisse meiner Arbeit gesehen, man ist dort ein Rädchen in einem Getriebe. Meine Idee vom FFF ist eine andere: Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Geld gleichbedeutend mit Teilhabe, Lebensqualität und Einfluss ist. Das wäre gelebte Demokratie! Doch bisher haben diejenigen Einfluss, die das Geld haben - und das sind in der Regel Männer. Es geht mir nicht darum, in Eigenregie ein anderes System zu entwickeln, sondern ich möchte, dass Frauen lernen, wie dieses System funktioniert, damit sie die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben. Sehr viele Frauen sind einfach benachteiligt: Ihr durchschnittlicher Stundenlohn ist geringer, und sie weisen wegen Teilzeitarbeit oder Eltern- und Pflegezeit Erwerbslücken auf. Das wirkt sich auf die Karriere aus, weswegen Frauen häufig in finanzieller Abhängigkeit von ihrem Partner leben. Es ist erschreckend: 34 Prozent aller Beziehungen bleiben nur zusammen, weil es sich eine der beiden Personen nicht leisten kann, auszuziehen! Hier sieht man ganz deutlich, dass Geld ein Hebel ist. 

Was bieten Sie Frauen konkret im Female Finance Forum an?

Es gibt Grundlagen-Workshops, in denen wir zunächst über Grundlagen sprechen, z.B. die Frage, wie das Verhältnis der Teilnehmerinnen zu Geld überhaupt ist. Verdirbt es wirklich den Charakter? Oder schenkt es uns Möglichkeiten? Dann geht es weiter mit den Optionen, die ich bei der Geldanlage habe: Welche Anlageklasse eignet sich für welche Ziele und Zeiträume? Und dann gibt es das Einmaleins der Börse. Wie funktioniert sie? Wie entwickle ich eine Strategie? Und wie starte ich meinen Finanzplan? Außerdem finden 3f-Finanz-Runden in verschiedenen Städten wie Frankfurt, Stuttgart und Hamburg statt, in denen sich Frauen treffen und austauschen. Auch in der 3f-Facebook-Gruppe berichten sich Frauen über ihre Finanzen und unterstützen sich gegenseitig. Jeden Sonntag gibt‘s zudem einen Newsletter von mir mit wichtigen Tipps, z.B. wie man seine Rentenlücke schließen kann oder warum ein Notgroschen so wichtig ist.

Das Female Finance Forum ist nur ein Jahr nach Gründung unter die 10 besten Finanzblogs gewählt worden. Wie gelingt es Ihnen, Ihre Ziele durchzusetzen?

Ich folge meiner Vision und mache einfach! Man muss seinen Plan zwar genau durchdenken, aber irgendwann muss man auch springen und loslegen. Da hat mir mein Studium der Public Policy an der Hertie School of Governance sehr geholfen. In der Ausbildung wird viel Wert auf den Praxisbezug gelegt und nicht nur auf die Wissenschaft. Die Absolvierenden lernen zum Beispiel, die eigene Position prägnant zu formulieren und dabei den Adressaten nicht aus dem Blick zu verlieren. Klingt einfach, aber nach meinem VWL-Abschluss an der Uni ging das bei mir noch nicht so reibungslos. Ohne die Hertie School wäre ich übrigens nie auf die Idee gekommen, zur Bundesbank zu gehen. Ich hatte damals einen großartigen Kurs zu Economic Governance, danach stand für mich fest: Ich will zur Zentralbank – und das habe ich dann sofort umgesetzt.    
 
Welche Pläne haben Sie derzeit?

Ich möchte das Thema Frauen und ihre finanzielle Absicherung noch mehr in das öffentliche Bewusstsein rücken. Im April erscheint mein Buch, ein Finanz-Ratgeber, der nicht nur für Frauen geschrieben ist. Das ist nur ein Schritt, denn letztendlich braucht es etwas Größeres, einen systemischen Wandel, um das Thema noch größer werden zu lassen. Das heißt: Ich will von der Politik als Beraterin angefragt werden. Ich will bei Anne Will in der Talkshow sitzen und in Expertenrunden im Bundestag. Ich möchte, dass jedem klar wird, wie wichtig Altersvorsorge und finanzielle Unabhängigkeit für Frauen ist.  

Wie wollen Sie Frauen erreichen, die am ehesten betroffen sind, zum Beispiel die alleinerziehende Kassiererin? 

Ein wichtiger Punkt. Ich biete meine Workshops gezielt Arbeitgebern, Frauennetzwerken und Bildungseinrichtungen an. Die Inhalte sind dieselben wie für Privatbucherinnen, aber wenn der Arbeitgeber den Workshop organisiert und sogar die Kosten übernimmt, sind die Hürden schon deutlich niedriger. Mein Traum für die nächsten zwei Jahre wäre, dm als Kunden zu haben und dort die Kassiererin zu coachen. Aber auch Akademikerinnen, die nach Geburt des Kindes in Teilzeit arbeiten und keine Karriere mehr machen, werden mit Minirente in Altersarmut landen, wenn sie sich nicht um ihre Vorsorge kümmern.

Wer ist für Sie ein weibliches Vorbild in Sachen Geld?

Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Sie ist einfach toll. Sie hinterfragt auch mal das System und nimmt es nicht als gegeben, dass wir fast zwei Prozent Inflationsrate haben. Ich habe sie als IWF-Chefin im G20-Kontext erleben dürfen. Diese Leichtigkeit, mit der sie mit den Männern umgeht, immer mit einem Lächeln auf den Lippen und einem elegantem Seidenschal um den Hals – wunderbar! 

Aber auch ein bisschen weit weg…

Stimmt, mein größtes Vorbild ist ohnehin meine Oma Emmi!  Sie ist schon seit Jahren tot, aber sie hat stets gesagt: „Kind, Du musst immer dein eigenes Konto behalten, damit du deinen Mann nicht um Geld bitten musst, um ihm ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen.“ Meine Oma war nie erwerbstätig, hat sechs Kinder großgezogen. Sie hatte immer ein sehr pragmatisches Verhältnis zu Geld und wusste genau, was mein Opa nach Hause brachte und wie ihre Rente aufgestellt war. Für die Frauen von heute bedeutet das: Macht euch schlau über das, was ihr habt, und behaltet immer euer eigenes Konto mit einem Notgroschen, auf den der Partner nicht zugreifen kann. Falls man mal den Job verlassen muss, oder den Partner – oder eben, um ihm ein Geschenk zu kaufen. 

Das Interview führte Rena Beeg für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung.

Das Female Finance Forum: https://www.femalefinanceforum.de

#Demokratiestärken

Die Stärkung der Demokratie in Deutschland und Europa ist einer der beiden Arbeitsbereiche der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Von Initiativen zur mehr Bürgerbeteiligung über digitale Wege der Demokratie bis hin zur international renommierten Hertie School of Governance in Berlin setzt sich die Hertie-Stiftung für dieses Anliegen ein.

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