Eine neue, klare Begriffsdefinition

Prof. Dr. Herbert Brücker vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung spricht sich gegen den Begriff "Migrationshintergrund" aus.

Der Begriff Migrationshintergrund ist nicht mehr zeitgemäß

In diesem Beitrag thematisiert Prof. Dr. Herbert Brücker die Begriffsproblematik des Wortes „Migrationshintergrund“ und die damit einhergehende Vermischung von Migrationserfahrung und Staatsbürgerschaft. Den Vorschlag einer Neudefinition hat Prof. Dr. Brücker, als Mitglied der unabhängigen Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit, gemeinsam mit 24  Expertinnen und Experten aus Politik und Wissenschaft auf den Weg gebracht. Der 280 Seiten starke Bericht dazu beinhaltet Empfehlungen für unterschiedliche Themenkomplexe wie z.B. Arbeitsmarkt und Bildung und wurde bereits am 20. Januar 2021 der Bundesregierung übergeben.

Prof. Dr. Herbert Brücker:

Der Begriff des Migrationshintergrunds wurde 2005 durch das Statistische Bundesamt eingeführt. Er umfasst alle Menschen, die eine ausländische Staatsbürgerschaft haben, die im Ausland geboren sind und alle Nachkommen, von denen mindestens ein Elternteil eine ausländische Staatsbürgerschaft hat oder im Ausland geboren ist. Seit der Volkszählung 2011 umfasst die Kategorie der im Ausland Geborenen nur noch Menschen, die nicht als deutsche Staatsangehörige im Ausland geboren sind. Das alles klingt ziemlich kompliziert – und ist es auch. Die Konstruktion des Migrationshintergrunds hat ihre Wurzeln darin, dass das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht lange auf ethnischer Abstammung beruhte (ius sanguinis) und nicht auf dem Geburtsortprinzip (ius soli) wie etwa in Frankreich oder den USA. Das hat sich durch verschiedene Reformen des Staatsbürgerschaftsrechts in Deutschland inzwischen stark verändert. Der Begriff des Migrationshintergrunds blieb uns aber erhalten.

"die Vermischung von Staatsbürgschaft und Migrationserfahrung als statistische Kategorie führt nicht zu Klarheit, sondern zu Verwirrung und Widersprüchen." 

Die Vermischung von Migrationserfahrung und Staatsbürgerschaft im Begriff des Migrationshintergrunds führt zu zwei Problemen: einem logisch-analytischen Problem und einem normativen Problem. Das logisch-analytische Problem besteht darin, dass manche Menschen einen Migrationshintergrund haben, weil ein Groß- oder Urgroßelternteil nach Deutschland eingewandert ist, andere aber nur dann, wenn sie selbst oder ihre Eltern eingewandert sind. Das hängt davon ab, in welcher Generation Einwanderinnen und Einwanderer und ihre Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen konnten oder wollten. Insofern führt die Vermischung von Staatsbürgschaft und Migrationserfahrung als statistische Kategorie nicht zu Klarheit, sondern zu Verwirrung und Widersprüchen.

Das normative Problem besteht darin, dass die Statistik und mit ihr auch die Gesellschaft Menschen einen Migrationshintergrund zuschreiben, die hier geboren sind und die deutsche Staatsbürgerschaft haben, nur weil ein Eltern-, Großeltern- oder Urgroßelternteil nach Deutschland eingewandert ist. Immer mehr Menschen, denen die Statistik einen Migrationshintergrund zuschreibt, lehnen diese Kategorie für sich ab. Es geht um die Frage der Zugehörigkeit: Es reicht nicht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen, sie werden weiterhin als Bürgerin oder Bürger mit Migrationshintergrund betrachtet, auch wenn sie vielleicht schon in der dritten oder vierten Generation in Deutschland leben.

Die Fachkommission Integrationsfähigkeit hat deshalb vorgeschlagen, die Kategorie zu vereinfachen und zu ersetzen. Wenn wir einen Blick in andere Länder werfen, vor allem angelsächsisch geprägte Länder wie die USA, Australien, Neuseeland oder auch Kanada, sehen wir, dass die Lösung für dieses Problem gar nicht so schwierig ist. Entsprechend schlägt die Fachkommission vor, von Einwanderinnen und Einwandern, oder geschlechtsneutral: von Eingewanderten, und ihren (direkten) Nachkommen zu sprechen.

Der Vorteil dieser Definition ist ihre Klarheit: Es handelt sich um Personen, die selbst eingewandert sind oder ihre Kinder. Punkt. Sie ist zeitgemäß, weil sie sich nicht auf ein vergangenes, längst reformiertes Staatsbürgerschaftsrecht, sondern allein auf die Migrationserfahrung von Menschen bezieht. Auf den Begriff Migrationshintergrund mit seinen unvermeidlichen Fremdzuschreibungen wird verzichtet. Es gibt dann leider keinen schönen Sammelbegriff mehr: Eingewanderte und ihre (direkten) Nachkommen klingt etwas sperrig. Aber anders als bei dem Begriff des Migrationshintergrunds weiß jeder was gemeint ist. Und für mich als empirischen Forscher hat die Definition einen weiteren Vorteil: Endlich lassen sich international vergleichende Analysen auf einer Grundlage durchführen, die auch von der OECD, den meisten angelsächsischen Ländern und EU-Mitgliedstaaten verwendet wird.

"Niemand, das gilt natürlich auch für die Mitglieder der Fachkommission, glaubt, dass durch neue Begriffe gesellschaftliche Probleme gelöst werden." 

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Niemand, das gilt natürlich auch für die Mitglieder der Fachkommission, glaubt, dass durch neue Begriffe gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Es geht auch nicht darum, irgendjemanden den Gebrauch von Begriffen oder seine Sprache vorschreiben zu wollen. Aber deshalb darf es auch keine Denkverbote geben. Es geht nur darum, dass die Zugehörigkeit von bestimmten Gruppen zur deutschen Gesellschaft nicht durch die Verwendung fragwürdiger Begriffe in Frage gestellt und Klarheit bei der Verwendung von Kategorien in der Statistik geschaffen wird.

Zum Autor: Prof. Dr. Herbert Brücker ist sowohl Mitglied der 25-köpfigen unabhängigen Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit als auch Leiter des Forschungsbereichs „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Außerdem ist er Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM).

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